In André Glucksmanns Wohnzimmer in Paris hängen überall Spiegel. Sogar der Salontisch ist verspiegelt, und darauf liegt ein weiterer goldgerahmter Spiegel. Darauf angesprochen, sagt er: «Es ist nicht so, dass ich mich dauernd darin anschauen würde. Aber die Spiegel vergrössern den Raum.»
Glucksmann ist Philosoph; er hat die Reflexion zu seinem Beruf gemacht. Aber er verliert sich weder in postmoderner Spiegelfechterei, der alles zu Repräsentation und Simulation gerinnt, noch in schulphilosophischer Begriffsspalterei. Und wenn sein neues Buch «Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens» den Untertitel «Erinnerungen» trägt, so geht es darin zwar um seine Kindheit als Jude im besetzten Frankreich und die Frage, wie das seinen späteren Lebensweg geprägt hat, aber nicht um narzisstische Selbstbespiegelung. Nach dem Eingangskapitel löst sich sein eigenes Leben gleichsam auf – in philosophische Engagements für Dissidenten aus dem Ostblock, Tschetschenien, die vietnamesischen Boat-People, Sarajevo. Der Spiegel, den er sich selbst vorhält, verengt die Sicht nicht. Er hilft, die andern zu verstehen, und «macht den Raum grösser».
Dazu passt, dass Glucksmanns Wohnung nicht in einem vornehmen, ruhigen Vorort liegt, sondern an einer belebten Strasse unweit des afrikanischen Viertels.
Glucksmann wird dieses Jahr siebzig, und obschon ein Mann der lebenslangen Empörung, hat sein Gesicht etwas Weiches und Dünnhäutiges. Auf dem Cover der Originalausgabe seiner «Mémoires» prangt eine Aufnahme von ihm im Alter von vier Jahren, wie er grimmig die Faust ballt.
«Herr Glucksmann, war die Triebkraft hinter Ihrem Denken Wut?»
«Eher die kindliche und dann lebenslange Empfindung, mich am Rand eines Abgrundes zu befinden.»
Glucksmanns Vater stammte aus der Bukowina, die Mutter aus Prag. Lange vor Hitlers Machtergreifung waren sie nach Palästina ausgewandert, wo sie sich kennenlernten und heirateten. Noch in Palästina kamen Glucksmanns zwei Schwestern zur Welt. 1930 gab das junge Ehepaar alle Sicherheit auf und ging nach Deutschland, um im antifaschistischen Widerstand mitzuwirken. Enttarnt, konnten sie 1937 im letzten Moment nach Frankreich fliehen. Dort wurde Jojo Glucksmann geboren, ein Deutsch sprechendes Judenkind; nach aussen war er «André Rivière», Französisch sprechend, christlich. Die Familie lebte mit falschen Papieren in wechselnden Unterschlüpfen bei Lyon.
Der Vater kam 1940 ums Leben. 1941 holten französische Polizisten die Familie Glucksmann aus ihrem Versteck, um sie in das Lager Bourg-Lastic bei Vichy zu bringen, von wo sie dann nach Deutschland deportiert werden sollte. Andrés gewitzte Mutter wiegelte die Mitgefangenen auf, indem sie ihnen ausmalte, was sie erwartete. Tumulte befürchtend, sonderten sie die Wachen mitsamt ihren Kindern aus. André selbst hatte, als in Frankreich Geborener, Anrecht auf die Staatsbürgerschaft, was den Aufsehern den willkommenen bürokratischen Vorwand lieferte, die Familie laufenzulassen.
Die Wut eines Kindes
Aber als die Verurteilten die Eisenbahnwaggons bestiegen, rannte Andrés Schwester Micky zu ihnen und rief: «Ich bin Jüdin! Da liegt ein Fehler vor, ich bin Jüdin!» Die Mutter holte sie ein, verpasste ihr eine Ohrfeige und lief mit ihr zurück. Die Polizisten schauten derweil weg.
Das eigentliche Schlüsselerlebnis seiner Biografie findet für Glucksmann allerdings an einem sonnigen Nachmittag statt, kurz nach der Befreiung Frankreichs. Die Bankiersfamilie Rothschild gab auf ihrem Schloss Ferrières ein Fest für die jüdischen Waisenkinder, die dem Holocaust entgangen waren. Man feierte das Ende des Krieges, die Stimmung war fröhlich – bis der kleine André seinen Schuh auszog und ihn gegen die betuchten Wohltäter schleuderte.
