In den Monaten nach jenem peinlichen 17. August 1998, an dem Bill Clinton gestand, seine Familie und sein Land über das Verhältnis mit Monica Lewinsky belogen zu haben, war Hillary Clinton plötzlich die meistbewunderte Frau der westlichen Welt.
Die üblichen Attribute wie eiskalt, berechnend oder machthungrig, mit denen die First Lady jahrelang bedacht worden war, schienen in Luft aufgelöst. Man sah Hillary Clinton in einer der erbärmlichsten Rollen, die einem angeworfen werden können: als vor aller Augen betrogene Ehefrau. Die Präsidentengattin blieb genau dort stehen, wo sie seit 23 Jahren immer gestanden hatte: dicht an der Seite von Bill Clinton. «Sie liebt ihren Mann und glaubt an den Präsidenten», stand in einem dürren Pressecommuniqué nach seinem Fernsehauftritt. Sie selber sagte nichts. Der Öffentlichkeit vom eigenen Mann als gutgläubi-ge Idiotin vorgeführt zu werden, ist mehr, als die meisten Frauen aushalten. Nicht alle verstanden, warum sie bei ihm blieb. Aber es berührte jeden.
Neun Jahre später ist Hillary Clinton eine erfahrene Senatorin und als erste Frau in den USA Favoritin für die demokratische Präsidentschaftskandidatur. Vor diesem nach dem Lewinsky-Skandal unvorstellbaren Comeback will man auch heute noch den Hut ziehen. Schwieriger geworden ist das Bewundern. In eigener Sache ist Hillary Clinton – elende und verbreitete Frauenkrankheit – so reserviert und spröde, wie sie im Einsatz für ihren Gatten rückhaltlos und leidenschaftlich war. Man hört und sieht ihr zu und spürt – nichts.
Die Kandidatin verbreitet konzentrierte Sachlichkeit. Wenn sie ihre kalibrierten Sätze vorbringt, sinkt die Raumtemperatur. Sie wirke elitär, sagte Schriftstellerin Naomi Wolf. «Herablassend» fällt einem eher ein, aber wenn «elitär» den Gegensatz zu «populär» meint, ist es das richtige Wort. Ihre Ideen zu Irak, Umwelt, Erziehung und Gesundheitswesen, den grossen Themen des Wahlkampfs, teilt zwar eine grosse Mehrheit der Demokraten und auch mancher gemässigte Republikaner. Was irritiert, sind nicht die Inhalte. Es ist die Kandidatin, die sich immer wieder mit dem Satz vorstellt: «Ich bin die berühmteste Frau, über die Sie wenig wissen.» Warum sagt ihr keiner ihrer Berater, dass der Satz Gift ist? Man hätte gerne eine Ahnung, wen, und nicht nur, was man wählt.
Undurchdringlichkeit ist für jeden Politiker ein Handicap. Man denke an den glücklosen John Kerry. Aber wenn eine Politikerin, die dem angeblich emotionaleren Geschlecht angehört, dasitzt wie eine Auster, ist das eine erheblich grössere Irritation als ein zugeknöpfter Mann. Von der gleichen Frau schwärmen Freunde, sie sei unglaublich warmherzig, habe einen scharfzüngigen Humor und sei umwerfend komisch, wenn sie eitle Politiker nachahme. Warum gönnt sie der Öffentlichkeit nicht einmal eine Andeutung davon?
Für die Demokratische Partei droht Hillary Clintons öffentliche Distanziertheit zum Wahlrisiko zu werden. In einer am 17. Juni von der Los Angeles Times veröffentlichten Umfrage sagte eine deutliche Mehrheit, sie wünsche sich eine demokratische Nachfolge für George W. Bush. Aber auf die konkrete Frage, wen sie von den beiden Spitzenkandidaten Hillary Clinton und Rudolph Giuliani wählen würden, sprachen sich zehn Prozent mehr für den Republikaner Giuliani als für Clinton aus. Selbst die weit hinter Giuliani zurückliegenden John McCain und der Mormone Mitt Romney wurden der Senatorin knapp vorgezogen. Hillarys demokratischer Konkurrent Barack Obama, mit nur zweieinhalb Jahren Senatserfahrung vergleichsweise ein Polit-Stift, liess alle drei Republikaner hinter sich.
