Falls Sie zufällig gerade nicht aufgepasst hatten: Tom Ford gelang in den Neunzigern der Aufstieg zu einem der erfolgreichsten und mächtigsten Mode-Designer der Welt, und der Sex-Appeal seiner hautengen Designs bewahrte die finanziell angeschlagene Gucci-Gruppe vor dem Untergang. In weniger als einem Jahrzehnt verwandelten sein Modebewusstsein und sein sicheres Händchen für Marketing das italienische Lifestyle-Unternehmen in einen Zehn-Marken-Konzern, dessen Wert sich von 200 Millionen auf 2,5 Milliarden Dollar mehr als verzwölffachte. Als Ford im Jahr 2004 Knall auf Fall von seinem Posten als Kreativdirektor des Unternehmens zurücktrat, erschütterte das die ganze Branche, und verschiedenste Gerüchte über seine Zukunftspläne machten die Runde.
Als Erstes hiess es, er werde nach Hollywood gehen und wilde, aufreizende Filme machen. Er gründete sogar seine eigene Produktionsgesellschaft «Fade To Black», von der man bis heute allerdings nichts weiter gehört hat. Dann wurde spekuliert, er werde eine grosse Modemarke kaufen oder er warte nur auf das Erlöschen der Wettbewerbsklausel in seinem Vertrag mit Gucci, um dann sein eigenes Label für Frauenmode zu lancieren. Nach einer Phase des Rückzugs vereinbarte er eine Kooperation mit dem Kosmetikgiganten Estée Lauder, um eine Reihe von Düften und Schönheitsprodukten zu entwickeln, und lancierte schliesslich Sonnenbrillen, die ganz seine Handschrift trugen – aber immer schien ihn sein rastloses Wesen umzutreiben.
Einmal tauchte er kurz als Guest-Editor eines Sonderhefts von Vanity Fair über Hollywood auf. Das Cover zierte eine Aufnahme von Keira Knightley und Scarlett Johansson – beide nackt – und ihm selbst in einem schwarzen Anzug mit seinem Markenzeichen, dem offenen weissen Hemd, unter dem eine behaarte Brust zu sehen war. Aufnahmen von Stars wie George Clooney und Angelina Jolie im Heft gaben dem Gerücht Nahrung, Ford wolle vor seinem Regiedebüt in Hollywood sein Adressbuch aktualisieren.
Ein Shop wie ein Privatklub
Im vergangenen Herbst liess er schliesslich die Katze aus dem Sack: Er werde mit einem eigenen Luxuslabel für Herrenmode auf den Markt kommen, liess Tom Ford verlauten. «Seit ich bei Gucci gegangen bin, habe ich meine Garderobe schneidern lassen», sagte er. «Aber nie war ich ganz zufrieden. Und jetzt möchte ich das ultimative Luxusgeschäft für Männer eröffnen, in dem alles vollkommen ist.»
Letzte Woche wurde Tom Fords Geschäft nun an New Yorks Upper East Side mit ihren astronomischen Preisen eröffnet – über 900 Quadratmeter und zwei Stockwerke vom ostentativen Chic einer Junggesellenbude: Biberpelzläufer, überdimensionierte Skulpturen, ein Aufzug mit gepolsterter Samt-Kabine. Man bekommt das Gefühl, statt in einem Modegeschäft in einem todschicken Privatklub gelandet zu sein, der Haute Couture für Männer verkauft. Schliesslich gibt es Ottomanen, Kamine und eine Cocktailbar. Finden Sie das übertrieben? Was halten Sie dann wohl erst von einem halben Dutzend piekfein gekleideter Butler und Dienstmädchen?
Als Ford von «ultimativem Luxus» sprach, war das kein Witz. Zumindest nicht, was die Preise angeht. Für ein paar Socken bezahlt man 75 Dollar. Ein weisses Frackhemd kostet 350 Dollar. Ein Anzug von der Stange fängt bei 3500 Dollar an, und bei den Massschneidern im oberen Stockwerk kann man sich ab 5000 Dollar einen Anzug à la Savile Row anfertigen lassen (beim gegenwärtigen Wechselkurs könnten die Preise noch steigen, wenn einzelne Artikel im Verlauf des Jahres in handverlesenen europäischen Geschäften in den Verkauf gelangen).
Ford hat es eindeutig auf eine ausgesuchte Klientel in einem ultrafeinen Nischenmarkt abgesehen. Er will nicht mit etablierten Labels und Marken konkurrieren, er will bestsituierte modebewusste Männer ansprechen, die das Preisschild einfach ignorieren können, wenn sie sich neu einkleiden. Es versteht sich dann fast von selbst, dass Fords neue Herrenkollektion nur Mode genannt werden kann, weil sein Name draufsteht – die feilgebotenen Anzüge, Hemden, Blazer und Schuhe sind allesamt konservative amerikanische Garderobe klassischer Machart, ähnlich der Aufmachung, der Ford selbst immer den Vorzug gegeben hat. Und hier liegt das grosse Geheimnis im Herzen von Fords Erfolgsgeschichte.
