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20.06.2007, Ausgabe 25/07

Kommentar

Der lange Arm der Gotteskrieger

Der Blitzsieg der Hamas in Gaza ist das Resultat langjähriger, stiller Vorbereitung. Er stärkt die Koranfanatiker im ganzen Mittleren Osten.

Von Pierre Heumann

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Der militärische Sieg der radikalislamistischen Hamas im gefährlichsten Brennpunkt der Welt ist Sprengstoff für den Mittleren Osten mit Auswirkungen bis nach Europa. Denn in Gaza hat nicht nur die Hamas gewonnen, sondern mit ihr auch der Iran, das Al-Qaida-Netzwerk sowie die Muslimbrüder in Jordanien und Ägypten. Sie sind heute für den heiligen Krieg gegen den Westen besser gewappnet als je zuvor – strategisch, taktisch und moralisch.

Weil der Iran die Hamas finanziert und kontrolliert, steht an Israels Südgrenze jetzt faktisch eine Division der iranischen Armee. Seit Monaten hat die islamische Republik der Hamas Waffen und Koffer voll Geld überlassen, die durch die Tunnels zwischen Ägypten und dem Gazastreifen geschmuggelt wurden. Zudem wurden auf Kosten des Iran mehrere Tausend Hamas-Kämpfer trainiert, die sich im sechstägigen Bruderkrieg gegen die Fatah bestens bewährt haben.

Jetzt fährt Teheran die Ernte der militärischen Aufrüstung ein. Die Republik ist nicht nur im Libanon mit einer Stellvertretertruppe, der Hisbollah, präsent, sondern auch in Gaza. Dieses Doppelpaket könnte dem Iran spätestens dann gute Dienste leisten, wenn es wegen seiner atomaren Aufrüstung zu einem Krieg mit Israel kommen sollte.

Der Hamas-Sieg in Gaza ist auch für das globale Netzwerk al-Qaida ein Grund zum Feiern. Erst kürzlich kritisierte einer der engsten Verbündeten von Osama Bin Laden die Hamas als «zu moderat», weil sie der nationalen Einheits-regierung zugestimmt hatte. Nach dem Putsch des radikalen Hamas-Flügels gegen die säkulare Fatah, welche die Sicherheitskräfte befehligt hatte, ziehen al-Qaida und die Hamas wieder am selben Strick. Der von al-Qaida als «zu gemässigt» getadelte Ismail Hanije bleibt zwar formell an der Spitze der Hamas-Regierung in Gaza. Aber er hat keine Macht mehr. Das Sagen haben der Chef des Politbüros in Damaskus, Chaled Maschal, sowie die Anführer der Kassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas. Sie bestimmen künftig, wo es in Gaza langgeht. Und die Richtung, die sie vorgeben werden, entspricht voll und ganz dem Credo von al-Qaida: «Dschihad.»

Motivationsspritze

Bereits vor knapp zwei Jahren liessen sich die ersten Al-Qaida-Zellen im südlichen Gaza-streifen nieder. Sie waren aus Ägypten, dem Sudan und dem Jemen eingedrungen und verbündeten sich mit lokalen Gangster-Clans. Weil die palästinensische Regierung schwach war, konnte der Dschihadismus gedeihen. Worauf die Hamas ihre Beziehungen zur Al-Qaida-Führung intensivierte, mit entsprechenden Synergie-Effekten. Die Hamas und der lokale Ableger von al-Qaida kooperieren zum Beispiel bei Angriffen gegen Israel oder haben auch schon gemeinsam Attacken auf ägyptische Ziele im Sinai geplant und ausgeführt.

Der Erfolg der Hamas strahlt in den ganzen arabischen Raum aus. Er verabreicht der islamischen Bewegung im Osten eine kräftige Motivationsspritze und hebt die Moral der Islamisten. Denn erstmals seit drei Jahrzehnten, als im Iran der Schah gestürzt wurde, ist eine islamische Revolution von der Basis her gelungen. Die Muslimbrüder in Ägypten und in Jordanien, aber auch fundamentalistische Bewegungen in Nordafrika haben am Bildschirm live mit ansehen können, wie Palästinensern das geglückt ist, wovon sie seit langem träumen: nämlich den Staat und dessen Sicherheitskräfte unter ihre Kontrolle zu bringen. Um dann mit simplen «Lösungen» die hartnäckigen Probleme arabischer Gesellschaften anzugehen: eine Rückkehr zur Basis des Koran, zu den Prinzipien des Islam.

Doch es wäre falsch, den Sieg der -Hamas über die säkulare Fatah bloss der Unterstützung der Ajatollahs oder der Verbindung mit al-Qaida zuzuschreiben und nur den waffentechnischen Aspekt zu sehen. Die Gewehre und Mörser waren lediglich die letzten Instrumente in einer langen Kette von Vorbereitungen, mit denen die Hamas das Terrain für die Machtübernahme in Gaza vorbereitet hatte, geduldig, systematisch, zielgerichtet. Der Putsch gegen die Fatah war der letzte Schritt einer langen, gutgeplanten Reise. Vor Jahren bereits eroberte die Hamas die Berufsverbände und Universitätsinstitutionen, baute Moscheen und besetzte deren Wohlfahrtsinstitutionen, offerierte Koranstunden und kümmerte sich intensiv um schulische Einrichtungen, auf dass ihre Ideologie schon bei der Jugend eingepflanzt werde. Dieselben Absichten verfolgt sie, wenn sie Sozialarbeiter in den Flüchtlingslagern finanziert und die Hinterbliebenen von getöteten Militanten unterstützt. So schuf sich die Hamas eine treue Anhängerschaft, ihr Ziel stets vor Augen: den Gottesstaat unter Führung der Radikalislamisten.

Ihr Marsch durch die Institutionen ist beispielhaft, und er lässt sich mit Variationen im ganzen Mittleren Osten beobachten, wo Islamisten ebenfalls an die Macht wollen. Der Erfolg der Hamas ist indessen nicht nur für jene eine Lehre. Er sollte auch dem Westen die Augen öffnen. Für die Gefahren der Re-Islamisierung des Nahen Ostens.

Audiofile zum Artikel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 25/07
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