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11.07.2007, Ausgabe 28/07

Udo Jürgens und Freddy Burger

«Wie die Könige»

Sie sind seit exakt dreissig Jahren ein Erfolgsgespann. Der Sänger und Komponist Udo Jürgens und sein Manager Freddy Burger über Stars, die Musikbranche im Niedergang und die Risiken langjähriger Beziehungen.

Von Roger Köppel

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Herr Jürgens, wie kam es, dass Sie vor dreissig Jahren als international gefeierter Star ausgerechnet den unbekannten Schweizer Freddy Burger zum Manager nahmen?
Jürgens: Es war ein Zufall. Es war eine Zeit, als ich mich gerade von meinem alten Management trennte ...

...weil man Ihr Geld veruntreut hatte?
Jürgens: Nein. Mein damaliger Manager Beierlein war durch meine Kometenkarriere etwas pressesüchtig geworden. Er lancierte riesige Storys in den damaligen Magazinen von sich und nackten Mädchen. Der Stil stimmte nicht mehr. Man hat mir geraten, es nach 14 Jahren gut sein zu lassen. Ich sass also im Flugzeug nach Zürich, um irgendeine Fernsehgeschichte zu machen. Und Freddy sitzt zufällig auch da. Ich, arrogant, wie ich war, in der ersten Klasse, während Herr Burger, bescheiden, in der Economy flog. Die Stewardess erlaubte ihm, sich neben mich zu setzen. So kam das eine zum andern. Ich sprach von Plänen, vielleicht einmal ins schöne Zürich zu ziehen. Ausserdem würde sich mein Management auflösen.

Woher kannten Sie ihn?
Jürgens: Er hatte meine Zürcher Konzerte organisiert. Burger galt als tüchtiger junger Manager, der die Rolling Stones nach Zürich geholt hatte. Er wollte sich 14 Tage Bedenkzeit nehmen. Dann kam die Antwort: «Ich mach’s.»

Herr Burger, wie arbeitet man mit exaltierten, hoch sensiblen, stets von Grössenwahn bedrohten Stars zusammen?
Burger: Unser erster Vertrag war out­standing. Wir haben beschrieben, einen Baum zu pflanzen und die Ernte zu teilen. Ich dachte immer an die Rechte und wollte uns von alten Plattendeals befreien. So habe ich alle Rechte zurückgekauft von verschiedenen Labels. Udo geht jetzt bald ins fünfte Jahrzehnt seiner Laufbahn. Niemand kann uns mehr stören. Das Zweite: Wir haben eine strenge Gewaltentrennung. Ich bin der Mann hinter der Kulisse, dort herrsche ich. Was auf der Bühne passiert, ist Udos Sache. Ich habe ihm kreativ nie dreingeredet. Vielleicht mit einer Ausnahme: Ich habe ihm gesagt, er solle auf die eigenen Lieder setzen, ja nicht auf Cover-Songs anderer Stars.

Was kamen Sie mit dem Trubel, den Groupies, den Verlockungen zu Rande?
Burger: Ich lebe ein anderes Leben als Udo. Ich bin eher bürgerlicher, der Udo ist eher überschwänglich. Da gab es nie ein Problem. Ich war nie neidisch auf eine Dame, die er bei sich hatte.

Haben Sie eine emotionale oder eine eher geschäftsmässige Beziehung?
Burger: Wir haben eine ganz enge emotionale Beziehung, bis hin zu den Internaten, die ich für die Kinder gesucht habe. Ich bin der weibliche Teil in dieser Ehe. Ich habe die Familie gemanagt. Ich habe versucht, seine Ausschweifungen zu kanalisieren, ihn zu schützen. Ich habe gesagt, Achtung. Wenn er ein Tief hatte, baute ich ihn auf. Jedes Album war wie die Geburt eines Kindes. Da gab es Zeiten, in denen er mich am Morgen anrief. Er könne nicht mehr. Dann haben wir geredet. Schliesslich kam ein hervorragendes Album heraus.
Jürgens: Wenn ich einen Satz dazwischenwerfen darf. Ich bin nicht zu vergleichen mit den amerikanischen und englischen Stars. Die unvorstellbar ausschweifend leben. Drogen, Frauen-Exzesse. Die verkleistern sich ihr Leben. Die haben sich bemüht, ihr Leben zu ruinieren. Ich war lebenslustig, habe vielleicht auch mal zu viel getrunken. Vielleicht habe ich ein paar Beziehungen zu viel gehabt. Die siebziger Jahre waren sehr intensiv. Ich hatte aber das Glück, den Zenit meiner Karriere zu überleben. Damals wurde gefeiert. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Ich bin ein Springinsfeld, Hallodri, Lumpenhund, aber das war’s auch schon.

