Nachruf

Nachruf

Lady Bird Johnson (1912–2007), First Lady, Geschäftsfrau, und Carlo Zurbriggen (1985–2007), Rekrut, Bergsteiger

Von red

Lady Bird Johnson (1912–2007) – Sie hasste den Kosenamen, den sie von ihrer Nanny bekommen hatte, schon als Kind. Er blieb ein Leben lang an ihr kleben. Selbst als die texanische Unternehmerstochter nach John F. Kennedys Ermordung 1963 First Lady der USA wurde, wussten die wenigsten, dass die Frau an der Seite des nachrückenden Präsidenten nicht Lady Bird (Marienkäfer), sondern Claudia hiess. «Sie ist der Kopf und das Vermögen meiner Familie», sagte Lyndon B. Johnson über sie. Tatsächlich war Lady Bird eine hervorragende Geschäftsfrau gewesen. Sie hatte den winzigen Radiosender im texanischen Austin, den sie mit ihrem Erbe gekauft hatte, zu einem kleinen Medienimperium ausgebaut, dessen Gewinne die politische Karriere ihres Mannes finanzierten. «Plötzlich stand ich auf der Bühne in einer Rolle, die ich nie geprobt hatte», schrieb sie über die ersten Jahre nach dem Attentat von Dallas. Man sah ihr den Stress an. Sie wirkte verkrampft und streng. Die First Lady, zu der die Nation aufsah, blieb nach wie vor Kennedys Witwe Jacqueline. Lady Bird Johnson hatte weder ihren kultivierten Geschmack noch ihre Eleganz. Jacqueline Kennedy hatte das Weisse Haus entrümpelt und zu einem Treffpunkt für Künstler und Nobelpreisträger gemacht. Lady Birds Programm, die Ränder der Highways zu begrünen, löste bestenfalls mitleidiges Lächeln aus. Als Jackie Kennedy 1968 zum Entsetzen ihrer Landsleute den griechischen Reeder Aristoteles Onassis heiratete, gestand die First Lady, sich «seltsam frei zu fühlen. Kein Schatten geht mehr neben mir durch die Gänge des Weissen Hauses.»
Beatrice Schlag

Carlo Zurbriggen (1985–2007) – Nach der Rekrutenschule 15/2 für Gebirgsspezialisten, in nur vier Wochen, wäre er mit dem Zug durch Osteuropa gereist. Am 29. August hätte er seinen 22. Geburtstag gefeiert. Im Herbst wollte er sein Wirtschaftsstudium an der Uni Lausanne beginnen. Am letzten Donnerstag aber setzte eines der schwersten Armeeunglücke allen Träumen ein Ende: Carlo Zurbriggen stürzte beim Aufstieg zur Jungfrau in den Tod – zusammen mit seinen fünf Kameraden Cédric Janz (23), Philippe Gay-Balmaz (20), Théophile Baillifard (19), Xavier Fellay (20) und Bojan Buchs (22). Die sechs Rekruten hätten ihr Leben im Dienste des Landes verloren, sagte Verteidigungsminister Samuel Schmid, der im Namen der Landesregierung den Angehörigen das Beileid aussprach. Carlo Zurbriggen, ein begeisterter Skifahrer und Bergsteiger, hatte extra während mehrerer Wochen trainiert, um sich auf diese Rekrutenschule vorzubereiten. Er wuchs als Jüngster von drei Geschwistern in Saas Grund auf, besuchte das Kollegium Spiritus Sanctus in Brig und verbrachte ein Jahr als Austauschstudent in den USA. Seine Mutter ist die bekannte Bergsteigerin Diana Zurbriggen. Carlo besass ein Diplom als Skilehrer für Kinder, arbeitete letzten Winter während dreier Monate auf diesem Beruf und sprach fliessend Deutsch, Französisch und Englisch. Im Dorf galt er als besonnener, lebensfroher und hilfsbereiter Bursche. «Trotz der unermesslichen Trauer», schreiben seine Geschwister, «sind wir dankbar, dass wir einen so aufrichtigen, ruhigen und lieben Menschen unter uns haben durften.»
Daniel Ammann

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