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27.06.2007, Ausgabe 26/07

Mansur Dadullah, Militärchef der Taliban

«Unser Kampf ist global»

Das Interview entstand am 7. Juni 2007 im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Geführt wurde das Gespräch von einem pakistanischen Journalisten. Es basiert auf einem Fragekatalog, den die «Weltwoche» dem Journalisten mitgegeben hat. Die Video-Aufzeichnung des Interviews (Dauer: 18’17’’) befindet sich im Besitz von «Weltwoche»-Mitarbeiter Sami Yousafzai.

Von red

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Wie heissen Sie?
Mein Name ist Mullah Mansur Dadullah, Allah sei’s verdankt, ich bin 35 Jahre alt.

Sind Sie Mullah Dadullahs Bruder?
Ja. Ich bin Mullah Dadullahs jüngerer Bruder.

Sind Sie der neue Taliban-Führer in der Helmand-Region?
Ja.

Ihr Bruder war selbst unter seinen Leuten bekannt als ein entschlossener und rücksichtsloser Führer. Wollen Sie in seine Fussstapfen treten?
So Allah es erlaubt, werde ich in seine Fussstapfen treten, seine militärische Taktik fortführen und eine neue Front von Selbstmordattentätern anführen.

Welche Gebiete sind derzeit unter der Kontrolle der Taliban?
Wir haben enorm weitläufige Gebiete unter unserer Kontrolle, Allah sei’s verdankt. In Helmand zum Beispiel kontrollieren wir acht Distrikte. Wir herrschen auch über Kandahar, Urozghan, Ghazni, Kalat, Jalalabad und Kunar. Die Macht der Regierungstruppen ist fast ausschliesslich auf die Städte limitiert, das Land steht unter unserer Kontrolle.

Die sogenannte «Frühlingsoffensive» scheint nicht den Erfolg gehabt zu haben, den ihr erhofft hattet. Was ist schiefgelaufen?
Sie war kein Misserfolg. Die Offensive hat erst begonnen. Mullah Omar [oberster Taliban-Führer] nennt die Offensive «Kameen» [Überfall]. In der Tat wird sie in nächster Zeit an Heftigkeit gewinnen und sich ausbreiten.

Welches Verhältnis haben Sie zu der afghanischen Bevölkerung?
Unsere Beziehung zum Volk ist geprägt von Respekt und Freundschaft, Allah sei’s verdankt. Wir können auf Unterstützung aus dem Volk zählen. In der Tat ist die tatkräftige Hilfe des Volkes der Hauptgrund für unseren Erfolg.

Als ihr an der Macht wart, habt ihr ein Regime des Terrors eingeführt. Warum sollte die Bevölkerung Sie unterstützen?
Das stimmt nicht. Unsere Regierung agierte nicht mit Terror, wir opferten uns auf für den Islam.

Was bietet ihr den Leuten als Gegenleistung für deren Unterstützung?
Wir haben viel für das Volk getan. Während unserer Macht genossen die Afghanen, was Besatzungstruppen aus 42 Ländern seither nicht zu geben vermochten: Sicherheit. Sogar einen Sack Gold konnte man ohne Probleme im Auto liegen lassen. Die Leute lebten in Sicherheit. Die Würde der Muslime wurde geschützt. Die Koalitionstruppen bezeichnen die Taliban als Terroristen. In Wirklichkeit hatten wir Frieden, und sie brachten Tod und Zerstörung nach Afghanistan. Sogar die Feinde der Taliban geben zu, dass unter unserer Macht in Afghanistan mehr Sicherheit herrschte als jetzt.

Betrachten Sie die Regierung Karzai als Feind?
Karzai und alle Besatzer sind für uns ein und derselbe Feind, es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen.

Was müssen Karzai und seine Regierung tun, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen?
Präsident Karzai hat nichts unternommen, das ihn für uns als vertrauenswürdigen Gesprächspartner auszeichnen würde. Er verkaufte die Würde der Afghanen. Die afghanischen Frauen, ältere Männer und Jungen werden von den Besatzern schlecht behandelt, und Karzai hat nichts unternommen, um sie zu schützen.