Wer ist der Chef?
Jürgens: Es gibt zwei Chefs. Burger kontrolliert das Geschäft. Seine Entscheidungen werden natürlich akzeptiert. Bei den Alben redet er mir nicht drein, dabei frage ich ihn durchaus.

Wem vertrauen Sie künstlerisch?
Jürgens: Ich vertraue meinen Musikerfreunden. Wenn Pepe Lienhard ein spezielles Gesicht macht, wenn ich ihm ein Lied vorspiele, bedeutet das was. Ich bin nicht einer, der sagt: Was ich schreibe, das ist heilig.

Ihr Teamwork klingt ideal. Das ist unmöglich. Wie man weiss, bestehen Beziehungen zu 80 Prozent aus Konflikten.
Burger: Wir hatten Meinungsunterschiede, was mediale Äusserungen angeht. Da war Udos Grosszügigkeit nicht immer segensreich. Ich erinnere an ein Penthouse-Interview. Da wusste ich sofort, aber hallo, das gibt Boulevardschlagzeilen. Udo warf mir vor, ich sei ein Bünzli...
Jürgens: ... ja, da haben wir wirklich gestritten ...
Burger: ... aber sorry, ich hatte recht. Das waren harte Diskussionen. Ich identifiziere mich eben voll mit der Musik von Udo Jürgens. Und seinen Texten. Ich würde sogar sagen, dass auch Lebenserfahrungen von mir in sein Werk eingegangen sind.

Was hat Sie an Burger irritiert?
Jürgens: Wir sind zweimal aneinandergeraten. Immer waren die Medien dazwischen. Ich lasse mich hinreissen zu flapsigen Äusserungen. Dadurch habe ich unnötige Schlagzeilen produziert.

Über ernsthaftere Dinge wurde nie gestritten?
Burger: Doch, über die EU. Udo hat mich mal gefragt, ob ich für oder gegen den Schweizer EU-Beitritt gestimmt hätte. Als ich sagte, dagegen, regte er sich fürchterlich auf. Ich sei ein Spiesser. Europa liege uns doch zu Füssen.

Aber heute, Herr Jürgens, sind Sie auch Burgers Meinung?
Jürgens: Nein, das bin ich nicht. Aber er vertritt aus seiner Sicht einen richtigen Standpunkt. Aus der Sicht der Deutschschweizer. Ich bin ein Mann der Visionen. Die EU, lieber Freddy, ist nun einfach das grösste Erfolgsmodell in Europa seit 1000 Jahren. Der Freddy, allerdings, ist der überzeugteste Schweizer, den ich kenne.
Burger: Wo ich ja gleicher Meinung bin wie Udo: Ich bin für ein geeintes Europa. Aber so, wie es jetzt gestrickt ist, kann es nicht funktionieren.
Jürgens: Ach was.
Burger: Es funktioniert einfach nicht.

Gab es für Sie, Herr Burger, Momente des Neides?
Burger: Definitiv nicht. Während der ersten Tournee füllten wir viermal das Kongresshaus. Dann entschied ich: Wir gehen ins Hallenstadion. Die Branche sagte: Burger spinnt. Dann sang Udo vor 8000 Leuten im Hallenstadion. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Ich wusste, was ich kann. Ich wusste, was er wollte. Es gab keinen Neid.

Mussten Sie eine Technik zur Neidvermeidung entwickeln?
Burger: Null. Vergessen Sie’s. Ich hatte nie ein Problem damit. Wenn ich von meiner Unternehmensgruppe rede, dann sagen alle, das ist der Manager von Udo Jürgens. Die wissen gar nicht, was ich daneben sonst noch mache. Ich bin Multiunternehmer.
Jürgens: Vielleicht gab es ein Problem, dass Freddy nicht immer ganz die mediale Aufmerksamkeit erhielt, die er sich vorstellte...
Burger: Ach was. Es wäre für Udo nicht gut gewesen, hätte ich mich deutlicher exponiert.

Kürzlich erklärte ein ermatteter Musikmanager, heute würde er in diesem Geschäft nicht mehr anfangen wollen. Es sei zu unübersichtlich. Die Halbwertszeit der Stars nehme ab. Erleben wir heute, Herr Jürgens, das Ende des Starzeitalters?
Jürgens: Ja. Es ist ein deutlicher Bruch. Die Wahrnehmung von Künstlern hat sich verändert. Erst hat man erstaunt zur Kenntnis genommen, dass man in den Diskotheken nicht mehr gespielt wird, sondern Elton John. Heute ist auch Elton John weg. Die Leute wollen gesichtslose Musik, sie wollen ihrer Fantasie freien Lauf lassen und nicht eine Melodie, die mit einem Gesicht verbunden werden kann.

