Graziella Contratto

Eine Frau im Fieber

Die Schweizer Dirigentin Graziella Contratto war die erste Chefin eines französischen Orchesters. Jetzt wird sie Intendantin in Davos.

Von Anina Rether

Graziella Contratto ist der Alptraum eines jeden Dirigenten widerfahren. Als sie während des Studiums zum ersten Mal vor einem Orchester stand, legte sie so viel Schwung und Ausdruck in den ersten Takt, dass sie strauchelte und prompt vom Podest fiel. Der Dirigierstab flog bis zu den Klarinetten.

Aber die Schwyzerin ging ihren Weg und schaffte es bis zum Rolls-Royce unter den Orchestern: 1998 wurde sie Assistentin von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Auch wenn sie dort zwei Jahre lang nur selten Proben leiten durfte und mehr Tage im Archiv als auf dem Podium verbrachte – danach ging es Schlag auf Schlag. 2000 wählte sie das Orchestre National de Lyon unter David Robertson einstimmig zum chef résident. Seit September 2003 ist sie Chefdirigentin des Orchestre des Pays de Savoie und damit die erste Frau in Frankreich, die einem permanenten Staatsorchester als künstlerische Leiterin vorsteht. Nun übernimmt die 40-Jährige die Intendanz des renommierten Klassikfestivals in Davos.

Die Fiebrigkeit, die Thomas Manns Hauptfigur im «Zauberberg», Hans Castorp, in Davos plagte, verspürt auch Graziella Contratto. Wohl deshalb ist ein Teil ihres Festivalprogramms eine Reminiszenz an die Stimmung, die Musik und die Literatur der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Ganz im Sinne der damaligen musikalischen Salons, will die neue Intendantin das Publikum aus seiner passiven Rolle hinausführen. Musik ist eine Sprache. Wird sie nicht verstanden, entsteht kein Dialog. Doch so wie es kaum noch Laien gibt, die die Symbolik auf einem mittelalterlichen Kirchengemälde entziffern können, ist es nur wenigen gegeben, zeitgenössische Musik zu verstehen. Graziella Contratto will diese schwerverständlichen «Codes» dechiffrieren. «Wir sind keine politische Generation von Musikern. Unser Anliegen ist, zwischen der Musik und dem Publikum zu vermitteln, sie einander näherzubringen.»

Im Rahmen des Festivals fördert Contratto deshalb auch den direkten Kontakt. Sie führt durch Gesprächskonzerte, in denen sich Künstler und Publikum kennenlernen. Sie gibt Werkeinführungen vor Konzerten, gibt Kindern kostenlosen Dirigierunterricht und lässt Monteverdi in einer Schreinerei aufführen. Oft brauche es nicht viel, um latente Ablehnung in Neugier umzuwandeln. «Mir ist es wichtig, die klassische Musik aus dem teilweise selbstverschuldeten Getto herauszubringen. Dabei hilft es, Neues mit Traditionellem zu verknüpfen. Das weitet den Blick.»

Grenzen aber prägten sie in ihrer Kindheit. Eingezwängt zwischen den schroffen Felsen der Mythen und dem Vierwaldstätersee liegt ihr Heimatort Schwyz. Für die Dirigentin «ein Synonym für novembergrauen Himmel und mässigen Willen zur Veränderung – aber auch für Verankerung und tiefe Verbundenheit». Hier wuchs Graziella Contratto, deren Vorfahren Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Piemont in die Schweiz ausgewandert sind, zusammen mit Bruder und Schwester auf. Sie war gut in der Schule, aber etwas ungestüm und nicht leicht zu bändigen. «Meine Eltern haben uns autoritär erzogen. Ich habe das wohl auch gebraucht», sagt sie.

Schon damals genoss sie es, vor Publikum aufzutreten. In der Schulmesse erzählte das Mädchen gern Gleichnisse aus der Bibel. Ihre Extrovertiertheit führt Contratto auf ihre Mutter und ihre Grossmutter zurück. Sie seien offene, gegenwartsbezogene Frauen. Anders als der Vater, ein Bauunternehmer, der sich eher an historischen Werten orientiere.

