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27.06.2007, Ausgabe 26/07

Terrorismus

«Hand in Hand mit Bin Laden»

Die Weltwoche hat den neuen Militärchef der Taliban aufgespürt. In einem exklusiven Interview droht Mansur Dadullah dem Westen mit neuen Angriffen.

Von Sami Yousafzai und Urs Gehriger

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Sein Name war niemandem geläufig, kaum einer im Westen kannte das lederne Gesicht mit der Knollennase und den wässrigen Augen. Bis Mansur Dadullah vor wenigen Tagen in einem Video auftauchte und dem Westen den Krieg erklärte. Das Filmdokument, das der amerikanische Fernsehsender ABC vergangene Woche ausstrahlte, zeigt den neuen Militärkommandanten der Taliban, wie er, mitten auf einer kargen Hochebene in Afghanistan, dreihundert junge Kämpfer in einer feierlichen Zeremonie zu Selbstmordattentätern «befördert».

Erhobenen Hauptes tritt der schwarzbärtige Mansur vor die vermummten Terroraspiranten und spricht die Worte, die westliche -Sicherheitsexperten in Alarmbereitschaft versetzen: «Diese Amerikaner, Kanadier, Briten und Deutschen kommen von weit her nach Afghanistan. Warum sollten wir sie nicht in ihren Heimatländern verfolgen?» Bevor er die juvenilen Kämpfer väterlich umarmt, erteilt er den Marschbefehl: «Wir müssen Selbstmordattentate lancieren und Einrichtungen in ihren Ländern zerstören.»

In Reaktion auf das Video verhängte Deutschland die zweithöchste Gefahrenstufe «Orange». «Noch nie war die Sicherheitslage in Deutschland so prekär wie im Augenblick», sagt ein Experte vom deutschen Nachrichtendienst. Die Drohung Mansur Dadullahs fügt sich in ein Mosaik von Indizien, die laut Innenstaatssekretär August Hanning plötzlich «sehr gut zusammenpassen».

Gefilmt wurde die «Graduierungsfeier» am 9. Juni von einem lokalen Journalisten an der pakistanisch-afghanischen Grenze. Demselben Journalisten hatte die Weltwoche Anfang Monat eine Liste mit Fragen an Mansur Dadullah übergeben. Ausgerüstet mit einer Videokamera, schlug sich der Mann zu dem neuen Taliban-Militärkommandanten durch. Am 7. Juni hatte er Mansur schliesslich aufgespürt. Basierend auf der Frageliste der Weltwoche, entstand ein 18-minütiges Video-Interview, das hier in Auszügen zum ersten Mal veröffentlicht wird.

Auf einem steinigen Hausboden sitzend, hinter sich eine AK-47 an die Wand gelehnt, gelobt Mansur Dadullah, der sein Alter mit 35 Jahren angibt, das Werk seines Bruders weiterzuführen. Sein Bruder Mullah Dadullah war der legendäre «Schlächter von Urusgan», der mit gefilmten Enthauptungen und Selbstmord-Attacken die Taliban wieder in die Schlagzeilen brachte. Nach monatelanger Jagd wurde er im Mai von Koalitionstruppen erschossen. Er werde eine neue «Front von Selbstmordattentätern anführen», verkündet Mansur, an Freiwilligen mangle es nicht.

Bildet ihr die Selbstmordattentäter selbst aus?
Wir haben verschiedene Camps dafür, und, Allah sei’s verdankt, sie sind gut besetzt.

Wie rekrutiert ihr die Todeskandidaten?
Die Hauptarbeit verrichten unsere Feinde, die Kreuzfahrer. Der Terror der Ungläubigen in Abu Ghraib, Guantánamo sowie in den afghanischen Gefängnissen von Bagram und Kandahar ist die Triebfeder für junge Muslime. Sie dürsten nach Rache und sind bereit, sich aufzuopfern.

Gibt es auch Ausländer in den Camps?
Wir haben Muslime aus vielen Ländern, sogar aus den USA und Grossbritannien.