Was ist die Erklärung?
Jürgens: In den letzten zwanzig Jahren hat es in der Popmusik eine Ansammlung von falschen Idolen gegeben. Letztlich wurde der Jugend eine geistige und optische Verwahrlosung vorgelebt. Die Haare waren verstrubbelt, scheussliche Kleidung, Protest gegen alles. Diese Idole bewohnen Schlösser in England, verdienen Millionen und laufen wie Landstreicher herum. Das ist ein Doppelleben, das ist, pardon, ein bisschen eine Verarschung. Der zerlumpte Müll-Look, die Armut, mit der wir Mitleid haben, wird als gesellschaftlicher Hype verkauft von Leuten, die Millionen haben. Es ist eine Kultivierung der Hässlichkeit und Verlogenheit, die zerstörerisch wirkte auf das Phänomen des Idols. Heute wollen die Leute keine Stars mehr. Ein paar Überlebende werden kultisch verehrt, aber es kommen keine neuen mehr.

Herr Burger, ist es schwieriger geworden, Stars zu machen? Nach Madonna, Prince und Michael Jackson ist kaum mehr etwas nachgewachsen. Kommt die grosse Anonymität?
Burger: Ich unterschreibe alles, was Udo gesagt hat. Die heutige Musik ist der Spiegel der Gesellschaft. Der Zustand der Gesellschaft ist katastrophal. Wir sind in einer haltlosen Zeit. Die Musik vermittelt keinen Halt. Es fehlt an Identifikationsfiguren. Drogen und Gewalt prägen die Musik. Die Schwellen sinken. Es fängt bei den Tischmanieren an.

Sie beide haben ja auch die Regeln durchbrochen. Selbst der Gammel-Look produzierte Stars. Es kann ja nicht daran liegen, wie sich die Stars auf der Bühne kleiden.
Burger: Die Industrie ist an die Grenze gestossen. Wir haben Umsatzeinbussen wie noch nie. Eigentumsrechte können geplündert werden. Jeder stiehlt, was das Zeug hält.

Sie werten die Download-Kultur auf dem Internet als Skandal?
Jürgens: Es ist ein Skandal.
Burger: Es ist Diebstahl. Man preist das Internet als genial an, aber es löst sich alles auf.

Herr Burger, Sie haben Jürgens dreissig Jahre lang im Gespräch gehalten. Wie geht das?
Burger: Da auch ich gelegentlich Visionen habe, sagte ich Udo: Es ist mein Ziel, dass du mit siebzig noch die Hallen füllst. Genau das ist geschehen. Im letzten Jahr gewannen wir vier goldene Schallplatten, obschon man gar keine Tonträger mehr verkauft. Warum? Weil wir auf Qualität gesetzt haben, nicht aufs schnelle Geld.

Denken Sie beim Komponieren an das Publikum? Oder nur an die Musik?
Jürgens: Nur eins ist wichtig: Glaube ich selber daran? Wenn nein, kann es nie funktionieren.

Für viele ist die Frau der Anker. Sie haben ja ein bewegtes Liebesleben. Ist Freddy Burger für Sie die stabilisierende Einmann-Ersatzfamilie?
Jürgens: Eindeutig. In der Konstanz ist Freddy die Familie. Meine Kinder sind es auch. Mit ihnen habe ich ein wunderbares Verhältnis. Mein schlechtes Gewissen aus den frühen Jahren haben wir bewältigt. Ich habe dem Erfolg viel geopfert. Gott sei Dank habe ich nicht alles geopfert.

Sie waren nie absturzgefährdet?
Jürgens: Als ich 33 war, die Karriere an einem ersten Gipfel, hatte ich ein gewaltiges Alkoholproblem.

Weshalb? Sie hatten ja Erfolg.
Jürgens: In den sechziger und siebziger Jahren haben alle getrunken. Alkohol wurde als normal empfunden. Es war schwierig, die Grenze zu erkennen. Es war eine Euphorie, die übergangslos in Betrunkenheit kippte. Wir fühlten uns wie die Könige.

