Jörg Immendorff (1945–2007) – Einer seiner letzten öffentlichen Auftritte war die Übergabe des Porträts an Exkanzler Gerhard Schröder. Mit dem in Gold gehaltenen Bildnis besiegelte Jörg Immendorff eine lange Freundschaft. Es war – wie ein Grossteil seiner Produktion der letzten Jahre – nicht mehr vom Maler selbst, sondern von fleissigen Assistentenhänden gemalt. Der Künstler litt an Amyotropher Lateralsklerose, einer Nervenkrankheit mit unausweichlich bis zum Erstickungstod fortschreitender Muskellähmung. Eine fürchterliche Prognose, die sein Leben ab 1998 prägte: Sie machte aus dem zum Malerfürsten mutierten Maoisten einen nachdenklichen Zeitgenossen.
Aus seiner Todesangst hatte Jörg Immendorff nie einen Hehl gemacht. Im Gegenteil, seine Krankheit war etwas, das er öffentlichund künstlerisch thematisierte. Das Inhaltliche war bei ihm, der 1945 in Niedersachsen zur Welt gekommen war, seit je wichtiger als das Ästhetische. Ursprünglich zum Hauptschullehrer ausgebildet, studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er später selbst unterrichtete. Der ehemalige Beuys-Schüler war mit einer direkten, plakativen Bildsprache bekannt geworden. Sie war das Mittel, mit dem er seine politischen Anliegen in die Öffentlichkeit trug. Malend formulierte er Kritik an den sozialen Verhältnissen und an der Realität seines damals noch geteilten Landes. Jörg Immendorff ist ein wichtiges Kapitel der deutschen Kunstgeschichte. Es wird den lächerlichen Kokain-Skandal, der den Künstler 2003 in den Fokus der Medien brachte, überdauern. Am vergangenen Montag ist Jörg Immendorff in Düsseldorf gestorben. Claudia Spinelli
Toshikatsu Matsuoka (1945–2007) – Er war ein strammer Partei-Samurai: korrekt und korrupt, wie es sich für einen LDP-Politiker in Japan gehört. Seit fünfzig Jahren an der Macht, verfügt die Liberaldemokratische Partei (LDP) über gutgeölte Maschinen, mit denen sie ihren Helfern über fingierte Ausschreibungen Staats-Millionen zuschanzt. Als Landwirtschafts- und Fischerei-Minister trug Matsuoka für solche Veruntreuungen die Verantwortung. Auch fingierte er Spesenrechnungen – wie viele Top-Politiker in Tokio.
Historisch bildeten die Samurai die einzige waffentragende Klasse und die Ordnungsmacht der Militärdiktatur, die Japan über Jahrhunderte war. Verstiess ein Samurai gegen die Regeln, gab man ihm Zeit, sich selbst zu richten. Andernfalls wurde er hingerichtet. Der Druck zum Selbstmord war eine Disziplinarmassnahme. Im 19. Jahrhundert entstand die Legende vom Hang der Japaner zum Ehrenselbstmord. Ein Mythos. Bauern war Selbstmord verboten, ihre Nachkommen wurden zur Strafe enterbt.
Als LDP-Politiker war Matsuoka ein Propagandist jener Konstruktion, die den Japanern als «Samurai-Mentalität» eingeredet wird. So schlug er vor, japanischen Restaurants im Ausland ein Gütesiegel abzugeben – oder zu verweigern –, um die Reinheit alles Japanischen zu sichern. Toshikatsu Matsuoka, der Bauernjunge aus Kyushu, hat stets geleistet, was die Partei von ihm erwartete. Jetzt drohte vieles aufzufliegen. Am Montag erhängte er sich, 62 Jahre alt, um einer Strafuntersuchung zuvorzukommen. Als Bauer wäre ihm dies einst verboten gewesen, aber er hielt sich selbst für einen Samurai – wie viele Japaner. Christoph Neidhart













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