Dann kündigt Dadullah an, was er zwei Tage später bei der «Graduierungsfeier» präzisieren wird: den Angriff auf Staaten im Westen. Er unterstreicht, dass sich die Aktionen der Taliban nicht auf Afghanistan beschränken werden. «Unser Kampf ist global, und ich habe Allah versprochen, dass ich bis an mein Lebensende den Kampf in die Welt tragen werde.» Als Ziele bezeichnet er «alle, die sich gegen den heiligen Koran und den Islam zur Wehr setzen». Zu den prominentesten Zielen gehören Staaten, die Soldaten an den Hindukusch entsandt haben. Auf Italien angesprochen, sagt er: «Italien hat Truppen nach Afghanistan geschickt. Warum sollte Italien nicht unser Feind sein?»

Deutschland sei so gefährdet wie seit 2001 nicht mehr, sagt Innenstaatssekretär Hanning. Wie damals bekommen Sicherheitsdienste wieder sehr viele Hinweise auf Planungen, Gruppen und Extremisten, die mutmasslich Anschläge vorbereiten.

Der Verdacht auf bevorstehende Angriffe in Europa wird im «Graduierungs»-Video von Terroraspiranten untermauert. Sie sind in vier Gruppen aufgeteilt, je eine für die USA, Kanada, England und Deutschland. Einer der Gruppenführer verliest vor laufender Kamera eine Botschaft: «Lassen Sie mich erklären, warum ich mit meinem Team nach Grossbritannien aufbreche, um dort Selbstmordattentate durchzuführen», referiert er in englischer Sprache. «Jeder Tropfen unseres Blutes wird die Muslime stärken.»

Die Einladung zur «Graduierungszeremonie» erhielt der lokale Journalist aus den Stammesgebieten nach dem Interview, das er stellvertretend für die Weltwoche geführt hatte. Unter der Bedingung, den Ort der Feier geheimzuhalten, wurde er zu den Suizidbomber-Kandidaten geführt.

Wie der Journalist bestätigte, verfügen die Taliban über grosse Bewegungsfreiheit in Afghanistan. Rund die Hälfte des Landes stehe unter dem Einfluss der Taliban, sagt Man-sur im Interview. «Die Macht der Regierungstruppen ist fast ausschliesslich auf die Städte limitiert.» Das Verhältnis zur Bevölkerung sei geprägt von «Respekt und Freundschaft». Auf die Frage, ob es dem Kampf der Taliban nicht schade, wenn sie mit Attentaten unschuldige Menschen töten, meint er: «Wir versuchen unser Bestes, die Zivilisten zu schonen. Und wir töten sie eigentlich gar nicht. Jedenfalls nicht mit Absicht. Um unschuldige Opfer zu vermeiden, warnen wir die Zivilisten, sich nicht in der Nähe unserer Feinde aufzuhalten.»

Mansurs Feinde sagen, er sei nur ein Schatten seines charismatischen Bruders, frei von strategischer Raffinesse und Kriegslist. Hadschi Mansur spricht in einfachen, kurzen Sätzen, die hastig aus der Tiefe seiner Kehle herausquellen. Immer wieder greifen seine geschwollenen Hände in die Luft, um dem Gesagten zusätzlich Bedeutung zu verleihen.

Italien liess Geiseln im Stich

Von Kindsbeinen an war Mansur bei jedem Kampf dabei. Bereits bei den Guerillaangriffen auf die Russen trug er ein Gewehr, später, beim Sturmlauf der Taliban auf Kabul, kommandierte er eine Hundertschaft, und beim Rückzugsgefecht 2001 schlug er sich bis zum Fall des Regimes. Bloss zum grossen Feldherrn hatte es nie gereicht. Er war stets ein Marastyal, ein Stellvertreter, zuletzt seines grossen Bruders. Marastyal sind die Sekundanten des Dschihad. Man nimmt sie kaum wahr, obwohl sie den reibungslosen Ablauf des Kampfes ermöglichen. Sie stehen den Oberen mit Truppen zu Diensten, lancieren Angriffe, wann immer ihnen befohlen, und halten ihnen den Rücken frei.

