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14.06.2007, Ausgabe 24/07

Belletristik

Kraft der Namen

Colson Whitehead hat mit «Apex» ein Meisterwerk über Popkultur, Kommerz und Konsum geschrieben.

Von Sacha Verna

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Colson Whitehead ist das beste Beispiel dafür, dass in der Packung selten drin ist, was draufsteht. Weisshaupt? Der 37-jährige amerikanische Autor ist schwarz, und sein Haupt zieren prächtige schwarze Dreadlocks. Der Name gehe auf seinen Urgrossvater zurück, sagt er. Der sei seiner Hellhäutigkeit wegen so genannt worden. Der ironische Widerspruch zwischen seinem Namen und seiner Erscheinung entgeht Whitehead dabei keineswegs. Eben davon handelt sein neuer Roman: von der suggestiven Kraft der Namen. Genauer gesagt: «Apex» handelt von einem Mann, dessen Job es ist, Dinge zu benennen. «Berater für Namensgebung» lautet die offizielle Berufsbezeichnung des namenlosen Protagonisten.

Whiteheads Held ist ein Naturtalent. Während seine Kollegen sich abmühen, in lächerlichen Brainstormings auf halbwegs originelle Begriffe für neue Produkte zu kommen, fliegen ihm die Ideen nur so zu. In seiner Funktion als Namensexperte wird er nach Winthrop bestellt, einem Kaff im Mittleren Westen, wo drei Parteien sich darüber streiten, wie Winthrop künftig heissen soll: Freedom, wie die entflohenen Sklaven, die es gegründet haben, das Städtchen nannten; weiterhin Winthrop, nach dem weissen Industriellen, der eine Maschendrahtfabrik, Wohlstand und andere Weisse in die Gegend brachte; oder New Prospera, wie es sich der Lokal-Tycoon wünscht, der Hightech-Unternehmen in die Provinz locken will.

Whiteheads Schilderung der Winthropinternen Animositäten ist ein Meisterwerk der Prosa gewordenen Kleinbühnendramatik. Nach und nach erfährt der Leser mehr über ein mysteriöses Missgeschick, das Whiteheads Mr. X widerfahren ist und das im Zusammenhang zu stehen scheint mit Mr. X’ grösstem Erfolg: Apex, einem multikulturellen Heftpflaster. Anders als herkömmliche Pflaster, die die Existenz von Rassen und von entsprechend unterschiedlichen Hauttönen verkennen, deckt Apex mit zwanzig Farbtönen fast die ganze Palette des Melaninspektrums ab. Mr. X verdankt Apex seinen Aufstieg zum Wunderkind der Branche und indirekt den prekären geistigen und physischen Zustand, in dem er sich in Winthrop befindet.

«Ein Teil seines Problems besteht darin, dass er nie das Wesen der Dinge benannt hat», sagt Colson Whitehead. «Er ersinnt tolle Namen für Bratenwender und Anti-Fussschweiss-Sprays, aber den wirklichen Fragen – Was tun wir Menschen hier eigentlich? Gibt es so etwas wie ein wahres Leben? –, diesen Fragen ist er stets ausgewichen.» Mr. X’ Reise nach Winthrop führe zu einer Art Selbsterkenntnis, sagt Whitehead. Solche Erläuterungen des Autors klingen ungeheuer tiefsinnig, und es ist in der Tat verblüffend, auf wie vielen Ebenen Whiteheads Romane funktionieren. «Apex» kann als Kommentar über Identität und Rasse gelesen werden, als Allegorie der Bedeutung des Gestern im Jetzt, als glänzende Parodie auf unsere Bedürfnisschaffungs- und -befriedigungsgesellschaft und das nimmer ruhende Rädchen der Werbeindustrie.

Eine absurde, aber realistische Welt
«Die Welt ist absurd», sagt Whitehead und fasst damit zusammen, was er unter literarischem Realismus versteht. «Die Fahrstuhlinspektorin», Whiteheads Debütroman, mit dem er vor sechs Jahren international Kritik und Publikum begeisterte, ist in diesem Sinn durch und durch realistisch. Der darin beschriebene Konflikt zwischen den Inspektoren, die mit den Fahrstühlen intuitiv kommunizieren, und jenen, die sich dabei auf Statistiken verlassen, ist ein absolut grundlegender. Genauso grundlegend sind in «John Henry Days», Whiteheads zweitem Roman, die Verbindungen zwischen Mythologie und Maschinen, zwischen Postwesen und Apérohäppchen. Und durch die Essays von «Der Koloss von New York» wird einem erst richtig bewusst, wie wichtig die Theorie ist, wenn man in der Praxis die Subway bereits verpasst hat. «Was Postmodernisten, Modernisten, Realisten und Absurdisten verbindet», sagt Whitehead, «ist die in sich stimmige Wirklichkeit, die sie schaffen, sofern sie ihren Job gut machen.»

Colson Whitehead kommt immer wieder auf «die Wahrheit» zu sprechen. Darauf, dass es sein Ziel sei als Schriftsteller, dieser «Wahrheit» näher zu kommen. Wahrheit sei universell, und deshalb dürfe, ja müsse Literatur den Universalitätsanspruch stellen: «Ein Buch, das nicht über sich selbst hinausweist, ist ein gescheitertes Kunstwerk.»

Natürlich hat Colson Whitehead Themen, auf die er wieder und wieder zurückkommt: die Lebensrealität der Schwarzen in Amerika («Das ist der Filter, durch den ich die Welt wahrnehme»). Popkultur, Kommerz, Konsum. Doch meint er: «Diese Aspekte unserer Gegenwart gehen uns alle an. Ich sehe an den vielen Leuten, die zu meinen Lesungen kommen, dass ich nicht bloss für eine exotische Randgruppe schreibe.» Dabei sei die Schriftstellerei eine durchaus narzisstische Angelegenheit, räumt Whitehead ein: «Man braucht ein ziemlich grosses Ego, um zu behaupten: Hey, ich habe etwas zu sagen, und ihr solltet es lesen!» Das Angenehme im Fall von Colson Whitehead ist, dass es sich bei dieser Behauptung nicht um Etikettenschwindel handelt. In «Apex» ist drin, was draufsteht: ein Roman. Intelligente, wortwitzige, zeitgenössische Literatur.

Colson Whitehead: Apex. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl.
Carl Hanser. 192 S., Fr. 32.–

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 24/07
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