Erwartungsgemäss gaben Wählerinnen Clinton den Vorzug, aber von den Wählern wurde sie mit weitaus grösserer Mehrheit abgelehnt. Dass Männer mit Politikerinnen hadern, ist keine Neuigkeit. «Viele würden sie nicht einmal wählen, wenn sie gegen Osama Bin Laden anträte», spottete Newsweek. Nicht zufällig umwirbt die Senatorin Frauen mit grossem Nachdruck. Ihr Problem: Das Millionenheer alleinstehender Frauen in den USA ist schwer an die Urnen zu bewegen. Nur 41 Prozent gaben 2004 ihre Stimme ab.
Ob Hillary Clinton sie mobilisieren kann, ist fraglich. Denn die Senatorin hat noch ein weiteres Frauenproblem. Auch wenn Frauen bestreiten, an Geschlechtsgenossinnen strengere Massstäbe zu legen als an Männer: Sie tun es. Amerikanerinnen wünschen sich als erste Frau im Weissen Haus eine kühne, bahnbrechende Persönlichkeit, keine routinierte Pragmatikerin, die eher von Umfrageergebnissen als von Visionen geleitet wird. Nur wenige beurteilen Clinton so harsch wie die Schauspielerin und Aktivistin Jane Fonda, die sie eine «Bauchrednerin des Patriarchats» nennt. Aber eine Frau der kühnen Entwürfe ist sie nicht.
Auf Umfragen, die 17 Monate vor der Wahl erhoben werden, ist erfahrungsgemäss wenig Verlass. Noch steht nicht einmal fest, ob das Kandidatenfeld komplett ist oder ob aussichtsreiche Namen wie der von Al Gore oder von New Yorks beliebtem Bürgermeister Michael Bloomberg, der soeben aus der Republikanischen Partei austrat, in letzter Minute dazukommen.
Sicher ist, dass der ferne Wahltermin für Hillary Clinton nicht von Vorteil ist. Barack Obama gewinnt mit jedem Auftritt an Profil, weil er neben gutem Aussehen und unkonventionellen Ideen eine Stimme hat, an der man sich nicht satthören kann. Die Meinungen über Hillary haben sich nach einem kurzen kollektiven Enthusiasmus längst wieder polarisiert. Wem sie schon immer missfiel, frohlockt über ihre zweifelhaften Aussichten. Wer sie schätzt und im Weissen Haus sehen möchte, ist enttäuscht über ihre Profilarmut. Kantig an ihr ist einzig der Mund, wenn jemand auf dem Podium etwas sagt, was ihr missfällt.
Letzteres wird sie zweifellos korrigieren, nachdem sich Fernsehkommentatoren nach der jüngsten Debatte der demokratischen Kandidaten ausgiebig über ihr strafendes Zuhör-Gesicht mokierten. Dieselben Kommentatoren, demokratische wie republikanische, bescheinigten ihr einhellig, die Diskussion souverän dominiert zu haben. Jedem andern Kandidaten brächte ein solches Votum Punkte. Ihr nicht unbedingt. Ein Ausrutscher wäre beruhigender gewesen. Niemand will einen Null-Fehler-Präsidenten.
«Man würde sie gerne mögen»
Über Hillary Clinton, ihren Mann, ihre Ehe, ihre Karrieren und Frisuren wissen Amerikaner mehr, als sie über die meisten ihrer eigenen Bekannten je in Erfahrung bringen. Das Erstaunliche ist, wie sehr das Gefühl der Fremdheit dennoch anhält. New Yorker-Autorin Elizabeth Kolbert, die Clinton mehrfach auf Dienstreisen begleitete und interviewte, beschreibt sie als «smart und engagiert, wann immer es um Politik ging. Wenn das Thema persönlich wurde, war es, als rede man mit jemandem durch mehrere Schichten Plexiglas. Natürlich wollte ich zur ‹wahren› Hillary vorstossen. Ich kam nicht einmal in die Nähe.»
