Grosse Künstler erkennt man daran, dass sie die Geister scheiden. Bob Dylan scheidet sein Auditorium nicht nur in zwei, drei oder vier, sondern in sieben verschiedene Lager. Die sich wie folgt beschreiben lassen: Die einen laufen davon, wenn er zu singen anhebt. Die andern halten sich die Ohren zu, wenn er Mundharmonika spielt. Die dritten machen ein besorgtes Gesicht, wenn er zur E-Gitarre greift. Und die vierten strömen in die Raucherzone, wenn His Bobness seine Finger auf ein Piano oder eine Orgel legt.
Alles mit Grund: Bob Dylan singt seine Weisen auf eine Weise, an die sich die westliche Welt seit 1962, also flotte fünfundvierzig Jahre lang, noch nicht wirklich gewöhnt hat. Sein Gesang wird regelmässig unterbrochen von einer Mundharmonika, die so nervtötend schneidet, dass Spitzenchirurgen vor Neid erblassen. Sogar das Gitarrenspiel, das Dylan früher im Griff hatte, gerät nun nicht selten zum Showstopper. Und seine Bemühungen an Piano oder Orgel sind so legendär, dass Soundingenieure diskrete Anweisung erhalten, die Tasteninstrumente so leise wie möglich zu fahren. Der Einzige, der dank gutem Monitorsound nichts davon mitkriegt, ist... – nun, wir plaudern es nicht aus.
Im fünften von Bob Dylan gespaltenen Lager sitzen jene, die zwar eins oder mehrere obiger Wegrenn-Symptome aufweisen, sich aber paradox verhalten: Statt Dylan aus dem Weg zu gehen, suchen sie ihn auf, reisen ihm nach, ergattern sich Tickets und sitzen so weit vorne, wie sie es sich grad noch leisten können. Wer produziert dieses Lemmingverhalten? Es sind unsere lieben Medien. Sie bläuen alljährlich etwas zu vielen Leuten ein, mit Dylan komme sozusagen die Wahrheit nach Düsseldorf, Palermo oder Zürich. Würden sie nicht so pauschal verfahren, könnten wir Dylan auch mal im Volkshaus und zu zivilen Preisen beiwohnen.
Heute aber füllen sich Hallen und Stadien mit Menschen, die vermeinen, mit Dylan etwas Hochwichtiges abhaken zu können. Also: nicht weil sie ihn lieben. Sondern weil er «wichtig» sei. Und dann beleidigt rumoren, wenn sie «Blowin’ in the Wind» nicht gleich erkennen. Oder wenn sich Teile des Publikums wenigstens bei der Zugabe aufzustehen getrauen: Bei keinem anderen Konzert sind die Kommentare der Profisesselkleber giftiger.
Dürfen denn Medien nicht loben? Nun, im Fall Dylan geht das weit über Lob hinaus. Der reflexartige Kniefall vor Sankt Bob ist für Journalisten über dreissig sozusagen der global gültige Presseausweis. Keine Redaktion ohne berufsmässigen Dylan-Exegeten mit dem Hang zur vollen Zeitungsseite. Kein anderer Künstler hat eine Branche derart an der Gurgel wie dieser, dieser... Aber warum denn?
Wir ergründen es auf einem Umweg. Wer das Glück hat, in Buchform auf Dylans Nachttisch zu liegen, wird nicht selten mit ganzen Phrasen und halben Sätzen in des Meisters neusten Songs erscheinen. So widerfuhr es Junichi Saga, einem obskuren japanischen Krimiautor. Etwa ein Dutzend seiner Formulierungen landeten in «Love and Theft», dem hochgepriesenen Album von 2001. Auch das neuste Album, «Modern Times», hat einen Metaphern-Lieferanten: Henry Timrod, Poet des Civil War, gestorben 1867, wie die New York Times letzten September empört berichtete. In Rock und Hiphop wird gesampelt und zitiert – aber keinem wird so detailliert auf die Finger geschaut wie Rapper Dylan.
Tag für Tag ein Trommelfeuer
Was uns mitten in eine der seltsamsten Wissenschaften unserer Zeit hineinführt: in die Dylanologie. Eine Forschung, die sowohl in die Breite als auch in die Tiefe geht: Es gibt für jede einzelne Dylan-Zeile hundert bis hundert Millionen verschiedene Auslegungen, Pflichtaufsätze eingerechnet. Und es gibt – etwa auf www.expectingrain.com – zu jedem Konzert die aktuelle Songliste, in Echtzeit, am selben Abend aufgeschaltet. Und jeder Auftritt generiert ein Trommelfeuer von Online-Besprechungen, Konzert für Konzert, Tag für Tag.
