Im Sommer 1981, als Roger Federer gerade geboren wurde, trugen Björn Borg und John McEnroe in Wimbledon ein Finale aus, das möglicherweise eine Vorahnung auf das Endspiel vom letzten Sonntag in Paris zwischen Federer und Rafael Nadal darstellte.
Als Borg dieses Match 1981 aufnahm, dominierte er das Herrentennis. Wimbledon hatte er fünfmal in Folge gewonnen. Aber McEnroe wurde immer besser, und seine denkbar knappe Niederlage im Finale 1980 gegen Borg gilt heute noch als das beste Tennismatch aller Zeiten. 1981 wusste der langhaarige junge Linkshänder, dass er Borgs Nummer kannte. McEnroe sei nur deshalb nervös gewesen, weil ihm jetzt klar war, dass er den Schweden schlagen musste, schreibt Tim Adams in seinem wunderbaren Buch «On Being John McEnroe». In den ersten Runden jenes Wimbledonturniers von 1981 war McEnroe grossmäulig wie noch selten. Zu den historischen Zitaten dieser zwei Wochen zählen: «Das kann nicht dein Ernst sein!», «Wahrscheinlich hätte ich das nicht sagen sollen, aber ich fand es vertretbar, den Linienrichter einen unfähigen Idioten zu nennen» und, an die Presse gerichtet: «Ihr könnt mich damit zitieren, dass ihr Typen der letzte Dreck seid». Die Obrigkeiten von Wimbledon, die meisten Offiziere der Royal Air Force im Ruhestand, waren not amused.
«Spar dir deine ganze Energie»
Im Finale gegen Borg dagegen blieb «Superbrat» beinahe still. Er erinnert sich: «Ein paarmal hab ich ‹Come on!› zu mir gesagt, und dann kam gleich der Gedanke: ‹Sag nicht mal das! Spar dir deine ganze Energie für den Schlag auf den Ball.›»
McEnroe zwang Borg in vier Sätzen nieder, auch wenn die grössere Story der Zeitungen des nächsten Tages sein Fernbleiben vom traditionellen Champions-Dinner war. Wie er später erklärte, hatte er keine Lust auf einen Abend mit einem «Haufen von Halbtoten, die alle siebzig, achtzig Jahre alt sind und mir erzählen wollen, ich hätte mich wie ein Kamel aufgeführt».
Doch sein Sieg erwies sich als das Ende von Borgs Ära. Etwas später im selben Sommer 1981 – einen Monat nach Federers Geburt in Binningen am 8. August – trafen Borg und McEnroe bei den US-Open wieder aufeinander. Borg war zu dem Schluss gekommen, dass er den jungen Burschen mit seiner üblichen Spielweise nicht schlagen konnte, und verlegte sich auf Netzangriffe. Im dritten Satz düpierte McEnroe den heranstürmenden Schweden mehrfach mit Lobs und Passierbällen, und wie Adams schreibt, schien Borg «zum ersten Mal in seiner Karriere die Niederlage einzugestehen. Nach dem Match marschierte er direkt vom Platz und stieg in ein Auto zum Flughafen, ohne die Siegerehrung abzuwarten. Drei Monate später zog er sich aus dem Sport zurück.» Der Schwede war damals erst 25, so alt wie Federer jetzt.
Im Tennis kommt es alle paar Jahre zu derartigen Machtübergaben, in der Rückschau geschah so etwas auch in Wimbledon 2001, als der Teenager Federer im Viertelfinale Pete Sampras entthronte. Und es ist durchaus möglich, dass dasselbe auch letzten Sonntag in Paris passiert ist, als Nadal bei den French Open gegen Federer siegreich blieb.