Über zwanzig Hillary-Biografien sind bisher erschienen, mehr als über jeden andern Kandidaten, kritische, bewundernde, niederträchtige. Die meisten enden nach ein paar hundert Seiten mit der Einsicht, dass die wahre Hillary nicht zu fassen sei. Watergate-Enthüller Carl Bernstein, der Anfang Juni das um Fairness bemühte, 600-seitige Buch «A Woman in Charge» veröffentlichte (siehe Interview Seite 34), sagt nach sieben Jahren Recherche: «Sie sollte endlich zeigen, wer sie wirklich ist. Ich würde sie gerne mögen. Aber sie hat sich immer weiter von dem entfernt, was die, die sie am besten kennen, als Kern ihres Wesens bezeichnen. Es ist dieses Unechte, das wir zunehmend sehen.» Hillarys Kern, sagen Freunde, seien immer das Feuer für Politik und ihre Überzeugung gewesen, etwas für ihr Land ausrichten zu können.
Eine häufig geäusserte Vermutung für ihren Mangel an wahrnehmbarer Authentizität: Unsicherheit. «Hillary hat enormes politisches Talent. Aber das Wichtigste, was man über sie wissen muss, ist, dass sie nicht die selbstsichere Person ist, als die sie auftritt. Darunter steckt ein sehr empfindliches, sehr defensives Ego», diagnostizierte die Zeitschrift Vanity Fair in einer Reportage über Clintons ersten New Yorker Senatswahlkampf.
Der Eindruck ist acht Jahre später derselbe. Sie hat sich ein souveränes Auftreten zugelegt. Aber die einzige Stärke, mit der sie auftrumpft, ist Intellekt. Angela Merkel, in Äusserlichkeiten zweifellos eine der uneitelsten Politikerinnen der Welt, jubelte Deutschlands Elf bei der Fussball-WM so hinreissend linkisch zu, dass man sie umarmen wollte, wo immer man politisch steht. Sie freute sich, und ob dabei der Jackenknopf unvorteilhaft spannte, war nicht ihr Problem. Clinton würde sich solche Unbekümmertheit nie erlauben. Sie ist ein Kontrollfreak – ein modernes Synonym für Unsicherheit.
Wenn Bill Clinton redet, will er den hinterletzten Zuhörer erobern, weil er weiss, dass er das kann. Seine Frau traut sich das nicht zu. Bis heute spricht sie nicht mit den Medien, wenn sie es vermeiden kann. Die Clintons sind sich in ihrer Verachtung für Journalisten, wie in vielem, einig. «Aber sie schmettert sie ab, während Bill zwei Stunden mit ihnen redet, weil er weiss, dass er sie einwickeln wird», sagte einer seiner Berater.
Interessanterweise war die Frage, wer Hillary Clinton wirklich ist, jahrelang keine. Sie war die Frau, die ihren Mann mit Zähnen und Klauen gegen alle Enthüllerinnen verteidigte, die – meist zu Recht – behaupteten, mit Bill Clinton Sex gehabt zu haben. Und die sich nie scheute, diese Frauen zu denunzieren, als sei ihr Mann ein Opfer und nicht als Frauenheld ein notorischer Serientäter. Es war ein sehr unschwesterliches Verhalten und wurde von den Feministinnen unter ihren Fans geflissentlich totgeschwiegen. Als mitten in Bill Clintons erstem Wahlkampf um die Präsidentschaft die Nachtklubsängerin Gennifer Flowers sagte, sie habe eine achtjährige Beziehung mit ihm gehabt, verteidigte ihn Hillary: «Er will Präsident werden, nicht Papst.» Das war witzig, nicht kalt. Aber es teilte die Nation auf Anhieb.
Bernstein beschreibt Hillary Clinton als eine weitaus religiösere Person als gemeinhin bekannt, als sehr unöffentliche Gläubige mit einem fast messianischen Sendungsbewusstsein und als eine Frau, für die Scheidung nie eine Option war. Ebenso wenig wie für ihre Mutter Dorothy, die als Kind von ihren Eltern an die Grossmutter abgeschoben worden war und beschlossen hatte, ihren Kindern Ähnliches unter allen Umständen zu ersparen.
