Eigentlich müsste Zülfü Livaneli zufrieden sein. Vom Wintergarten seiner geräumigen Villa blickt er auf den majestätisch wirkenden Bosporus. Das Anwesen liegt in einer bewaldeten Parkanlage mit altem Baumbestand und hellem Vogelgezwitscher, nicht weit von der hektischen türkischen Metropole Istanbul: eine Mischung aus Portofino und Zugersee, etwas über der Sommerfrische des Stadtteils Tarabya gelegen, dessen Name auf das altgriechische Wort therapia zurückgeht.
Livaneli ist nicht nur wohlhabend, sondern auch angesehen. Jeder kennt ihn in der Türkei. Als Schriftsteller ist er arriviert, als Filmemacher erfolgreich, als Sänger populär, als Komponist renommiert, als Regisseur preisgekrönt und als Parlamentarier Teil der politischen Elite. Joan Baez und Udo Lindenberg sangen seine Lieder, mit Wim Wenders arbeitete er zusammen, 1996 wurde er Unesco-Botschafter. Trotzdem wirkt der Mann mit der eleganten Erscheinung angespannt, fühlt sich wie ein Prophet, der seine düsteren Voraussagen wahr werden sieht. Seit Jahren warnt Livaneli vor dem Islamismus, der sich zwischen dem Ägäischen Meer im Westen und dem Vansee im Osten ausbreitet. «Wir fürchten, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen.»
Derzeit ist sein Mahnruf wider die Islamisierung besonders aktuell. Am 22.Juli entscheidet die Türkei nicht nur über das künftige Kräfteverhältnis der politischen Parteien im Parlament, sondern die Wähler legen die Identität ihres Landes fest. Sie bestimmen, wie stark künftig der Einfluss des Islam sein darf. Zwei Parteien stehen sich gegenüber: die regierende, islamisch verwurzelte Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei, deren Kürzel AKP ist. Und die Republikanische Volkspartei (CHP), die auf den Gründer der Republik, Kemal Atatürk, zurückgeht. Sollte die AK-Partei von Premier Recep Tayyip Erdogan gewinnen (wovon Umfragen ausgehen), sieht Zülfü Livaneli schwarz: «Uns Türken droht ein Gottesstaat.» Die AKP wolle aus der Türkei ein islamisches Land machen.
Er habe nichts gegen den Islam, beteuert der 61-jährige Livaneli, falls er moderat sei. So, wie er das von zu Hause kenne. Er sei in einer muslimischen Familie aufgewachsen, in der Alkohol keineswegs verpönt war: «Mein Vater ist jetzt 90 Jahre alt, und er verzichtet nicht auf sein tägliches Glas Raki. Die Frauen in meiner Familie trugen kein Kopftuch, auch meine Grossmutter nicht, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts geboren wurde.» Das sei der wahre türkische Islam, der auf die Osmanen zurückgehe: «Nie pilgerte ein Sultan nach Mekka – obwohl der Hadsch zu den Grundprinzipien des Islam gehört.» Doch jetzt infiltriere ein neuer, fanatischer Islam die Türkei, «ein Islam, der auf Gewalt setzt». Es sei das Elend der heutigen Türkei, dass die Grossmütter moderner waren als deren Enkelinnen.
Die Frömmigkeit ist nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Metropolen augenfällig: Am Samstag strömen Türken aus allen Schichten in die Istanbuler Eyüp-Moschee, wo ein ranghoher Offizier des Propheten, Ebu Eyüp i-Ansari, seine letzte Ruhe gefunden haben soll. Hier wird ein volkstümlicher Islam gelebt: Wer einen Wunsch hat, pilgert ans Grab von Eyüp. Gebete an diesem heiligen Ort sollen besonders wirksam sein. Dort bezeichnen Schilder der Religionsbehörde dies zwar als «Aberglauben» – aber die Popularität der Eyüp-Moschee ist ungebrochen.