Tom Ford hatte zunächst gar nicht die Absicht, Modedesigner zu werden. Aufgewachsen in Texas und New Mexico, studierte er zunächst Architektur an der New Yorker Parsons School of Design. Ford, der jederzeit als Dressman durchgehen konnte, wurde schnell Stammgast in der exklusiven Diskothek «Studio 54» und stellte fest, dass sich als Schauspieler in Werbefilmen fürs Fernsehen ein einträgliches Auskommen finden liess. In seinem letzten, in Paris verbrachten Studienjahr wandelte er sich jedoch vom Saulus der Architektur zum Paulus der Mode: «Eines Morgens wachte ich auf und fragte mich: ‹Was mach ich hier eigentlich?› Architektur war mir viel zu ernst. In jedes Architekturprojekt, das ich je in Angriff genommen hatte, habe ich in der einen oder anderen Form ein Kleid eingearbeitet. In der Mode fand ich die richtige Balance zwischen Kunst und Kommerz, und das war’s dann auch schon.» Nachdem er zunächst für den Designer Perry Ellis an der Seventh Avenue gearbeitet hatte, wurde er 1990 von Dawn Mellow entdeckt, der damaligen Kreativdirektorin von Gucci. Schon bald nach seinem Eintritt in die Firma zeichnete sich jedoch ab, dass diese in einer Krise steckte.
Als Gucci gar zu zerfallen drohte, wurde der Konzern von einem iranischen Unternehmen übernommen, und der Firmenanwalt Domenico De Sole nahm die Zügel in die Hand. Er beförderte Ford unverzüglich zum Kreativdirektor mit der Aufgabe, die schwächelnde Marke rundum zu erneuern und auf Erfolgskurs zu trimmen. Die beiden wurden – und blieben – Geschäftspartner. Ford gelang der Durchbruch mit seiner Märzkollektion des Jahres 1995. Er bediente sich beim Revival der Siebziger, das in die Nachtklubs durchgesickert war, und zeigte enganliegende, traumhaft schön geschnittene Samtanzüge mit ausgestellten Hosen und handgeschneiderten Taillen. Den Frauen zog er «Göttinnenkleider» und vamphafte Mieder an. Die vom Minimalismus der Zeit gelangweilte Modepresse sog das alles begierig auf.
Mit derselben Strategie versuchte es Ford, als die inzwischen florierende Gucci-Gruppe 1999 die Pariser Luxus- und Haute-Couture-Marke YSL aufkaufte – sehr zum Verdruss ihres ehrwürdigen Gründers Yves Saint Laurent. Zwei Kollektionen später hatte Ford YSL eine Verjüngungs- und Frischzellenkur verpasst und die Verführungskraft ihrer legendären Vergangenheit wiederhergestellt. Manche Beobachter waren allerdings der Meinung, Ford hätte bloss das Archiv des Herrn und Meisters geplündert, besonders seine Designs der siebziger Jahre, und diese für eine neue Generation aufgemöbelt.
Seine grosse Stärke ist der Verkauf
Zu Fords vielen Stärken als Designer gehört auch, dass er keine Ambitionen hegt, als grosser Künstler zu gelten. «Es will mir nicht in den Kopf, dass manche Leute Kreativität und Geschäft für unvereinbar halten», sagte er mir einmal. «Ich habe in New York angefangen, und wenn eine Kollektion sich da nicht verkaufte, war man am nächsten Tag gefeuert. Manche Modedesigner erschaffen grosse Kunst, und ich habe grössten Respekt vor ihnen, aber ich verstehe mich als kommerzieller Designer, und darauf bin ich stolz.»
Seine geschäftliche Ader führte dazu, dass Ford die Kontrolle über sämtliche Aspekte des Geschäfts übernahm, von den Werbekampagnen über das Ladendesign und die Verpackung bis hin zu den Marketing-Strategien. Ein Schlüssel zum neuen Erfolg von Gucci war Fords Entschlossenheit, das Unternehmen richtig zu vermarkten – in den ersten drei Jahren unter seiner Ägide verdreifachten sich die Ausgaben für Werbung und Public Relations, sensationelle Ergebnisse waren die Folge.
Das Seltsame an Tom Fords Designstil ist jedoch, dass all dem kommerziellen Erfolg zum Trotz niemand ihn richtig definieren kann. Tom Ford hat keine auf Anhieb erkennbare Handschrift, kein Kleidungsstück und keine Silhouette, die ausschliesslich mit ihm assoziiert würde. Er belebte gleich zwei grosse Modehäuser mit neuem Glanz, aber das gelang ihm nur im Rückgriff auf die Stile, die ihn im «Studio 54» umgaben.
Vielleicht liegt hier auch der Grund dafür, warum er sich für sein jüngstes Herrenmodeprojekt eine exklusive Luxusnische gesucht hat. Letztendlich interessieren sich superreiche Männer nicht für Mode oder zumindest nicht für den dernier cri. Sie wollen bloss eine teure und luxuriöse Garderobe, zur Verfügung gestellt von einem Unternehmen, das andere Menschen zwar als en vogue erkennen, das aber trotzdem zum Edelsegment des Markts zählt. So gesehen ist Tom Ford einfach ein Designer, der für sich selber entwirft.
Alix Sharkey ist Mitarbeiter des britischen GQ Magazine. Er traf Tom Ford mehrmals in Paris und Mailand, wo er für den Independent die Modeszene beobachtete.
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach
18.04.2007, Ausgabe 16/07
Mode
Genie des Undefinierbaren
Tom Ford, der Retter des Gucci-Konzerns, kehrt ins Fashion-Business zurück. Kommerziell war er meistens erfolgreich, aber seine Handschrift bleibt rätselhaft.
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