Ousmane Sembène (1923—2007)
Ironie des Schicksals: Letztes Jahr stellte der senegalesische Schriftsteller und Cineast, Pionier des afrikanischen Kinos und unermüdliche Kämpfer gegen (Neo-)Kolonialismus seinen neuen Film «Moolaadé» in Dakar vor, und zwar ausgerechnet in der «Alliance Française», weil in der einstigen Kulturhauptstadt Westafrikas soeben das letzte Kino geschlossen worden war. Aber Sembène liess sich nicht unterkriegen. «Moolaadé» ist ein Film über die weibliche Beschneidung, und es war Sembène wichtig, dass ihn auch Leute auf dem Land sehen konnten. Also stellte er – ein Novum in Afrika – synchronisierte Fassungen in diversen afrikanischen Sprachen her, die er in den Dörfern gratis aufführen liess. Mit 13 musste Sembène die Schule aus disziplinarischen Gründen verlassen. Bis 1944 arbeitete er als Maurer, dann wurde er in die französische Armee eingezogen. Nach dem Krieg war er zehn Jahre lang Hafenarbeiter und Gewerkschafter in Marseille. 1960 veröffentlichte er seinen berühmtesten Roman, «Gottes Holzstücke», realisierte aber, dass er mit Literatur die Menschen in Afrika kaum erreichen konnte. Deshalb absolvierte er 1961 noch die Filmschule in Moskau, und 1966 kam «La Noire de...» ins Kino, der erste afrikanische Spielfilm. Aufsehen erregte 1992 «Guelwaar», von Ousmane Sembène sowohl als Film wie als Roman realisiert. Er handelt von einem Christen, der aus Versehen auf einem muslimischen Friedhof beerdigt und dann von den Christen zurückverlangt wird. Am 9. Juni starb der 84-Jährige – mitten in den Vorbereitungen zu seinem nächsten Film – in Dakar.
David Signer
Flavio Maspoli (1950–2007)
Ich traf Flavio Maspoli erstmals am 9. November 1991 nach dem Wahlerfolg der Autopartei und der Lega im Tessin, um ihn und Marco Borradori für unsere Fraktion zu gewinnen. Doch Maspoli zog es vor, sich mit den Schweizer Demokraten zusammenzutun. Sein politischer Einstand war unglücklich. In der Wintersession ging es um die Abschaffung des «Veräusserungsverbots für nichtlandwirtschaftliche Grundstücke». Die beiden Legisten gaben draussen ein Interview, dieweil wir drinnen wegen einer einzigen Stimme verloren. Maspoli war ein origineller Redner, um Wortspiele nie verlegen. In einer EWR/EU-Debatte sagte er, dass die Schweiz besser dehors bleibe, solange drinnen ein Herr Delors das Sagen habe. Er war ein glänzender Barpianist und konnte alles Singbare auswendig, darunter den gesamten Wiener Schmäh. Bei Einladungen liess er als Gastgeber nur vom Feinsten auffahren. Der erwiesene Dank wurde später etwas relativiert, als bekanntwurde, dass er dem Hotel «Schweizerhof» nicht nur diese Zeche schuldig geblieben war. Er wies herostratische Züge auf, indem er wieder zerstörte, was er zuvor aufgebaut hatte (z.B. seine Position bei Il Mattino della Domenica), und nicht haltmachte vor sich selber. Der Witz «von 180 auf 110 kg und wieder zurück» war bezeichnend. Was einer vertieften freundschaftlichen Beziehung entgegenstand, war seine notorische Unzuverlässigkeit, was auch ihm wohlgesinnte Kreise auf Distanz gehen liess. So bleibt die Erinnerung an einen «glatten Siech», und im Übrigen gilt: De mortuis...
Michael E. Dreher













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