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20.06.2007, Ausgabe 25/07

Roger Köppel

Tagebuch

Federer und Wimbledon. Bundesrätin Calmy-Reys Irrungen. Bruce Willis. Hannah Arendt. Lötschberg-Eröffnung.

Von Roger Köppel

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Was macht Federer? Am nächsten Montag startet Wimbledon. Die Schweiz hält den Atem an. Wie nachhaltig war die Entzauberung Roger Federers durch Rafael Nadal in Roland-Garros? Erleben wir die Wende an der Spitze des Welttennis, wie unser Mitarbeiter Simon Kuper letzte Woche deutete? Griesgrämiger, deprimierter hat man den Schweizer nie gesehen. Einem Leserbriefschreiber ist in dieser Ausgabe aufgefallen, dass der Federer-Bezwinger über unglaubliche Muskelpakete verfügt. Sein Körperbau erinnere an einen Hundertmetersprinter – oder an einen Ochsen. Die Frage eines schlechten Verlierers schliesst sich an: Wie hat sich Nadal auf dieses Niveau hochgestemmt? Noch hat ihn niemand in kurzen Hosen gesehen. Seine Oberschenkel bleiben sein bestgehütetes Geheimnis. Ich erinnere mich an ein Training des gedopten Sprinters Ben Johnson in Zürich. Die Waden waren dick, die Oberschenkel aufgepumptes Muskelfleisch. Nadal wirkt nicht viel schmächtiger. Wie hat er es geschafft, neben all dem Bodybuilding-Training Tennis zu erlernen? «Sag, dass es nicht wahr ist, Ben», schrieb 1988 die Weltwoche nach Johnsons Disqualifizierung an den Spielen von Seoul.

Micheline Calmy-Reys Holocaust-Seminar. Der Tages-Anzeiger vom Dienstag spricht in einer Meldung vom «angeblichen Vorschlag» der Bundespräsidentin, ein Seminar zur unterschiedlichen Perzeption des Holocausts zu organisieren. Wie die Weltwoche berichtete, handelt es sich nicht um einen angeblichen, sondern um einen tatsächlichen Vorschlag, den Calmy-Rey heute nach Kräften verwedelt. Im Tagi sagt sie, die Weltwoche-Darstellung, «sie hätte ein Treffen dieser Art gefordert», sei «die aufgewendete Druckerschwärze nicht wert». Abermals bezichtigt die Aussenministerin dieses Blatt der Verbreitung von Unwahrheiten, obschon unsere Autoren Gehriger und Heumann längst das entsprechende Beleg-material veröffentlichten. So ganz allerdings traut sich Calmy-Rey nicht über den Weg. Denn obwohl die Weltwoche angeblich falsche Tatsachen vermeldet, hat die Departementsvorsteherin eine Administrativuntersuchung lanciert, um das Leck aufzuspüren, das die Bekanntmachung jener angeblichen Seminaridee bewirkte, die es nach Aussage der Bundesrätin gar nicht gibt. Die Wege unserer Aussenpolitik werden immer unergründlicher.

Hilfe für Afrika. Nachtrag zum Weltgipfel von Heiligendamm. Abermals werden knapp 50 Milliarden Euro zur Bekämpfung von Malaria, Aids und Armut nach Afrika verschoben. Schon vor zwei Jahren in Gleneagles sprach die Weltgemein-schaft ihre Milliarden. Armutsaktivist Bono nannte es den «Anfang vom Ende der Armut». Wir nennen es die Ersetzung der Politik durch folgenlose Rituale. Was ist passiert nach Gleneagles? Sind in Heiligendamm die Gelder geprüft worden? Gab es eine Erfolgskontrolle? Gab es Kriterien des Erfolgs? Nein. Die Mobilisierung der Milliarden ist wichtiger als die Resultate, die erzielt werden sollen. Jeder Abteilungsleiter muss sorgfältiger wirtschaften.

Hannah Arendt. Am Wochenende ist mir wieder einmal ein Buch der deutsch-amerikanischen Philosophin Hannah Arendt («Eichmann in Jerusalem») in die Hände gefallen. Der Text beschäftigt sich mit Macht und Gewalt. Die Begriffe werden fälschlicherweise oft synonym verwendet. Die Unterschiede liegen offen zutage: Gewalt kommt aus Gewehrläufen. Sie reproduziert sich über Furcht und – durch Gewalt. Macht trägt ein Moment der freiwilligen Anerkennung in sich. Wie es der Soziologe Max Weber sinngemäss ausdrückte: Macht benennt die Chance, auf eine bestimmte Anordnung Gehorsam zu finden. Keine Macht ohne Autorität und keine Autorität ohne ein Ethos der Überzeugung. Woher die Dämonisierung der Macht herrührt, ist rätselhaft. Macht ist das Resultat einer Beziehung, die von beiden Seiten gekündigt werden kann. Was hat Macht mit Gewalt zu tun? Gewalt kann Macht erzeugen, aber sie zehrt sich selber auf. Wie lange das dauert, hängt vom Ausmass der Gewalt und der Leidensfähigkeit der Machtunterworfenen ab.

Bruce Willis. Bald kommt der neue «Die Hard» ins Kino. Der Film markiert das souveräne Alterswerk des grossen Actionstars. Willis kam nach Schwarzenegger, Stallone und dem unsterblichen Schweden Dolph «I have to break you» Lundgren. Im Kreis der Muskelmänner stand Willis für Ironie und die Tugenden des amerikanischen Fabrikarbeiters, der im zerfetzten Unterleibchen das Böse von der Leinwand kippt. Unvergesslich bleibt die Szene, als Willis in «Armageddon» einen Haufen Schwerverbrecher an einem Sitzungstisch versammelt, um sie dazu zu überreden, mit einer Raumkapsel einen Meteoriten zu entern, einen Bombenkanal zu legen, den Himmelskörper in die Luft zu sprengen, um die Welt vor dem sicheren Untergang zu retten. Die Dialogzeile ist ein Meileinstein des Popcorn-Kinos: «American President asked us to save the world. Any objections?» Keine Einwände. Gross.

Jubel auf Vorrat am Lötschberg. Die Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels erinnerte an eine Gleiserweiterungsbegehung der Zürcher Glatttalbahn. Die Stimmung war nicht gedrückt, aber auch nicht euphorisch. Verhaltener Optimismus war zu spüren, als die Gäste den Tunnel besichtigten, was besichtigen auch immer heissen mag in einer 34,6 Kilometer langen Felsröhre. Man erinnert sich an die Versprechen des damaligen Bundesrats Ogi, als er 1992 betonte, die Neat werde sich wirtschaftlich selber tragen. Kurz darauf errechneten Wirtschaftsprüfer ein Defizit von 300 Milliarden Franken innerhalb von vierzig Jahren. Ogi wurde verschoben, die Finanzierung musste dreimal geändert werden. Heute zahlt der Staat, also der Schweizer Steuerzahler, die gesamte Infrastruktur. Von Eigenwirtschaftlichkeit spricht niemand mehr. Ist es eine grossartige patriotische Kraftanstrengung, wie Verkehrspolitiker behaupten? Von Schwindel war bereits die Rede. Man müsste es einen gewaltigen Betrug am Bürger nennen.

Audiofile zum Artikel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 25/07
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