Nach einer wochenlangen Kampagne hat Paul Wolfowitz, der Präsident der Weltbank, den Rücktritt angekündigt. Man hatte ihm vorgeworfen, seiner Freundin, einer Weltbank-Angestellten, zu einem unanständig hohen Lohn verholfen zu haben. Was auf den ersten Blick wie die peinliche Affäre eines Präsidenten aussieht, der selbst angetreten war, um die Weltbank von Korruption zu säubern, ist Ergebnis eines Rufmordes. «Ich habe in Washington schon viele Skandale erlebt», notierte der britische Publizist Christopher Hitchens, «doch die Kampagne gegen Wolfowitz war eine der übelsten.»
Paul Wolfowitz und Shaha Riza, eine Britin arabischer Herkunft, waren ein Liebespaar, lange bevor er sich um das Amt des Weltbank-Präsidenten bewarb. Als Politologin ausgebildet, war Riza seit 1997 bei der Weltbank tätig und galt als Expertin für die Besserstellung der Frauen in muslimischen Ländern. Selbst Muslima, aber nicht religiös, traf sie auf einen ebenso säkularen Juden, der sich von einem liberal – im amerikanischen Sprachgebrauch ein Linker – zu einem Neokonservativen gewandelt hatte.
Als Neunzehnjähriger war Wolfowitz mit seiner Mutter nach Washington gefahren, um mit Martin Luther King für die Bürgerrechte der Schwarzen zu demonstrieren. Riza und Wolfowitz teilen die Leidenschaft für einen demokratischen Nahen Osten – wie er ihn als stellvertretender Verteidigungsminister in der Regierung Bush mit dem radikalen Mittel des Regimewechsels in Bagdad anstrebte. Seit Jahren war er für einen Krieg gegen den Irak eingetreten: Im Grunde hat sich Wolfowitz die Instinkte eines Linken bewahrt, der die Menschenrechte notfalls mit Gewalt durchsetzt. Dass ausgerechnet der angeblich proisraelische Kriegstreiber Wolfowitz sich in eine arabische Feministin verliebte, wurde in islamischen Ländern mit ungläubigem Staunen zur Kenntnis genommen.
Bekannt wurde die Liebesbeziehung, als Wolfowitz vor zwei Jahren zum Präsidenten der Weltbank bestimmt wurde. Unter dem Druck der Regierung Bush hatten die skeptischen Europäer nachgegeben. Dass Bush ausgerechnet einen Vordenker des Irak-Krieges vorschlug, war besonders für die Deutschen und die Franzosen, die den Krieg bekämpft hatten, schwer zu schlucken.
Kurz vorher hatte Wolfowitz dem Ethik-Komitee der Bank, das die Corporate Governance sichert, mitgeteilt, dass er mit einer Angestellten der Weltbank zusammenlebt. Um Interessenkonflikte auszuräumen, schlug er vor, in den Ausstand zu treten, wann immer er mit Riza als Untergebener zu tun hätte. Was, wie Rizas Erfahrung mit Wolfowitz’ Vorgänger zeigte, wohl nie vorgekommen wäre: Riza arbeitete vier Kaderstufen unter dem Präsidenten. Trotzdem war das Komitee nicht einverstanden und verlangte, dass Riza ihren Job zugunsten ihres Geliebten aufgibt. Riza wehrte sich, zumal es kein Reglement gab, das sie hätte zwingen können, die Bank zu verlassen. «Doch wurde mir keine Wahl gelassen», hält sie heute fest, «gegen meinen Wunsch und meine beruflichen Interessen willigte ich ein, versetzt zu werden.»
Man transferierte Riza ins amerikanische Aussenministerium und stellte ihr, wie das Ethik-Komitee verlangte, eine Beförderung und eine Lohnerhöhung in Aussicht. Man suche einen «pragmatischen Ansatz», erklärte Ad Melkert, ein holländischer Sozialdemokrat und der Vorsitzende des Komitees, «und diese Lösung ist weder ungewöhnlich noch unpassend... Sie entspricht den Regeln der Bank.» Zu diesem Zeitpunkt war Riza längst für eine Beförderung vorgesehen. Da sich das Komitee «nicht direkt um Mitarbeiter kümmern darf», wies es Wolfowitz an, die Details festzulegen. Als der sich wegen Befangenheit davon befreien wollte, teilte ihm das Komitee schriftlich mit, die Personalabteilung solle gemäss «seinen Weisungen» den neuen Vertrag aufsetzen.
