Hinter ihm dräut eine Regenwand, vor ihm warten Journalisten, es ist früher Morgen, und das erste Dilemma von Moritz Leuenberger ist bereits perfekt. Im Schritttempo bewegt sich sein Auto dem Rollfeld entgegen. Es ist ein Beweis der These: «Demokratie ist eine langsame Angelegenheit.» Der Urheber dieses Satzes steigt aus dem Wagen und löst mit seinem Anblick bei den Journalisten Bedauern aus. Die vergangene Nacht scheint ihn nicht glücklich gemacht zu haben. Dann formieren sich zum zwanglosen Spalier: der Pilot des Düsenjets, eine strahlende Stewardess mit dem Namensschild «Heller» und drei Medienvertreter, eingeladen, die Reise nach Bonn an die Öffentlichkeit zu tragen. «Guten Morgen, Herr Bundesrat!», grüsst der journalistische Escort-Service. Der Politiker weicht einen Schritt zurück, hat man ihn beleidigt? Nein, das hat man nicht: Der Minister schenkt uns seine Hand. Doch in dem Moment, in dem er sie verschenkt, scheint sie ihm nicht mehr zu gehören. Die geschenkte Hand ist irgendeine, seine ist sie längst nicht mehr.
«Les Moritzettes» de Bundesbern
Im Bundesratsflugzeug warten auf den Bundesrat: das Strahlen von Frau Heller wie gesagt, zwei Schokoladekugeln von Lindt & Sprüngli (auf dem Rückflug werden zwei weitere nachgereicht), zuckerfreie Pfefferminzbonbons («Kann bei übermässigem Verzehr abführend wirken!»), das Präsent der Luftwaffe – und Martina Buol, Leiterin des persönlichen Stabs von Leuenberger, Schwerpunkt Land- und Luftverkehr. Ihr setzt er sich gegenüber, und aus der Sicht des Passagiers, der hinter ihm in den achtplätzigen Düsenjet steigt, scheint es, als ob er ihr unter die Fittiche kröche. Die Juristin ist Teil des weiblichen Trosses, den man in Bundesbern «Les Moritzettes» nennt. Der Magistrat und die Magistratsbetreuerin, das sind zwei wie Pech und Schwefel, die kurze Begrüssung lässt es ahnen. Buol wird ihrem Chef mit den Augen Sätze soufflieren, die anmuten, als hätte der gesamte Stab darüber abgestimmt. In einem einzigen Fall äussert sich Leuenberger später allerdings entschieden selbstbestimmt. Die Aussage betrifft jenen, für den er die Festrede halten wird, Thomas Gottschalk. Der Laudator, im Anflug auf Bonn: «Nein, ich kenne die Sendung von Gottschalk nicht sehr gut. Ich bin ein Zapper, und es gibt kaum eine Sendung, die ich vollständig sehe. Darum bleibe ich immer nur wenige Minuten dabei.» Zur eigenen Leistung, die er vor neunhundert Gästen im Bonner Bundestag beweisen soll, gibt der Minister zu Protokoll: «Das ist die schlechteste Rede, die ich je gehalten haben werde. Aber dieses Gefühl habe ich immer vor einem Auftritt.»
Der Freundeskreis von Moritz Leuenberger besteht vorzugsweise aus Kunstmalern, Schauspielern und Schriftstellern, sie hat er auch in der eigenen Familie. Er besucht die gesellschaftlich und künstlerisch relevanten Opern- und Theaterpremieren, doch Kultur wird nicht nur konsumiert: Die Kabarettbühne, des Casinotheaters Winterthur zum Beispiel, ist sein Alternativ-Parlament, dort sind ihm die Stimmen der Spassfraktion stets mehr als gewogen. Leuenberger nämlich bedient sich des nächstliegenden Materials, seiner selbst. Leuenberger spielt den Bundesrats-Darsteller, das Drama des in sich selbst versponnenen Geistesmenschen, den von politischen Dilemmas Zerriebenen, den tragisch sensiblen Helden sozialdemokratischer Visionen. Sein Erfolg ist die Fallhöhe der Publikumserwartung, dieser Komödiant ist ein Minister! Das ist durchaus erfrischend, birgt aber, monieren Kritiker, eine Gefahr: Leuenberger habe während seiner Leuenbergiaden seine Schwächen (und Stärken) so sehr zu einer Marke perfektioniert, dass ihm heute die genuine Qualität eines Politikers fehle, Authentizität.