In Paris immer unglücklich
Dass der Mallorquiner in Roland-Garros gewann, war an sich unspektakulär. Er hatte Federer bei den vorigen zwei French Open ebenfalls geschlagen. Im Journalismus gibt es ja die Regel: «Hund beisst Mann» ist keine grosse Neuigkeit. Dass Nadal bei den French Open gegen Federer gewinnt, ist «Hund beisst Mann» – genau wie Federers Siege bei den drei anderen Grand-Slam-Turnieren: Man hätte nicht anderes erwartet. Das Ominöse an diesem speziellen Match aber war, dass Nadal dabei alle Fähigkeiten zeigte, die er braucht, um Federer auch auf den übrigen Grand-Slam-Belägen zu schlagen. In diesem Sommer, auf dem Rasen von Wimbledon oder den Hartplätzen von New York, ist Nadal eigentlich verpflichtet, seinen ersten Grand-Slam-Sieg ausserhalb von Paris zu landen. Gelingt es ihm, dann ist das «Mann beisst Hund», und das, sagen die Journalisten, ist tatsächlich berichtenswert. Der kommende Sommer könnte also die kritischste Phase von Federers rekordlangen 176 Wochen auf Platz eins bedeuten.
Federer war in Paris immer unglücklich, wenn auch auf unterschiedliche Weise. In seinen ersten Jahren hier verlor er zumeist gegen sich selbst. Da er es gewohnt ist, seine Punkte mit brillanten Schlägen schnell einzusammeln, konnte er nicht die Konzentration bewahren, die für die ausgedehnten Ballwechsel auf der langsamen Unterlage nötig ist. 2004 verkündete er dann: «Roger Federer wird nicht mehr gegen Roger Federer verlieren.»
Er hatte recht. Seit damals verliert er gegen Rafael Nadal. Das geht so weit, dass sein Zusammentreffen mit Nadal in Paris im Grunde das einzige Match in Federers Tennisjahr ist. Es ist die einzige wichtige Partie, die er spielt, deren Ergebnis nicht von vornherein feststeht. Dass er Tony Roche als seinen Coach anstellte, hatte mehr oder weniger den einzigen Grund, eine Anti-Nadal-Strategie zu entwerfen. Dann aber, letzten Monat in Hamburg (und eine Woche nachdem er Roche wieder entliess), besiegte er Nadal endlich auch auf Sand.
Das schien eine Menge auszusagen, denn wenn Roger Federer einmal die richtige Spielstrategie für einen Gegner erarbeitet hat, also «seine Nummer» kennt, verliert er normalerweise überhaupt nie wieder gegen ihn. Und so wurden Grössen wie Andy Roddick, Nikolai Dawidenko und Lleyton Hewitt allesamt Mitglieder im «Neun-zu-null-Klub», weil sie nämlich gegen Federer neun Partien in Folge verloren haben. Hatte sich Nadal in Hamburg auf die Warteliste für diesen Verein gesetzt?
Nein, so viel wurde in Paris bald klar. Beide Spieler hatten – vielleicht im Bewusstsein der Bedeutung dieses Matches – ihre Körpersprache geändert. Federer ist auf dem Court normalerweise recht gelassen, eiskalt wie Borg. Am Sonntag hielt er oft den Kopf gesenkt und wirkte schlichtweg depressiv. Nadal dagegen ist für gewöhnlich laut und lebhaft, hüpft herum und jubelt über jeden Punkt. Bei diesem Spiel war fast gar nichts davon zu spüren, als hätte der langhaarige junge Linkshänder zu sich gesagt: «Spar dir deine ganze Energie für den Schlag auf den Ball.»
Nadal kann sich noch verbessern
Die «schweren» Bälle, die Nadal mit der Vorhand schlägt, sind schon lange legendär, doch sein Aufschlagsspiel hat sich im letzten Jahr stark verbessert, und am Sonntag war es ebenfalls fehlerfrei. Im Allgemeinen begeht er so wenig Fehler auf dem Platz wie nur menschenmöglich. Zugegeben, er hat von den siebzehn Breakpunkten gegen sich bei diesem Finale nur sechzehn abgewehrt, aber er ist ja erst 21 und kann sich noch verbessern. «Ich spiele ein besseres Tennis als letztes Jahr», sagte er danach. «Ich bin ausgereifter. Jetzt traue ich mich auch ans Netz.»