Italien hat eine internationale Konferenz unter Einschluss der Taliban angeregt, einige Regierungen haben sich positiv über die Idee geäussert. Glauben Sie, ein solches Treffen wäre möglich?
Ich glaube nicht, dass die Taliban dazu eingeladen werden. Falls wir dennoch eine Einladung erhalten sollten, wird unsere Führung darüber beraten.

Welches Regime möchtet ihr in Afghanistan errichten?
Sowohl für die Taliban als auch für die internationale Gemeinschaft ist es völlig klar, dass wir einen Staat nach den Vorschriften des islamischen Gesetzes und der Religion Allahs anstreben.

Ihr habt immer gegen die Modernität – Fernsehen, Radio, Musik etc. – gekämpft. Warum benützen Sie nun diese neuen Techniken?
Heute sind das Fernsehen und die Mittel der Massenkommunikation unabdingbare Hilfsmittel, um unsere Botschaften an die Öffentlichkeit zu bringen. Wir nutzen sie mit Bedacht und mit dem einzigen Ziel, die Herzen der Muslime zu erreichen.

Von wem und wie erhaltet ihr finanzielle Unterstützung?
Unsere Financiers kommen aus der muslimischen Gemeinschaft rund um die Welt.

Wer finanziert eure Waffen?
Als die Russen Afghanistan in Schutt und Asche legten, wurde unser Land von internationalen Mächten in ein Waffenlager verwandelt. Wir haben damals die offizielle Regierung umgangen und Vorräte angelegt. Gerüchte, die in jüngster Zeit verbreitet werden, wonach wir unsere Waffen aus dem Iran und anderen Ländern bekommen, sind nicht wahr; wir haben in Afghanistan bereits Waffen im Überfluss.

Im Jahr 2000 haben die Taliban den Opiumanbau aus religiösen Gründen verboten. Warum lasst ihr den Anbau nun zu?
Wir haben den Opiumanbau nicht legalisiert. Während unserer Herrschaft haben wir das Opium-Problem mit einem einzigen Befehl eliminiert. Seit das Land unserer Herrschaft entrissen wurde, haben die Bauern von neuem mit dem Anbau begonnen. Karzai und die 42 Koalitionsstaaten können sie nicht stoppen.

Wie steht es um die Beziehungen zwischen al-Qaida und den Taliban?
Wir pflegen einen warmen und freundlichen Umgang. Ihre Hauptziele sind auch die unseren.

Stimmt es, dass sich die Taliban Osama Bin Ladens Organisation unterstellt haben?
Nein. Die Taliban sind unabhängig. Al-Qaida ist eine eigene Organisation. Aber in unserem Kampf sind wir Hand in Hand mit Bin Laden vereint.

Während Jahren haben die Taliban ungestört regiert. Ihre Regierung ist erst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kollabiert. Hatten Sie je Zweifel, ob es richtig war, Bin Laden unterstützt zu haben?
Nein. Wir kennen keine Zweifel, Allah sei’s gedankt, wir sind stolz darauf und werden immer stolz sein. Die Geschichte wird uns Recht geben. Dereinst werden sich die Leute erzählen, dass es ein heroisches Volk gab, das sich für einen islamischen Staat aufgeopfert hat. Wir haben uns nicht für Osama Bin Laden aufgeopfert, sondern für die Regeln des Islam.

Denken Sie nicht, dass es ein Fehler ist, Osama Bin Laden zu unterstützen?
Es ist kein Fehler. Es ist die Pflicht eines jeden Gläubigen, Osama Bin Laden zu helfen. Wir sind stolz darauf und werden dies weiterhin tun.

Wer entscheidet über die Angriffe auf die Karzai-Regierung und gegen die Ausländer, die Taliban oder al-Qaida?
Dschihad ist die Pflicht eines jeden Muslims, und jeder Muslim ist entschlossen, am Dschihad teilzunehmen. Wer den Befehl gibt, spielt keine Rolle.

Wer sind die Taliban von heute? Ist es derselbe Schlag Mensch, der gegen die Russen gekämpft hat?
Taliban sind Taliban, nicht Alter, sondern Geist und Entschlossenheit sind entscheidend. Einige von uns haben bereits gegen die Russen gekämpft, viele sind jung und lernen von den Veteranen.