Seine Freunde sehen es anders: «Er geniesst den grossen Auftritt und hat ein hervorragendes Gespür für die Wirkung seiner Worte und Gesten», meint Patrick Frey, «er besitzt die exhibitionistischen und narzisstischen Grundzüge eines Schauspielers.» Martin Suter beschreibt Leuenberger jemandem, der diesen nicht kennt: als «nicht so, wie man sich einen Politiker vorstellt». Und das ist dessen Erfolgsrezept. Als der Minister zur Verleihung des Kabarettpreises Salzburger Stier eine Ansprache hielt über den freien Austausch von Rindvieh über die Landesgrenzen, wollten die Vertreter von ORF und ARD nicht glauben, dass es sich bei dem Redner um einen Laiendarsteller handelte. Nicht erst seit jenem Exploit schätzt auch Viktor Giacobbo Leuenbergers Witz und Ironie, obschon er sich fulminant täuscht, wenn er meint: «Im politischen Alltagsgeschäft kann er damit nichts anfangen.»
Und ob er das kann. Vorausgesetzt, die Reise nach Bonn wird als politisches Mandat betrachtet. Und das tut der Magistrat, der sich in seiner Jugend elektrisieren liess von der Berliner Rede des US-Präsidenten Kennedy: «Meine Reden sind Bestandteil der politischen Arbeit, sie sind ein Dialog. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass Politik und Theater eng miteinander verwandt sind, beides sind Inszenierungen.»
Es ist kurz vor Mittag, als die Maschine landet und die Anspannung sich in sein Gesicht gegraben hat wie in Tuff. Martina Buol soll entscheiden, ob der Bundesratsmantel im Flugzeug gelassen oder, vorsichtshalber, mitgenommen werden soll. Buol stellt den Departementsvorsteher nach dem Aussteigen wieder ordentlich in seinen Anzug und klopft ihn vor dem alten Bundestag fuselfrei. Sein erstes Interview gibt Leuenberger für eine Boulevard-Sendung des Schweizer Fernsehens: «Man muss Reden kneten wie einen Klumpen Lehm.» Im Übrigen interessiert sich niemand für die Herstellung dessen, was er mitbringt. Im VIP-Raum indes erwartet ihn Gert Ueding, Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, und es vergehen keine zwei Minuten, bis es Leuenberger gelingt, den verschlossenen Ueding mit einem explosiven Lacher zu entkorken.
Die Rheinschiffe waren seine Freunde
Wann hat Moritz Leuenberger entdeckt, dass er rhetorisches Talent besitzt? Im Flugzeug nach Bonn war auf die Frage sein physiognomisch bedingter Ausdruck von Degout – sein rechter Mundwinkel führt ein Eigenleben, als zöge in seinem Gesicht die SVP die Fäden – einem interessierten Zögern gewichen. Nach langem Nachdenken entschloss er sich zur Hinhaltetaktik: «Ich hätte da eine süffige Geschichte, aber ich weiss nicht, ob ich sie Ihnen erzählen soll...» Erzählen wird er Folgendes: «Als kleiner Bub bin ich einmal von älteren Buben fertiggemacht worden. Sie haben mir das Sackmesser abgenommen und wollten mich zusammenschlagen. Da habe ich sie so sehr zum Lachen gebracht, dass sie mir alle Sachen wieder zurückgegeben haben.» Während er sich erinnert, wirkt Leuenberger alles andere als heldenhaft, sondern so, als besässe er dieses Taschenmesser zwar heute noch, doch seien ihm die Prügel später trotzdem nicht erspart geblieben.
