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09.05.2007, Ausgabe 19/07

Belletristik

Gespräch im Einvernehmen

Niemand kleidet die existenziellen Fragen des Lebens in so leicht erzählte Geschichten wie Peter Bieri alias Pascal Mercier. Das ist das Geheimnis des erfolgreichsten Schweizer Schriftstellers.

Von Peer Teuwsen

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«Herr Bieri, sind Sie eine Frau?» Der Mann, der ganz in Schwarz gekleidet ist, was sein weisses Haar gut zur Geltung kommen lässt, blinzelt. Mehr nicht. Dann ruckt er in seinem Hotelsessel nach vorne und sagt: «Eine was?» – «Eine Frau.» – «Nein, warum? Ich verstehe nicht.» Als man ihm ausführt, in seinen Büchern würden sich die Männer wie Frauen gebärden, sie würden so viel und lange über sich reden, Selbstzweifel thematisieren, ihren Lebensentwurf in Frage stellen, seien so weich wie Butter, da sagt er nur «okay». Und redet dann von Empathie, Innenwelten, James, Proust, Flaubert und sagt schliesslich: «Ich bin halt so, undeutsch, wenn Sie wollen. Ich will verstehen, meine Figuren und mich selbst. Und das mache ich in kleinen Schritten, ich lege meine Figuren frei, allmählich. Ich finde Literatur nur interessant, wenn Figuren seelisch ausgelotet werden, Sie können das feminin nennen, ich würde nie in solchen Kategorien sprechen.»

Und mit dem Wort «verstehen» ist man schon ganz nahe beim Erfolgsgeheimnis dieses 63-jährigen Berners, der an der Freien Universität Berlin Philosophie lehrt und kurz vor dem Fall der Mauer zum Schriftsteller wurde – und, wie man heute weiss, zum erfolgreichsten Autor, den die Schweiz wohl je hatte. Allein sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» hat sich bis heute 1,5 Millionen Mal verkauft, dazu kommen 18 Übersetzungen (die englische erscheint nächstes Jahr). Tausende von Leserbriefen haben ihn erreicht, der Taxifahrer, die Krankenschwester, die Schauspielerin Senta Berger schreiben ihm, dieses Buch drücke aus, was sie seit langem fühlten. Peter Bieri bemüht sich, zu verstehen. Zu verstehen, was den Menschen bewegt, seine Zweifel, seine Unruhe, seine Sehnsucht nach einem anderen Leben, einer anderen Zeit, einem anderen Takt. Und dies macht er nicht, indem er seine Figuren unendliche Qualen erleiden lässt, sie blossstellt, seziert, massakriert, nein, er lässt sie nach Wahrheit streben, eine Selbstfindung durchlaufen, seine Charaktere sind Menschen, deren Handeln nachvollziehbar ist und die man dafür gern hat. Und diese Art der Behutsamkeit, der plötzlichen Langsamkeit, die dem Berner Autor entspricht, trifft auf ein ungeheures Echo. Hier nimmt sich einer Zeit – manchmal auch zu viel, aber das scheint den Leserinnen nichts auszumachen, sie wollen sich verlieren in diesem Gedankenkosmos, der auch von Wiederholungen lebt, wie das Leben irgendwie. Immer wird das Innenleben von Menschen beschrieben, die an einen Wendepunkt in ihrem Leben gekommen sind. Das war in «Perlmanns Schweigen», seinem Erstling, so, wo ein Sprachforscher nicht mehr weiss, was die Wissenschaft soll (und wo Peter Bieri noch krampfhaft sein Pseudonym Pascal Mercier schützte, weil er um sein Ansehen als Professor fürchtete). Das war im «Nachtzug» so, wo ein Berner Altphilologe plötzlich den Schuldienst verlässt und nach Lissabon fährt, um dort einen toten portugiesischen Schriftsteller zu verstehen, dessen Schreiben irgendetwas mit ihm zu tun haben könnte. Und das ist auch in seinem neusten Buch so, der Novelle «Lea», in dem ein Vater einem anderen Vater erzählt, wie seine Tochter Lea der Geige und schliesslich dem Wahnsinn verfallen ist. Der Vater will sich durchs Erzählen verständlich machen, was da passiert ist, was sein Anteil ist an dieser «Verdunkelung eines Geistes», wie es Bieri nennt.

