«Findet sie statt, oder findet sie nicht statt?», lautet die Frage der Stunde, die von den Medien täglich neu beantwortet wird. Die Rede ist von der 1.-August-Feier auf dem Rütli, an der Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi sprechen wollen. Wegen des erwarteten Aufmarsches von Rechtsextremen und der damit verbundenen Sicherheitskosten sind die Anrainerkantone nicht bereit, die Schiffe von ihrem Hoheitsgebiet ablegen zu lassen. Der Bundesrat hat letzte Woche beschlossen, sich nicht am Aufwand zu beteiligen, Uri erwägt gar eine Sperrung der Wiese, und die für die Organisation zuständige Rütli-Kommission lehnt ein privates Sponsoring ab. Ob und wie die Feier stattfinden wird, bleibt unklar. Seldwyla, wie es leibt und lebt.
Um die Kosten geht es jedoch nur vordergründig. Hauptgegenstand der Farce ist ein kurioses Gezänk der Parteien. SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sieht im Rütli «ein Symbol für die Schweiz», SVP-Präsident Ueli Maurer dagegen «nur eine Wiese mit Kuhdreck», wie er dem Sonntagsblick verriet. Während die Linke aufs Rütli schwört, mokiert und distanziert sich die aufs Nationale abonnierte Rechte.
Verkehrte Welt? «Manche meinen, man kann lechts und rinks nicht velwechsern», schrieb der österreichische Dichter Ernst Jandl – eine Meinung, die er für einen «Illtum» hielt. Beim Kampf ums Rütli gilt das allerdings nicht.
Die scheinbare Konfusion hat mit der Eigenart des Schweizer Patriotismus zu tun und lässt sich historisch erklären. Ihren offiziösen Charakter hat die Rütli-Feier erst in den letzten Jahren durch die Teilnahme des Bundespräsidenten bekommen. Die Rütli-Kommission der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) wählt die Redner aus, wobei abwechselnd immer auch die Urkantone Uri, Schwyz, Obwalden und Nidwalden eingeladen werden. Eine Bundesangelegenheit ist der 1. August auf dem Rütli nie gewesen.
Das hat seinen guten Grund: Die Kuhweide der Nation ist kein Roter Platz und keine Champs-Elysées, die Schweiz feiert sich ihrer föderalen Struktur gemäss nicht mit zentralistischem Pomp, Defilees und berittenen Garden. Die Feier auf dem Rütli war immer nur eine unter vielen, auch wenn der Ort symbolisch von besonderer Bedeutung ist.
Europhile Anwandlungen
Der aktuelle Streit um die Interpretation dieses Symbols hat seine Wurzeln in den 1990er Jahren. Das Ende des Kalten Kriegs stürzte die Schweiz in eine Identitätskrise, auf die weite Teile der politischen Elite mit europhilen Anwandlungen reagierten. Die Redner auf dem Rütli folgten diesem Trend. Im Jubiläumsjahr 1991 sprach sich Nationalratspräsident Ulrich Bremi (FDP) für eine «wahrhaft europäische Nation» aus, und in Weiss gekleidete Tänzerinnen bewegten sich zu den Klängen der Europahymne. 1992 wollte das Schweizer Fernsehen auf dem Rütli eine Europafahne hissen – ein Vorhaben, welches die Rütli-Kommission zwar unterband, das dann aber vier Jahre später von Freiburger Studenten illegal nachgeholt wurde.
Auch die Linke entdeckte im Rütli eine leicht abschüssige Projektionsfläche für ihre Ideale. Als der tschechische Präsident Václav Havel im Jahr 2001 den Wunsch äusserte, den mythischen Ort zu besuchen, war Bundespräsident Moritz Leuenberger (SP) zunächst irritiert. Dann aber deutete er das Rütli sozialdemokratisch um. Den drei Eidgenossen sei es «nicht in erster Linie um die Abschottung vor dem Fremden, sondern um die Wahrung des sozialen Friedens» gegangen. Das Rütli sei «ein Symbol für alle Menschen, welche Freiheit und Frieden für alle wollen».
Das Problem des linken Patriotismus
Mit dieser alles und nichts sagenden Formel führte Leuenberger das Problem des linken Patriotismus vor Augen, das bis heute besteht: Die »postnationale» Rhetorik zündet nicht, es bleibt der Eindruck eines Eiertanzes um ein ideell leeres Zentrum. Das dürfte auch der eigentliche Grund dafür sein, dass Leuenbergers Parteikollegin Calmy-Rey unbedingt aufs Rütli drängt: Die Sozialdemokraten erhoffen sich von diesem Pilgerzug die Aura nationaler Weihe, die sie programmatisch nicht erreichen können.
Kein Zufall übrigens, dass der Blick die Rütli-Ambitionen der Bundesrätin gross rapportiert. Unter dem Regime des sogenannten «emanzipierten» Boulevards versagt es sich der Riniger-Verlag, die nationalen Bedürfnisse seiner Leserschaft in den Kernbereichen Ausländer- und Europapolitik zu befriedigen. Als Ersatzbefriedigung bietet er den Softnationalismus des Sports und den Plastikpatriotismus der Linken an. Ob dies dem Geschmack der Leser (und der Wähler) entspricht, ist zweifelhaft. Der Historiker Georg Kreis, der dem Boulevard intellektuelle Schütztenhilfe leistet und das Rütli im Blick zum Symbol für »Konkordanz und Solidarität» erklärt, stellte in einem Buch nüchtern fest: «Die Nutzung des Rütli hat trotz ihrer Unterschiedlichkeit keine beliebige Qualität.»
Der Professor hat recht. Kern des Mythos ist der souveräne und wehrbereite Bund der Eidgenossen, auf den General Guisan 1940 bei seinem berühmten Rütlirapport hinwies, als er von dem für unsere Unabhängigkeit symbolischen Boden sprach.













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