Dabei geizen die Dylanologen nicht mit Andeutungen: Dass der Meister «Like A Rolling Stone» schon wesentlich schöner interpretiert hätte, dass «All Along the Watchtower» eine Ruhepause nötig hätte und dass sie als Antikriegslied statt «Masters of War» lieber das unbekanntere «John Brown» vernommen hätten. Dylanologen neigen zur Erbsenzählerei. Sie haben als normale Fans begonnen, sich mit Schulaufsätzen und Zeitungs-Reviews in die Öffentlichkeit geschwungen und führen heute eine sichere Existenz auf unzähligen Dylan-Websites.
Man müsse Dylan gegen die Dylanologen in Schutz nehmen, heisst es. Klingt schlau. Nun hat aber der schlaue Schnuderbueb aus Minnesota Wesentliches zur Entstehung der Dylanologie beigetragen. Das erläutern uns jene, die aus dem sechsten Dylan-Lager kommen: die Dylan-Kritiker aus dem Geiste des Rock’n’Roll. Sie machen geltend, dass der Schrei höher zu werten sei als das Wort, dass Rock primitiv sein und bleiben müsse, dass Schlaumeiereien, surreale Texte, weit hergeholte Metaphern und aktuelle Andeutungen im Rock nichts zu suchen hätten und dass somit die Dylan-beeinflussten Beatles, Lou Reed und Patti Smith fehlgeleitete Wesen seien.
Das ist ehrenhaft Hardcore, kollidiert aber frontal mit dem Freiheitsgedanken der Rockmusik. Journalisten, die dieser Fraktion anhängen, sägen am eigenen Bein. Denn: Einen Sound und dessen Wirkung detailliert zu beschreiben, ist wesentlich schwieriger, als sich auf die Texte zu stürzen und darin herumzuvermuten. In der Beschreibung von Musik und Energieübertragung herrscht ein vergleichsweise armseliger Wortschatz zwischen «wussten zu gefallen», «Post geht ab» und «trieben das Publikum zur Ekstase». Journalisten stürzen sich lieber auf Worte, weil Worte ihr eigenes Geschäft sind. In freundlicher Besserwisserei tun sie den Lesern kund, was der Künstler «eigentlich» gemeint hat.
Dylan-Texte sind da ein Zuckerschlecken. Sie halten sich häufig im Vagen auf, geben sich biblisch, üben sich in verschachtelten Formen von Andeutung, Paradox und Entzug. Dies wiederum fordert das Detektivische in Journalisten und Dylanologen heraus und treibt gar häufig groteske Blüten. Und Dylan, der Fallensteller, lacht sich ins Fäustchen. Er wechselt, in vertrackt ernsthafter Lächerlichkeit, sogar die Religion, um an kein Kreuz und keine Funktion genagelt zu werden. Dylan ist Poet, aber er ist viel mehr Musiker, als Generationen von Journalisten und Englischlehrern vermeinen. Viele seiner Zeilen sind mehr Sound als Bedeutung, oder: sind Bedeutung, indem sie Sound sind.
Wer’s nicht erfühlt, wird’s nie erjagen. Bob Dylan platziert seine Mitteilungen nicht an der Oberfläche von Musik und Texten, sondern in deren Zwischenräumen und Abgründen. Daran scheitert auch die siebte und letzte Dylan-Fraktion: jene, die ein für alle Mal klären will, ob der Meister nun links oder rechts, christlich oder jüdisch, progressiv oder konservativ sei. Er tut alles, um einem Urteil zu entkommen. Nicht aber einer Haltung: Schon in ein paar Songs der sechziger Jahre war alles gesagt. «Masters of War», was gibt’s daran zu interpretieren?
Mittlerweile sind es siebenhundert Lieder. Letzten Sonntag stand er auf der Bühne des Hallenstadions und sang siebzehn davon. Und das Publikum hatte viel zu tun: Den einen gefiel, dass er die Zeilen nicht kaputtsang, sondern sorgfältig formte, murmelte, krächzte. Anerkannt wurde auch, dass er nur während vier Songs Gitarre spielte, dass darauf die Orgel dezent leise und die Band kompetent und elegant war. Dylanologen notierten, welche Songs sie am bittersten vermissten. Besonders gefiel, wie ungelenk er tänzelte. Eine dürre, schwarz gekleidete Marionette mit weissem Hut. Und man hatte keine Ahnung, wer an den Fäden zog: Gott, Papst Benedikt, der Teufel, Israel, das Publikum oder er selbst.
Heinrich Detering: Bob Dylan, Reclam. 184 S., Fr. 8.90
02.05.2007, Ausgabe 18/07
Pop
Kniefall vor Sankt Bob
Wo immer er seine Zelte aufschlägt, ist Mekka. Unerträglicher als Bob Dylans Stimme und Mundharmonika sind nur seine Apologeten.
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