Wie gross ist die Streitkraft der Taliban heute?
Sie wächst stetig. Waren es gestern 1000, sind es heute 1500 und morgen bereits 3000. Es ist schwierig, alle Kämpfer zu zählen.

Wie viele Männer stehen direkt unter Ihrem Kommando?
Unter meinem Befehl stehen 120 Kommandanten. Jeder von ihnen hat einige Subkommandanten, und die wiederum haben je eine Gruppe von Kriegern unter sich. Sie sehen, wir haben viele Leute in unseren Reihen.

Wo befinden sich eure Trainings-Camps?
Wir haben verschiedene Lager an dafür geeigneten Orten in Afghanistan, und es werden immer mehr.

Setzen sich die Kämpfer immer noch weitgehend aus Religionsstudenten zusammen?
Ja. Die meisten haben eine religiöse Schulung durchlaufen.

Wer bildet die Taliban an den Waffen aus?
Der beste Lehrmeister ist der Krieg. Ausserdem vermitteln die Veteranen aus dem Kampf gegen die Russen den neuen Kriegern das Handwerk. Ich persönlich gehöre auch zu ihnen, ich habe als Junge am Kampf gegen die Russen teilgenommen. Und wir kennen die Handhabung von Waffen wie Panzer und Flugzeuge aus unserer Regierungszeit.

Bildet ihr die Selbstmordattentäter selber aus?
Wir haben verschiedene Camps für Selbstmordattentäter, und, Allah sei’s verdankt, sie sind gut besetzt, das Training ist in vollem Gang.

Wie rekrutiert ihr die Todeskandidaten?
Die Hauptarbeit verrichten unsere Feinde, die Kreuzfahrer. Der Terror der Ungläubigen wie in Abu Ghraib, Guantanamo sowie in den afghanischen Gefängnissen von Baghram und Kandahar ist Triebfeder für junge Muslime. Wenn sie die Erniedrigungen sehen, welche Muslime dort durch Ungläubige erleiden müssen, dürsten sie nach Rache und sind bereit, sich aufzuopfern.

Gibt es auch Ausländer unter den Selbstmordattentätern?
Ja, Allah sei’s verdankt, wir haben Muslime aus vielen Ländern, die zu uns stossen.

Aus welchen Ländern?
Aus vielen Ländern, sogar aus den USA und Grossbritannien.

Schadet es eurem Kampf nicht, wenn ihr unschuldige Zivilisten in die Luft sprengt?
Wir versuchen unser Bestes, die Zivilisten zu schonen. Und wir töten sie eigentlich gar nicht. Jedenfalls nicht mit Absicht. Um unschuldige Opfer zu vermeiden, warnen wir die Zivilisten, sich nicht in der Nähe unserer Feinde aufzuhalten.

Wer sind eure Feinde? Der Westen?
Alle, die sich gegen den heiligen Koran und den Islam wehren, sind unsere Feinde.

Ist Italien ein Feind?
Italien hat Truppen nach Afghanistan geschickt. Warum also sollte Italien nicht unser Feind sein?

Seht ihr euch als Teil des globalen Krieges gegen den Westen, oder beschränkt sich euer Kampf auf Afghanistan?
Dschihad ist eine Pflicht für jeden aufrechten Muslim. Der Dschihad darf sich nicht auf Afghanistan oder den Irak beschränken. Unser Kampf ist global, und ich habe Allah versprochen, dass ich bis an mein Lebensende den Kampf in die Welt tragen werde.

Wie beeinflusst die Situation im Irak und dem Nahen Osten euren Kampf?
Der Einfluss ist nicht negativ, sondern positiv. Der Krieg im Irak und in Palästina sorgt bei uns für Zulauf an Kämpfern und Waffen.

Warum haben die Taliban das Leben des italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo verschont, dessen Fahrer und Übersetzer hingegen getötet?
Wir glauben, dieser Journalist war ein Spion. Seine afghanischen Helfer Ajmal Naqshbandi und Sayed Agah waren Spione. Deshalb haben wir sie getötet.

Falls sie Spione waren, für wen haben sie denn gearbeitet?
Daniele Mastrogiacomo spionierte für die italienischen Truppen und die Besatzer. Der Fahrer (Agha) war ein Spion für das Karzai-Regime. Und der Übersetzer Ajmal hatte im internationalen Baghram-Camp gearbeitet, sein Onkel war Administrator des Baghram-Distrikts.

