-A  A  A+
21.03.2007, Ausgabe 12/07

Sachbuch

Ruf nach dem Messias

Robert Gerwarths Studie über Reichskanzler Otto v. Bismarck und wie dieser zum Aufstieg Hitlers beitrug, setzt neue Massstäbe.

Von Hans-Ulrich Wehler

Anzeige

Dass sich mit der Figur Otto v. Bismarcks, der nahezu drei Jahrzehnte lang im Zentrum der preussisch-deutschen Politik stand, der weit in das 20. Jahrhundert hineinwirkende Mythos vom genialen «Reichsgründer» verband, ist in der Geschichtswissenschaft seit langem unstrittig. Dennoch fehlte bisher in der nicht abreissenden Flut der Bismarck-Literatur eine präzise Studie, wie der Einfluss dieses zählebigen Mythos nach dem Untergang des Kaiserreichs, also vor allem in der Weimarer Republik und während der nationalsozialistischen Diktatur, weiter zur Geltung kam. Wie eklatant diese alles andere als nebensächliche Problematik vernachlässigt worden ist, lässt sich zur Beschämung der Zeithistoriker daran ablesen, dass die eindringlichste Deutung des politischen Messianismus der Weimarer Jahre, einschliesslich des Bismarck-Kults, 1998 von dem Mediävisten Klaus Schreiner vorgelegt worden ist.

Mit seiner Monografie über den Bismarck-Mythos, einer Oxforder Dissertation, hat der junge deutsche Historiker Robert Gerwarth endlich den Charakter und die Auswirkung des Kults um den ersten Reichskanzler insbesondere in den 1920er und 30er Jahren eindringlich analysiert. Als das Krisensyndrom des verlorenen Weltkriegs, des Versailler Vertrags, der «Reparationsknechtschaft», der Hyperinflation und schliesslich der Weltwirtschaftskrise seit 1929 auf die öffentliche Meinung in Deutschland machtvoll einwirkte, gewann die politische Ikone Bismarck an kompensatorischer Attraktivität, schien doch die suggerierte Vorbildlichkeit von Bismarcks Politik, die vermeintliche Einzigartigkeit seines Handlungsstils und Interessenkalküls den Ruf nach einem «zweiten Bismarck» geradezu aufzudrängen. Gerwarth hat diese Grundströmung an einem breiten Meinungsspektrum überzeugend herausgearbeitet. Dieser Durchmarsch durch die Sektoren der Öffentlichkeit braucht hier nicht beschrieben zu werden.

Verhängnisvolle Weichenstellung

Wichtig an der präzisen, überdies auf 280 Seiten leserfreundlich komprimierten Analyse sind insbesondere zwei Aspekte. Zum einen ist sie ein gelungenes Beispiel für die Renaissance der modernen politischen Ideengeschichte. Diese knüpft nicht mehr an Friedrich Meinecke, sondern eher an englische und amerikanische Vorbilder wie Quentin Skinner und John Pocock an, wenn sie die Wanderung einflussreicher Ideen über längere Zeiträume hinweg verfolgt, um der Frage nach ihrer Geschichtsmächtigkeit nachzuspüren. Immerhin wird hier bei dieser Mythenkarriere trotz der eindeutigen Schwerpunktbildung das Jahrhundert zwischen 1890 und 1990 ins Auge gefasst.

Zum Zweiten ist Gerwarths Untersuchung ein weiterführender Beitrag zur politischen Kultur Deutschlands vornehmlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und in diesem Kontext wiederum trägt sie vorrangig zur Klärung erst des Aufstiegs Hitlers, dann der Konsolidierung des Dritten Reiches wesentlich bei. Denn sie unterstützt nachhaltig jene Interpretation von Historikern wie etwa des Hitler-Biografen Ian Kershaw, dass man mit Max Webers Konzeption der charismatischen Herrschaft am ehesten die umstrittene Figur des deutschen Diktators und die Natur seines Regimes adäquat erfassen könne. Der Bismarck-Kult hatte dem «Reichsgründer» von jeher ein charismatisches Sondertalent unterstellt. Der Ruf nach dem «zweiten Bismarck», wie er von rechts bis links in den Weimarer Jahren erschallte, arbeitet daher nachdrücklich einem Verständnis von Politik vor, das sie als das erfolgreiche Wirken des grossen autoritären Einzelnen mit einer solchen einmaligen Begabung verstand. In diesem Sinn erwies sich der Bismarck-Kult jener Zeit als Baustein für den Führerabsolutismus – zuerst in der Hitler-Bewegung, dann im Dritten Reich. Die NSDAP besass jedenfalls als einzige deutsche Partei, als sie aus ihrem bayrischen Exotendasein in die nationale Arena vorstiess, zur richtigen Zeit am richtigen Ort ein charismatisches Talent wie Hitler, der auch von jener Mentalität, welche den Bismarck-Mythos pflegte, emporgetragen wurde, sie geschickt auszubeuten verstand.

Diese Förderung der Führermonokratie durch jenes einflussreiche Element der politischen Kultur, das die Bismarck-Ikonografie in den Mittelpunkt stellte, ist bisher noch nicht derart überzeugend herausgearbeitet worden. Insofern reicht die wissenschaftliche Ergiebigkeit dieser Studie über das engere Thema weit hinaus. Denn sie trägt dazu bei, die verhängnisvollste Weichenstellung in der deutschen Geschichte heller zu beleuchten, als das bisher geschehen ist.


Robert Gerwarth: Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler.
Siedler. 280 S., Fr. 35.–
Erscheint Ende Woche. Es handelt sich um die erweiterte Fassung der englischen Ausgabe (Oxford, 2005).

Hans-Ulrich Wehler, 75, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Er begründete die «Bielefelder Schule» mit, publizierte bis jetzt vier Bände der «Deutschen Gesellschaftsgeschichte» und gilt als einer der grössten deutschen Historiker.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 12/07
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Mehr zum Thema

    Meist ...

    kommentiertgelesen

    zu den Top 20
    meist kommentiert

    kommentiertgelesen

    zu den Top 20
    meist gelesen

    Weitere Autoren

    alle Autoren

    Stöbern

    Ausgaben