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23.05.2007, Ausgabe 21/07

Männerfantasie

Die Traumfrau am Herd

Feiert die traditionelle Familie ein Comeback, wie vor kurzem in der Weltwoche geschrieben wurde? Die Anzeichen sind mager. Die Rückkehr des Heimchens ist weitgehend eine Männerfantasie.

Von Beatrice Schlag

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Männer träumen nicht nur von Pamela Anderson. Von den Vätern unter ihnen gestehen bemerkenswert viele, wenn man sie in einem ehrlichen Moment erwischt, sich nach einer Partnerin zu sehnen, die ist, wie sie ihre Mütter oder Grossmütter erlebt haben: eine Frau, deren Leben mit Kindern, Eheleben, Heim, Garten und Freunden erfüllt war. Vielleicht war es weniger erfüllt als mit Hausarbeit angefüllt, aber das beschäftigte einen als Kind zu Recht nicht. Heute ist die Familie häufig ein Ort zäher Verhandlungsrunden: Viele Väter müssen mit ihren Frauen ausmarchen, wer einkauft, wer wäscht, wer bügelt und wer die Kinder ins Bett bringt. Das ist nicht sexy und nicht herzerwärmend, sondern für beide oft ungemein anstrengend. Gelegentliche männliche Nostalgie nach den alten Geschlechterrollen ist also durchaus nachvollziehbar. Hilfreich wäre, wenn sie auch so benannt würde.

Vor zwei Wochen berichtete die Weltwoche über Mütter, die sich entschieden haben, ihre Berufsarbeit zugunsten der Kinder aufzugeben oder zu unterbrechen. Der Artikel löste bei vielen heftige Empörung aus, ebenso wie Eva Herman nach Einschätzung des Artikels «Hassorgien» provoziert hatte, «eine Hysterie, die einem Hexenprozess ähnelte».

Hassorgien? Hexenprozess? Beim Auftritt der ehemaligen TV-Moderatorin und Autorin des ziemlich krude zusammengestoppelten Bestsellers «Das Eva-Prinzip» hatten in Bern im März etwa vierzig Frauen lautstark protestiert und waren aus dem Saal gewiesen worden, was zu einer halbstündigen Verspätung des Veranstaltungsbeginns geführt hatte. Danach erzählte die Frau, deren sehr öffentlich propagierte Rückkehr in den Haushalt sie in ein helleres Rampenlicht gerückt hat, als ihr als Moderatorin jemals zuteil geworden war, ohne jede Störung, warum ihre weibliche Biologie sie schliesslich an den Herd befohlen habe. So viel zu hysterischen Hexenprozessen.

Familienfreundliche Jungakademiker

Ausser auf die Aussagen der interviewten Mütter stützte der Weltwoche-Artikel die Behauptung, Familien mit traditioneller Rollenteilung seien wieder im Trend, auf eine Studie unter Hochschul-Absolventen, von denen sich 94 Prozent eine Familie und durchschnittlich 2,4 Kinder wünschen, für die die grosse Mehrheit Karriere, Einkommen und persönliche Freiheit einzuschränken bereit wären. Da anzunehmen ist, dass sowohl männliche wie weibliche Studenten befragt wurden, die zugunsten der Familie Abstriche bei der Karriere zu machen bereit sind, sagt das zwar etwas über die Familienfreundlichkeit von Jungakademikern aus, aber nichts über einen Wunsch nach traditionellen Rollenverteilungen.

Die Fakten: Gemäss den vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Zahlen gingen 1990 fast 60 Prozent der Mütter mit Kindern unter fünfzehn Jahren in der Schweiz keiner Erwerbstätigkeit nach. Zehn Jahre später waren es nur noch 37 Prozent. Der Rest verrichtete neben Haushalt und Kinderbetreuung mehrheitlich eine Teilzeitarbeit. Im Jahr 2005 war die Zahl der nicht erwerbstätigen Mütter auf 32,6 Prozent gesunken. Von diesen Müttern gab ein Drittel an, sie wären gerne auf dem Arbeitsmarkt tätig, aber Betreuungsangebote für die Kinder seien entweder zu teuer oder in einer täglich erreichbaren Umgebung nicht vorhanden.

