Die meisten Leser des aus dem Französischen übersetzten Gesprächsbandes Jean-François Bergiers mit Bertrand Müller und Pietro Boschetti werden sich wohl auf die etwa 75 Seiten des 279-seitigen Buches konzentrieren, die den Porträtierten als Präsidenten der «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg» (UEK) zeigen. Aber die Lektüre der andern Kapitel, die vom wissenschaftlichen Werdegang und von den mehr grundsätzlichen Positionsbezügen Bergiers handeln, haben mindestens mir gezeigt, wieso mich das Wirken eines sympathischen Menschen, dessen Thesen ich mit Ausnahme der integrationspolitischen weitgehend teile, als Vertreter der UEK so perplex liess. Und mit dieser Aussage habe ich wohl wieder einen jener «seltsam zweideutigen» Sätze von «boshafter Verbissenheit» verfasst, mit denen er sich von mir als damaligem Kommentator der NZZ offenbar in besonderem Masse verfolgt sah.
Über die Arbeit der Kommission erfährt der Leser zwar nicht besonders viel. Der Text ist eher ein Bericht darüber, wie deren Präsident sie erlebte, und deshalb vor allem anekdotisch. Etwas anderes wäre angesichts des Umfangs der Untersuchungsarbeit wohl kaum möglich gewesen. Aber man hätte von den Befragern doch einen weniger apologetischen Umgang mit ihrem Gesprächspartner erwarten dürfen. So ist dieser zwar recht grosszügig im Austeilen von Vorwürfen an die «classe politique», welche die Ergebnisse der Forschungsarbeit ignoriert habe.
Aber nirgends fragt sich Bergier, oder wird befragt, ob das, soweit es zutraf, vielleicht auch von ihm mitverschuldet gewesen sein -konnte. Ob es zum Beispiel eine Folge der manifesten Vorurteile war, mit denen die Kommission mehr in der Art einer Anklagebehörde als eines Gerichts an ihre Arbeit heranging.
Instrumente des Lehrers
Bergier erscheint im Buch als ein Historiker, der – anders als der Zeitgeist – den Stellenwert von Mythen für nationale Identitäten kennt. Er hätte erkennen müssen, dass man einem Volk, das einen positiv besetzten Weltkriegsmythos pflegt, mit den didaktischen Instrumenten des Lehrers begegnen sollte. Die Kritik hätten die Schweizer nämlich akzeptiert, wenn man sie mit einer gehörigen und sich gerade etwa in den Bereichen der Flüchtlingspraxis und der Ablehnung des Faschismus auch gehörenden Portion Lob gemischt hätte. Das, die verpasste Chance einer nachhaltigen Aufklärung, ist der zentrale Vorwurf, den ich der UEK machte und mache. Der Versuch Bergiers, die «classe politique» dem «Schweizer» gegenüberzustellen, dem es ein «inneres Bedürfnis» gewesen sei, «die Wirklichkeit in ihrem ganzen Ausmass zu erfahren», ist die realitätsferne Konstruktion eines Trostmythos für sich selbst.
Ausbleibender Applaus
Statt den «Arbeitskreis Gelebte Geschichte» als primitiv zu beschimpfen (pikanterweise ist «Gelebte Geschichte» auch der Untertitel des vorliegenden Buches), hätte Bergier besser daran getan, sich rechtzeitig zu fragen, wieso diese Leute so empfindlich reagierten. Und er hätte einen wesentlichen Teil der Antwort bei der Tatsache gefunden, dass die UEK die Aussagen von Zeitzeugen sträflich vernachlässig-te, obschon die Geschichtswissenschaft durchaus über Instrumente für den Umgang mit idealisierten Erinnerungen verfügt.
An verschiedenen Stellen des Buchs weist Bergier mit Genugtuung auf die Tatsache hin, dass er den offiziellen Applaus, der ihm in der Schweiz weitgehend versagt blieb, reichlich im Ausland bekam. Aber nirgends fragt er
sich, ob er dort, zum Beispiel in den USA, nicht auch instrumentalisiert worden sei. Ende Mai bezeichnete zum Beispiel einer der damals schärfsten israelischen Kritiker der Schweiz, Abraham Burg in der Aargauer Zeitung, die ganze Aktion als einen brillanten PR-Erfolg, auch wenn niemand mit dem Ergebnis wirklich zufrieden gewesen sei.
Interessante Hinweise macht Bergier zu seinen schweizerischen Kollegen, die er alle positiv beurteilt. Nicht allerdings ohne kritische Nebentöne bei zweien: Georg Kreis hatte ein autoritäres Temperament und wenig Flexibilität, Jacques Picard konnte keine Menschen führen. Besonders gut scheint Bergiers Verhältnis zu den Juristen gewesen zu sein, zunächst zu Joseph Voyame und dann zu dessen Nachfolger Daniel Thürer. Beide sollen sich aber in der Kommission nicht besonders wohl gefühlt haben. Und so kann man sich natürlich die Frage stellen, ob ihre Skepsis den dort tonangebenden Theorien gegenüber bei Bergier vielleicht Saiten anklingen liess, die er um der Harmonie willen unterdrückte.
Denn gar nicht setzt sich Bergier mit dem Phänomen auseinander, dass die Arbeit der UEK zwar bei der jüngern Historikergeneration, zu der auch seine Kollegen in der Kommission gehörten, auf Zustimmung stiess, nicht jedoch bei der älteren. Tatsächlich wäre es schwer, wenn man nicht das zentrale Kapitel des Buches gelesen hätte, sich einen Historiker vorzustellen, der weniger dazu neigen würde, vergangenes Handeln aus dem Heute heraus zu konstruieren, wie das die «Vatermörder» der UEK taten, als Jean-François Bergier.
Jean-François Bergier im Gespräch mit Bertrand Müller und Pietro Boschetti: Gelebte Geschichte.
Verlag Neue Zürcher Zeitung. 279 S., Fr. 42.–













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