Gut entlöhnte Humanisten
Es folgten Verhandlungen zwischen dem Personalchef und Riza, an denen sich auch Wolfowitz beteiligte, was er heute als einen Fehler bezeichnet. Man einigte sich auf einen Lohn von 193000 Dollar, was einer Erhöhung um fast 60000 entsprach. Inbegriffen war die Beförderung um eine Kaderstufe und eine Kompensation für den Schaden, den Riza erlitt, weil «ihre Karriere-Perspektiven» geschädigt würden, wie das Ethik-Komitee festhielt. Riza arbeitete nun für die amerikanische Regierung, den Lohn bezog sie von der Weltbank.
Gemäss der Lohntabelle der Bank war ihr neues Salär nicht ungewöhnlich: Bisher war Riza in Kaderstufe G eingeteilt, wo das höchste Gehalt bei 167000 Dollar lag, neu stieg sie in Kaderstufe H auf, die bis zu 226000 Dollar erlaubt. 193000 waren mehr, als Aussenministerin Condoleezza Rice verdient, wie die Medien gerne berichteten, doch in der Weltbank verdienen rund 1400 Manager gleich viel oder mehr.
Die grosszügigen Entschädigungen sind Teil der Betriebskultur bei internationalen Organisationen – dazu gehört, dass ein Weltbank-Angestellter praktisch nicht entlassen werden kann, er keine Einkommenssteuern zahlt und seine Kinder auf Kosten der Bank in die Privatschule schicken darf.
Damals schienen alle zufrieden zu sein. «Unter dem Strich», schrieb Personalchef Xavier Coll, «glaube ich, haben wir eine vernünftige Lösung gefunden – angesichts der sehr komplexen und schwierigen Umstände.» Und Ad Melkert, der Vorsitzende des Ethik-Komitees, teilte im Oktober 2005 in einem Brief Wolfowitz mit: «Weil das Verhandlungsergebnis den Empfehlungen des Komitees entspricht, betrachten wir die Angelegenheit als erledigt.» Das Gleiche sagte Melkert dem Verwaltungsrat der Bank, wo er selber Mitglied war. Als ein Angestellter später das neue Salär von Riza per anonymes E-Mail bekannt machte, konterte Melkert: Das E-Mail enthalte «keine neuen Informationen, die eine erneute Prüfung durch das Ethik-Komitee erforderten».
Erst als Weltbank-Angestellte im März dieses Jahres der Presse Angaben über Rizas Salär zuspielten und sich Entrüstung ausbreitete, kehrte der Wind: Heute behauptet Personalchef Xavier Coll, Wolfowitz habe ihm den Lohn «diktiert», und Ad Melkert, der nicht mehr als Exekutiv-Direktor im Verwaltungsrat der Weltbank sitzt, gibt an, er habe das neue Salär von Riza nicht gekannt. In einem langen Bericht kommt ein hastig eingesetzter Ausschuss des Verwaltungsrates zum Schluss, Wolfowitz habe die Bankregeln verletzt, und empfiehlt ihm den Rücktritt.
In der Zitadelle der Linken
Das gleiche Komitee hatte jahrelang geduldet, dass die Frau des chinesischen Managing Director ebenfalls in der Bank arbeitete. Noch nahm sie Anstoss daran, dass ein junger britischer Exekutiv-Direktor eine Affäre zu einer Angestellten unterhielt und sie beförderte. Er soll Stabschef des neuen britischen Premierministers Gordon Brown werden. Als das Wall Street Journal den Fall des Chinesen publik machte, wehrte sich dieser mit dem Hinweis, im Gegensatz zu Wolfowitz sei er mit seiner Frau verheiratet. – Man kann es Wolfowitz nicht verargen, dass er von einer «Falle» spricht, die ihm gestellt worden ist.
