Chen Xiaoxu (1965–2007)
Epochen haben Gesichter, nicht nur jene von Politikern. Das süss-sanfte, fragile Antlitz von Chen Xiaoxu stand für Chinas Aufbruch der achtziger Jahre – dies auch, weil die junge Schauspielerin danach von den Bildschirmen wieder verschwand. Für viele in China war sie die erste TV-Prominente, das Fernsehen hatte damals nur ein Programm und sendete bloss abends. Die Leute kannten Chen Xiaoxu eher als Lin Daiyu, die Figur, die sie berühmt machte. Und die sie nicht spielte, sondern selber war, wie sie sagte. Lin Daiyu ist die junge Heldin im «Traum der roten Kammer», einem der vier grossen klassischen Romane Chinas, «Buddenbrooks» und «Romeo und Julia» in einem, nur grösser, achtzig Kapitel stark, mit über 350 Figuren. Gebildete Chinesen und vor allem Chinesinnen haben die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Familie von Cao Xueqin (1715–1764) nicht einmal, sondern drei- oder viermal gelesen. Sie enthält das ganze Leben. Im Tauwetter nach der Kulturrevolution, in dem China nicht nur die Zukunft, sondern mehr noch seine Kultur zurückeroberte, erschien 1982 eine definitive Neuausgabe der «Roten Kammer», 1987 kam die Verfilmung als TV-Serie. Xiaoxu spielte die Hauptrolle. Wie Chen, die zuvor nicht als Schauspielerin hervorgetreten war, identifizieren sich bis heute viele junge Chinesinnen mit Lin Daiyu. Chen selber gab die Schauspielerei bald wieder auf. Sie gründete eine Werbefirma und wurde reich. Müde von der Jagd nach Geld, fand sie vor einigen Jahren zum Buddhismus, rasierte vorigen Winter ihren Kopf kahl und wurde Nonne. Am 13. Mai starb Chen Xiaoxu im Alter von 42 an Brustkrebs. Eine Generation Chinesinnen trauert.
Christoph Neidhart
Jerry Falwell (1933–2007)
Er war der Sohn eines erfolgreichen, atheistischen Geschäftsmannes, der während der Prohibition sein Geld mit dem Verkauf von Alkohol gemacht hatte. Jerry entdeckte seine Berufung als Prediger, «als Gott still in Mamas Küche kam». In einer alten Abfüllanlage in Lynchburg in Virginia gründete er eine Kirche. Unermüdlich zog er von Haus zu Haus, um neue Kirchgänger zu werben. Aus anfänglich 35 wurden es innert Jahresfrist über 800, und heute ist das neue Gotteshaus der Thomas Road Baptist Church mit 6000 Plätzen jeden Sonntag voll. Falwell verkündete das Evangelium dann in der wöchentlichen Radio- und Fernsehsendung «The Old-Time Gospel Hour», die er zu einer elektronischen «Megakirche» mit über 6 Millionen Mitgliedern ausbaute.
Der kontroverse Prediger, der gegen den Zerfall der Familie und die Sittenlosigkeit der sechziger Jahre vom Leder zog, gründete 1979 die Dachorganisation Moral Majority, welche die bisher apolitischen christlichen Fundamentalisten von der Notwendigkeit überzeugte, sich politisch zu betätigen und für Kandidaten zu stimmen, die ihre konservativen Werte teilten. Die auf 80 Millionen geschätzten amerikanischen Evangelikalen, die 1976 noch mehrheitlich für den baptistischen Sonntagschullehrer Jimmy Carter gestimmt hatten, liefen 1980 und vor allem 1984 in Scharen zu Ronald Reagan und den Republikanern über. Seither liefert die von Falwell zusammengeschweisste religiöse Rechte das mächtige Fussvolk jedes republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Selbst liberal gesinnte Politiker wie Senator John McCain kommen nicht mehr darum herum, Pfarrer Falwell ihre Reverenz zu erweisen.
Hanspeter Born













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