Livaneli stammt aus einer privilegierten Familie des türkischen Establishments. Sein Grossvater war Richter, sein Vater Präsident des Obersten Gerichtshofes. Vor fünf Jahren wurde er ins Parlament gewählt. Mit Sorge beobachtet Livaneli die Herausforderung der «alten» Elite, aus der er stammt, durch die neue Kraft der Islamisten. Aus den ländlichen Provinzen sind in den vergangenen 20 Jahren Tausende von Arbeitssuchenden in die Städte gezogen. Dort erwartete sie Armut – aber der Staat half ihnen nicht. In diesem Umfeld wurde das islamische Netzwerk aktiv: Es umsorgt die Entwurzelten – tatkräftig unterstützt von der AKP. Allein in Istanbul seien für die Partei mehrere zehntausend Freiwillige im Einsatz, heisst es im Hauptquartier der AKP.
Prediger aus der anatolischen Provinz würden jetzt die «Gehirne der Menschen» erobern, sagt Livaneli und zählt Beispiel um Beispiel auf: «Kinder im Alter von fünf oder sieben Jahren singen am Fernsehen Loblieder auf den Propheten Mohammed; in den Städten tragen immer mehr junge Frauen ein Kopftuch; Korankurse werden populärer; in Anatolien gibt es kaum noch Alkohol.» Vor allem während des Fastenmonats Ramadan sei die Islamisierung der Gesellschaft gut sichtbar: Mehr Restaurants sind geschlossen als früher – so, als ob alle fasten müssten. In seiner Jugend sei das Ende des täglichen Fastens kein öffentliches Ereignis gewesen; heute aber lässt die Stadtverwaltung von Istanbul, die von der AKP regiert wird, riesige Zelte im Zentrum aufstellen und abends kostenlose Mahlzeiten verteilen. Die Religiösen werden unverfrorener. So durfte kürzlich ein hohes Regierungsmitglied ungestraft fordern, die Türkei solle islamische Gesetze anwenden. Bangend erwähnt Livaneli das jüngste Beispiel für die um sich greifende «Iranisierung»: Ein Werbeverbot für Bikinis in Istanbul.
Die AKP gebe sich zwar modern, doch insgeheim, so glaubt Livaneli, verfolge Premier Recep Tayyip Erdogan eine islamische Agenda. Bereits in den neunziger Jahren trat Livaneli bei den Istanbuler Stadtratswahlen gegen Erdogan an, den heutigen Regierungschef. Doch der Künstler hatte keine Chance: Im laizistischen Lager kandidierte ein zweiter Bewerber, was zu einer Spaltung dieses Lagers führte. Erdogan wurde Bürgermeister.
Seine Nähe zu den Islamisten hatte Erdogan im Wahlkampf überspielt, indem er seinen Bart abrasierte und massgeschneiderte Anzüge trug. Kaum war er Chef von Istanbul, gab er Frommes von sich wie «Alkohol muss verboten werden», «Ich bin der Imam von Istanbul», «Schwimmanzüge sind eine Ausbeutung der Lust» oder «Unsere Referenzgrösse ist der Islam, unser Ziel ein islamischer Staat».
Neue Gebetsstätten an Schulen
Während ein Diener ein Cola mit Eis serviert, schaut Livaneli vom Wintergarten aus auf den Bosporus, dessen Schönheit so trügerisch ist. Strömungen und Gegenströmungen machen ihn zu einem der gefährlichsten Gewässer. Trotzdem ziehen Jachten und stattliche Öltanker so gelassen an Livanelis Anwesen vorbei, als könnten ihnen Turbulenzen nichts anhaben.
Livaneli befürchtet das Schlimmste: Sollte die AKP nach den Parlamentswahlen die Nummer eins bleiben, werde es entweder zu einem Militärputsch oder zu einem Bürgerkrieg kommen: «Das sind unsere Alternativen», sagt er. Die Armee ist die Hüterin der laizistischen Republik, die auf Atatürk zurückgeht. 1923 verfügte er die strikte Trennung von Staat und Religion. Doch diese wird aufgeweicht. Die AKP besetzt die Verwaltung gezielt mit konservativen islamischen Beamten.
Die Islamisten beeinflussen die Kinder, wie der Besuch einer Istanbuler Schule zeigt. Im Unterrichtsbereich, sagt ein Lehrer, seien 98 Prozent aller neuen Stellen mit Angehörigen der muslimischen Lehrergewerkschaft besetzt worden. «Zwei Drittel der frisch ernannten Schulleiter sind bei der islamistischen Lehrergewerkschaft eingeschrieben.»
