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18.07.2007, Ausgabe 29/07

Nationalsozialismus

Die Logik der Aufrüstung

Der junge britische Historiker Adam Tooze hat eine hervorragende Geschichte der Wirtschaft im Dritten Reich geschrieben.

Von Hans-Ulrich Wehler

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Blickt man auf die geschichtswissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus zurück, ragen einige Klassiker hervor. Zu ihnen gehören Karl Dietrich Brachers «Auflösung der Weimarer Republik» und Martin Broszats «Der Staat Hitlers», dazu Ian Kershaws Hitler-Biografie, Michael Wildts Kollektivporträt des Reichssicherheitshauptamtes und Ulrich Herberts Studie über den Nazi-Juristen Werner Best als Inkarnation des intellektuellen Rechtsradikalismus.

Soeben ist nun zu dieser Spitzengruppe aussergewöhnlicher Forschungs- und Interpretationsleistungen die Studie von Adam Tooze über die Wirtschaft im Dritten Reich hinzugetreten. Man kann sagen: Zum ersten Mal ist das seit langem heftig umstrittene Problem des Verhältnisses von kapitalistischer Wirtschaft zum NS-Regime in einer überzeugenden Synthese auf gleichmässig hohem Niveau behandelt worden. Denn die westdeutsche Zeitgeschichte hatte bisher ebenso wenig wie die westeuropäische oder amerikanische Forschung ein solches Werk hervorgebracht, das sich auf der Höhe des Kenntnisstandes und des Reflexionsniveaus bewegt. Und die Historiografie der verblichenen DDR litt unter der bornierten dogmatischen Einschränkung durch ihre Glaubenslehre, dass «der Kapitalismus» sich des Nationalsozialismus doch nur als seines Büttels bedient habe. Das trifft auch auf die häufig genannte dreibändige «Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft» von Dietrich Eichholtz zu, wo der Autor bis in die neunziger Jahre hinein in seinem geschichtsphilosophischen Prokrustesbett verharrte und bis zuletzt die Zentralität von Rassendoktrin und Holocaust nicht anerkennen wollte.

Wahre Prosa

Die Leistung von Adam Tooze, einem jungen englischen Historiker, der am Jesus College in Cambridge seinen wissenschaftlichen Stützpunkt hat, besteht darin, eine solche Gesamtdarstellung nach einer sorgfältigen Prüfung der Quellen und konkurrierenden Deutungen in einer präzisen, urteilsfreudigen, stilistisch aufgelockerten und daher alles andere als menschenfeindlichen Prosa geschafft zu haben. Sie besteht aber auch darin, eine lange Reihe von hartnäckig kolportierten und einflussreichen Mythen definitiv zerstört zu haben, die das NS-Regime bisher umrankten, etwa die Legende von Albert Speers «Rüstungswunder» in der zweiten Kriegshälfte.

Tooze geht als ein mit der politischen Ökonomie und Statistik eng vertrauter Wirtschaftshistoriker vor, doch er betont auch stets die brisanten ideologischen Antriebskräfte Hitlers und seiner Bewegung: die Macht des Rassismus und Antisemitismus, ihre Fixierung auf den Entscheidungskampf zwischen «Ariern und Weltjudentum» und daher auf die Eroberung von «Lebensraum» im Osten, um diesem Armageddon gewachsen zu sein. Zwar geht es streckenweise primär um Aussenhandelsfragen und Zahlungsbilanzen, immer wieder um das Rüs­tungspotenzial und den Widerstreit von Interessengruppen. Aber die trübe Mischung der Motive in den Entscheidungsprozessen, in denen das ideologische Weltbild Hitlers dominierte, kommt stets zur Geltung. Jeder Ökonomismus wird strikt vermieden.

