Psychologie

Qual der Auswahl

Neue Experimente zeigen: Menschen wollen auswählen. Aber das Angebot darf nicht zu gross sein, sonst sind sie überfordert.

Von Mathias Plüss

Ist der Mensch wirklich zur Freiheit geboren? Nach dem Ableben von Boris Jelzin war in der NZZ zu lesen, dass laut Umfragen siebzig Prozent der Russen der Meinung sind, dessen Regierungszeit habe «mehr Schlechtes als Gutes» gebracht. Immerhin wurde in dieser Zeit der Kommunismus abgeschafft. In anderen ehemaligen Ostblockländern gibt es ähnliche Zahlen. 56 Prozent der tschechischen Rentner glauben, im Kommunismus besser gelebt zu haben als heute. In Polen gibt gar die Mehrheit der Gesamtbevölkerung an, sie habe es vor der Wende besser gehabt als danach.

Natürlich hat das auch mit der Natur des menschlichen Gedächtnisses zu tun: Wir tendieren dazu, unsere aktuellen Probleme überzubewerten und die Vergangenheit zu verklären. Aber nicht nur. Denn wer frei ist, muss entscheiden und Verantwortung übernehmen, und da wird manchem schon mulmig zumute. Adam Michnik, ehemaliger Dissident und heute Chefredaktor der grössten polnischen Tageszeitung, sprach in diesem Zusammenhang gegenüber der Weltwoche einmal vom sogenannten «Gefangenensyndrom»: «Solange der Mensch im Gefängnis sitzt, träumt er von der Freiheit. Doch im Gefängnis hat er eine gewisse Sicherheit: Er weiss, wann er essen, schlafen, sich waschen wird. Wenn er aus dem Gefängnis kommt, ist er zwar frei, aber die Sicherheit ist weg. Er beginnt sich zu sorgen: Mein Gott, wo werde ich schlafen, was werde ich essen, wie werde ich wohnen? Und er fängt an, sich nach dem Gefängnis zu sehnen, wo alles für ihn erledigt wurde.»

Studien aus dem Bereich der Marktforschung deuten in eine ähnliche Richtung: Eine grosse Auswahl lockt den Menschen an, überfordert ihn aber gleichzeitig. Als Psychologen für ein Experiment in einem amerikanischen Supermarkt einen Probiertisch mit 24 Konfitürensorten aufstellten, blieben zwar die meisten Leute stehen – aber nur drei Prozent aller Kunden kauften etwas. Nach einer Reduktion auf sechs Sorten gab es weniger Interessenten, aber mehr Käufer: Dreissig Prozent erstanden ein Glas, zehnmal so viel wie bei der grösseren Auswahl. Dieses Prinzip ist offenbar ziemlich universell. Als Procter & Gamble die Zahl seiner Shampoo-Sorten von 26 auf 15 senkte, stieg der Absatz um zehn Prozent. Auch Experimente mit Online-Dating haben gezeigt: Wenn man die Nutzer fragt, wollen alle möglichst viele potenzielle Partner zur Auswahl. Im Nachhinein sind dann aber jene deutlich zufriedener, die aus bloss vier Kandidaten wählen konnten statt aus zwanzig.

Doch wie sehr soll man das Angebot einschränken? Die Fachzeitschrift Psychological Science berichtete im April online von einem entsprechenden Experiment. US-Forscher boten Probanden jeweils zwischen zwei und zwanzig Kugelschreiber zum Test und Kauf an. Am meisten gekauft haben jene Teilnehmer, die aus genau zehn Kugelschreibern wählen durften. Wer nur zwei oder dann gerade zwanzig Produkte getestet hatte, war deutlich weniger kauffreudig. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass das ideale Angebot im Bereich der Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses liegt, also bei ungefähr fünf bis zehn Produkten. Merke: Ein wenig Auswahl muss schon sein. Aber nicht zu viel.

Von dieser Devise ist wohl auch der russische Präsident Wladimir Putin ausgegangen, als er vergangenes Jahr die Partei «Gerechtes Russland» schuf. Diese steht zwar offiziell in Opposition zur Kreml-Partei «Einiges Russland», verhält sich aber dennoch loyal zum Präsidenten. Ein geschickter Schachzug: So dürfen die Russen ein bisschen wählen, haben aber dennoch die Gewissheit, dass sich Väterchen Putin weiterhin um alles kümmert. Die ideale Mixtur aus Sicherheit und Freiheit.


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Frage: Ist das Warenangebot bei uns im Allgemeinen zu gross?
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