Paul Wolfowitz hat sich viele Feinde gemacht: Ein glänzender Denker, der zur Arroganz neigt, ein Republikaner mit starken Überzeugungen, war er in der Weltbank wie ein römischer Prokonsul angekommen, der vom Kaiser den Auftrag erhalten hatte, eine unruhige Provinz zu befrieden. Die grosse Mehrheit der Weltbank-Mitarbeiter steht Mitte links. Zugleich sind in der Bank Reformen nötig. Die Bilanz ihrer Entwicklungshilfe ist durchzogen, ein grosser Teil ihrer Kredite (bis zu dreissig Prozent) versinkt im Sumpf der Korruption. Kaum war Wolfowitz ernannt worden, berichtete die satirische Hauszeitung, der neue Chef habe sich ein paar Gegenstände ins Büro zügeln lassen: eine Landkarte des Irak aus dem Jahr 1768, wo rote Kreuze Massenvernichtungswaffen anzeigten, schwarze alle Ölquellen und ein blaues Kreuz ein gutes Sushi-Restaurant. Ausserdem hätten die Zügelmänner einen Apache-Kampfhelikopter abgeliefert und ein rotes Telefon, das eine direkte Verbindung zum Weissen Haus herstellt. In einer Umfrage, die noch vor der Wahl vorgenommen worden war, lehnten neunzig Prozent der gut zehntausend Weltbank-Mitarbeiter Paul Wolfowitz ab.
Dass er Vertraute aus dem Weissen Haus mitbrachte, machte ihn nicht beliebter. Entscheidender war der konzeptionelle Streit, den er auslöste, indem er die Weltbank konsequent auf die Bekämpfung der Korruption ausrichtete – intern wie extern. Eine republikanische Anwältin wurde angestellt, die korrupte Angestellte entlarven sollte. Auch die Kunden der Bank – Regierungen in unstabilen Ländern – bekamen die neue Doktrin zu spüren. Als sich bei einem Projekt in Indien herausstellte, dass geschmiert worden war, brach es Wolfowitz ab. Vor ihm hatte dies noch kein Präsident gewagt. Weitere Bestrafungen bestechlicher Staaten folgten. Was vernünftig wirkt, gab in der Bank Anlass zu Kontroversen. Manche Mitarbeiter lehnten den strengen Ansatz Wolfowitz’ ab: Er sanktioniere nur Gegner der USA und belohne Verbündete (was, wie Indien zeigt, nicht stimmt – das Land steht den USA nahe). Der neue Ansatz, so ein anderer Vorwurf, bestrafe die armen Leute – nicht die Regierungen.
Milliarden-Verwaltung
Unausgesprochen geht es um den Eigennutz einer Institution in der Krise: Privates Kapital macht die Weltbank immer unnötiger. Während sie jährlich 22 Milliarden Dollar an Krediten vergibt, flossen 2005 fast 500 Milliarden an privatem Kapital in die Entwicklungsländer. Staaten wie China, Indien, Mexiko oder Brasilien, die sich früher um ihre Gelder bemühten, beschaffen heute auf den Finanzmärkten Kapital. Der Weltbank bleiben die unzuverlässigen Kunden. Wenn diese nun auf Korruption geprüft werden, schrumpft das «Geschäft» der Weltbank weiter. Kurz, die grossen Aktionäre der Weltbank, also die Steuerzahler der westlichen Länder, könnten sich fragen, warum eine Institution, die immer weniger Hilfe anbietet, ein Verwaltungsbudget von einer Milliarde Dollar verschlingt.
Als vor knapp einem Jahr bekannt wurde, dass EU-Kommissar Günter Verheugen (er ist verheiratet) seine Freundin zur eigenen Stabschefin gemacht hatte, was eine Lohnerhöhung von 45000 Dollar bedeutete, hielten das die EU-Regierungen für kein Problem. Eisern hielten sie an ihm fest, trotz aller Kritik. Noch störten sie sich daran, dass Uno-Generalsekretär Kofi Annan früh um den Oil-for-Food-Skandal wusste, als Milliarden an Saddam Hussein überwiesen worden waren, und er vergass, den Sicherheitsrat zu informieren. Bei Wolfowitz, dem Architekten des Irak-Krieges, war alles anders. Die Zeit der Rache ist angebrochen.
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