Der Internat-Report

Geschlossener Planet

Aga Khan, die Benettons, Dodi al-Fayed, die Rockefellers: Sie alle besuchten das Institut Le Rosey am Genfersee. Im exklusivsten Internat der Welt werden die Zöglinge mit Härte und Drill auf ihre Zukunft als globale Elite vorbereitet.

Von Franziska K. Müller

Er trägt gebügelte Hosen und einen Gürtel von Hermès. Die dunkelblonden Haare enden – so wie es der «Code» vorschreibt – einen Zentimeter unter dem Ohrläppchen. Auf Brusthöhe des Blazers sitzt das goldene Wappen von Le Rosey.

Raoul-Edgar, siebzehn Jahre alt, ist ein Vorzeigeschüler. Sein Notendurchschnitt beträgt 6,3 (aus 7). Sein Benehmen wurde mit dem Prädikat «exzellent» ausgezeichnet.

Er fixiert den Flachbildschirm mit noch müden, wasserblauen Augen. Die elektronische Anzeige hängt – gut sichtbar für alle – in der holzgetäferten Eingangshalle des Internates: Die erste Schulstunde ist kaum vorüber, schon gibt der Hightech-Pranger dreissig Namen samt Art der Verfehlungen preis. Sergei* und Sajin haben den Lehrer nicht korrekt gegrüsst (falsch: «Bonjour Monsieur», richtig: «Bonjour Monsieur Kletzborn»). Veith und Omar sind erst um 7.32 Uhr zum Frühstück erschienen – zwei Minuten zu spät. Ari, Olympia und Shafia verliessen ihre Zimmer, ohne sie aufzuräumen, das heisst, die Bettdecken waren nicht straff geglättet.

In Le Rosey, dem ältesten, teuersten und exklusivsten Internat der Schweiz, wird genau das Gegenteil von dem getan, was in Hunderten von Internatsromanen beschrieben ist. Nächtliche Eskapaden? Nach einem erschöpfenden Tagesprogramm fehlt dazu schlicht die Energie. Schwänzen, Sex, Drogen? «Das muss nicht sein», sagt Océan, ein Mädchen mit Mondsteinaugen und aristokratischem Profil. Ihre Freundin Maureen – sie sieht wie die junge Bo Derek aus – sagt nichts. Allein der Gedanke an solche Aktivitäten scheint die distinguierten 15-Jährigen zu erschrecken.

Spätestens nach ein paar Monaten auf dem abgeschotteten Gelände erkennt die Leadership-Generation von übermorgen, dass Disziplin, Fleiss und ein tadelloses Benehmen unabdingbare Voraussetzungen sind, will man nicht wie Paris Hilton enden. «Was soll ich sagen?», antwortet Raoul-Edgar, auf die amerikanische Hotelerbin angesprochen. «Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.»

Leichtfüssig bewegt sich Raoul-Edgar, Sohn eines Zürcher Anwalts und einer Veranstalterin von literarischen Nachmittagseinladungen, in Lederslippern von Bally über den Campus, von dem er sagt, dies sei ein Planet, ein Wunderplanet. Als Vorbilder dienen: Dodi al-Fayed, Fürst Rainier von Monaco, die Rothschilds, die Aga Khans, die Rockefellers, die Benettons, die Kinder von John Lennon, Elizabeth Taylor und Roger Moore. Sie alle besuchten die 127-jährige Institution am Genfersee. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes schrieb, es sei der einzige Ort auf der Welt, wo Kinder auf ihre künftige Rolle als Milliardäre vorbereitet würden.

Einmal durfte die Fernsehstation Arte in den Schulzimmern filmen. Und vor vielen Jahren schlich sich eine italienische Journalistin ein und nahm am Bewerbungsprozedere teil. Ansonsten spielte sich der Alltag bisher unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Philippe Gudin – fast zwei Meter gross, blaue Hose, blaues Hemd, blaue Krawatte – sitzt auf dem Sofa im Büro. Auf dem Marmorkamin stehen Familienfotos. Vor dem Fenster wächst eine hundertjährige Eiche kerzengerade in den Himmel. Koloniale Sujets – indische Elefanten, die von dunkelhäutigen Arbeitern angetrieben werden – repetieren sich auf den zurückgeschlagenen Vorhängen.