Ihre Führungsprinzipien?
Burger: Ich führe die Firma wie eine Familie. Von oben nach unten. Drogen: Ich habe einmal gehascht, ich gebe es zu. Da wurde mir sofort übel. Eigentlich ist es abartig, die Sinne zu manipulieren. Ich kann mich in der Natur berauschen. Sogar beim Autofahren versuche ich die Landschaften, die Burgen, die schönen Gebäude zu geniessen. Musik ist etwas Beschwingtes. Nichts transportiert Gefühle besser. Es ist eine universale Sprache. Du kannst Europäer, Brasilianer, Urwaldmenschen erfüllen. Im Rap höre ich nur dumpfes Stampfen. Das ist doch armselig. Mit der heutigen Musik werden Aggressionen ausgelöst.
Jürgens: Der 120er-Beat ist der Beat einer marschierenden Truppe. Das hat etwas Bedrohliches. Gleichzeitig befördert dieser Verfall die Freude an klassischer Musik, die einen Zulauf erfährt.
Burger: Die sechziger Jahre brachten eine neuartige Musik. Ich bin überzeugt, dass Udo Jürgens ein moderner Klassiker ist. Wie die Beatles. Er hat das Jahrtausend überschritten. Meine Urenkel werden seine Musik hören. Udo hat Musikgeschichte geschrieben.

Wir leben in einer Zeit, da Männer Handtaschen tragen, Ohrringe. Intimrasuren sind Mode. Wie interpretieren Sie das?
Jürgens: Wir sind in einer Zeit, die den androgynen Menschen fördert. Mann wird Mann, Frau wird Frau bleiben, sonst funktioniert die Fortpflanzung nicht, aber die Verwischung wird toleriert. Die Musik ist diesen Erscheinungen voraus. Schon Michael Jackson hat es vermieden, eine klare Rolle zu spielen. Die Jungs von Tokio Hotel spielen mit Frauenidentitäten. Ich würd’s nicht machen, aber es ärgert mich auch nicht. Wenn einer sich verunstalten will, dann soll er es machen. Das kommt wieder aus der Mode.
Burger: Die gesellschaftliche Veränderung hat etwas mit der Emanzipation der Frau zu tun. Nicht negativ. Die Emanzipation musste stattfinden. Aber wie es heute verkauft wird, wenn normale Autorinnen auf die Ursprünge zurückgehen, Stichwort Eva Herman, dann kommt es zum Hexenprozess. Das sind Überreaktionen. Es gibt viele Frauen, die sich männlich präsentieren wollen. Im Kern ist das ja nicht falsch, aber es hat Ausmasse angenommen, die zu einer Entweiblichung geführt haben. Das korrigiert sich jetzt.
Jürgens: Die Frage muss erlaubt sein: Ist es richtig, dass Frauen in den Boxring steigen?

Hat die Emanzipation die Stellung der Frau in der Gesellschaft geschwächt?
Burger: Da bin ich aber definitiv dieser Meinung. Hundert Prozent. Frauen haben die wichtigste Verantwortung. Sie müssen die nächsten Generationen erziehen. Und die, die das noch machen wollen, werden gekillt. Jetzt sieht man das Ausmass. Meine Generation hat versagt. Die Revoluzzer der sechziger Jahre haben ihre Aufgaben nicht mehr wahrgenommen. Die Grundbasis wurde vernachlässigt. Ein Akademiker heiratet eine Akademikerin. Sie wollen ein Kind. Bevor sie richtig schwanger ist, schauen sie schon für einen Krippenplatz. Nicht einmal die erste Zeit, wenn eigentlich die Mutter diese Aufgabe erfüllen müsste, ist für das Kind reserviert. Wenn es in diesen prägenden Monaten nicht bei der Mutter ist, zu wem will es später eine Bindung schaffen? Das führt zu Katastrophen.

Was ist aus Ihrer Sicht die grösste Macht der Frau?
Burger: Die Fernsteuerung des Mannes. Wir wissen, dass die Frau das stärkere Geschlecht ist. Aber sie soll es sensibel machen, damit wir uns führen lassen. Wenn sie es zu deutlich ausspielt, blockiert und bockt der Mann.

Was ist für einen Mann das Wichtigste, Udo Jürgens?
Jürgens: Selbstvertrauen. Ein Mann, das mag eine alte Sichtweise sein, ist das, was er aus seinem Leben macht.