Grund zur Scheidung war nach Aussagen aus Hillarys frühem Bekanntenkreis bei den Rodhams reichlich vorhanden: Der stramm republikanische Textilkaufmann Hugh Rodham war ein «schwieriger Mann, der seinen Stock nicht schonte», wie Hillary Clinton in ihrer Autobiografie «Living History» sagt. Andere schilderten ihn als bitter, geizig, rassistisch, grausam und gewalttätig. «Sie wohnen und essen hier gratis. Wir werden sie nicht auch noch bezahlen», war die Begründung für seine Weigerung, den Kindern ein Taschengeld zu geben. Fortschrittlich war Rodham einzig im Ehrgeiz für seine Tochter. Sie sollte genauso exklusiv ausgebildet werden wie ihre beiden Brüder. Ihre Mutter sah sie als erste Frau im Obersten Gerichtshof. Hillary hatte höherfliegende Pläne: Mit vierzehn bewarb sie sich als Volontärin bei der Nasa. Man berücksichtige keine weiblichen Bewerbungen, hiess es in der Antwort.
Gesundheitsreform als Desaster
Die streng protestantisch erzogene und als Teenager in der Republikanischen Partei engagierte Hillary begann sich erst als Studentin für die Ideen der Demokraten zu erwärmen. Der Anwalt Geoff Shields, mit dem sie eine fast dreijährige Beziehung hatte, sagt, sie sei auch dann noch «persönlich sehr konservativ» geblieben. Sie sei eine frohe Partygängerin und durchaus keine keusche Studentin gewesen, aber die rasselnden 68er Ideologien interessierten sie nicht: «Was sie begeisterte, waren Kampagnen, in denen sie konkret etwas machen konnte.» Hillary schrieb an ihren Methodisten-Pfarrer und Mentor: «Kann man im Kopf konservativ und im Herzen linksliberal sein?»
Warum sie nicht von Anfang an eine eigene politische Karriere verfolgte, hat die Juristin nie erklärt. Tatsache ist, dass sie ihre Anwaltskarriere – sie figurierte mehrmals auf der Liste der besten US-Anwälte – konsequent den politischen Plänen Bill Clintons unterordnete, den sie in Yale kennengelernt hatte.
Hillary Clintons einziger grosser Polit-Auftritt während der Präsidentschaft ihres Mannes endete in einem Desaster, von dem viele glauben, sie habe es durch ihre Uneinsichtigkeit verursacht. Trotz Zweifeln von Experten ernannte Clinton sie zur Chefin seiner Task-Force zur Reformierung des Gesundheitswesens. Der Grund, behauptet ein anonymer Abgeordneter in «A Woman in Charge», sei rein häuslicher Natur gewesen: «Sie hatte ihm während der Schlammschlacht um Gennifer Flowers geholfen. Er war ihr etwas schuldig. Und das war, was sie dafür wollte.»
500 Mitarbeiter in 35 verschiedenen Komitees arbeiteten unter höchster Verschwiegenheit Unmengen von Dokumenten aus. Bei einem Treffen demokratischer Senatoren wurde Hillary Clinton 1993 gefragt, ob es realistisch sei, angesichts aller anderen anstehenden Gesetzesinitiativen eine so umfassende Reform voranzutreiben. Sie antwortete, die Regierung sei bereit, sämtliche Senatoren zu verunglimpfen, die sich den Empfehlungen der Task-Force widersetzten. «Damit», erzählte Senator Bill Bradley, «war sie für mich erledigt. Man sagt Senatoren nicht, man werde sie verunglimpfen. Man nimmt nicht an, Menschen mit Fragen seien Feinde.»
Als der über tausendseitige Gesetzesentwurf vorgelegt wurde, war kaum jemand in der Lage, ihn zu durchblicken. Demokraten wie Republikaner machten Vorschläge, die Reform zu vereinfachen und zu retten. Hillary Clinton akzeptierte keine Kritik. 1994 verloren die Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus die Mehrheit. Die gescheiterte Gesundheitsreform war ein entscheidender Grund.
Zur Niederlage kamen bis heute unbewiesene Vorwürfe, Hillary Clinton habe sich an den Whitewater-Immobilien in Arkansas unrechtmässig bereichert. Sie zog sich zurück. Im Wahlkampf für Clintons zweite Amtszeit fehlten die Wörter power couple und Billary. Hillary Clintons Beliebtheit war nie tiefer gewesen. Sie besuchte Krankenhäuser, zeigte sich mit ständig neuen Frisuren – untrügliches Indiz weiblicher Verunsicherung – und reiste, wenn immer möglich, ins Ausland. Die feministische Publizistin Gloria Steinem schrieb: «Ich vermisse sie.»