Beginn einer Männerfreundschaft

Die Kritik verreisst die Novelle schon, weil sie ihr unter Kitschverdacht steht, wer aber so redet und schreibt, hat den Kern von Bieris Büchern nicht verstanden, ist er doch einer, der offensiv von Gefühlen spricht, der sich traut, auch mal die Grenze zur Gefühlsduselei zu ritzen oder zu überschreiten, nein, wer so spricht, will gar nicht begreifen, warum diese Bücher ein so unglaublicher Erfolg sind, vor allem bei Frauen. Diesem perfekt gebauten Buch kann man nur eins vorwerfen: dass eines der Hauptthemen, die obsessive Kraft der Musik, schon ziemlich verschrieben ist, das haben zum Beispiel Robert Schneider in «Schlafes Bruder» und Richard Powers in «Der Klang der Zeit» schon ausgiebig gemacht. Nein, es ist etwas anderes, mit dem Bieri wieder den Nerv der Zeit trifft: die Freundschaft zwischen zwei Vätern, unter denen eine «Falltür des Lebens aufgegangen ist», wie er sagt. Oder wie es im Buch mal heisst: «Zwei Analphabeten, was Nähe und Ferne angeht, dachte ich, zwei Analphabeten der Vertrautheit und Fremdheit.»

«Herr Bieri, warum glauben Sie, Menschen könnten einander wirklich verstehen?» – «Gute Frage. Auch wenn die Anstrengung, einander zu verstehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre, ist die Anstrengung selbst immer noch das Interessanteste, was wir haben. Und grundsätzlich glaube ich an ein Verstehen. Sonst könnte ich nicht leben und schreiben.»

Bieri erzählt in «Lea» die Geschichte einer beginnenden Freundschaft zwischen zwei beruflich erfolgreichen Männern, dem Chirurgen Adrian Herzog und dem Biokybernetiker Martijn van Vliet, eine Freundschaft, die sich durch die Gespräche herstellt über das Unglück, Menschen verloren zu haben, die ihnen die liebsten waren. Sie reden, reden, reden, vor allem van Vliet. Adrian Herzog ist der Part, an dem sich van Vliet spiegelt, oder wie Herzog sagt: «Ich hatte ein Zuhörer zu sein, nichts weiter als ein Zuhörer, der sich still den Weg in die Welt seiner Gedanken bahnte.» Es könnte die Beschreibung des erzähltechnischen Verfahrens Bieris sein, hier hört ein Autor seinen Figuren zu. «Es sind wahrhaftige Menschen, keine Blender, mutige Männer, weil sie sich eingestehen, was sie verlieren, sie machen sich nichts vor. Und, sowieso, ich habe etwas gegen diese Machermänner, ich glaube denen kein Wort», sagt Bieri.

«Ich habe mir Kinder nicht zugetraut»

Peter Bieri ist anders als der gemeine Mann. Er sass schon als junger Mann in Bern immer im Studiokino, las Sanskritschriften und indische Mystik, ein Träumer im Klostergarten des Geistes. «Asketische Leute interessieren mich am meisten, von innen gelenkte, wirklich freie Menschen», sagt er, der ein ruhiges Leben führt, seit ewig schon verheiratet ist mit einer ehemaligen Mathematiklehrerin aus Mannheim, die heute malt. Bieri ist einer, der sein Leben plant, der «persönliche Entscheidungen immer mit Zeit und Sorgfalt fällt». So hat er sich, zusammen mit seiner Frau, auch bewusst gegen Kinder entschieden. «Ich wollte reisen, Bücher lesen, aber vor allem: Ich habe mir Kinder nicht zugetraut, ich war sicher, ich hätte die Souveränität nicht, die es für so eine Aufgabe braucht. Und ich wollte mein Leben nicht fremdbestimmt haben.»