Die italienische Regierung hat beteuert, sie habe über die Freilassung von allen dreien verhandelt. Stimmt das?
Die italienische Regierung hat sich nur für die Befreiung von Mastrogiacomo eingesetzt. Sie hat nie die Namen Sayed Agah und Naqshbandi erwähnt.

Wie ist Mastrogiacomo freigekommen?
Ich war im Gefängnis und kann dazu nichts sagen. Fragen Sie diejenigen, die an den Verhandlungen beteiligt waren. Ich wurde von Rahmatullah Hanafi [afghanischer Mittelsmann, Angestellter im Emergency-Hospital, das von Italienern geführt wird, Anm. Red.] zum Ort gebracht, wo Daniele Mastrogiacomo sich befand, dann wurde er Rahmatullah übergeben.

Gegen wen wurde Mastrogiacomo ausgetauscht?
Von uns kamen ausser mir Hafiz Hamdullah, Mullah Ghafar Akhond, Zamarak Yasser, Lufullah Hakimi und Hafiz Hamdl frei.

Wurde auch Ajmal Naqshbandi [Übersetzer ] zum Ort gebracht, wo der Austausch stattfand? Mastrogiacomo sagt, er habe gesehen, wie auch Ajmal freigelassen wurde.
Nein, diese Aussage ist eine Lüge. Niemand hat mit den Taliban über Naqshbandi verhandelt. Der Deal drehte sich nur um Mastrogiacomo. Ich habe Naqshbandi an dem Ort des Gefangenenaustauschs nicht gesehen. Ich habe ihn erst zwei oder drei Tage später gesehen.

Hat die italienische Regierung ein Lösegeld für Mastrogiacomo bezahlt? Wie viel?
Nein. Die italienische Regierung hat nie von einem Deal über Naqshbandi gesprochen. [Offenbar hat Dadullah die Frage falsch verstanden oder antwortet ausweichend. Anm. Red.]

Kennen Sie den Mittelsmann im Gefangenenaustausch, Rahmatullah Hanafi?
Ich habe ihn nicht gekannt. Ich habe ihn zum ersten Mal beim Gefangenenaustausch gesehen.

Warum hat der afghanische Geheimdienst ihn kurz nach dem Gefangenenaustausch verhaftet?
Die afghanische Regierung hat kein Vertrauen in die eigenen Leute, deshalb wurde er verhaftet.

Gehört Rahmatullah nicht zu den Taliban, wie verschiedentlich gemutmasst wurde?
Nein, er ist kein Talib. Ich habe seinen Namen nie gehört, bis zu dem Zeitpunkt, als er mir sagte, dass er den Gefangenenaustausch manage.

Zahlreiche westliche Hilfswerke haben das Land verlassen, weil sie sich vor Entführungen fürchten. Sind NGOs auch eure Feinde?
Nein, nicht jede NGO betrachten wir als feindlich, nur diejenigen mit Kontakten zu Geheimdiensten. Diese lassen wir nicht in unserem Land arbeiten.

Seit Mastrogiacomos Entführung bleiben die meisten Journalisten aus Angst vor Verschleppung weiten Teilen Afghanistans fern. Sollte sich das zum Trend entwickeln, weiss die Welt bald nicht mehr, was sich im Land abspielt. Ist das euer Ziel?
Nein, wir empfangen Journalisten mit Vergnügen. Wir sind an einer unabhängigen und der Wahrheit verpflichteten Berichterstattung interessiert. Journalisten sollen kommen und der Welt das wahre Bild über uns vermitteln. Aber wir werden keine Journalisten tolerieren, die uns ausspionieren und gut über die Feinde sprechen.

Im Süden des Landes findet eine Offensive der Nato und der afghanischen Streitkräfte statt. Wie und mit welchen Mitteln führt ihr euren Widerstand, und welches sind die Hoffnungen, nicht geschlagen zu werden?
Wir sind zuversichtlich, dass wir mit Allahs Hilfe den Krieg gewinnen werden. Wir sind überzeugt, dass wir der Nato und den Amerikanern eine schmähliche Niederlage zufügen werden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 26/07
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