Im zweiten Satz war Federer anscheinend zu dem Schluss gekommen, dass er den jungen Burschen mit seiner üblichen Spielweise nicht schlagen konnte, und verlegte sich auf Netzangriffe. Toni Nadal, der Onkel und Trainer des Spielers, meinte dazu: «Ich war ganz überrascht, wie leicht Rafael seine Aufschläge im vierten Satz durchbrachte, sobald er das Break gegen Federer geschafft hatte. Es war, als wäre der Schweizer gar nicht mehr richtig da gewesen, als hätte er sich damit abgefunden, dass er nicht wieder ins Spiel zurückfinden würde.» Das klingt wie ein Echo von Björn Borg.
Nadal siegte in vier Sätzen, und er hat bei den drei French Open, an denen er teilnahm, jedes einzelne Match gewonnen. Gleich nach dem Spiel, noch auf dem Court, sagte er vor den Zuschauern Grausames über sein Opfer: «Roger tut mir wirklich leid. Er ist ein Freund, und ich weiss, dass er ein echter Champion ist, ob er nun gewinnt oder verliert.» Aua. Da hast du es, Roger Federer, Kaiser von Rom und Beherrscher jedes Tennisballs in der platonischen Form, und nun musst du dir anhören, wie dich jemand öffentlich bemitleidet.
«Er zermürbt einen irgendwie», sagte Federer später über Nadals Spielweise. «Er ist der Typ Spieler, der einen dazu bringt, danebenzuschlagen, so dass man nie wirklich sagen kann, man hat gut gegen ihn gespielt.» Und in der Tat, während Borg und McEnroe das Beste auseinander herausholten, ist Federer gegen Nadal fast immer eine Enttäuschung. Nur selten hat man je das Gefühl, dass hier der beste Spieler aller Zeiten auf den besten Sandplatzspieler aller Zeiten trifft.
Federer hat gesagt, er kommt schon näher an Nadal heran. Allerdings wäre dieser Anspruch überzeugender, hätte er ihn nicht bereits 2005 erhoben. Aber wir bekommen ja die Chance, zu sehen, wie sich dieser Wettkampf entwickelt – was uns bei Borg und McEnroe vorenthalten blieb. Letzterer sagte zu Tim Adams, als der Schwede aufhörte: «Für mich war das niederschmetternd.» Wäre Borg auf der Tour geblieben, so erklärte der Amerikaner, hätten die beiden sich als Spieler und wohl auch als Menschen weiterentwickeln können. «Aber so kam ich mir fast ein wenig verloren vor», sagte McEnroe. «Da war eine richtige Leere, und danach hatte ich immer das Gefühl, ich müsste die ganze Intensität allein erzeugen.» Auch für Björn Borg selbst dürfte seine Entscheidung die falsche gewesen sein, falls der angebliche Selbstmordversuch später ein Massstab dafür ist.
Federer, der wesentlich ausgeglichener als Borg ist, hat keinerlei Pläne, sich in ein Auto zu setzen und seinem Sport davonzufahren. Das ist Nadals Glück. Der Spanier meint dazu: «Er gewinnt überall, kommt überall ins Finale. Diese Aufgabe liegt vor mir, und das motiviert mich mit jedem Tag. Es ist mein Antrieb, auf den Platz zu gehen und zu trainieren, alles zu tun, damit ich weiterkomme. Das, genau das, ist mein Ziel.» Bald könnte also Mann Hund beissen.
Simon Kuper, Sportkolumnist der Financial Times, schreibt regelmässig für die Weltwoche.
Aus dem Englischen von Werner Richter
Tim Adams: On Being John McEnroe.
Yellow Jersey Press. 128 S., Fr. 18.50













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