Herr Orhun, Sie machen sich Sorgen um das Wohl der Muslime in der Schweiz. Stört Sie die Minarett-Initiative?
Ich habe bereits im vergangenen Jahr mein Interesse an einem Besuch in der Schweiz signalisiert.
Weshalb?
Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus hat sehr kritisch über die Lage der Muslime in der Schweiz geschrieben.
Was wollen Sie untersuchen?
Ich stelle selber keine Recherchen an. Ich informiere mich bloss, sehe mir die Situation und die Lage der Muslime an, erkundige mich nach ihren Problemen und den Massnahmen der Behörden.
Wie viele Länder haben Sie als OSZE-Botschafter schon besucht?
In sieben europäischen Ländern war ich.
Wie wählen Sie die Länder aus?
Erstens muss dort eine grosse Gemeinschaft von Muslimen leben. Zweitens werde ich aktiv, wenn es Klagen oder Probleme gibt, über die in Medien oder in Kommissionsberichten berichtet wird.
Einige Leute sagen nun, dass auch in der Türkei Muslime keine Religionsfreiheit haben...
...wir sprechen nicht über die Türkei, sondern über die Schweiz.
Aber die Frage stellt sich: Sollte man nicht auch die Türkei untersuchen?
Das können Sie natürlich tun, wenn Sie Lust dazu haben.
Aber Sie betrachten das nicht als Ihre Aufgabe?
Mein Mandat erstreckt sich auf alle OSZE-Länder.
Also auch auf Ihr Heimatland, die Türkei.
Ja, natürlich.
Also müsste sich Ihre Kommission zum Beispiel auch darum kümmern, dass Frauen mit Kopftuch der Zutritt zu türkischen Universitäten verwehrt ist.
Die Frage wird mir in der Tat immer wieder gestellt.
Und was antworten Sie?
Dass es eine sehr komplexe Angelegenheit ist. Es geht um Religionsfreiheit, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie die öffentliche Ordnung. Das alles muss durch einen allgemeinen Konsens gelöst werden.
Stellen Sie eine Verschlechterung der Lage der muslimischen Minderheiten in Europa fest?
Eindeutig. Seit dem 11. September.
Wo sehen Sie die «Verschlechterung»?
Vor allem in öffentlichen Debatten ist sie spürbar, in den Medien, aber auch in den Diskriminierungen, mit denen Muslime auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder in Schulen konfrontiert sind.
Wer kümmert sich in der OSZE um nicht-muslimische Minderheiten?
Ein deutscher Abgeordneter kümmert sich um Antisemitismus, und eine Dame aus Irland um Rassismus und Fremdenhass.
Werden diese zwei auch in der Türkei aktiv?
Sie kümmern sich auch um die Entwicklungen in der Türkei. Doch sagen Sie bitte: Geht es Ihnen in diesem Interview um die Türkei oder um die Schweiz?
Natürlich um die Schweiz. Wann dürfen wir Sie denn in der Schweiz erwarten?
Nach den Wahlen.
Sie wären aber gerne früher gekommen. Nun wurden Sie von der Schweiz aufgefordert, Ihren Besuch zu verschieben.
Hier liegt ein kleines Missverständnis vor.
Und das wäre?
Am Ende des vergangenen Jahres...
...also nach der Lektüre des Berichts der Kommission gegen Rassismus...
...ging ich die Schweizer Behörden an und teilte ihnen mit, ich würde im Rahmen meines Mandates gerne in die Schweiz kommen. Dazu brauche ich als Vertreter der OSZE eine offizielle Einladung. Ein paar Monate später sagte mir der Schweizer Botschafter in Ankara, dass in der Schweiz der Wahlkampf anstehe. Es wäre deshalb für die Regierung besser, wenn ich den Besuch auf einen Zeitpunkt nach den Wahlen verschieben könnte.
Wurde die Verschiebung begründet?
Mir wurde mitgeteilt, dass mein Besuch eine Kontroverse auslösen könnte. Ich bedaure das, aber ich kann nichts dagegen unternehmen.
Die Fragen stellte Pierre Heumann.
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