Zwei Jahre später explodierte der Lewinsky-Skandal.
«Was ich in den nächsten Tagen und Wochen tat und sagte, würde nicht nur Bills und meine Zukunft beeinflussen, sondern auch die Amerikas. Auch meine Ehe lag auf der Waagschale, und ich war keineswegs sicher, ob die Schale nach oben oder unten gehen würde oder sollte», schrieb sie in ihrer Autobiografie. Die Popularitätsrate der First Lady schnellte erstmals seit ihrem Einzug ins Weisse Haus auf über siebzig Prozent. «Sie hat sich im Nahkampf um ihren Mann nahezu erschöpft», schrieb hingerissen der damalige Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, nie als Feministinnen-Freund bekannt.
Darüber, warum Hillary Clinton in jenen Monaten, die zur Abstimmung über Clintons Amtsenthebung führten, über eine eigenständige politische Karriere nachdachte, gibt es mehrere Mutmassungen. Die interessanteste ist Bernsteins Überzeugung, Hillary Clinton sei der Gedanke unerträglich gewesen, alles, was von Clintons Präsidentschaft haften bleiben werde, sei Monica Lewinsky.
«Vor Lewinsky hatte sie keine Pläne für ein politisches Amt», glaubt Bernstein. «Nun suchte sie eine Erlösung, für sich, für ihren Mann und für die Präsidentschaft.» Am 12.?Februar 1999 lehnte eine Mehrheit im US-Kongress Bill Clintons Amtsenthebung ab. Während die ganze Nation in den Fernseher starrte, sassen Hillary Clinton und ihr Berater Harold Ickes über einer Karte des Staates New York und berieten über die Chancen der First Lady, für den Sitz des zurücktretenden New Yorker Senators Patrick Moynihan zu kandidieren. Hillary Clinton hatte noch nie in New York gelebt. Die New Yorker hatten noch nie eine Frau in den Senat gewählt. Dennoch gewann sie die Wahl mit 12 Prozent Vorsprung auf ihren republikanischen Konkurrenten.
Gewaltiges Misstrauen im Senat
Das gewaltige Misstrauen, das die Ankunft der berühmten Newcomerin im Senat auslöste, erwies sich als unbegründet. Hillary Clinton benahm sich in der von Männern dominierten Kammer äusserst zurückhaltend. Sie beschied sich mit unglamourösen Arbeitsräumen, mied die Medien und erwies sich als begeisterte Umarmerin und selbstironische Kaffeebringerin. Sie suchte nicht nur den Rat erfahrener Demokraten, sondern genauso den der Republikaner, die ihren Mann aus dem Amt hatten heben wollen. Die angeblich unversöhnliche Präsidentengattin trat als lernwillige, verhandlungsbereite Senatorin auf, die sich vor allem um New York kümmerte und sich von grossen nationalen Debatten fernhielt. 2006 wurde sie mit 67 Prozent der Stimmen wiedergewählt.
Seit sie Anwärterin auf die Präsidentschaftskandidatur ist, interessiert allerdings kaum noch, welche Summen sie für New Yorks Wiederaufbau nach dem 11. September aushandelte und wie viele Dörfer im Hinterland von New York City dank ihrem Einsatz DSL-Anschluss haben. Das Wichtigste, was man heute von Hillary Clinton wissen will, ist, warum sie am 11. Oktober 2002 für die Kriegsermächtigung an George W. Bush stimmte.
Neben Hillary Clinton stimmte von den demokratischen Spitzenkandidaten auch John Edwards der Resolution zu. Er sagt heute, es sei ein Fehler gewesen. Niemand hat damit Probleme. Hillary Clinton sagte am Abstimmungstag im Senat, es sei «wahrscheinlich die härteste Entscheidung, die ich je treffen musste», aber sie gebe ihr Votum mit Überzeugung ab, denn die Geheimdienstberichte über Massenvernichtungswaffen und die irakische Deckung von al-Qaida seien eindeutig.
