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14.06.2007, Ausgabe 24/07

Verhaltensökonomin Iris Bohnet

Eine Frage des Selbstvertrauens

Die Verhaltensökonomin Iris Bohnet ist 41 Jahre jung, zweifache Mutter und die erste ordentliche Schweizer Professorin an der weltberühmten Kennedy School in Harvard. Ihr Thema: Warum und wie vertrauen wir?

Von Peer Teuwsen

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Es kommt vor, dass die Frau, die schon als Mädchen die Welt verändern wollte, in einem Hörsaal in Harvard steht. Ihr gegenüber, in Plastiksitze gequetscht, zehn Minister aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie redet mit ihnen über die Rolle des «Vertrauens» im gesellschaftlichen Leben, erzählt von Feldforschungen, Theorie und Praxis. Und die mächtigen Männer hängen an ihren Lippen, denn sie wissen, dass sie von dieser Schweizerin etwas lernen können.

Iris Bohnet, eine blonde Frau mit sehr offenem Gesicht, versucht, die Scharia, das islamische Gesetz, zu verstehen, weiss durch Aufenthalte in der Golfregion um die gesellschaftlichen Strukturen, die auf dem Clan-Gedanken und einem «Beziehungsvertrauen» beruhen – und dass man dort Fremden nur sehr schwer vertraut. Die mächtigen Minister wiederum wissen, dass sie ein Problem haben. Weil Aussenstehende fast nicht in die islamischen Gesellschaftsstrukturen eindringen können, bleiben deren Investitionen gering. Und wer der Region, die derzeit vor allem dank dem immensen Vermögen der Scheichs wächst, langfristige Perspektiven geben will, der muss zum Beispiel mit der Verhaltensökonomin Bohnet reden.

Wo man die Welt verändern will
Sie diskutiert mit den Ministern, wie das Vertrauen aussenstehender Investoren gewonnen werden könnte, und vergleicht das kontinentaleuropäische Vertragsrecht, das auf dem Gedanken «pacta sunt servanda» (Verträge sind einzuhalten) basiert, mit dem amerikanischen Vertragsrecht, wo es die Doktrin zulässt, dass ein Vertrag ohne weitere moralische Bedenken gebrochen werden kann, wenn einem dabei ein finanzieller Vorteil entsteht und man die anderen Vertragsparteien entsprechend entschädigt. Vom amerikanischen Vertragsrecht rät sie den Golfstaaten ab – dies entspreche «nicht den gesellschaftlichen Realitäten».

Schon als Kind war sie an der Welt interessiert. Jetzt ist sie an einem Ort, der Studenten aus aller Welt anzieht, die die Welt verändern wollen. «Das ist extrem inspirierend», sagt die 41-jährige Luzernerin Iris Bohnet, einst eine recht erfolgreiche Synchronschwimmerin, in ihrem Büro, das eine rechteckige Kammer ist, in der gerade mal ein Schreibtisch und ein winziger Besprechungstisch Platz finden. Keine Prachtentfaltung, und dies an der weltberühmten Kennedy School of Government in Harvard, wo ein Absolvent eine wichtige Regierungsstelle auf sicher hat. Den Blick auf den grossartigen Charles River, den hat sie immerhin.

Es geht gegen Mittag, Bohnet kommt aus einer Institutssitzung, isst schnell ein Sandwich und trinkt eine Cola light. Sie fragt als Erstes, wie lange man brauche für das Gespräch. Man merkt, das ist eine, die hat keine Zeit zu verschenken. Aber ihre Karriere scheint die 41-Jährige selbst nicht zu wundern, zu selbstverständlich erzählt sie davon. Erfolg ist auch eine Frage des Selbstvertrauens.

