Ein Vierteljahrhundert ist die amerikanische Denkerin Ayn Rand tot. In den USA ist aber immer noch eine starke Ayn-Rand-Tiefenströmung feststellbar: Eine halbe Million Exemplare der Romane und Theorieschriften verkaufen sich nach wie vor pro Jahr. Ökonomen wie Ex-Notenbank-Chef Alan Greenspan, ein Anhänger der ersten Stunde, erwähnen Rand regelmässig in Vorträgen und Artikeln. Soeben nun hat sich Schauspielerin Angelina
Jolie als Fan geoutet. Anlässlich der Verfilmung des Rand-Romans «Atlas Shrugged» aspiriert sie auf die weibliche Hauptrolle.
Rand, geboren 1905 in St. Petersburg als Alissa Sinowjewna Rosenbaum: eine Einzelgängerin des Geistes; ihr Werk behält seine Vitalität, gerade weil es sich nicht total in einen intellektuellen Trend, eine politische Bewegung einordnen lässt. Der Rechten zugerechnet, legte sich Rand mit den meisten rechten Denkern an, da ihr diese inkonsequent vorkamen, und nannte etwa Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman Zeinen «erbärmlichen Eklektiker». Eine militante Atheistin und Advokatin der Vernunft, verachtete sie Republikaner wie Ronald Reagan, die ihren Konservatismus mit Religion streckten. Und gegen die evangelikalen «Moral Majority»-Lobbyisten hielt sie am Recht der Frau auf Abtreibung fest.
Rand, ein Brand. Wie stark sie gewirkt hat, zeigt eine Kongressbibliothek-Umfrage aus den Neunzigern. Amerikaner wurden gefragt, welches Buch sie am meisten beeinflusst hat. Rands Roman «Atlas Shrugged» schaffte es hinter der Bibel auf Platz zwei.
Wie aber soll man ihre Lehre nennen? Am ehesten «Minarchie». Sie plädiert dafür, staatliche Macht auf ein Minimum zu begrenzen, damit sich der Einzelne umso mehr entfalten kann. Dazu ist diese Lehre ein Plädoyer für den «heroischen Menschen». Das klingt kriegerisch-pathetisch à la Nietzsche. Bei näherer Betrachtung erweist sich dieser Heroismus aber als friedliche Sache. Am besten begreift man Rands Menschen- und Weltbild, wenn man «The Fountainhead» von 1943 liest, ihren ersten grossen Roman.
«The Fountainhead» erzählt das Leben des Howard Roark. Er ist ein Jahrhundertarchitekt, könnte aber auch ein Eisenbahnpionier sein, ein Grossfinancier oder ein Medientycoon, ist als unbeirrbarer Individualist und kraftvoller Visionär die fiktionale Verschmelzung realer Figuren wie Frank Lloyd Wright, Howard Hughes, John D. Rockefeller oder – um ein Beispiel aus der Gegenwart zu nennen – Marc Rich. Roark will nur eines: der Welt seine Ideen einschreiben. Man verschreit ihn um seines Anspruches willen als «Egoisten»: Er fliegt von der Akademie, weil er die Bautradition zurückweist. Die Architektenzunft stösst ihn aus, weil er die Standesregeln ignoriert. Und er wird von der Boulevardpresse verleumdet, deren Demagogen er sich nicht unterordnet. Da strebt einer nach Freiheit, und die anderen ertragen seine humane Radikalität nicht, die ihnen die eigene Mediokrität vorführt. Wie der geächtete Roark heiter durchs Leben geht und wider alle Hindernisse eine Handvoll genialer Bauten hinterlässt, ist so faszinierend, dass man den Roman nicht aus der Hand legen kann. Schon der erste Dialog fesselt, in dem der Student dem Akademierektor entgegenschleudert: «Warum ist es so wichtig, was andere getan haben? ... Warum ersetzt die Zahl dieser anderen die Wahrheit? Warum macht man aus der Wahrheit eine Rechenfunktion?»
Ayn Rand huldigt also der Kernformel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: «Streben nach Glück». Ihren persönlichen Gesellschaftshorror stellt der Kommunismus dar. Aus einer jüdischen Familie stammend, erlebt sie vorerst eine zufriedene Kindheit in St. Petersburg. Der Vater ist Apotheker, die kleine Alissa liest viel, beginnt mit zwölf die eigenen Vorlieben und Abneigungen auf eine rationale Struktur hin zu ergründen und behält, nachdem man ferienhalber die Schweiz besucht hat, eine Fotografie des Matterhorns. Der eigenwillige Berg verkörpert bis zu ihrem Ende ihr Urfaszinosum: den Individualismus.