Rückblickend glaubt Glucksmann, dass er es, nach allem, was er erlebt hatte, einfach nicht ertrug, dass man so tat, als sei nun alles in Ordnung, und das Geschehene damit auslöschte.
«Vieles, was ich später schrieb, ist aus demselben Impuls entstanden», sagt er heute. «Auch nach dem Mauerfall 1989 gab es viele, die sich dieser Illusion hingaben, nun sei alles bestens oder gar die Geschichte zu Ende. ‹Der Traum ist der Wächter des Schlafes›, sagte Freud. Alles, was unseren Schlaf stören könnte, bauen wir geschwind in unsere Träume ein, damit wir nicht aufwachen müssen. Es gibt viele Wächter des Schlafes. Die Aufgabe des Denkers ist es, dagegen anzukämpfen.»
Das tat er, zeitlebens. Mit 13 fälschte er sein Geburtsdatum und trat in die Kommunistische Partei ein. Aber bereits mit 18 trat er wieder aus, als die sowjetischen Panzer in Budapest einfuhren. 1968 gehörte er allerdings immer noch zur Gauche prolétarienne, mit der auch Sartre und Godard sympathisierten (Glucksmann war immerhin der einzige seiner intellektuellen Mitstreiter, die wirklich «proletarisch» aufgewachsen waren). Der offizielle Bruch kam Mitte der siebziger Jahre mit seinen beiden Büchern «Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager» und «Die Meisterdenker», in denen er mit den Linksintellektuellen und ihrem Hang zum Totalitären abrechnete. Es war die Zeit von Solschenizyns «Archipel Gulag», und Glucksmann zog radikale Konsequenzen aus der Realität der sowjetischen Lager, die sich nicht mehr leugnen liess.
Der Zorn eines Lebens
Für viele Linke wurde Glucksmann dann definitiv zur Persona non grata mit seinem Buch «Die Philosophie der Abschreckung», in dem er die Ideologie des antiamerikanistischen «grünen Pazifismus» kritisierte. Das Buch erschien 1984 in Deutschland, als gegen die «Nachrüstung» und die Aufstellung der Pershing-II-Raketen demonstriert wurde («Lieber rot als tot»). In «Die Macht der Dummheit» tat er dann genau das, was er eigentlich immer attackierte: Er totalisierte seine Kritik und stellte den Intellektuellen an sich in Frage. «Der Intellektuelle ist inkompetent», schrieb er. «Er setzt sich über Fachwissen hinweg, ohne selbst welches zu besitzen. Dennoch gibt er sich plötzlich gerechter als ein Richter [...].» Er empfahl ihnen eine Abstinenz im Predigen des Guten.
Blieb der Kampf gegen das Böse, das ihm unstrittiger erschien. Er unterstützte die Dissidenten im Osten und bezog immer wieder scharf Stellung gegen Le Pen und den Front national. Er unterstützte Bosnien und Tschetschenien, äusserte sich pointiert zur französischen Verantwortung in Ruanda und machte sich für den Einmarsch im Irak stark. Für sein Engagement bezog er neben viel Schelte (gerade auch aus dem deutschsprachigen Raum) auch Lob von hochrangiger Seite. Als Václav Havel 1989 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, wünschte er sich Glucksmann als Festredner («Aus dem Kommunismus austreten heisst in die Geschichte wiedereintreten», lautete seine vielbeachtete Laudatio). Der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski sah im französischen Philosophen den «Mann, der Paris von seiner Liebe fürs Totalitäre befreite». Adam Michnik, Mitbegründer der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, las Glucksmanns Marx-Kritik in einer Untergrundausgabe. Und der georgische Präsident Michail Saakaschwili erinnert sich, Französisch vor allem aus Glucksmanns verbotenen Büchern gelernt zu haben.
Gerade vor zwei Wochen machte Glucksmann abermals Furore mit einem Artikel in Le Monde unter dem Titel «Warum ich Nicolas Sarkozy wähle». Darin wird Frankreich als «halb Museum, halb Spital» beschrieben, dem die Linke nichts als Wortgeklingel und feige Diplomatie unter dem Banner der «Realpolitik» entgegenzuhalten habe. Die internationale Solidarität, die die Linke einst auf ihr Banner schrieb, sei nun auf der Gegenseite zu finden, konstatiert er. Es sei Sarkozy, und nicht die Sozialisten, der sich heute für die zum Tod verurteilten bulgarischen Krankenschwestern in Libyen einsetze, gegen die Massaker in Darfur Stellung nehme und an die 250000 getöteten Tschetschenen erinnere. Er habe sich immer in der Linken beheimatet gefühlt, präzisiert er im Gespräch, aber diese Unterscheidung sei heute irreführend geworden. Es sei Sarkozy gewesen und kein Linker, der die einzige realistische Antwort auf die Ausschreitungen in den Banlieues gegeben habe: Die Leute brauchen Arbeit, und dazu muss die französische Wirtschaft angekurbelt werden. Wenn man Inhalten und nicht Worten treu sein wolle, müsse man heute gelegentlich «rechts» wählen.