Heute, wo sie seit kurzem die erste Frau ist, die innerhalb der Kennedy School den Aufstieg von einer Assistenz- zur ordentlichen Professorin schaffte, wo im Rahmen ihres Projektes «Frauen in öffentlichen Führungspositionen» Hillary Clinton, Carla Del Ponte und die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf auftreten, wo der mexikanische Präsident Felipe Calderón einer ihrer Studenten war, da scheinen die Möglichkeiten grenzenlos zu sein. Bohnet liebt es, zu unterrichten, Verhandlungs- und Entscheidungstheorie, und in Seminaren die Mächtigen in Politik und Wirtschaft weiterzubilden.

Warum aber gerade sie? Das hat mehrere Ursachen. «Ihr Forschungsgebiet erlebt ein Momentum, das hat sie frühzeitig erkannt», sagt Alois Stutzer, Wirtschaftsprofessor, der, wie Bohnet, bei Bruno S. Frey in Zürich doktoriert hat. Die Wirtschaftswissenschaften stiessen mit ihrem Bild des Homo oeconomicus, der, immer aus Eigennutz, rationale Entscheidungen zur Profitmaximierung trifft, an eine Grenze. Man merkte, da stimmt was nicht, der Mensch ist anders, auch irrational, unvernünftig, emotional, manchmal gegen seine ureigensten Interessen verstossend. Oder, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz mir vor ein paar Jahren sagte: «Die Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Vernon L. Smith haben zum Glück herausgefunden, dass viele ökonomische Theo-rien realitätsfremd sind.» -Warum? «Weil die Menschen offenbar systematisch unsystematisch handeln. Die beiden haben bewie-sen, dass die meisten Menschen weit weniger egoistisch sind, als die Ökonomen annahmen.» Dann sind alle Wirtschaftsmodelle falsch? «Man muss leider annehmen, dass sie die Wahrheit verfehlen.»

Iris Bohnet arbeitete früh interdisziplinär, verband die Wirtschafts- mit den Sozialwissenschaften, weil sie erkannt hatte, «dass die Annahmen, auf denen mein Fach basiert, menschliches Verhalten nur unzulänglich beschreiben, ja eine Karikatur des Menschen darstellen». Sie setzte konsequent auf ein Thema, das «Vertrauen». Warum und wie vertrauen wir? Warum gibt es unterschiedliche Arten des Vertrauens in Europa, in Afrika, in den USA? Warum vertraut nur jeder zehnte Brasilianer einem anderen Menschen, in der Schweiz aber fast jeder Zweite? Ein grosses Problem, denn wo es wenig Vertrauen gibt, ist auch das Wirtschaftswachstum geringer.

Und Bohnet ging ins Feld, testete ihre Versuchsanordnungen. «Ich bin eine vorsichtige Konsumentin von Stereotypen, ich will immer genau messen, was abläuft», sagt sie. Was Vertrauen bewirkt, das hatten andere vor ihr erforscht. Was aber die Ursachen für Vertrauen sind, das suchte sie herauszufinden. So konnte sie «sauber zeigen», dass es für Menschen zum Schlimmsten gehört, wenn ihr Vertrauen, das sie einem andern geschenkt haben, missbraucht wird. Ihr Forschungsgebiet ist also zentral.

Der Mensch bleibt lieber beim Status quo
Zurzeit untersucht Iris Bohnet, wie Vertrauen aufgebaut werden kann, im Mittleren Osten, in Slums in Nairobi, Kenia, und in Firmen. Ihre Forschung zeigt zum Beispiel, dass westliche Instrumente wie Kompensation bei Vertragsbruch in den Golfstaaten viel schlechter funktionieren als beispielsweise in den USA oder dass öffentliche Güter in Nairobi eher von Frauen als von Männern geschaffen werden, auch ein Grund, warum Mikrofinanzinstitute ihre Kredite eher an Frauen als an Männer geben.

Eine der entscheidenden Ursachen für ihre Karriere formuliert Bohnet so: «Man muss sich erst unter den wissenschaftlichen peers, den Fachkollegen, beweisen, zeigen, dass es richtig ist, was man tut – die gesellschaftliche Relevanz muss da erst mal hintenanstehen.»