Dann kommt 1917 die -Oktoberrevolution. Der Vater wird enteignet, man verarmt. Als junge Erwachsene studiert Alissa Geschichte und Philosophie, schreibt sich in einer Filmschule ein, verfasst ein Drehbuch, das wegen «bürgerlicher Tendenzen» kritisiert wird. Rückblickend kommentiert Rand ihre Chance im sowjetischen Filmwesen so: «Ich wäre vermutlich innerhalb eines Jahres tot gewesen.»
Endlich Amerika. Sie besucht Verwandte und hegt die Absicht zu bleiben. Als sie Manhattans Skyline erblickt, beginnt sie zu -weinen. Die Wolkenkratzer sind für sie die Bauwerke auf Erden, in denen sich am reinsten die Vision des Menschen von seiner eigenen Grösse materialisiert. Noch im Einwanderungsjahr 1926 reist sie, die Filmbegeisterte, nach Hollywood und drängt sich dem Produzenten und Regisseur Cecil B. DeMille auf, der ihr einen Hilfsjob auf einem Filmset zuhält, wo wiederum sie den Schauspieler Frank O’Connor trifft, ihren künftigen Ehemann. Die Frau mit dem starken Willen arbeitet sich hoch. Sie wird Drehbuchschreiberin und Theaterautorin. Ihr Milieu bleibt ihr allerdings fremd. Die Intelligenzija New Yorks, wohin sie und Frank übersiedeln, sympathisiert mit dem Kommunismus. Einmal bittet der linke Krimischreiber Dashiell Hammett sie, an einer Protestveranstaltung gegen eine faschistische Gruppe teilzunehmen. Sie antwortet, sie komme, wenn Hammett auch gegen Extremisten im eigenen Lager einstehe: «Erst dann, Genosse, erst dann.»
Ayn Rand in den vierziger Jahren: eine ungemütlich scharfe Frau, die ihr Russen-R kultiviert. Sie gründet ein Netzwerk der konservativen Intellektuellen. Sie tritt als antikommunistische Kampfrednerin auf. Und sie publiziert einen kleinen Roman. Dann wird sie mit dem 1000-Seiten-Klotz «The Fountainhead» berühmt. Die New York Times spricht von einer «Lobeshymne auf den Individualismus». Letzteres Wort ist aber fast ein Schimpfwort. Die massgeblichen Künstler und Schriftsteller propagieren den Einsatz für die Massen. Und die Tugend des «Altruismus», was gut klingt; wer hätte etwas gegen den selbstlosen Dienst am Nächsten? Aber die Erhebung des Altruismus zur politischen Doktrin führt – das zeigt später ein Essay Rands – in die Selbstentwertung und Selbstopferung. In Führerkult, Harakiribereitschaft, Gräueltaten im Namen der Klasse, der Rasse, der «geschichtlichen Notwendigkeit» frei nach Marx. Es ist die Zeit Hitlers und Stalins, die es nicht mögen, wenn einer «Ich» sagt. Der Mensch soll für die anderen da sein, nicht für sich selbst.
Genau das Gegenteil postuliert Rand, die den Totalitarismus erlebt hat: Jeder Mensch ist sein eigener Zweck, er ist niemandem Rechenschaft schuldig, ist nicht böse, wenn er sich ausleben will. Nachdem mit «Atlas Shrugged» 1957 ein zweites Hauptwerk in Romanform erschienen ist, in dem Rand zeigt, wohin ihrer Meinung nach Amerika steuert, nämlich in eine Zeit, da windige Ideologen jedem grossen Menschen die Lust am Realisieren der eigenen Träume nehmen – nachdem ihre Warnbotschaft in fiktionaler Form übermittelt ist, wendet sich Rand der Philosophie zu und giesst ihr Credo in die Lehre des «Objektivismus». Sie vertritt die Ansicht, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt und dass wir Menschen diese Wirklichkeit auch erkennen können. Damit rehabilitiert sie den Common Sense. Durchschnittliche Leute fanden es immer abwegig, dass ein Baum kein Baum sein könnte oder nicht wirklich da ist. Der Baum ist schon darum ein Baum und wirklich, weil wir seine Äpfel essen können. Was gäbe es da zu zweifeln?