«Herr Bieri, war es Ihnen langweilig geworden als Professor?» – «Mir ist es passiert, dass die bisherigen Gewissheiten im Beruf hinfällig wurden.» Er erzählt, dass er Professor geworden sei, um zu lesen. Und er wurde ein erfolgreicher Professor, seine Arbeiten wurden oft zitiert, die Studenten mochten ihn, die Kollegen auch. «Aber irgendwann merkte ich: Das reicht mir nicht. Ich persönlich wollte zur Sprache kommen.» Er schrieb während eines Sabbaticals, das eigentlich für ein wissenschaftliches Werk gedacht war, seinen ersten Roman: «Es war eine Befreiung, die Uni erstickte mich nicht mehr.»

Der Mann war dort angekommen, wo er schon immer hinwollte. In ein Reich, wo nur er für sein Glück oder Unglück verantwortlich ist, wo es keine Verhaltensregeln, keine Lehrpläne, keine Forschungsgelder gibt.

«Herr Bieri, warum gibt es in Ihren Büchern keine Sexszenen?» – «Sex ist in der Literatur nur interessant, wenn er angedeutet ist, den Nahkampf kennt jeder selbst, die explizite Beschreibung des Aktes ist immer peinlich. Nein, mich interessieren mehr die Möglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Ja, ich bin ein diskreter Autor.»

Bieris Bücher sind sauber, das Unglück ist immer eines, das durch den Diskurs darüber beruhigt wird. Es gibt keine wirklichen Abgründe, keinen Mord und Totschlag, keinen Krieg. Ja, man fühlt sich irgendwie glücklich, mit all diesen traurigen Menschen, die immer ein Schicksal im Rücken haben (meist eine tote Frau), sie reden so viel Schönes, so viel Gescheites, so viel Wahrhaftiges, dass man meint, die Lösung seiner eigenen Probleme gefunden zu haben. Bieri findet die Bilder für unser Leben (dass er gewisse Formulierungen wie «als wate man durch Blei» mehrmals verwendet, zeugt wohl nur von seiner Begeisterung, das Passende gefunden zu haben).

«Herr Bieri, wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?» – «Die Menschen haben ein Bedürfnis, sich über die grundlegenden Dinge des Lebens zu verständigen. Und ich schreibe, so sagen mir viele, ein Deutsch wie aus dem 19. Jahrhundert. Meine Romane sind offensichtlich sogenannte ‹libros de playa›, also Bücher, die man an den Strand nimmt und verschlingt.»

Dem Leben entlanggeschrieben

Aber das Wichtigste ist wohl, dass da einer nicht künstliche Konzeptliteratur macht. Bieri schreibt seinem Leben und den Fragen entlang, die ihn beschäftigen. Zum Beispiel in «Lea»: «Irgendwann verlieren wir die natürliche Selbstverständlichkeit des Lebens.» Es sind Fragen, die er in eine leichte Geschichte verpackt, Fragen, die man sich irgendwann alle mal selbst gestellt hat, die man aber nicht so schön formulieren kann wie Bieri.

Auch ein Gespräch mit Peter Bieri hat etwas Angenehmes, es ist immer einvernehmlich, man muss sich nicht ängstigen, der andere würde aus seiner Rolle fallen, er fragt nach, nimmt sich Zeit – auch wenn er es nicht nötig hätte. Es ist, als begebe man sich in einen anderen Raum, der Mühsal des Alltags endlich entwunden, der Mann strahlt etwas aus, das für alles die richtige Frage hat. Nennen wir es aktive Gelassenheit. Am 1. Oktober lässt sich Peter Bieri an der FU in Berlin frühpensionieren. Schliesslich ist er schon lange dort angekommen, wo er hinwollte.


Pascal Mercier: Lea.
Hanser. 256 S., Fr. 35.50

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 19/07
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