Mode-Kollektionen

Schön, gut, teuer

Die Damenmode in Mailand war ladylike und hochwertig. Das macht viel Sinn, aber wenig Spass.

Von Mark van Huisseling

Wer einen Platz an den Mailänder Schauen, die bis Ende vergangener Woche dauerten, bekommen hatte, dem fielen zwei Dinge auf: Frauen werden Hosen anhaben, und die Mode des kommenden Herbsts und Winters wird aus teuren Materialien und aufwendig verarbeitet sein. Jedenfalls wenn die Stücke, die die Designer über die Catwalks schickten, in die Geschäfte kommen und gekauft werden.

Die Modeschauen von Mailand sind mit den Schauen von Paris, die noch bis Ende dieser Woche dauern, die wichtigsten. New York und London, die vorher waren, haben weniger Bedeutung. Die New Yorker Schauen werden zwar von Filmstars und Rappern besucht, aber es gibt dort kaum Designer mit Ausstrahlung über Amerika hinaus. Und in London gehen die bestbezahlten Models der Welt auf die After-Show-Partys, aber an den Schauen sind nur Kollektionen zu sehen, die zu gesucht sind, um stilprägend zu sein.

In Mailand ist das anders. Natürlich ist fare bella figura für italienische Designer wichtig, aber mindestens so wichtig ist, dass die Kollektionen zum geschäftlichen Erfolg der Unternehmen, denen die Marken gehören, beitragen. Das heisst nun nicht, dass vor allem mit den Kleidern Geld verdient werden soll, das schafft eigentlich nur Giorgio Armani. Sondern dass die Kleider ein Markenbild erzeugen sollen, das Accessoires – Handtaschen, Gürtel, Kosmetika oder Parfüms – verkauft. Denn mit solchen Waren, die meist von Lizenznehmern hergestellt werden, verdienen die italienischen Designerlabels Geld.

Von wegen italienische Designer, die Modeindustrie ist globalisiert. Der Brite Christopher Bailey etwa entwirft Mode für die englische Marke Burberry und zeigt seine Stücke in Mailand – und gilt darum als «Italiener»; die kanadischen Zwillinge Dan und Dean Caten, die für das Label DSquared arbeiten, das zur italienischen Diesel-Gruppe gehört, ebenfalls. Aber Erfolg ist nationenübergreifend, und eine gute Mailänder Kollektion ist eine Kollektion, die verkauft. Milan means business, könnte man auf Neuitalienisch sagen.

Und darum zeigten Designer in Mailand vergangene Woche Mode für erwachsene Frauen. Mäntel aus weichem Leder etwa bei Burberry; Anzüge aus Kaschmir von Tomas Maier, einem Deutschen, bei Bottega Veneta, einer Marke, die zum französischen Pinault-Printemps-La-Redoute-Konzern gehört; Seidenblusen im Glamourstil der vierziger Jahre von Gucci oder Tops aus Lederfransen und Pullover aus beschichtetem Lammfell von Miuccia Prada, einer «italienischen» Italienerin. Sie, nebenbei, ist wohl die einzige Modeschöpferin im eigentlichen Wortsinn – sie schöpft Mode. Ihre Konkurrenten sind Designer, sie interpretieren bestehende Modeideen neu. «Pradas Vision, Lichtjahre voraus», schrieb Suzy Menkes, die Modekritikerin, in der International Herald Tribune. Eine Gemeinsamkeit gab es trotzdem, die alle wichtigen Marken verbindet: Ihre Modelle sind ladylike, man sah keine Kleidchen, die auch Mädchen tragen könnten, oder Stücke, die besser in den Videoclip einer Girlband passen als in den Kleiderschrank einer Frau, die ein Monatsgehalt für ein Outfit ausgibt.

Und solche Kundinnen wollen die Mailänder. Denn die anderen haben sie schon verloren, an H & M, Mango, Morgan, Zara und weitere tief- und mittelpreisige Modeketten. Deren Kreativteams können Kleidchen oder Röckchen zeichnen, die auch Tomas Maier von Bottega Veneta, der am ehesten noch verspielte Sachen zeigte, vom Design her nicht toppen kann. «Und sogar was die Qualität der Verarbeitung angeht, sind Budget-Anbieter mittlerweile ziemlich gut», sagt Cristina Ortiz, eine Spanierin, die früher für Miuccia Prada entwarf und heute Designerin der Frauenkollektion von Brioni ist. «Den Top-Labels bleibt nichts anderes übrig, als teuerste Materialien und aufwendigste Entwürfe anzubieten.» Doch was die Entwürfe betrifft, gibt es für Designer in Mailand auch wieder Grenzen. Miuccia Prada darf Visionen haben, aber eigentlich erwartet man dann doch Klassisches und Tragbares, jedenfalls wenn es nach Suzy Menkes geht – die Kritikerin beschrieb Ortiz’ etwas ausgefallene Jacken und Mäntel mit doppelten Kragen für Brioni, die Marke, die man bisher mit Massanzügen für Männer gleichsetzte, in der IHT als «zu abgehoben».

Milan means business eben. Bei Roberto Cavalli sassen zwar Sharon Stone und Steven Tyler von Aerosmith in der ersten Reihe, aber sonst gab es eigentlich nur Leute im Publikum, die zum Arbeiten da waren. Rund hundert Marken zeigten ihre Mode auf Laufstegen oder an Präsentationen – diese kosten weniger als Schauen, die über eine Million Euro teuer sein können –, doch nur wenige veranstalteten eine Party (Gianfranco Ferré etwa oder Hugo Boss). Und diese Anlässe konnte man nun wirklich nicht vergleichen mit den After-Partys, an die Donatella Versace früher eingeladen hatte, deren Label heute nicht mehr viel Ansehen hat und die auch keine Party machte.

«Kleider sollen keine Witze erzählen», hat Helmut Lang, der Österreicher, der seine Marke vor einigen Jahren an Prada verkauft hatte und ausgestiegen war, einmal gesagt. Aber Mode sollte Spass machen, auch wenn sie ladylike daherkommt, hochwertig und teuer ist. Daran hat in Mailand diesen Frühling niemand gedacht.


Hören Sie diesen Artikel auf www.weltwoche.ch/audio

Audiofile zum Artikel

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben