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06.06.2007, Ausgabe 23/07

Belletristik

Die Welt ist interessant

Anthony McCarten erzählt von einem 14-Jährigen, der sterben muss, aber vorher noch seine Unschuld verlieren will. Jetzt stellt der grossartige Autor seinen Roman «Superhero» in Zürich vor.

Von Peer Teuwsen

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Einer weiss mehr. Zum Beispiel über unsere Jungs, die, wenn sie nicht mit starrem Blick und schnellen Fingern vor Bildschirmen sitzen, durch die Welt wandeln, die Ohren zugestöpselt. ­Umpf ... umpf ... umpf. Und am Wochenende trinken sie und schlagen einander die Faust ins Gesicht, und manchmal tun sie Schlimmeres. «Wut ist seine Standardeinstellung. Wehmut auch. Die meiste Zeit blickt er zu Boden. Eine Sonnenblume im Regen.»

Der Mann, der mehr weiss, heisst Anthony McCarten, ist ein 46-jähriger Neuseeländer und trinkt gerade Schwarztee in der Lobby des Londoner «Sherlock Holmes Hotel». In seiner Heimat am Ende der Welt ist er ein Superstar, der Rest der Menschheit kennt ihn auch, aber nur wenige wissen das. Denn mit 25 hat McCarten zusammen mit Stephen Sinclair, dem Drehbuchautor der «Herr der Ringe»-Trilogie, ein Theaterstück geschrieben, das noch heute jeden Abend irgendwo auf der Welt gespielt wird. «Ladies Night» erzählt die Geschichte von Arbeitslosen, die eine Truppe von männlichen Strippern gründen. Wem das irgendwie bekannt vorkommt, der hat «The Full Monty» gesehen, der Film kam Jahre nach dem Stück ins Kino. Deshalb hat McCarten eine Klage im Streitwert von 100 Millionen Dollar gegen die Produzenten des Films eingereicht, «aber ich bin nicht befugt, darüber zu reden», sagt er und lächelt ein bisschen gequält. Vielleicht auch, weil dies nur noch juristische Nachspiele eines früheren Lebens sind.

Nach «Ladies Night» hat McCarten zehn Jahre lang Stücke geschrieben, das letzte in vier Tagen: «Ich hatte das Rezept. Ein bisschen Musik da, ein Witz dort. Jedes Stück war ein Erfolg, aber ich ödete mich selbst an. Ich musste mir das Leben wieder schwierig machen.» Zum Glück, muss man als sein Leser sagen.

Denn Anthony McCarten, der heute mit seiner Frau und drei Kindern in Gloucestershire lebt, im Herzen Englands, in einem Cottage aus dem Jahre 1595 (damals sass Shakespeare am «Hamlet»), hat ein Buch geschrieben über einen 14-jährigen Jungen namens Donald, der Leukämie hat – und vor dem Tod noch wissen will, wie sich die Liebe anfühlt. Das klingt deprimierend, aber «Superhero», sein dritter Roman, ist mindestens so lustig, wie er traurig ist. Grosse Literatur halt.

Es ist die Geschichte des pubertierenden Donald Delpe, «haarlos, augenbrauenlos, bleich, klapperdürr, ein wandelndes Kondom». Der Junge, das eigene Ende vor Augen, abgeschottet in einer Welt der Superhelden und der dröhnenden Popkultur, spürt eine erwachende Sexualität in sich, der er mit zwanghafter Realitätsflucht entgegenzutreten sucht. Er, der sich infolge der Chemotherapie als «Tschernobyl auf zwei Beinen» bezeichnet, kommt sich vor wie ein vom Leben Ausgestossener: «Das Glück kommt ihm vor wie eine Lüge. Eine einzige, fette Lüge, die jedermann glaubt.» Die Wut allein hilft aber nichts, er muss sich öffnen, um die Liebe zu entdecken. Und, das sei verraten, es wird gut, auch wenn Donald natürlich am Schluss tot ist. Seine Grabinschrift, die er sich anfangs gewünscht hat, ist am Schluss nicht mehr richtig: «Ich will mein Geld zurück. Ich habe nichts kapiert.» Denn er hat so einiges begriffen am Schluss, endlich. Auch die Liebe.