Eine Antwort auf die Frage, wer diese schillernde Persönlichkeit eigentlich «im Kern» ist, bekommt man auch durch die Lektüre seiner Autobiografie nicht. Im Gegenteil. Glucksmann beeilt sich, gleich im ersten Satz festzustellen: «Mir fällt es schwer, die erste Person Singular zu benutzen. Es erscheint mir leichter, ‹ich bin ich› zu sagen, als es zu denken, und die klare Gewissheit eines ‹ich bin ich› wurde mir von Anfang an verwehrt.» Im Laufe des Buches schwankt er denn auch immer mal wieder zwischen «ich» und «er», und gegen Ende hält er fest: «Mir liegt nichts an einem lücken- und makellosen Lebenslauf.»
Er sei wurzellos aufgewachsen, ohne klare Identität, und seine Heimat sei eher eine gewählte als eine ererbte gewesen, sagt er im Spiegelkabinett seines Salons. Um dann überraschend hinzuzufügen: «Das war sehr profitabel.»
Die Entwurzelung als Glücksfall, nach all dem Horror seiner Kindheit?
Ja, bekräftigt er. Weil die meisten Probleme in der Welt von Leuten herrührten, die unbedingt eine Identität brauchten. Die meisten Kriege seien unter anderem auch Identitätskriege. «Es ist nichts dagegen einzuwenden, eine Identität zu haben, wenn es auch besser ist, mehrere zu haben. Das Problem beginnt dort, wo man den andern ausmerzen muss, um das Gefühl zu haben, bei sich zu sein. Siehe zum Beispiel die Serben.» In diesem Sinne habe ihn seine entwurzelte Kindheit besser als andere auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorbereitet, die vor allem eine Epoche der Entwurzelung gewesen sei. «Ich hatte nie das Gefühl, das Grab meiner Ahnen auf dem Rücken tragen zu müssen.»
Aber das taugt wohl kaum als allgemeines Rezept, oder? Denn oft werden doch gerade die Entwurzelten dann eben nicht zu offenen Weltbürgern, sondern beispielsweise zu glühenden Nationalisten und Identitätsfanatikern.
Das sei gerade der Schlüssel, sagt er. «Hat man eine gefestigte Identität, gibt es kein Problem. Hat man keine, und das ist zunehmend der Normalfall in der heutigen Welt, kann man das entweder akzeptieren oder aber versuchen, sich auf gewaltsame Weise, auf Kosten der andern eine Identität zu kreieren.» Ein grosser Teil der Weltbevölkerung lebe heute weder in der alten Welt der agrarischen Gewissheiten noch in westlichen Rechtsstaaten, wo das Zusammenleben verschiedener Gruppen mehr oder weniger geregelt verlaufe, sondern müsse sich in einer gewalttätigen Zone der Identitätsunsicherheit und der Identitätskonflikte zurechtfinden. Das sei der ideale Nährboden für Nihilismus. Der Nihilist im glucksmannschen Sinne mag sich nationalistisch, marxistisch oder islamistisch gebärden, aber das sind nur Alibis. Eigentlich ist er bodenlos und leer, sein einziges Motiv Hass, die Zerstörung des andern.
Glucksmann erzählt von einem heimlichen Besuch in Tschetschenien im Jahr 2000, wo er einem Obersten des Geheimdiensts begegnete, der ihn gegen Geld durch die Kontrollpunkte schleuste. Er trug ein goldenes Kettenarmband, auf dem eingraviert war: «Get what you want». Als Glucksmanns Freund Hans Christoph Buch einem liberianischen Kindersoldaten mit einer geladenen Kalaschnikow sagte: «Du könntest Vater und Mutter töten», entgegnete der Junge: «Why not?» Auch die bewaffneten islamistischen Gruppen in Algerien, die mit Menschenköpfen Fussball spielen, und der irakische Terrorist, der Passanten in die Luft sprengt – sie sind für ihn alle von derselben nihilistischen Freude beseelt, einer «Moral des Warum-nicht».