Sprung weg vom Herd

Beinahe eine Verdoppelung der Zahl erwerbstätiger Mütter in fünfzehn Jahren ist nach soziologischen Kriterien ein Quantensprung. Der Sprung führte weg vom Herd. Nach den bisher vorliegenden Zahlen gibt es nicht nur keine Anzeichen dafür, dass Mütter weniger erwerbstätig sind als in den Jahren zuvor, sondern dass ihre Erwerbstätigkeit im Gegenteil zugenommen hat und bei besserem Betreuungsangebot für Kinder noch erheblich zunehmen wird.

«Warum eigentlich drängen ungezählte Frauen trotz Kindern und Familie in den Arbeitsmarkt?», fragte das Weltwoche-Editorial. Die Antwort lautet: weil sie müssen, weil sie können und weil sie wollen. Für den überwiegenden Teil erwerbstätiger Mütter ist Lohnarbeit keine Lustfrage, sondern eine finanzielle Notwendigkeit.

Und wozu wurde ihnen eine Lehre oder ein Studium finanziert, wenn nicht, damit sie danach einen Beruf ausüben? Das sind wirtschaftliche, keine ideologischen Gründe. Die überhitzte ideologische Debatte, die zum «Krieg der Mütter» hochpalaverte Auseinandersetzung zwischen berufstätigen und nicht berufstätigen Frauen, ist in Wahrheit eine Elite-Diskussion um und zwischen Müttern, die es sich leisten können, nicht zu arbeiten. Die einen verbringen den Tag lieber mit ihren Kindern, die andern lieber mit Erwerbstätigkeit. Wenn sie miteinander diskutieren, kachelt es.

Auseinandersetzungen zwischen Privilegierten sind uninteressant, aber man sollte in diesem Fall ihre Relevanz im Auge behalten. «Zurück an den Herd» ist nur für einen kleinen Prozentsatz erwerbstätiger Mütter eine Option, an die sie Gedanken verschwenden können. Ironischerweise sind die Mütter, die dringend dazuverdienen müssen, weil das Gehalt des Ehemannes für eine Familie nicht ausreicht, möglicherweise die, die das Zuhausesein am ehesten missen: Kassiererin im Supermarkt oder Zeitungsausträgerin sind harte Jobs.

Natürlich geht es unterschwellig um anderes, und deswegen streiten nicht nur finanziell privilegierte Vollzeitmütter mit privilegierten Teilzeitmüttern. Rechte und linke Politiker eifern in der Debatte genauso mit wie kinderlose Single-Frauen. Und das Klima ist in der Tat gereizt, weil traditionelle Rollenverteilung für jeden etwas anderes bedeutet, was er oder sie aber nicht zwingend laut sagt: für die einen bedeutet sie weniger Konkurrenz am Arbeitsplatz, für andere weniger Bedarf an Krippenplätzen, für manche Väter schlicht die Hoffnung auf ein weniger anstrengendes Familienleben. Erwerbstätige Frauen, Mütter oder nicht, wittern die Infragestellung ihrer Autonomie, die auf gesellschaftlich noch nicht sehr verankerten Füssen steht. Sie reagieren entsprechend aggressiv.

In der Diskussion um Emanzipation oder Emanzipation von der Emanzipation geht ein historisch entscheidender Zufall häufig unter: Die Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre hätte nicht annähernd so viele gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst, wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften in jenen Jahren nicht riesig gewesen wäre. Aber die Wirtschaft boomte. Massen junger Frauen, die eine Generation zuvor Kinder bekommen hätten und zu Hause geblieben wären, liessen sich anstellen. Und viele von ihnen entdeckten, was die meisten von ihren Müttern nicht gelernt hatten: wie viel Genugtuung es bedeuten kann, «draussen», auf dem Arbeitsmarkt, dank Leistung etwas zu gelten. Das müsste für Männer eigentlich gut nachvollziehbar sein.