Ihr Vordringen hat Konsequenzen: Die Zahl der Gebetsstätten an den Schulen steigt. Fromme Rektoren stellen ihr Zimmer für ein Gebet zur Verfügung oder dispensieren Berufsschüler fürs Freitagsgebet. Während der Ferien besuchen Schüler Koranschulen, die von Moscheen finanziert werden.
Hinter diesen privaten Initiativen stecken oft türkische Islamisten, die vom Ausland aus operieren. Zum Beispiel Fethullah Gülen, einer der prominentesten türkischen Religionsführer. Er investiert in ein Netzwerk von Schulen, Gymnasien und Universitäten. Gülen hat ein klares Ziel: eine «goldene Generation» von Muslimen heranzuziehen, um die «moralischen Werte» des Islam voranzubringen und die Politik auf einen religiösen Kurs zu trimmen.
Gülen hat seine Heimat vor sieben Jahren in Richtung USA verlassen, nachdem er angeklagt worden war, einen Plot zur Installierung einer islamischen Diktatur angezettelt zu haben. Die Anklage bezeichnete ihn als den «stärksten und einflussreichsten islamischen Fundamentalisten in der Türkei», der «seine Methoden mit Hilfe eines demokratischen und gemässigten Images verbirgt». Die Juristen stützten sich dabei auf eine mit versteckter Kamera aufgenommene Rede des Islamisten, in der er den langen Marsch durch die Institutionen predigte. Nur Geduld führe zum Ziel, sagte er seinen Anhängern. Die Welt habe grosse Angst vor der islamischen Entwicklung: Diejenigen, die sich im Dienst des Islam befänden, müssten deshalb vorsichtig sein, mahnte er seine Gläubigen, «und zwar so lange, bis ihr diese Macht erreicht habt, die ihr dann mit eigenen Kräften auffüllen könnt, bis ihr im Rahmen des türkischen Staatsaufbaus die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen zu eurer Front gezogen habt». Wenn sie keine Geduld hätten, würden sie zermalmt werden – wie die Islamisten in Algerien. (Gülen bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe: Die Bänder seien ein Betrug, behauptet er.)
Aus seinem Exil in den USA hat sich Gülen ein internationales Imperium geschaffen, das nicht nur in der Türkei, sondern auch in der ehemaligen UdSSR, auf dem Balkan und im Mittleren Osten aktiv ist. Dazu gehören TV-Kanäle oder Schulen in Ländern wie Korea oder Südafrika. Der Prediger kann sich auf reiche Gleichgesinnte verlassen. So finanziert ein konservativ-religiöser Textilfabrikant aus der anatolischen Stadt Malatya die auflagestärkste Tageszeitung des Landes: Zaman, «die Zeit». Auch unter Türkischsprachigen in Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien ist Zaman mit einer europäischen Ausgabe gut vertreten, zudem in Aserbaidschan, in den USA und auf dem Balkan. Der Verlag ist auf Erfolgskurs. Allein in der Türkei hat er fünf Druckereien. Seit Januar leistet er sich auch eine englische Ausgabe: Today’s Zaman.
Modisch verhüllte Häupter
Bei säkularen Landsleuten steht das Blatt im Verruf, einen islamischen Kurs zu steuern. Ein junger Mann im Istanbuler Verkehrsbüro, den ich nach dem Weg zur Zeitung Zaman frage, warnt mich eindringlich: «Vorsicht, das sind Fundamentalisten.»
Der Hauptsitz des Verlags ist in der Nähe des Istanbuler Flughafens in einem modernen Gebäude untergebracht, mit Designermöbeln in der Empfangshalle, moderner Malerei in den Redaktionsräumen und einer Cafeteria im Erdgeschoss. Style ist wichtig: Kürzlich brachte Zaman eine Story über den türkischen ModeGuru Atil Kutoglu, der sich für ein modernes Auftreten der türkischen Frauen starkmacht. Kutoglu entwirft Kopftücher in knalligen Farben und gibt den Damen Tipps, wie sie ihr Haupt modisch, aber fromm verhüllen können. Dem poppigen Kopftuch und dessen Designer widmet die Zeitung eine ganze Seite, als ob sie beweisen wollte: Farben statt grau oder schwarz, gestylte Fig uren statt trübe und langweilige Muster – so präsentiert sich die aufgeschlossene Türkin und beweist, dass sich Islam und Moderne ergänzen.
