Jazz

Letzte Worte

Die letzte CD des Tenoristen Michael Brecker ist kein larmoyanter Abschied, sondern eine Tirade gegen den Tod.

Von Peter Rüedi

Michael Brecker, der am 13. Januar dieses Jahres seiner Leukämie erlag, war nicht der Mann, seinen eigenen Abgang als pompe funèbre zu inszenieren. Er war ein sehr gesuchter Alleskönner auf dem Tenorsaxofon gewesen, vielleicht tatsächlich der «einflussreichste Tenorist nach John Coltrane» (von dem er stilistisch gesehen abstammte), aber er war nicht die Art von Gentleman, dessen vollkommene Manieren auf die diskret-penetrante englische Art Überlegenheit eher demonstrierten als verbargen – er war tatsächlich bescheiden und fast unirdisch hilfsbereit, wichtig für eine ganze Generation von angehenden Musikern im letzten Vierteljahrhundert. Jedenfalls keiner, der ein «Testament» hinterlässt, ein Vermächtnis zuhanden der Nachgeborenen. Geschweige denn sein eigenes Grabmal.

Dennoch schwingt in der letzten CD, die sich Brecker mit grösster Anstrengung im August 2006 noch abverlangt hat, die er selbst nicht mehr zu Ende produzieren konnte, etwas vom Pathos letzter Worte. Liegt’s daran, dass die Scheibe postum von «This Just In» in «Pilgrimage» umbenannt wurde? Ihr einer Pianist, Brad Mehldau, hat recht, wenn er sagt, diese Musik lasse nichts von Michaels prekärem Gesundheitszustand spüren, sie sei «luftig und souverän, wie die des späten Coltrane. Sie klingt vital, schwierig, dicht, aufregend.» Das tönt nicht nach cérémonie des adieux, die diese Session auch war. Bei fünf der neun Brecker-Eigenkompositionen sitzt Mehldau am Flügel, bei den restlichen Herbie Hancock, Pat Metheny spielt Gitarre, John Patitucci Bass und Jack DeJohnette Schlagzeug: eine Allstar-Truppe ohnegleichen. Unter anderen Umständen hätte das leicht in einer Zirkusnummer geendet. Nicht unter diesen, wo am Ende eines Tags unsicher war, ob Breckers Kraft für den nächsten noch reichen würde. So bekam das Unternehmen eine besondere Dringlichkeit.

Es ist nicht die anderer berühmter Abgesänge der Jazzgeschichte, Charlie Parkers «Lover Man» vor Einlieferung zur Entziehungskur im Camarillo State Hospital von L.A., Billie Holidays später Streicheraufnahmen («Lady In Satin») oder der letzten Sessions des armen Chet Baker. Brecker ist kein Untergeher, nur ein Mann, dessen Kräfte schwinden und der alles unternimmt, sich das nicht anmerken zu lassen. Mit beängstigendem Erfolg. Die Stücke sind komplex, auf enge Kurven hin geschrieben, voller trickreich variierter Skalen; sein Ton ist sicher, robust – gerade eben mit jenen ans Herz greifenden Ausfransern und Überkippern, die ihn schon immer von seinen Nachahmern unterschieden haben. Die kopierten sozusagen den maschinell-virtuosen Teil seines Spiels, nicht dessen unverwechselbare ton-bildnerische Nuancen.

Diese Musik ist nirgends mahlerisch vom Tod gezeichnet. Sie ist vielmehr Breckers Mittel, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen, mal mit subtilen, nachdenklich-balladesken Titeln («When Can I Kiss You Again?»), mal mit bewundernswerten tours de force («Tumbleweed», das in einem eigentlichen kollektiven Furioso endet): als wär’s eine von Elias Canettis Hasstiraden gegen den Tod.

Brecker hat in seinem 57-jährigen Leben viel versucht: in direkter Fortsetzung von Coltranes Musik, in Jazz-Rock-Fusionen (u.a. mit seinem Bruder, dem Trompeter Randy Brecker), bis hin zu Aufnahmen mit Pop-Grössen wie Joni Mitchell, Paul Simon oder James Taylor. Sein erstes Album unter eigenem Namen nahm er erst mit 37 auf. Dabei waren Pat Metheny und Jack DeJohnette seine Partner. Wie schon viel früher.

«Pilgrimage» ist ein schöner, keineswegs wehleidiger oder trauer-umflorter Abschied. Allein, es schmälert dieses letzte Opus nicht, wenn wir uns an ein noch grösseres erinnern, eine Doppel-LP aus ferner Zeit, auch mit Jack DeJohnette, mit Charlie Haden am Bass und Dewey Redman, Breckers eigentlicher opposite number als zweitem Tenoristen: Pat Methenys denkwürdige, kurzlebige Formation 80/81.

Michael Brecker: Pilgrimage.
WA Records/Universal O602517263512
Pat Metheny: 80/81. ECM 1180/81 843169-2 (2 CDs)

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