«Familie reicht nicht mehr»

Für das «Drinnen», für Liebesbeziehungen und Familie, hatte und hat die weibliche Erwerbstätigkeit weitreichende Folgen. Die Frauen bekommen weniger Kinder. Fast die Hälfte der Ehen sind nicht von Dauer. Die Familie bei einer Scheidungsquote von gegenwärtig 43 Prozent als Erfolgsmodell zu bezeichnen, ist kühn. Sie war beständig, solange Frauen finanziell abhängig waren. Richtig ist, dass wir bis heute kein besseres Modell haben und die Sehnsucht nach Familie genauso in allen steckt wie die Sehnsucht nach der grossen Liebe. Erfahrung macht durchaus nicht immer klüger.

Die vielleicht einschneidendste Erfahrung für viele erwerbstätige Frauen ist, dass sie sich auch als Mütter ein Leben ohne eine Tätigkeit ausserhalb der Familie nicht mehr vorstellen können. «Familie reicht nicht mehr», sagen sie. Das hat mit mangelnder Kinderliebe so wenig zu tun wie bei erwerbstätigen Vätern, und genauso viel wie bei Männern mit dem Wunsch nach Anerkennung für Leistungen, die man ausserhalb der Familie erbringt.

Mit dem Unterschied, dass Väter, als Ernährer jahrhundertelang für das Familieneinkommen verantwortlich, den Kindern gegenüber für ihre Abwesenheit kaum je Schuldgefühle empfinden. Für Mütter, noch nicht einmal eine Generation lang in überwiegender Zahl auf dem Arbeitsmarkt, sind Schuldgefühle den Kindern gegenüber häufig konstante Begleiter.

Das erklärt, warum die amerikanische Autorin Caitlin Flanagan mit dem Satz «Wenn eine Mutter arbeitet, geht etwas verloren» zur meistgehassten Mutter der USA wurde. Es erklärt, warum Eva Herman von Frauen so erbittert zerzaust wird und von vielen Männern begeisterten Applaus bekommt.

Natürlich geht etwas verloren, wenn eine Mutter arbeitet. Verloren geht die häusliche Betreuung rund um die Uhr, die konstante Verfügbarkeit der Mutter. Keine einzige Studie besagt, dass es dem zurzeit so vielzitierten Kindswohl zuträglich ist, ganztägig von der Mutter betreut zu werden. Ebenso wenig weiss man darüber, wie viel Selbstbewusstsein und Selbständigkeit Kinder von Müttern vermittelt bekommen, die gerne erwerbstätig sind.

Nochmals Caitlin Flanagan, Anwältin der traditionellen Rollenverteilung: «Im Kindergarten sah ich, dass die Kinder berufstätiger Mütter sehr viel wacher, fähiger und selbständiger waren als die anderen. Das habe ich auch geschrieben. Aber es wurde nie erwähnt, weil es nicht ins Feindbild passte.»

Es passt auch nicht ins Freundbild. Flanagan, die unerschrocken weiterdenkt, selbst wenn es ihre traditionellen Auffassungen widerlegt, schaffte es in Europa nicht auf die Bestsellerlisten. Eva Herman, die ehemalige TV-Frau, die mit ihren Buchtantiemen das «Familiennetzwerk» mitfinanziert, eine laut Spiegel «erzkonservativ-christliche» Vereinigung, hatte mehr Glück. Aber es ist gut nachzufragen, mit wem man sich verbündet. In einem Gespräch über das Krippen-Vollversorgungsland Schweden sagte Familiennetzwerk-Mitglied Gabriele Kuby im Interview mit Sabine Christiansen: «In Schweden ist jedes dritte Kind psychisch gestört.»

Der WDR versuchte umgehend, die verstörende Aussage zu belegen. Die dem Zitat angeblich zugrundeliegende Studie existierte nicht. Gabriele Kuby nahm die Aussagen nach einigen Tagen von ihrer Website, «weil sich das Familiennetzwerk nach eigenen Recherchen dieser Aussage nicht mehr anschliessen kann». Aber der Satz war draussen.

«Debatten über Kinder», sagt Alice Schwarzer, «waren immer schon verdeckte Debatten über die Rolle der Frau.» In Wahrheit gehe es darum, «die Frauen einzuschüchtern und als Konkurrentinnen am Arbeitsplatz zu schwächen. Und da machen, wie gewohnt, auch Frauen mit.»


Hören Sie diesen Artikel auf www.weltwoche.ch/audio

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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 21/07
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