Zwischen Comic und Drehbuch

Es ist ein Buch, bei dem man sich die ganze Zeit fragt: Wie macht der Autor das bloss? Warum halten sich der Tod und das Leben in diesem Buch so gekonnt die Waage? Warum sind die Eltern, die es all die Jahre verpasst haben, eine Beziehung zu ihrem Sohn aufzubauen, einem in ihrer Hilflosigkeit doch sympathisch? Warum macht einen der Psychologe, der Donald doch nur helfen will, so wütend? Weil McCarten seine Charaktere nie denunziert, weil er ihnen ihre Ambivalenz lässt – und weil er den Selbsthass der Figuren, der dieses Buch wie ein roter Faden durchzieht, mit einer wohltuenden ironischen Distanz behandelt. Dazu kommt die einzigartige Erzählweise, die McCarten gewählt hat. Es ist eine Mischung aus Drehbuch und Comic, kurze Sätze, kontrapunktisch – was aber dank einem chronologischen Fortschreiten der Handlung, story-driven heisst das im Englischen, nie ins Gekünstelte abfällt. Die Form folgt immer dem Inhalt.

«Herr McCarten, was sagte Ihr pubertierender Sohn zum Buch?» – «Cool.» – «Sonst nichts?» – «Nein. Es geht ja auch um sexuelle Fantasien im Buch, es hat ihn wohl getroffen, zu lesen, dass sein Vater die gleichen Perversitäten im Hirn hat wie er selbst. Aber gesagt hat er nur: ‹Cool.›» Dass dies ein grosses Kompliment von einem Sohn ist, verschweigt der bescheidene Vater.

Es sind mehrere Prägungen, die Anthony McCarten zu einem grossen Autor machten. Erstens der Philosoph. Er erinnert sich, als Sechsjähriger einem Fussball nachgerannt zu sein, der auf die Strasse gerollt war. Plötzlich habe er gestoppt und gedacht: «Worin soll der Sinn bestehen, diesen Ball zu holen?» Zweitens der Ehrgeiz. In ihm war ein unbedingter Willen, aus Neuseeland wegzukommen, wo er am Fusse eines Vulkans als eines von sieben Geschwistern in einem konservativen, irisch-katholischen Elternhaus aufwuchs: «Ich hatte immer den Eindruck, hinter dem Vulkan finde eine Party statt, zu der ich nicht eingeladen bin.» Drittens die Religion. Es ist das Katholische, das irgendwie näher am Leben (und damit auch am Tod) ist. «Kürzlich starb meine Mutter», erzählt McCarten, «ironischerweise am selben Krebs wie Donald im Roman. Nach dem Begräbnis sass die Familie zusammen, und man zeigte auf Mamas liebste Sachen: Wer will das und wer will jenes? Wir tranken Whisky. Und plötzlich begannen alle, auch die Männer, die Kleider unserer Mutter anzuziehen. Eine grossartige Modeschau. Es gibt ein Video davon, das man mal auf Youtube stellen sollte.»

McCarten war selbst bis 15 Ministrant, er hat auf dem Friedhof gearbeitet, Särge getragen, Menschen gesehen, die in Gräber fielen, weil sie schon vor der Beisetzung zu viel getrunken hatten. McCarten ist keiner, der die Welt in Gut und Böse teilt, für ihn ist sie grundsätzlich nur eins: interessant.

Das Resultat dieses prallen Lebens ist, dass seine Bücher die Realität vorwegnehmen: «Es schauderte mich. Aber ‹Superhero› ist auch ein Bericht dessen, was ich gerade mit meiner Mutter erlebt habe, ihre Ärzte haben mir Sätze gesagt, die im Buch stehen. Der Roman hat mir geholfen, er war ein Probelauf für den Trauerprozess.»

Die Liebe der Erwachsenen

Gegen die Lebensgier des todkranken Donald schneidet McCarten die Beziehungsmühen des Psychologen Adrian King und der Eltern des Jungen. Da steht zum Beispiel: «Wie bei so vielen Männern und Frauen ist auch bei den Delpes Sex wie Einkaufen. Männer wollen rasch in den Laden, bekommen, was sie wollen, rasch wieder hinaus. Frauen wollen sich umschauen, Sachen anprobieren, finden an etwas Gefallen und verwerfen es dann wieder, probieren etwas anderes: alle Zeit der Welt.»

Nächsten Frühling bringt der Diogenes-Verlag, der alle Bücher von McCarten gekauft hat, seinen zweiten Roman, «Der englische Harem», heraus. Das Buch erzählt die Geschichte eines polygamen persischen Restaurateurs, der in England lebt. Der Mann weiss, was die wahren Fragen des Lebens sind.


Anthony McCarten: Superhero.
Roman. Diogenes.304 Seiten, 34.90 Franken.

Ein Abend mit Anthony McCarten, 18. Juni, 20 Uhr, im Schauspielhaus Zürich. Die deutschen Passagen liest der Schauspieler Christian Heller. Moderation: Peer Teuwsen. Tickets unter: www.schauspielhaus.ch.

Die Weltwoche verlost 20 signierte Bücher von «Superhero» unter www.weltwoche.ch/superhero.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 23/07
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