Am vergangenen Samstag strömten viertausend Leute auf den Berner Bundesplatz, um für mehr Entwicklungshilfe zu demonstrieren. Kurz zuvor hatte Schauspielerin und Entwicklungsexpertin Melanie Winiger im Blick den Bundesrat aufgefordert, sich zu «schämen», am Anlass selbst bezeichnete sie die Schweizer als «verwöhnte Goofen», und Musiker Endo Anaconda ermahnte ein zerknirschtes Publikum: «Armut ist stillos. Schämt euch!» Von Selbstgeisselungen und Frauen, die sich die Kleider vom Leib rissen, wurde nichts berichtet. Man wäre nicht überrascht. Das Happening erinnert an mittelalterliche Szenen, als Bettelmönche das Ende der Welt ankündigten. Die Ahnungslosen fürchteten sich und zahlten.
Die Schweiz versündigt sich, wenn sie nicht 0,7 Prozent ihres Volkseinkommens für arme Länder bereitstellt, sondern bloss 0,39 wie im Jahr 2006. Seit Jahren kämpfen interessierte Kreise für diesen magischen Prozentsatz, der willkürlich festgesetzt wurde. Zurück geht der Unsinn auf den Weltkirchenrat, der vor fast fünfzig Jahren die Industrieländer aufrief, 1 Prozent ihres Einkommens in die Dritte Welt zu schicken. Wenig später nahm die Uno den Gedanken auf und reduzierte den Satz auf 0,7 Prozent. Warum auch nicht? Ebenso eigensinnig legte man fest, dass nur staatliche Entwicklungshilfe zähle. Private Hilfe wird nicht angerechnet. Ebenso ignoriert die Uno Rücküberweisungen von Emigranten in ihre Heimatländer – obwohl man weiss, dass diese private Unterstützung mehr bringt als die staatlichen Programme. Seither funktioniert die moralische Erpressung recht gut. In der Öffentlichkeit hat sich das Bild einer Schweiz, die an ihrem Geiz erstickt, verfestigt. Man schämt sich, dass uns Schweden und Norwegen mit ihren 0,8 Prozent in der Rangliste der Guten überrunden.
Zur Scham besteht kein Anlass. Berücksichtigte man neben der staatlichen Hilfe die privaten Gelder, sähe das Bild anders aus. Kaum ein Land unterstützt die Entwicklungsländer so grosszügig, kaum ein Land investiert dort so kräftig: 7,5 Milliarden Dollar flossen 2005 gemäss OECD aus der Schweiz in die Dritte Welt. Vorbild Schweden zahlte 3,5, Norwegen bloss 2,8. Das entspricht 1,87 Prozent unseres Volkseinkommens, Schweden und Norwegen bringen es auf 1 Prozent. Würde man die Rücküberweisungen der Einwanderer anrechnen, kämen 13 Milliarden Dollar dazu – weltweit einer der höchsten Beträge überhaupt.
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Frage: Entwicklungshilfe: Ist die Schweiz zu knausrig?
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