Bülent Kenes, der Chefredaktor der englischen Zaman-Ausgabe – ein smarter Akademiker mit dunklem Teint und chic gekleidet –, empfängt mich im Newsroom. Er wisse, dass ihn viele als religiösen Ideologen bezeichnen würden, sagt Kenes. Aber über die «islamische Gefahr» will er nicht sprechen – die sei nämlich kein Problem. Der Konflikt, der die Türkei spalte, sei vielmehr eine Folge der «elitistischen Oligarchie und Diktatur», die Atatürk und seine Nachfolger zu verantworten hätten. Sie hätten eine Republik geschaffen, in der die Bürokratie, die Richter, das Militär und die republikanische Partei Atatürks über den Rest des Volkes herrschen – über die Provinzen, die Religiösen, die Armen, die Bauern. Jetzt drängt eine neue Schicht an die Macht: junge, ehrgeizige Türken aus dem Hinterland. Sie vertreiben die alte Elite aus den Machtzentren in Istanbul, Ankara und Izmir, von denen sie während Jahrzehnten ausgeschlossen waren.
«Soziale Revolution»
«Ich selber bin ein Beispiel für die soziale Revolution, die die Türkei verändert», sagt Kenes. Er ist im anatolischen Malatya als Sohn eines Aprikosenbauers aufgewachsen, der weder lesen noch schreiben kann. «In der Provinz waren wir weit weg von der Elite», sagt er. Seinen Aufstieg verdanke er der liberalen Wirtschaftspolitik, die mittlerweile fast drei Jahrzehnte alt ist und zu einer sozialen Umschichtung führte. Wurde früher der Reichtum in Istanbul, Ankara und Izmir angehäuft, blühen nun die Provinzen. So konnte sein Vater die Früchte dem Meistbietenden verkaufen, statt sie einem staatlichen Monopolbetrieb zu festgesetzten Minimalpreisen abliefern zu müssen. Das Einkommen stieg, und der Aprikosenbauer konnte es sich leisten, seinen Sohn an einer der führenden Universitäten in Istanbul studieren zu lassen. Andere Provinzkinder seiner Generation wurden Unternehmer oder Politiker – zum Beispiel Abdullah Gül, der einst als islamischer Banker in Saudi-Arabien arbeitete, bevor er Aussenminister wurde, oder Erdogan, der Premier. Der islamische Trend in der Türkei komme nicht von ungefähr. Erstmals stossen jetzt Persönlichkeiten an die Spitze vor, die religiös und konservativ sind. Sie machen aus dem politischen Islam eine starke Kraft. Es sei im Grunde genommen keine religiöse, sondern eine demografische Umwälzung, sagt Kenes.
Doch die türkische Politik ist tückisch wie der Bosporus. Mit ihrer Kampfansage an den Islam schwimmt die alte Elite des Landes in einer gefährlichen Strömung. Die Armee und säkulare Parteien benutzen die hohen Hürden für den EU-Beitritt, die ungelöste Zypernfrage, die kurdische Rebellion und die hohe Jugendarbeitslosigkeit als Argumente, um den türkischen Nationalismus zu schüren. Türken-Fahnen tauchen die Strassen des Landes in ein rotes Meer.
Livaneli macht dieser nationalistische Aufbruch ebenso viel Sorgen wie das Erstarken der Islamisten. Bisher sass er als Unabhängiger im Parlament. Bei den bevorstehenden Wahlen kandidiert er nicht. «Wer nicht in einem Staat leben will, dessen Politik auf dem Koran basiert, noch einer nationalistischen Militärdiktatur das Wort redet, hat in der Türkei keine politische Heimat mehr.»
11.07.2007, Ausgabe 28/07
Türkei
Aufmarsch der Frommen
Die Türkei wird islamischer. Man fastet, Alkohol verschwindet, Frauen tragen Kopftücher. Dahinter verbirgt sich eine soziale Revolution: Die Aufsteiger aus den Provinzen greifen nach der Macht und fordern die alten, säkularen Herren in Istanbul heraus.

Kommentare