Das Kind überflügelt die Mutter

Das überschaubare Fleckchen Heimat wurde ihr bald zu klein. Der Schlüssel zur Welt lag in der Musik. Mit sieben erhält sie den ersten Klavierunterricht, rasch wird ihr Talent sichtbar. Bald schon hat das Kind die Mutter überflügelt, die seither keine Taste mehr anrührt. Nach und nach wird klar, ihre Zukunft ist die Musik. Von einer ungeheuren Energie getrieben, studiert sie nach der Matur im Eiltempo Klavier. Schliesst die Konzertreife mit Auszeichnung ab. Gründet ein Klaviertrio. Geht auf Tournee durch Europa. Wird jüngste Dozentin für Musikgeschichte am Konservatorium Luzern. Gewinnt Preis um Preis – und fällt in eine Sinnkrise. Da ist sie 25.

Was nun? Fürs Solistendiplom fehlt ihr die bedingungslose Hingabe ans Instrument. Beschränkung bedeutet für sie Einschränkung, Spezialisierung liegt ihr nicht. Beim Partiturstudium eines Orchesterwerks liest sie neben Fachliteratur auch Belletristik aus der Zeit des Komponisten. «Das gibt mir ein präzises Gefühl für den damaligen Zeitgeist, und ich kann die Werke umfassender verstehen.» So stösst sie bei Mozarts «Oper Così fan» tutte auf Zusammenhänge zwischen den Freimaurern, den radikalen Spätaufklärern und der Französischen Revolution. Das sind die Dinge, die sie faszinieren. Das Klavier ist ihr nicht genug. Zu viel Handwerk, zu wenig Geist.

Aber Contratto steht sich selbst im Weg, zweifelt, hinterfragt sich ständig, auch wenn ihr etwas gelungen ist. «Eine chronische Frauenkrankheit», sagt sie. Dazu kommt, dass ihr Körper bisher hinter dem Konzertflügel verschwand. Nun steht er im Vordergrund. Die grossgewachsene, schlanke Frau weiss nicht, wohin mit ihren schlaksigen Gliedern. Zu lange Arme, die sich unlogisch und unrhythmisch bewegen, lautet die Kritik ihrer Professoren.

Sie verzweifelt schier. Da hört sie von dem chinesischen Dirigenten Tsung Yeh in Tschechien, der für seine ungewöhnlichen Unterrichtsmethoden bekannt ist. In ihrer Not fährt die Studentin zu ihm. Nachdem dieser ihre Bewegungen aufmerksam studiert hat, löst er mit einem Satz ihren gordischen Knoten: Warum sie denn ihre schönen langen Arme nicht richtig benutze? «Schön. Lang – zwei Worte. Ich schulde ihm noch heute einen Teil meines Selbstverständnisses als Dirigentin.»

Die Arme sind frei. Jetzt dirigiert sie mal mit nur einer Hand, gibt mit der linken sowohl die dynamischen Gesten wie auch den Takt an, lässt die rechte ruhen, mal umgekehrt. Dirigieren heisst führen, interpretieren, evozieren. Das Instrument dazu ist der Körper. Eines ihrer Vorbilder, der deutsche Dirigent Carlos Kleiber, habe es darin zur Meisterschaft gebracht. «Auch er hatte nur zwei Arme und einen Taktstock. Doch beim Dirigieren war er von Kopf bis Fuss musikalisiert. Das hatte eine wunderbare Auswirkung auf die Musik.»

Dass den Taktstock schwingende Frauen der Musik eine weibliche Note verleihen, sei ein Klischee, sagt Contratto. «Musik ist Musik, weder männlich noch weiblich.» Bei den Bewegungen sei das anders. Mit dem Taktstock – einem Degen gleich – ins Orchester zu stechen, käme einer Frau nicht in den Sinn. Typisch weiblich sei dafür die Lust am Experimentieren. So dirigiert sie in den Proben gern mal eine Stelle schnell und bewegt, darauf langsam und träge — sie will dem besten Klang­ergebnis auf die Spur kommen. Das braucht Mut, Offenheit und Durchsetzungsvermögen. Von einem Mann auf dem Podium würde das vom Orchester akzeptiert. Einer Frau werde jedoch schnell mangelnde Entscheidungskraft vorgeworfen. «Einerseits darf ich keine Schwäche zeigen, andererseits muss ich sensibel und beweglich bleiben. Das hält fit.» Sie lacht.

Vor acht Jahren wurde Graziella Contratto als Klaviertalent ans Davos Festival eingeladen. Damals verliebte sie sich in den französischen Geiger Frédéric Angleraux, mit dem sie heute noch zusammen ist. Nun kehrt sie als Intendantin zurück.


Davos Festival, 28. Juli bis 11. August 2007
www.davosfestival.ch
www.graziellacontratto.com

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