Seit Mitte Mai steht Mansur ganz oben. Noch während die Koalitionstruppen die blutverschmierte Leiche seines Bruders der Weltpresse zur Schau stellten und dessen Tod als grössten Sieg seit Jahren feierten, berief der verborgene Taliban-Führer Mullah Omar Mansur zum neuen Militärchef. Kaum war er im Amt, folgte der «Ritterschlag»: Ein Kondolenzschreiben von Osama Bin Laden, in dem er ihm für sein neues Amt viel Glück wünschte. Auf Bin Laden angesprochen, sagte Mansur: «Er lebt, ist im Einsatz, und es geht ihm gut.»

Wie steht es um die Beziehung zwischen al-Qaida und den Taliban?
Wir pflegen einen warmen und freundlichen Umgang. Ihre Hauptziele sind auch die unseren.

Stimmt es, dass sich die Taliban Osama Bin Ladens Organisation unterstellt haben?
Nein. Die Taliban sind unabhängig, aber in unserem Kampf sind wir Hand in Hand mit Bin Laden vereint.

Das Taliban-Regime ist nach den Terroranschlägen von 9/11 kollabiert. Hatten Sie je Zweifel, ob es richtig war, Bin Laden unterstützt zu haben?
Wir kennen keine Zweifel. Die Geschichte wird uns recht geben. Dereinst werden sich die Leute erzählen, dass es ein heroisches Volk gab, das sich für einen islamischen Staat aufgeopfert hat.

Während sein Bruder jeweils vor der Kamera auftrumpfte, sich überall filmen liess und mit Journalisten sogar über Satellitentelefon kommunizierte, agiert Mansur vorsichtig, ängstlich fast. Für das Interview wählte er ein abgelegenes Haus. Um Rückschlüsse auf den Treffpunkt zu verunmöglichen, hängte er an der Wand hinter sich einen Tschador auf.

Dass Mansur mit dem hohen Kaderposten betraut wurde, verdanke er seinem berühmten Bruder, sind sich Taliban-Kenner einig. Mullah Dadullah war es auch, der Mansur in einem letzten kaltblütigen Akt aus dem Gefängnis freipresste. Im März liess er den italienisch-schweizerischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo entführen. Mit brutalem Geiselpoker erreichte er die Freilassung Mansurs und fünf anderer hoher Taliban-Funktionäre. Während der Journalist Mastrogiacomo davonkam, wurden dessen afghanische Mitarbeiter von den Taliban hingerichtet. Italiens Premier Prodi war betroffen. «Entsetzt» habe er von der Ermordung der afghanischen Helfer Kenntnis genommen. Die Italiener hatten stets den Eindruck erweckt, sie hätten sich für die Freilassung der beiden afghanischen Mitgefangenen eingesetzt. Im Interview berichtet Mansur nun, Rom habe die afghanischen Gefährten des Journalisten im Stich gelassen.

«Die italienische Regierung hat sich nur für die Loslösung von Mastrogiacomo eingesetzt.» Beteuerungen des Journalisten Mastrogiacomo, er habe gesehen, wie sein Übersetzer gleichzeitig mit ihm freigelassen wurde, bezeichnet Mansur als Lüge. «Der Deal drehte sich nur um Mastrogiacomo.»

Trotz erheblicher Verluste blickt Mansur voller Zuversicht in die Zukunft. Es fehle weder an Kämpfern noch an Waffen. Anschuldigungen der USA, der Iran rüste die Taliban mit Waffen aus, bezeichnet er als Lüge. Gesprächsangebote, wie sie wiederholt von Karzai vorgebracht wurden, schlägt er aus. «Karzai hat nichts unternommen, was ihn als vertrauenswürdigen Gesprächspartner auszeichnen würde.» Auf die Idee einer internationalen Friedenskonferenz unter Einschluss der Taliban, wie sie von europäischen Politikern angeregt wurde, reagiert Mansur skeptisch. Er glaube nicht, dass die Idee ernst zu nehmen sei. «Falls wir eine Einladung erhalten, wird unsere Führung darüber beraten.» Derweil steht für ihn die Taktik der Selbstmordattentate im Vordergrund. «Wir sind überzeugt, dass wir den Besatzermächten eine schmähliche Niederlage zufügen werden», sagt Dadullah zum Schluss des Gesprächs siegessicher. «Wir werden den Krieg gewinnen.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 26/07
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