Der 54-Jährige, verheiratet mit der Iril-Strumpferbin Anne Gudin, ist Besitzer und CEO von Le Rosey – dem grössten Arbeitgeber des Ortes. Seit siebenundzwanzig Jahren steht er dem Nobelinternat vor. Hält er Jugendliche für zurechnungsfähige Menschen? «Nein. Junge Menschen können nicht beurteilen, was gut oder schlecht für sie ist: Ihre Freiheiten müssen darum nicht gross sein.» Er sagt auch Sätze wie: «Ohne Leistung kann kein echtes Selbstwertgefühl heranwachsen.» Oder: «Die Furcht vor Strafe erübrigt manches Übel.»

Was ist mit Selbstbestimmung, Solidarität und Kreativität? «Diese drei Punkte haben ebenfalls mit Selbstdisziplin zu tun», antwortet Monsieur Gudin ungerührt. Den Einwand, Le Rosey bringe keine Freigeister und Wohltäter hervor, lässt er nicht gelten: Ein Schüler ging nach Afghanistan. Ein anderer wurde Abenteurer.

Eine Kleinstadt, die sich selbst genügt

Das Recht auf Amüsement hält er für absurd: «Die Verführungen der Grossstadt sind hier glücklicherweise weit weg»: Um nach Lausanne oder Genf zu gelangen, reicht der wöchentliche Freigang von neunzig Minuten – selbst mit Chauffeur – nicht aus. Die Faszination des waadtländischen Rolle – Weinbauern, Coop-Zentrum, ein Hotel – hält sich bei den Schülern in Grenzen. Le Rosey genügt sich selbst: Die Anlage ist dreissig Hektar gross und verfügt über die Infrastruktur einer wohlhabenden Kleinstadt: An der Uferpromenade liegen die hauseigenen Segelboote vor Anker. Am stahlblauen Horizont zeichnen sich die Pferdestallungen ab. Swimmingpools in Olympiaformat, Tennisplätze, Schiess- und Golfanlagen integrieren sich locker in die von hohen Mauern und Zäunen umgebenen Ländereien, deren Umwanderung einen halben Tagesmarsch in Anspruch nehmen würde.

Wer das schmiedeiserne Eingangstor passieren darf, gelangt über eine breite Allee ins Herz der Kaderschmiede. Dort befinden sich eine erhöhte Cafeteria mit einer Piazza, Gärten, eine Boutique für Schulzubehör und eine für Bademäntel mit dem Wappen von Le Rosey. Rund um den mittelalterlichen Schlossturm gruppieren sich ockerfarbene Wohnhäuser und neue Schulgebäude im Landhausstil. Im Geäst uralter Baumbestände wachen Dutzende von Überwachungskameras über die exklusiven Kinder. Alle Haustüren werden nach dem Lichterlöschen verriegelt, die Barrieren vor dem Eingangstor geschlossen. Man munkelt, bei manchen Gärtnern und Putzmännern handle es sich in Wirklichkeit um bewaffnete Security-Guards. Aber davon will die Schulleitung nichts wissen.

380 Kinder und Jugendliche aus fünfzig Nationen, der Grossteil zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt, leben auf dem riesigen Campus. 160 Erwachsene – davon hundert Lehrer und Lehrerinnen – kümmern sich um das geistige und körperliche Wohl der privilegierten Kinder. Man sieht die Zöglinge kaum. Man hört sie nicht. Skateboards sind verboten, die Nutzung anderer Accessoires wie iPod und Handy nur in den Zimmern gestattet. Ernst und stumm eilen sie in das Auditorium, in die verschiedenen Laboratorien, in die Studierhalle, in die Bibliothek, in die Musikzimmer. Ausser am Mittwochnachmittag ist die tägliche Freizeit auf zweimal zwanzig Minuten limitiert – sofern das Verhalten tadellos war. Die meisten machen dann ein Nickerchen, so geschafft sind sie vom Leben auf dem Nobelcampus: Der Tag beginnt um Punkt 7 Uhr, umfasst acht Unterrichtsperioden sowie mehrere Stunden Sport, Musik, Theater. Der Abend ist dem überwachten Lernen gewidmet. Zwischen 21.00 und 23.30 Uhr ist Lichterlöschen. Raoul-Edgar sagt: «Für Krisen bleibt wenig Zeit.»