Im VIP-Raum am Rheinufer scheint er sich wegtreiben lassen zu wollen vom Fluss. Freiherren im Janker, aus Ibiza importierte Gräfinnen und bürgerliche Damen mit Sonnenbrillen trinken Champagner – Leuenberger steht mit Buol abseits und nippt an Wasser und Kaffee. Seine Gesichtsfarbe und die beige Raufasertapete sind sich jetzt sehr ähnlich. Ins Mikrofon der Fernsehredaktorin, die den Countdown zählt bis zu seiner Ansprache, bestätigt er, was sie hören will: «Ja, ich bin sehr nervös.» Das ist die Stunde von Ueding: «Man kann ja auch nicht jeden Tag ein gutes Gedicht schreiben.» Leuenberger versteht die Anspielung und versucht, die Meinungsführerschaft an sich zu reissen. Er schildert dem Professor äusserst plastisch, wie er als Kind fast ein Jahr lang im Krankenhaus in Basel lag und dort die Rheinschiffe vor dem Fenster seine Freunde wurden.
Leuenberger steht am Fenster, als der Malibu-Hüne Thomas Gottschalk den Raum betritt. Er hat Thea Gottschalk mitgebracht, eine Dame unter einem ausladenden Tüpfel-Hut und hinter einem üppigen, von der Rache der Sonne gezeichneten Décolleté. Gottschalk trägt eine rote Krawatte und einen Nadelstreifenanzug und verhält sich so, als ob er heute Geburtstag hätte. Leuenberger sucht derweil Zuspruch bei seinen Freunden, den Schiffen. Eine Journalistin bittet Thea Gottschalk, die Wirkung des Schweizer Gastes auf sie zu benennen. Ihr Urteil ist einstimmig: «Er ist in allem das Gegenteil von meinem Mann.»
Im Plenarsaal des Bundestages wird der neue Cicero-Preisträger von nach Rasierwasser und Zigarettenrauch dampfenden Fotografen umschwärmt. Für den Cicero-Gewinner ’03, Leuenberger, interessiert sich keiner bis auf Leuenberger selber, er blättert in seiner Rede. Dann wird er an das Pult gebeten, hält sich mit beiden Händen an den Griffen fest und beginnt: «Herzlichen Dank, dass ich richtig vorgestellt wurde, nämlich als Ciceropreisträger (das Auditorium fühlt sich geschmeichelt). Ich übe zwar daneben noch einen weiteren Beruf aus, denjenigen eines Schweizer Bundesrates (das Auditorium spendiert den ersten Szenenapplaus), was ein Bundesrat allerdings ist, weiss ausserhalb unserer Landesgrenzen kein Mensch, und auch in der Schweiz sind nicht alle auf dem Laufenden (tosende Begeisterung)...» Leuenberger kann nun in aller Ruhe Satz für Satz in den Raum setzen, ihn wirken lassen, die Pointen laden und sie abfeuern. Nach wenigen Minuten hat der linkische Mann die Herzen des Publikums erobert. Deutschland ist der rhetorischen Macht des Schweizer Minister-Mimen erlegen.
Im Rückflug entwickelt der Schüler Ciceros ungeahnte Entschlusskraft: Er fordert die Boulevardjournalistin auf, ihr Bildmaterial geflissentlich auch der Nachrichtenredaktion von SF DRS weiterzuleiten, und er beantwortet sogar die Frage, die man sich ihm noch am Vormittag nicht zu stellen wagte: «Herr Leuenberger, wollten Sie als Jugendlicher Schauspieler werden?» Der Magistrat scheint von der Formulierung körperlich attackiert, dann aber geht er in die Offensive: «Ich bin ja nicht so vermessen... ich weiss, dass ich das nie erreicht hätte... vielleicht sagen wir es so: Man hat es in Erwägung gezogen.»
Thomas Gottschalk hatte auf die Frage, ob unser Kommunikationsminister geeignet sei für einen Auftritt bei «Wetten, dass...?» mit blonder Argumentationskraft formuliert: «Nur, wenn er eine attraktive Frau mitbringt.» Er hat ja keine Ahnung.
18.07.2007, Ausgabe 29/07
Bundesrat
Moritz lacht zurück
Vergangene Woche flog Bundesrat Leuenberger nach Bonn, um die Festrede zu halten auf den Gewinner des Rednerpreises Cicero, Thomas Gottschalk. Ein Ausflug.

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