Die Rückkehr des Hasses
In seinem letzten Buch, «Hass – Die Rückkehr einer elementaren Gewalt», hat Glucksmann provokative Thesen formuliert: Hass in Form von terroristischer Gewalt hat nichts mit Elend und Unterdrückung zu tun. Letztere werden bloss als Vorwand genommen, um der Brutalität freien Lauf zu lassen. Im elaborierteren Falle wird eine ganze Ideologie konstruiert. Sie ist aber nie Ursache des Hasses, sondern ein nachgeschobenes Alibi. Und deshalb bringt auch das Widerlegen von Ideologien die Zerstörung nicht zum Verschwinden. Wie es in seinem neuen Buch so treffend heisst: «Die einen fühlen sich von Gott berufen, die anderen durch die Abwesenheit Gottes von jeglichen Konventionen befreit. Beide arbeiten wahlweise gegeneinander oder miteinander und töten ausgiebig, weil sie sich das Recht zugestehen, alles zu tun.»
All das spricht allerdings nicht gegen das Recht auf Revolte. Glucksmann ist noch heute voller Bewunderung für das Engagement seiner Mutter und ihrer Mitstreiter in der französischen Résistance. Gerade die Résistance ist für ihn ein Beispiel dafür, dass der Partisan nicht die Methoden seiner Unterdrücker kopieren muss.
Drei Ziele bieten sich für den Nihilisten besonders an: der «kapitalistische Westen», weil er aus der Mobilisierung von allem und jedem ein Prinzip gemacht hat; der Jude, weil er gerade aus seiner Entwurzelung seine Identität bezieht; und die Frau, weil sie die Totalität des Mannes in Frage stellt. In ihrem Hass auf die drei treffen sich, so Glucksmann, die unterschiedlichsten Bewegungen. «Es ist der Hass der Pseudoverwurzelten gegen die universal Entwurzelten.»
Wider den «Charterflug-Aktivismus»
Heute muss Glucksmann nicht mehr gegen Marx-Verehrung kämpfen wie in den siebziger Jahren, als sich sogar Sartre auf Mao einschwor. Aber auch wenn Marx selbst nicht mehr angerufen wird, so lebt sein Geist doch vielgestaltig fort. Wenn wir nicht wie Götter lebten, sagt Glucksmann, so seien eben die knallharten Gesetze des Marktes, die Wall Street, die Globalisierung, die Bewegungsfreiheit der Menschen, Ideen, Güter und Gefühle daran schuld. «Vom gestutzten Marx bewahrt derjenige, der den Westen bekämpft, die Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft und das Gebot, sie zu zerstören. Er entledigt sich der kommunistischen Träumereien und verworrenen Utopien, pflegt aber fromm den Radikalismus schwerwiegender Anschuldigungen. Dieser New-Age-Marxismus-Nihilismus ist der grosse Knotenpunkt, an dem sich religiöser Fundamentalismus, nationaler Fanatismus, wiederbelebter Rassismus und der Zynismus der Übersättigten kreuzen.»
Überflüssig zu sagen, dass Glucksmann auch von der Antiglobalisierungsbewegung wenig hält. Für ihn nicht viel mehr als «Charterflug-Aktivismus» und «Spektakel-Politik» an «touristisch interessanten Orten» wie Porto Alegre, Mumbai und Davos.
Glucksmann scheint mit seinen siebzig Jahren so überwach, misstrauisch und streitlustig wie damals, als er als Kind seinen Schuh gegen die Herrschaften warf. Der letzte Satz seiner Autobiografie lautet: «Was sollte ich anderes getan haben, als die Wut eines Kindes in einen lebenslangen Zorn zu verwandeln?»
Als ich ihn nach der Essenz seines Denkens frage, sagt er: «Nicht wegschauen.» Es sollten die einzigen zwei Worte an diesem Nachmittag in Deutsch sein, der Sprache seiner Mutter, in der sie ihn einst im besetzten Frankreich manchmal leise in den Schlaf wiegte.
Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens. Erinnerungen.
Nagel & Kimche. Erscheint am 4. März. 320 S., Fr. 41.40
Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt.
Nagel & Kimche, 2005. 284 S., Fr. 36.–
28.02.2007, Ausgabe 09/07
Philosophie
Die Kunst der lebenslangen Empörung
Mit dreizehn wurde André Glucksmann Kommunist, später führte er den Marxismus wütend ad absurdum. In seinen Memoiren geht er den Ursachen seines unermüdlichen Furors auf den Grund.
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