Jugendlichem Sturm und Drang beugt die Internatsleitung mit einem lückenlosen Beschäftigungsprogramm vor, kritischen Gedanken zum Weltgeschehen mit dem Verzicht auf Tageszeitungen, Fernsehen und politische Diskussionen. Mit «Underground» bringen die flausenlosen Teenager allenfalls die unterirdische Kirche in Verbindung. Kämpfen sie für nichts?

Doch: für Gleichberechtigung in der Nutella-Frage. Der süsse Brotaufstrich war bisher den Mädchen vorbehalten. Und dafür, dass in naher Zukunft nicht mehr die Schüler, sondern das Personal die Mahlzeiten serviert.

Von heimlichen Unartigkeiten mag hier niemand sprechen. Ein junger Genfer Vermögensverwalter berichtet allerdings über das Zusammentreffen mit Le-Rosey-Zöglingen an den Wochenenden: in Gstaad, in London, in Monte Carlo. Schlecht würden sich die Söhne des internationalen Geldadels nicht benehmen. Pro Nacht und zu viert gäben sie schon mal 20000 Franken für Jahrgangschampagner aus. Die Bediensteten würden traditionsgemäss «Die Sklaven» genannt.

Die gröbsten Patzer in der Geschichte des Internates – sie führten allesamt zum sofortigen Ausschluss der fehlbaren Schüler – werden den Zöglingen bei Internatseintritt unterbreitet: positive Drogen- und Alkoholtests, nächtliche Autorennen mit Luxuskarossen auf dem Campus, Ertapptwerden in den Wohngebäuden des anderen Geschlechts. Schüler, die nach 23 Uhr ihr Haus verlassen, fliegen ebenfalls von der Schule.

Pascal, ein blondgelockter Franzose von irisierender Schönheit – er besucht die Kaderschmiede in dritter Generation –, erzählt, bevor er nach Le Rosey gekommen sei, habe er nicht gewusst, dass er ein ehrgeiziger Typ sei mit einem Talent für Zahlen. Jetzt schon. Der Wirtschaftsunterricht ist sein Lieblingsfach: «Money is a store of volume or wealth», heisst es auf dem Flip-Chart im Schulzimmer. Die Jugendlichen lernen: Wenn jemand wirklich arbeiten will, dann kann er auch. Raoul-Edgar sagt: «Für Leute, die aus ihrem Schicksal nicht versuchen das Bestmögliche zu machen, empfinde ich kein Mitleid.»

In einem anderen Zimmer befasst sich die Geografieklasse mit den Arbeitsstrukturen in Genf und Brasilien. Die sechs Schüler und Schülerinnen sollen Berufsbezeichnungen nennen. «Chef», ruft Elisabeth-Maria. «Botschafter», sagt Sandip und die anderen: «Politiker», «Arzt», «Millionär». «Und wer bäckt das Brot?», versucht der englischsprachige Lehrer die Gedanken der Kleinklasse auf etwas bescheidenere Funktionen zu lenken. Stille. «Der Bäcker», beantwortet der Lehrer die Frage schliesslich selbst.

Pro Woche darf jedes Kind 20 Kilogramm Schmutzwäsche produzieren. Allein die Art der tolerierten Jeans umfasst drei Einschränkungen, die in den Kleidervorschriften festgehalten sind: nicht zerrissen, nicht gebleicht, nicht ausgefranst. Unerwünscht sind bei den Mädchen kostbare Juwelen und unbedeckte Schultern. Wenigstens eine Lücke klafft im Regelwerk, die Raum für einige Kaprizen lässt: Die weiblichen Teenager tragen 1000-Dollar-Taschen an den Schultern und Chanel-Brillen auf den Nasen.

Die idealen räumlichen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen sowie die Annahme, dass die Internatszöglinge den «Esprit Roséen» – eine Mischung aus souveränem Auftreten in drei Sprachen, Moral, Leistungswillen und der Einsicht, dass man am besten unter seinesgleichen bleibt – verinnerlichen werden, ist den Eltern pro Schuljahr 90000 Franken wert. Die Ausbildung dauert zwei bis zehn Jahre.

Ein gutes Investment. Das Motto von Le Rosey, «a School for Life» (Lebensschule), bezieht sich nicht nur auf die Erziehung. Wann immer es ein Problem zu lösen gilt: Die Ehemaligen aus Le Rosey, in der Organisation AIAR (Association Internationale des Anciens Roséens) vereint, können sich aufeinander verlassen. Das fünfhundert Seiten dicke Handbuch mit ihren Namen und Adressen liegt bei Philippe Gudin auf dem Couchtisch. Es beantwortet die Frage, was aus den straff erzogenen Kindern wird, mit drei Worten: sehr erfolgreiche Bürger. Mitglieder der Khashoggis verbrachten einige Jahre in Rolle, ebenso der frühere CIA-Chef Richard Helms, der MIT-Gründer Nicholas Negroponte, ein paar Taittinger.

AIAR-Kontakte können bereits während der Internatsjahre nützlich sein. Ein Anruf genügt, und zwei Knaben erhalten die sofortigen Zusagen für je eine Sommer-Stage in einem renommierten Pekinger Hotelbetrieb und einer der erfolgreichsten Anwaltskanzleien von ganz New York.

Seit der Naturliebhaber Paul-Henri Carnal die mittelalterliche Schlossanlage Le Rosey vor 127 Jahren erwarb, hat sich an diesem Schulsystem nichts verändert. Carnal fand, die Intelligenz von Kindern müsse mit akademischen, künstlerischen und sportlichen Aktivitäten gefördert werden. Das streng geführte Knabeninternat bot anfänglich nur fünfzehn Schülern Unterkunft und erlebte seine Blütezeit während des Zweiten Weltkrieges, als ein halbes Dutzend blaublütiger Zöglinge – darunter Aga Khan II., Mohammed Reza Pahlevi, Fürst Rainier von Monaco und König Albert II. von Belgien – fast zeitgleich die Schulbank im «Internat der Könige» drückten. Seit dreissig Jahren sind Mädchen zugelassen. Immer öfter übergeben heute auch reiche Schweizer Eltern ihre Kinder in die Obhut einer Institution, die dem Nachwuchs beibringt, dass Privilegien hart erarbeitet werden müssen.

Raoul-Edgar hat bereits das Maximum an internen Erleichterungen erreicht: Auf Einladung seiner Eltern, die zehn Stunden vor Austritt per Fax an die Direktion geschickt werden muss, darf er bereits am Freitagabend und nicht erst am Samstagmittag ins Weekend.

Was denkt Raoul-Edgar, wenn er bei seinen Freigängen mit Teenagern seines Alters konfrontiert wird? Dass er nicht so frei sein möchte. Dass er Glück gehabt habe. Dass Eltern besser auf ihre Kinder achten sollten. Dass ihn Leute nerven, die immer nur fordern, ihrer eigenen Verantwortung aber nicht nachkommen. Leistung, Erfolg und Glück sind für ihn untrennbar miteinander verbunden. Später will er in der Wirtschaft Geld verdienen, eine Familie gründen, seine Kinder nach Le Rosey schicken und in verschiedenen Appartements in verschiedenen Ländern möglichst unbekümmert leben. Er ist zum Schluss gekommen: «Arm und Reich wird es immer geben. Man sollte versuchen zu teilen. Aber so funktioniert das nicht.» Seine Lieblingsstadt ist Monte Carlo. «Ein gepflegtes Paradies, man bezahlt keine Steuern, und alle Leute sind zufrieden.»

Einen Teil seiner diesjährigen Sommerferien muss er allerdings in Pakistan verbringen, wo er Analphabeten und exotische Lebensweisen kennenlernen soll. Das Charity-Engagement ist eine neuzeitliche Errungenschaft des zweisprachigen Internatsbetriebs.

Raoul-Edgar gehört dem Wohltätigkeitskomitee an, das nach dem Abendessen Geld sammelt. Der dunkle Esssaal verströmt jahrhundertealte Tradition. Unzählige Pokale erinnern an die ausserordentlichen Leistungen ehemaliger Sportskanonen. Hundertsechzig männliche Jugendliche nehmen hier mit untadeliger Haltung ihre Mahlzeiten ein. Die Mädchen speisen einen Kilometer entfernt. Jedes Mal, wenn eine erwachsene Person an den Tisch tritt, werden die Gabeln niedergelegt, und es erhebt sich die ganze Tafel synchron. Nach einem kurzen Essen verlassen die Zöglinge den Raum im Gleichschritt. ›››

Damit sich seine Kollegen in hungernde Menschen hineinversetzen können, liess Raoul-Edgar beim letzten Charity-Event nur ein Schüsselchen Reis servieren. Anschliessend wurden Strafzettel versteigert, die die Studenten kassiert hatten. Nach zwei Stunden waren 20000 Franken zusammengekommen und die grosszügigen Spender vom Nachsitzen befreit. Nur die fleissigsten und besten Schüler dürfen in den grossen Ferien in die Entwicklungsländer reisen und dort Unterricht erteilen. Offiziell dient der zweiwöchige Aufenthalt in Schmutz und Armut der Persönlichkeitsentwicklung. Inoffiziell heisst es, dass sich solch ungewöhnliche Aktivitäten im Lebenslauf besser machten als die Erwähnung von Segelbrevet und Handicap 4. Yale, Oxford und andere Eliteuniversitäten legten neuerdings Wert auf komplementäre Erfahrungen und reagierten äusserst positiv auf soziale Engagements.

Auch die Eltern sind entzückt, wenn sie von solchen Dingen hören. Dass sie es zu hören bekommen, dafür sorgt Jacques Bounin. Der 47-jährige Franzose ist seit fünf Jahren für die PR des Nobelinternates zuständig. Statt mit einer grossen Limousine fährt er mit einem winzigen Fiat 500 über den Campus. Monsieur Bounin sagt: «Unsere Erfolgsquote beträgt hundert Prozent.» Das internationale Baccalauréat bestehen alle, die meisten schliessen mit Bestnoten ab, heisst es. Soeben aus Italien zurückgekehrt, geht es übermorgen nach Peking. Seit der Öffnung der Ostblockstaaten könnte Le Rosey ein Zusatzinternat mit russischen Kindern unterhalten. Doch hegte man Mitte der neunziger Jahre den Verdacht, dass Oligarchen die teure Eliteschule benutzten, um Geld zu waschen. Fast noch schlimmer: Die russischen Schüler imitierten die Lebensweisen ihrer Eltern und verwandelten das Paradies über Nacht in eine Kampfzone rivalisierender Clans. Heute darf jede Nationalität nur noch mit einem Anteil von zehn Prozent vertreten sein.

Ein weiteres Problem mit den Russen: Neureiche schaden dem Image der exklusiven Institution. Zumindest im Privaten gibt man dem Kolumnisten und ehemaligen Schüler Taki Theodorakopoulos recht. Der griechische Milliardenerbe mokiert sich im Spectator über proletarische und neureiche Eindringlinge in die High Society. Dem siebten Ehemann von Liz Taylor – einem ehemaligen Bauarbeiter und Lastwagenfahrer – rief Taki von seiner Chalet-Terrasse in Gstaad zu: «Hey Larry, wo hast du deinen Truck gelassen?»

Monsieur Bounin umfliegt den Erdball von Angola bis nach Neuseeland. Er charmiert Adelsfamilien und Grossindustrielle und referiert über die Vorteile seiner Schule. Nebst einer humanistischen Bildung in polyglottem Umfeld besitzen die Studenten bei Schulaustritt das Wissen, wie man eine Banane mit Messer und Gabel schält. Zudem spielen sie konzertreif ein Instrument und kennen die internationalen Metropolen, das dortige Kulturangebot und die schönsten Unterkünfte. Leadership-Eigenschaften und Teamgeist werden ab dem zwölften Lebensjahr gefördert. Andere Aktionen verströmen den Charme skurriler Noblesse. Noch heute disloziert der ganze Campus im Winter nach Gstaad. Der Zügeltermin ist mit einem riesigen logistischen Aufwand verbunden. Die Dringlichkeit der Aktion wird den staunenden Zuhörern mit den Worten des Schulgründers Paul-Henri Carnal erklärt: «Es gilt dem Nebel am Genfersee zu entfliehen.»

Jacques Bounins Werbefeldzug trägt Früchte: Die Zahl der Bewerbungen hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Man baut neue Häuser für die Schüler, und ein Kulturzentrum – The Carnal Hall – mit mehreren hundert Plätzen ist geplant. Bei der Auswahl der Studenten darf man wählerischer denn je sein. Den vielversprechendsten Aspiranten stattet Monsieur Bounin einen Höflichkeitsbesuch in familiärem Umfeld ab. Dazu reist er nach Riad, Mumbai oder Sydney. Ist der exklusive Nachwuchs verwöhnt, hält er beim Husten die Hand nicht vor den Mund, behandelt er die Angehörigen ohne Respekt, müssen die Eltern das Kind behalten.

Wenig begeistert sind die vielbeschäftigten Eltern, wenn sie den Nachwuchs wieder zurücknehmen müssen, weil er sich dauerhaft renitent verhält. Den Erziehungsberechtigten rät man dann zu einer Militärschule im Ausland.

Manche Mütter und Väter wollen sich selbst einen Eindruck verschaffen, in welchem Umfeld der Nachwuchs vielleicht bald büffeln darf. Die Abgabe von Zeugnissen, das Verfassen eines Bewerbungsschreibens, das Ausfüllen einer mehrseitigen Anmeldeschrift, das Einverständnis mit dem Disziplinarkodex und den Ehrenregeln sowie einige Telefongespräche mit der Schulleitung gehen solchen Visiten voraus. Die Kooperation der Eltern wird als ausgesprochen wichtig eingeschätzt. Ist man sich in der Erziehung und Wertevermittlung nicht einig, kann es vorkommen, dass ein erzürnter Vater mit einer Schlägertruppe aus Italien anreist, um seinen Sohn zu rächen, der vom Lehrer eine Ohrfeige verpasst bekam. Unfrieden brachte auch ein saudischer Scheich, der den Bodyguard seines Sohnes anwies, dem Jüngling einen wöchentlichen Bordellbesuch zu organisieren. Als die Sache aufflog, erklärte der Scheich, er habe sich die Aktion einfallen lassen, damit sein Sohn mit den Realitäten des Lebens konfrontiert werde. Ansonsten funktioniert der Campus seit 1880 skandalfrei, wie den besuchenden Eltern versichert wird.

«Lebt hier jemand?»

An diesem Tag sind sieben Familien angereist, darunter die Ararats aus der Türkei. Monsieur Bounin erwähnt den Chauffeur, der die muslimische Schülerschaft bei Bedarf zum Gebet in die Moschee nach Genf transportiert. «Fünfmal pro Tag?», möchte Frau Ararat wissen. «Natürlich nur am Freitag», antwortet Monsieur Bounin. Der Vater möchte die Zimmer sehen. Dort stehen zwei rustikale Holzbetten mit gemustertem Bettzeug, eine offene Schrankwand. «Lebt hier jemand?», fragt Herr Ararat in perfektem Französisch. «Selbstverständlich», antwortet Monsieur Bounin und weist auf die gebügelten Hemden in der Schrankwand.

Die Zöglinge dürfen ihre Zimmer dekorieren: solange keine Vulgaritäten im Spiel sind. Aber zu Snoop Dogg, Tokio Hotel, Jamaikafahnen sowie anderen Insignien der Jugendkultur haben sie keinen Bezug. Raoul-Edgar sagt: «Ich trage privat keine andere Kleidung, höre keine andere Musik, benehme mich nicht anders als auf dem Campus.» Frau Ararat ist dennoch entsetzt. «Wieso sieht es hier so hässlich aus? Wieso fehlt es an modernem, schickem Mobiliar?» – «Wir wollen die Jugendlichen keiner obsessiven Modernität aussetzen», antwortet Monsieur Bounin eisig. «Gibt es einen Grund für diese Flecken an der Wand?» Die Mutter hat zwei stecknadelgrosse Punkte im Visier. Jacques Bounin schweigt. Wenig später ist die Besichtigung frühzeitig zu Ende. Ob Timur Ararat jemals einen Fuss auf den Campus setzen wird, bleibt ungewiss.


* Bis auf Raoul-Edgar wurden alle Namen von Schülern und Eltern geändert.

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