Und doch ist der Skeptizismus der Erkenntnis, der die Wirklichkeit der Dinge problematisiert, eine Hauptdenkströmung der Moderne. Rands Kardinalfeind, dem sie immer neue Kampftexte entgegenschleudert, ist der deutsche Philosoph Immanuel Kant aus dem 18.??Jahrhundert. Kant sagt: Wir können die Dinge nur teilweise, in ihrer Erscheinungsform, erfassen; die Dinge in ihrer ganzen Wahrheit, die Dinge «an sich», sind unergründlich. Für Ayn Rand ist diese Begrenzung menschlicher Erkenntniskapazität die Ursache aller neuzeitlichen Übel. Kant, dessen Werk sie auf die eine Dimension reduziert, hat aus ihrer Sicht den Verstand gedemütigt, ist mit seinen Schülern, Interpreten, Variierern verantwortlich für dessen Niedergang, hat Schuld an allen neuzeitlichen Irrationalismen vom Guru-Unwesen über das Aufreten von Heilerscharlatanen bis zum Psychogebrabbel des modernen Alltags. Kant ist, so Rand, der Philosophie gewordene Selbsthass unserer Zivilisation, die freiwillig die eigene Rationalität verstümmelt.
In den Sechzigern erobert die Linke die Unis. Im Abseits entwickelt sich Rand zur Direktvermarkterin ihrer Ideen. Grossartig jener offene Brief, den sie an den sowjetrussischen Schachgrossmeister Boris Spasski schreibt. Schach, eröffnet sie, ist das Spiel der Identität und Kausalität. Weiss ist Weiss, Schwarz ist Schwarz, die Kompetenz und Wirkung jeder Figur ist klar definiert. Es folgen einige Fragen an Spasski: Was, wenn während des Spiels Regeländerungen vorgenommen würden? Wenn man das marxistische Konzept der Dialektik anwendete und also die weisse Königin bisweilen die schwarze wäre und umgekehrt? Wenn ein Kollektiv über jeden Zug beschlösse statt der einzelne Meister? All das sind Verfahrensprinzipien und Denkweisen des Sozialismus. Dessen Aushängeschild, Schachgenie Spasski, ist ergo dessen personifizierter Widerspruch.
Um Rand schliesst sich ein kleiner Kreis begabter Schüler, aus den Anfängen dieses Zirkels datiert ihre lebenslange Freundschaft mit Alan Greenspan. Intellektueller Star der Runde ist ein junger Mann, Nathaniel Branden, der seine Frau Barbara mitbringt. Branden verfällt der viel älteren Rand, wird ihr Berater, Ideengeber, Inspirator. Ihr Liebhaber. Wie es sich für eine strenge Rationalistin gehört, die an die Beherrschbarkeit von Gefühlen glaubt, orientiert Rand, bevor sie mit Branden schläft, alle Betroffenen und bittet um Verständnis. Wie Rands Gatte Frank und Brandens Gattin Barbara zumute ist, darüber spekulieren die Biografen. Branden baut in den nächsten Jahren ein Institut auf, in dem Objektivismus gelehrt und Personenkult betrieben wird: «Ayn Rand ist der grösste Mensch, der je gelebt hat», verkündet er. Als er eine jüngere Geliebte findet, kann Rand das nicht ertragen. Sie verstösst ihn. Und das Institut geht unter. Was wie ein Filmstoff klingt, ist ein Film geworden. «The Passion of Ayn Rand» (1999) mit Helen Mirren als Rand blendet in diese Jahre zurück, da aus der philosophierenden Schriftstellerin eine Predigerin geworden ist, ja fast eine Sektenführerin. Eine Manipulatorin der Emotionen, die der eigenen Emotionen nicht Herrin wird.
Rand macht weiter, ohne Institut. Immer wieder beschäftigt sie nun der Gegensatz zwischen Amerika und Europa. In ihren Augen sind die Europäer krankhafte Zweifler. Erbsünde-Gläubige, die sich stets schon schuldig fühlen. Nörgler. Misstrauer. Amerika hingegen, «die lebende Widerlegung eines kantianischen Universums», greift herzhaft auf die Wirklichkeit zu, bejaht die Welt, lässt sich von Ideologien wenig verunsichern. Diese Ureigenschaft ist aber gefährdet, warnt Rand: Der Hass auf das Starke, Erfolgreiche, Vertrauensvolle, Kindliche ist in der Neuen Welt gelandet, die Nation ist daran, sich in eine Neidgesellschaft zu verwandeln. Aus einem Nachruf auf Marilyn Monroe von 1962: «Wenn es je ein Opfer der Gesellschaft gab, so war Marilyn Monroe dieses Opfer – einer Gesellschaft, die sich ganz der Hilfe für alle Leidenden verschrieben hat, die aber die Frohen tötet.»
«Tribalismus» wuchere, moniert Rand in jenen Jahren auch: Die Leute teilten keine Ideen und Prinzipien mehr, Werte wie «Ehrlichkeit» und «Treue» seien der grassierenden Skepsis zum Opfer gefallen. Die Gesellschaft, diagnostiziert sie, spaltet sich in Stämme, von denen jeder seinen Kodex, seinen Kanon, seine Wahrheit hat. Diese Dezentralität macht den modernen Menschen unsicher, manipulierbar, labil. Und Stämme lassen sich effizienter aufhetzen als Individuen.