Beispiellose Aufrüstung

Im Hinblick auf die sogenannten Friedensjahre von 1933 bis 1939 arbeitet Tooze zunächst die Konzentration des Hitler-Regimes auf die forcierte Aufrüstung heraus – jene, wie Tooze schreibt, «alles überragende Antriebskraft der NS-Wirtschaftspolitik» –, die alle antizyklischen Beschäftigungsmassnahmen zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit weit übertraf: Bis 1938 wurde der Militäranteil am Staatshaushalt von einem auf zwanzig Prozent gesteigert. Nie zuvor und danach, konstatiert Tooze, ist das «Sozialprodukt eines kapitalistischen Staates zu Friedenszeiten in einem solchen Ausmass oder einer solchen Geschwindigkeit umverteilt worden». Seit 1938 befanden sich die Militärausgaben im Grunde auf Kriegsniveau. Die­ses Ziel der Hochrüstung für den künftigen Krieg um die Hegemonie in Europa, den «Lebensraum» im Osten und letztlich um die Weltherrschaft der «arischen Rasse» hat die Füh­rerdiktatur «höchst effektiv» verfolgt, und sie hat sogar während des Krieges einen Vorsprung in der Mobilisierung aller Binnenressourcen behauptet.

Wie konnte das Regime eine derartige Kontrolle über die streng privatkapitalistisch organisierte Wirtschaft gewinnen? Warum tolerierte diese Privatwirtschaft die Fülle an staatlichen Vorgaben und Eingriffen? Tooze’ Antwort fällt überzeugend aus: Die Weltwirtschaftskrise seit 1929 hatte die Kollektivmacht der Unternehmer geschwächt. Der autoritäre Stil der Regierung Hitler und die Zertrümmerung der Gewerkschaften sagten ihnen ganz so zu wie die hochschnellenden Profite. Nackter Zwang wurde selten ausgeübt, vielmehr bediente sich das Regime meist der autonomen Initiative der Unternehmer und Manager. Und wegen der Konkurrenz der Interessen genügten einige Bündnisse, um entscheidende Sektoren durch eine «äusserst effektive» Mobilisierung in die Richtung der Regimeziele zu drängen. Tooze formuliert daher ein klares Dementi der marxistischen Behauptung, dass «der Kapitalismus» die NS-Diktatur gesteuert habe. Vielmehr gelang ihr eine effiziente Koordination unter dem Primat der Führerherrschaft. Denn es war nie eine Frage, wer die Entscheidung fällte: der Führer.

Korrektur der eurozentrischen Sichtweise

Die absolut hervorragende Analyse der Kriegsjahre wird im Grunde durch eine Denkfigur strukturiert. Das ist die kontinuierlich überprüfte Frage nach dem Rüstungspoten­zial (im weitesten Sinn), das die Kriegsgegner gegeneinander ins Feld führen konnten. Trotz einiger blendender militärischer Erfolge des Dritten Reiches – im Frankreich-Feldzug etwa und während der ersten Monate des Krieges gegen die Sowjetunion – blieb die Grundkonstellation dennoch eindeutig: Dem gewaltigen und stetig weiter anwachsenden Potenzial der Al­liierten stand das begrenzte Potenzial Deutschlands und seiner schwachen Verbündeten gegenüber, das auch durch die Ausbeutung des «Grossraums» im besetzten Europa nicht entscheidend vermehrt werden konnte.

Es bleibt trotzdem verwunderlich, wie eine Mittelmacht, die Deutschland letztlich blieb, fast sechs Jahre lang Krieg gegen die halbe Welt führen konnte. Die langlebige militärische Kompetenz der Wehrmacht übte auf diese Fähigkeit sicherlich einen grossen Einfluss aus. Für ausschlaggebend hält Tooze, dass das ungeheure Potenzial der Vereinigten Staaten den Alliierten das Übergewicht sicherte, obwohl er auch die erstaunliche Mobilisierungsleistung der sowjetischen Rüstungswirtschaft unbefangen würdigt. Mit dieser beharrlichen Betonung der (Hitler und seinen Eliten durchaus bewussten!) strategisch ausschlaggebenden Rolle Amerikas korrigiert er energisch die Grenzen der oft noch vorherrschenden euro­zentrischen Sichtweise.

Warum Hitler so früh Krieg wollte

Im Einzelnen analysiert Tooze eine Fülle von Problemen, welche die internationale Forschung schon lange beschäftigt haben, auf innovative Weise. Warum zum Beispiel löste Hitler im September 1939 den Krieg aus, obwohl er wusste, dass sein langfristig angelegtes Rüstungsprogramm zur Kriegsvorbereitung fehlgeschlagen war? Die Kosten des Abwartens schienen grösser zu sein; Frankreich und England sollten geschlagen werden, ehe die USA, die Hitler seit 1939 öffentlich und intern immer wieder anklagte, als «Speerspitze des Weltjudentums» direkt gegen Deutschland intervenierten. Um den Kampf um die Weltherrschaft vorzubereiten, wurde schon im Sommer 1940 der Krieg gegen die Sowjetunion ins Auge gefasst, damit der riesige blockadefeste «Lebensraum» gewonnen werden konnte, der zum einen ein Äquivalent zu den Ressourcen des nordamerikanischen Kontinents darstellen, zum andern als Expansionsfeld eines masslosen Germanisierungsprojekts dienen sollte. Und wegen der vorrangigen Bedeutung der USA erklärte Hitler ihnen auch sofort nach Pearl Harbor den Krieg, an dem sie ohnehin schon längst latent teilnahmen. Beide Kriegsschauplätze, im Osten wie im Westen, bildeten insofern eine Einheit, als sie in letzter Instanz dem Kampf gegen das «Weltjudentum» dienten. Ausser dem Krieg gegen die Rote Armee, England und Amerika wurde daher auch noch ein dritter Krieg gegen die Juden und Slawen geführt, wie er im Holocaust verwirklicht und im Generalplan Ost vorbereitet wurde. Tooze übergeht aber auch nicht die zwingenden ökonomischen Gründe, die Hitler trotz enormer Risiken in das Unternehmen «Barbarossa» führten, als die bisher grösste Invasionsarmee der Weltgeschichte in die Sowjetunion einbrach. Denn russisches Getreide und Öl galten, da im «Grossraum» NS-Europa nicht genügend Ressourcen mobilisiert werden konnten, als unverzichtbar für eine erfolgreiche Kriegführung.

Entmystifizierung Albert Speers

Als der Russlandkrieg bis 1943 verlorenging, Speer als Rüstungsminister aber dennoch eine Wende erzwingen wollte, gelang ihm zwar entgegen der von ihm sorgfältig kultivierten Legende kein Wunder, aber doch eine erstaunliche, kriegsverlängernde Expansion, die für eine Korrektur des Kriegsverlaufs freilich zu spät kam. Kein Historiker hat bisher so genau herausgearbeitet, dass dieser fatale Erfolg Speers in einem fundamentalen Sinn auf der bereitwilligen, intensiven Kooperation mit Himmler, dem SS-Imperium und dem Heer seiner Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge beruhte. Fortab sollte es mit dem Mythos, dass Speer in Unkenntnis des Holocaust als verführter Idealist und brillanter Technokrat agiert habe, ein für alle Mal vorbei sein.

Es gibt zahlreiche Dimensionen des Zweiten Weltkriegs, die Tooze überzeugender als andere zuvor zu erklären vermag. Im Sinn der englischen Wissenschaftstradition handelt es sich bei seinem (innerhalb von nur fünf Jahren entstandenen) 900-Seiten-Konvolut um eine glänzende, weitgespannte politische Ökonomie des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs. An ihr wird man von nun ab den Gang der Forschung messen dürfen.


Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung.
Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus.
Siedler. 917 S., Fr. 73.90

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 29/07
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