Fünf Jahre später wollen es die Wählerinnen und Wähler genau wissen: Hatte sie den vor der Abstimmung nur Kongressmitgliedern zugänglichen und bis heute weitgehend unveröffentlichten Geheimbericht gelesen, der nicht nur auflistete, was die CIA zu wissen meinte, sondern auch, was sie nicht wusste? Ihr Kollege Bob Graham, damals Senator für Florida, las ihn und stellte fest, dass die Nachweise für Massenvernichtungswaffen sehr dünn waren. Er drängte seine Kollegen, den Bericht zu lesen, und stimmte auf Grund des Berichts gegen die Resolution.
Übliches Politikervergehen
Hillary Clinton weigerte sich monatelang, die einfache Frage zu beantworten, ob sie den Report gelesen habe. Stattdessen fiel der Senatorin, die den Krieg länger als die meisten Demokraten unterstützt hatte, 2006 ein, warum ihr Ja damals richtig schien: Sie habe die Resolution für eine Entscheidung gehalten, der Diplomatie zum Durchbruch zu verhelfen, und erwartet, der Präsident werde bei der Uno eine Rückkehr der Waffeninspektoren in den Irak durchsetzen. Allen andern Senatoren war offenbar klar, dass sie George W. Bush damit zu einem Präventivschlag ermächtigten.
Die eigene Wahrheit den jeweiligen Umfrageergebnissen anzupassen, ist ein in allen Lagern übliches Politikervergehen. Und als demokratische Präsidentschaftskandidatin und damit potenziell nächste Oberbefehlshaberin der amerikanischen Streitkräfte hat Hillary Clinton ein Problem, das ihre männlichen Konkurrenten in weit geringerem Mass beschäftigt: Sie muss beweisen, dass sie harte Entscheidungen fällen kann. Keinesfalls wollte sie zu früh als Taube auftreten. Inzwischen ist ihre Opposition gegen den Irakkrieg radikal. Gefragt, was ihre erste Amtshandlung als Präsidentin wäre, sagte sie Anfang Juni: «Unsere Truppen heimbringen, wenn Präsident Bush den Krieg im Irak noch nicht beendet hat.»
Billary ist als Wahlslogan mehr tabu denn je. Aber Bill Clinton, daran hat niemand Zweifel, würde der wichtigste Berater seiner Frau, genauso, wie sie immer seine wichtigste Beraterin gewesen war. Die Frage, wie sie Bill Clinton einsetzen würden, wenn sie ins Weisse Haus einzögen, wurde während der letzten Debatte allen demokratischen Kandidaten gestellt.
Als Reaktion auf die Frage sah und hörte man Hillary Clinton plötzlich laut und fröhlich lachen, bevor sie eine ganze Latte von Vorschlägen unterbreitete, wo ihr Mann dem Land hervorragend dienen könnte: im Irak, im Nahen Osten, bei der Uno. Dann hielt sie plötzlich inne und sah eine Sekunde lang sehr verlegen aus, als habe sie sich erwischen lassen. Es war der Moment, wo man dachte, ja, die will man wählen.
Amerika ist im Wahlfieber. Die Kandidaten bringen sich in Position. Zurzeit liegt die Demokratin Hillary Clinton gemäss dem Durchschnitt aus den letzten repräsentativen Umfragen mit 36,3 Prozent vorn. Spitzenreiter bei den Republikanern ist Rudy Giuliani (26,1 Prozent). Doch der ferne Wahltermin, findet Beatrice Schlag, sei nicht von Vorteil für Hillary Clinton. «Die Meinungen über Hillary haben sich nach einem kurzen kollektiven Enthusiasmus längst wieder polarisiert», schreibt sie. Ihre öffentliche Distanziertheit drohe zum Wahlrisiko für die Partei zu werden. Zwar bescheinigten ihr die Fernsehkommentatoren nach der jüngsten Debatte einhellig, die Diskussion souverän dominiert zu haben. «Jedem andern Kandidaten brächte ein solches Votum Punkte», so Schlag. «Ihr nicht unbedingt. Ein Ausrutscher wäre beruhigender gewesen.»
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Frage: Hillary for President?
www.weltwoche.ch/umfrage
27.06.2007, Ausgabe 26/07
Hillary Clinton
Die Auster
Als First Lady Amerikas kämpfte sie mit glühender Hingabe um die Ehre ihres Mannes. In ihrem eigenen Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten verströmt Hillary Clinton die Emotionalität einer Parkuhr.

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