Der Egoismus, den die Ethik als Gegenkraft zum Gemeinwohl denkt, ist aus dieser Warte eine Tugend. Für Rand ist ein Egoist, wer sich nicht von der Gruppe missbrauchen lässt. Und das Streben nach Reichtum ist Ausdruck des menschlichen Freiheitsdranges. Am meisten Ungemach droht dem unternehmenden Menschen von den Moralisten, die für alle sprechen: Die Sozialisten fordern sein Eigentum im Namen des Kollektivs ein, da es eine Art Diebesgut sei. Die jüdisch-christliche Tradition redet vom «Mammon», brandmarkt den Kapitalismus als Götzendienst am Geld und erwartet den Kniefall vor dem einen Gott zumindest in Form regelmässiger Abgaben.
In späteren Jahren verbreitet Rand ihre Ideen durch Rundbriefe. Gern beantwortet sie Leserfragen. Etwa die Frage, ob der Staat ein Dieb sei. Rand antwortet: «Einerseits ja. Denn wenn man mich fragt, ob der Staat Steuern einziehen darf, würde ich sagen: Nein, alle Steuern sollten auf Freiwilligkeit beruhen. In dem Sinne allerdings, wie wir ein privates Individuum einen Dieb nennen, ist der Staat kein Dieb. In einer Mischwirtschaft greift er sich zwar viel zu oft Eigentum ohne Befugnis. Aber das müssen wir per Verfassung lösen; es ergibt sich daraus kein Recht der Individuen, im Gegenzug den Staat auszurauben.»
Das ist der Unterschied zwischen Anarchie à la Bakunin und Kropotkin und Minarchie à la Rand. Zur Macht hält sie im Übrigen immer einen Minimalabstand. Im Fall der Republikaner Barry Goldwater, Richard Nixon und Gerald Ford tritt ein und derselbe Mechanismus zutage: Während sich der rechte Hoffnungsträger nach oben kämpft, wird er von Rand, deren Schüler jetzt im Washingtoner Establishment sitzen, publizistisch unterstützt; sobald sich aber abzeichnet, dass der Herr Realpolitiker im Sinne des eigenen Aufstiegs zu jedem Kompromiss
bereit ist, zieht sich Rand enttäuscht zurück. Ronald Reagan lehnt sie wegen seines Mix von Kapitalismus und Religion ganz ab, schilt ihn einen «Vertreter der schlimmsten Art von Konservatismus».
1981 wird Rand eingeladen, an einer monetären Konferenz in New Orleans zu sprechen. Sie sagt ab, weil sie nicht fliegen will; sie bringt die paranoide Idee vor, die Russen könnten ihr Flugzeug kapern. Ein Multimillionär spendiert ihr einen Sonderzug. Der Auftritt ist einer ihrer letzten; ein Jahr später stirbt die Kettenraucherin, die Jahre zuvor eine Lungenkrebsattacke abwehren konnte. Auf ihrem Sarg platzieren Anhänger ein zwei Meter hohes Dollarzeichen aus Blumen.
Was von ihr bleibt? Zwei grosse, programmatisch funkelnde Romane. Und viele kluge Texte, die unsere Gegenwart verstehen helfen. Das Grassieren von Verschwörungstheorien etwa. Die Trendyness immer neuer Religionsderivate. Die Macht politisch korrekter Pressure-Groups. Aus Rands Sicht sind wir eine mutlose Gesellschaft geworden, die Prinzipien als altmodisch betrachtet, den Verstand entmachtet hat, Wahrheit als Sache der Mehrheitsverhältnisse ansieht und jeden diffamiert, der sich aus dem Mittelmass emporreckt.
Die Romane «Der Ursprung» («The Fountainhead») und «Wer ist John Galt?» («Atlas Shrugged») sind auf Deutsch erhältlich.
Die theoretischen Schriften gibt es nur auf Englisch. Besonders empfehlenswert:
«Ayn Rand Answers. The Best of Her Q & A» und «Philosophy: Who Needs It?».
Leseprobe: Marilyn-Monroe-Nachruf im Internet auf capmag.com/article.asp?ID=3247
Biografie: Jeff Britting: Ayn Rand. Overlook Duckworth
14.06.2007, Ausgabe 24/07
Philosophie
Einzelgängerin des Geistes
Ayn Rand wanderte aus der Sowjetunion in die USA aus und wurde als Philosophin und Romanautorin berühmt. Eine liberale Anarchistin, Gegenwartskritikerin und Polemikerin.
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