Kamen Sie mit Ihrem Selbstvertrauen auf die Welt?
Jürgens: Das kann dir nicht geschenkt werden. Ein Erbe kann Geld haben, aber kein Selbstvertrauen. Das ist eine katastrophale Mischung. Das wird ein neureicher Schnösel sein, der hinter dem Rücken von allen abgelehnt wird. Er wird ständig Paris Hiltons um sich haben, aber Liebe und Anerkennung nicht erfahren. Der Mann muss sich sein Selbstvertrauen aneignen. Ich habe inzwischen ein recht gutes Selbstvertrauen. Ich hatte ein sehr schlechtes in meiner Jugend. Ich musste über den Weg am Klavier gehen. Nichts hat mir so geholfen wie mein Klavier. Ich habe als junger Mensch schon gespürt, wenn mich Augen anschauen, nicht nur Frauenaugen, dass ich eine gewisse Macht über Menschen erlangen konnte. In einer unerhört positiven Art. Darauf habe ich mich konzentriert.

Wie würden Sie Haltung definieren?
Burger: Man muss die Werte pflegen: Schaffenskraft, Ethik, Ehrlichkeit. Nicht lügen, nicht betrügen. Mein Ziel war Unabhängigkeit. Gesundheit ist ein Geschenk. Als Mann darf man die sensible Seite zeigen. Hier hat die Emanzipation auch den Mann geöffnet. Der Mann darf Schwäche zeigen.

Das ist doch Humbug. Frauen sagen zwar, man dürfe Schwäche zeigen, aber wehe, man zeigt sie.
Jürgens: Frauen haben eine tiefe Sehnsucht nach Macho-Männern. Nicht der brutale, billige Macho, aber der intelligente Mann, der die Frau in einer gewissen Frauenrolle sieht, ohne sie deswegen runterzubuttern. Dieser Mann kommt bei den Frauen glaubwürdiger rüber als das Weichei, das sich dem Diktat unterordnet.

Gibt es mehrere Lieben des Lebens?
Jürgens: Ja, es gibt mehrere. Die meisten lernt man nie kennen. Gäbe es nur einen Menschen, würden wir ihn nie finden. Man trifft ja nur eine sehr überschaubare Zahl von Menschen.

In welcher Stadt leben die schönsten Frauen?
Jürgens: Überall. Zweifellos ist Rio de Janeiro mit all dem Durcheinander, das dort herrscht, aussergewöhnlich. In südlichen Städten herrscht eine grosse Bereitschaft zur Schönheit, bei uns ist es vielleicht etwas verhuschter.
Burger: Aber es gibt im Osten auch wunderschöne Frauen, wenn ich an Ungarn denke.
Jürgens: Die Polinnen...
Burger: Ich war schon überall, aber man muss sagen, wenn man in Zürich auf den Strassen herumläuft: Wir haben unendlich schöne Frauen. Es ist so.

Gibt es nach dreissig Jahren des Erfolgs den Gedanken: Jetzt geht es allmählich zu Ende?
Burger: Erstens ist mein Erfolg nicht nur auf dem Erfolg, sondern auch auf dem Misserfolg aufgebaut. An meinem Sechzigsten haderte ich mit der Zukunft. Ich kam zum Schluss: Freddy, du bist als Macher geboren, du wirst als Macher von dieser Erde gehen. Solange ich meine geistige Fitness einbringen kann, werde ich versuchen, die Balance zu finden, um meine Erfahrung an junge Leute weiterzugeben. Der Erfolg wird neu, altersgerecht ausgerichtet.

War es die Arbeit wert?
Burger: Ich hätte eine bessere Balance finden können. Aber ich habe aus tiefster Überzeugung gearbeitet. Es gibt nichts Schöneres als meinen Beruf.

Bei Ihnen?
Jürgens: Seit Jahren denke ich darüber nach. Es ist längst ein Dacapo, eine Zugabe. Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter noch in dieser Liga spielen würde. Es ist ein Wunder. Es geht mir nicht mehr um die Vergrösserung des Bankkontos. Was ist tue, ist interessant. Es stellen sich neue Auf­gaben: ein Musical, dann die Verfilmung meines Buches.

Ruhestand?
Jürgens: Um Gottes willen. Im Moment, wo ich mir keine Aufgabe stelle, werde ich krank. Ich fühle mich nicht alt. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass ich sonderlich viel gearbeitet hätte. Es gab Stress, Druck, ja, aber ich glaube, dass ich eher faul bin, nicht besonders fleissig.

Was wird bleiben?
Burger: der Nachlass. Ein Lebenswerk. Wir teilen die Verlagsrechte. Das geistige Eigentum ist exklusiv bei Udo. Da werden sich die Erben freuen. Wir hinterlassen die Genialität eines Künstlers, der in die Musik­geschichte eingehen wird.
Jürgens: Ich wünsche mir, dass die Erinnerung an meine Lieder mich etwas überdauert. Der Mensch stirbt nicht, wenn er von der Erde geht, sondern erst dann, wenn der Letzte stirbt, der sich seiner erinnert.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 28/07
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