Ein paar Dinge haben Bohnet und ihre Kollegen unterdessen verstanden. Zum Beispiel, dass der Mensch lieber beim Status quo bleibt – was nicht immer zu seinem Vorteil ist. Oder, wie es Bohnet sagt: «Der Mensch hat
eine viel stärkere Präferenz für das Jetzt als für seine Zukunft.» Ein konkretes Ergebnis, ja ein Sieg der Verhaltensökonomie ist zum Beispiel die Pensionsreform in den USA. Früher konnte man der Pensionskasse freiwillig beitreten – was die meisten nicht machten und deshalb im Alter wenig bis nichts auf der hohen Kante hatten. Heute wird man automatisch aufgenommen, kann aber ohne weiteres austreten – was wiederum nicht viele machen, zu ihrem eigenen Glück.

Und da war ihr Doktorvater Bruno S. Frey, der ihr schon an der Universität Zürich vormachte, wie man sich vernetzt, der «nicht unterschied zwischen Männern und Frauen», der sie früh zu Publikationen drängte, der ihr schliesslich auch zum Nachdiplomstudium in Berkeley riet. «Das war entscheidend. Ich war umgeben von Leuten, die sich um Assistenzprofessuren bewarben. Also wollte ich es auch versuchen. Ja, vielleicht muss man weg, um seinen Horizont wirklich zu erweitern.» Also baute sie ein Netzwerk auf, fragte, wie man sich in den USA erfolgreich bewirbt. Aber vor allem tat sie eins: «Ich krüppelte.» Es klappte. In nur acht Jahren wurde aus einer Assistenzprofessur in Public Policy eine Lebensstelle an der Harvard University. Geholfen hat dabei sicherlich auch ein sehr gutes Angebot von aussen, das den internen Aufstieg beschleunigte.

Entscheidend hinzu kamen Bohnets eiserne Disziplin, ihre unbedingte Zielorientierung, ihre soziale Kompetenz, Eigenschaften, die alle erwähnen, die sie kennen. Alois Stutzer zum Beispiel sagt: «Ihr an sich schon starker Wille zum Erfolg ist in den USA noch gestärkt geworden. Sie musste mit ihrer Forschung in Seminaren mit den besten Köpfen ihres Faches bestehen.» Sie selbst sagt: «Meine Mutter erzählte mir, ich sei als Kind schon immer sehr fokussiert gewesen. Was ich mache, mach ich voll.»

Und dann auch noch Kinder. «Meine Kinder haben mir ein zweites Leben geschenkt», sagt Bohnet, die in ihrer kontrollierten, entschlossenen Art sehr an Beatrice Weder di Mauro erinnert, die andere international erfolgreiche Schweizer Ökonomin. «Früher war mein Beruf mein Leben. Meine Söhne können mich da rausreissen.» Vor sechs Jahren kam Dominik zur Welt, vor einem Jahr folgte Luca. Da beide Eltern (ihr Mann Michael Zürcher arbeitet als Anwalt) voll berufstätig sind, teilen sich die Eltern die Betreuung der Kinder mit Schulen und Tagesstätten. Der Arbeitgeber nimmt Rücksicht. Sitzungen an der Universität sind um 17.30 Uhr zu Ende, damit die Eltern ihre Kinder abholen können. Nach der Geburt gibt es ein unterrichtsfreies Semester.

Jetzt, wo Bohnet einen sicheren Posten hat, jetzt, «wo meine Forschung gesellschaftliche Relevanz entwickelt», beschäftigt sie die Frage, wie sie aus dem Elfenbeinturm in die öffentliche Arena treten kann und trotzdem die Forschung nicht vernachlässigen muss. «Aber das ist eine Herausforderung, die ich gerne annehme», sagt sie, lächelt und steht auf.

Audiofile zum Artikel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 24/07
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