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21.02.2007, Ausgabe 08/07

Belletristik

Urkräfte des Gemeinwesens

Im Frühling häufen sich die Morde, in den Buchhandlungen zumindest. Die elf besten Kriminalromane der Saison.

Von Thomas Widmer

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Es gibt Leute, die mögen einen Roman überhaupt nur, wenn in ihm geschossen wird. Der Autor dieses Artikels über die besten Krimis der Frühlingssaison ist auch so einer und schämt sich dessen nicht. Denn formuliert nicht der gewaltige Raymond Chandler das Erfolgsprinzip der Fiktion so: «Im Zweifel lass zwei Kerle mit Pistolen durch die Tür hereinkommen.» Und hat nicht der ebenso gewaltige Joseph Conrad geschrieben: «Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, wenn es anders wäre, würde es sie nicht geben. Egoismus hält alles aufrecht.» Wer Krimis liest, ist also kein randständiger Primitivling, sondern agiert aus der Mitte des Gemeinwesens, indem er dessen Urkräfte und überhaupt die Conditio Humana ergründen will. Fragt aber jemand, wo da die Ethik bleibe, so sei ihm entgegengeschleudert: «Man erreicht mehr mit einem freundlichen Wort und mit einer Pistole als mit einem freundlichen Wort allein» (Al Capone). Schreiten wir zur Auszeichnung der besten Krimis, indem wir ein letztes Zitat beibringen. Eins von der TV-Gerichtsmedizinerin Samantha Ryan: «Okay, dann würde ich jetzt gerne die Leichen sehen.»

Bester Schweizer

Hansjörg Schneider: Hunkeler und der Fall Livius – Die meisten Schweizer, die Krimis schreiben können, sind tot, Glauser und Dürrenmatt schon lange, Werner Schmidli und Alexander Heimann weniger lang. Sam Jaun und Hansjörg Schneider leben, von Schneider kommt jetzt ein neuer Roman um den Basler Kommissär Hunkeler – wieder eine grandiose Lektüre! Die polizeiliche Saftwurzel, die auf Dienstfahrt Langlaufski aus dem Kofferraum holt und genüsslich ihre Spur durchs Gelände zieht, ermittelt im Fall eines Toten, der auf französischem Hoheitsgebiet gefunden wurde. In einem Schrebergarten. Die Kleinbürger, die hiermit im Mittelpunkt stehen, sind mit auffallender Zärtlichkeit gemalt und verfügen wider ihr Klischee über ein enormes Potenzial an Sinnlichkeit: Es wird gefressen und gesoffen, dass man selber auch möchte. Die Lösung des Falls hat – Schatten des Zweiten Weltkriegs – mit den Gräueltaten der SS im Elsass zu tun. Nun eine Warnung: Man meine nicht, Schneider sei nur in der Heimatschutzkategorie «Schweizer» preiswürdig. Den artverwandten Süddeutschen Felix Huby und Ulrich Ritzel (starker Autor, alles von ihm lesen!) etwa ist er punkto Drive, Plastizität der Figuren und Milieus, Präzision der Sprache ebenbürtig.

Beste Sprache

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde – «Ich pflanze Seelen», sagt ein reicher Mann: des Buches Schlüsselsatz auf Seite 319. Der Roman beginnt damit, dass der Pathologe Quirke nachts im Leichenkeller seinen Schwager Malachy beim Lesen der Akte einer jungen Toten ertappt, die ihn nichts angeht. Was will Malachy? In seiner Familie geht Seltsames vor, es hat mit verschwundenen Babys zu tun. Ungeheuer feinfühlig sind die Beziehungen der Akteure geschildert, so meisterlich ist das Dublin der fünfziger Jahre erfasst, dass der Leser russgeschwängerten Nebel zu riechen glaubt. Und weil die Sprache ausdrucksstark ist bis ins hinterste Adjektiv («Was mochte wohl vorgehen hinter diesem knochigen, sargförmigen Gesicht?») und Quirkes Sehnsucht nach der Frau, die Malachy heiratete, jeden Satz melancholisiert, ist dies unter den Frühlingskrimis das literarische Meisterstück. Benjamin Black ist ja auch John Banville, einer der grossen Schriftsteller Irlands.

Bestes True Crime

Sebastian Junger: Tod in Belmont – Sebastian Junger legte vor zehn Jahren «The Perfect Storm» vor, es wurde ein Weltbestseller. Als er knapp ein Jahr alt ist, 1962, heuert seine Mutter Arbeiter an, ihr ein Atelier zu bauen. Zum Bauabschluss entsteht ein Foto: Man sieht die Mutter, Klein Sebastian, die Arbeiter. Unter ihnen ist ein gewisser Al DeSalvo, der ein irritierend süffisantes Grinsen aufgesetzt hat. DeSalvo ist der «Boston Strangler». Ein Serienmörder. Doch das stellt sich erst später heraus. Junger betritt seine Geschichte durch einen Nebeneingang: Der Schwarze Roy Smith soll als Strangler-Nachahmer einen Mord begangen haben. Im Mikrokosmos der Stadt Belmont erzählt der Autor den Makrokosmos Amerikas, beleuchtet die Rassenspannungen der Sechziger, porträtiert die überforderte Justiz. Besonders interessant seine Theorie-Exkurse über strafrechtliche Kategorien wie «Mord ersten Grades», «Totschlag», «vernünftiger Zweifel». Sachbuch und Suspense-Story: Dieses Buch ist beides.

Bestes Setting

Peter Temple: Kalter August – Auf den Strassen liegen überall überfahrene Tiere, Peter Temples winterliches Australien tut dem Leser weh. Kripomann Joe Cashin wäre lieber in Melbourne statt im Küstennest Port Monro. Doch in der Metropole hat ihn ein Drogendealer so schlimm verletzt, dass er wohl lebenslänglich Schmerzen haben wird und sich schonen soll. Und jetzt ist er zurück im Ort seiner Jugend und muss sich mit den Folgen einer missglückten Verhaftung herumschlagen: Zwei, dann drei Aborigines-Jungen sind tot, sie waren die Verdächtigen in einem Raubmord – hat die Polizei sie gezielt ausgeschaltet? Selten wurde die Lieblosigkeit eines Landstriches besser eingefangen.

Beste Nebenfiguren

Reggie Nadelson: Rote Wasser – Niederschmetternder als in «Russische Verwandte» (2005) kann ein Finale nicht sein, man lese es nach. Jetzt ermittelt der Cop Artie, den man früher in Moskau Artjom rief, wieder in Brooklyn. Exzentrisch und doch lebensnah nicht nur er, sondern auch die Figuren um ihn: Sid McKay etwa, der ein unangenehmer Wahrheitsfanatiker und Faktenpedant ist (und ermordet wird). Tolja, Arties Freund, der auf dem Weg zum Oligarchen ein gutes Stück vorangekommen ist und gern den Mafioso spielt, indem er seinem Amerikanisch einen schweren Russenakzent beimischt. Toljas bildschöne Tochter Valentina, der zur Vollkommenheit ein Finger fehlt, den ihr ihre Entführer abschnitten. Last, but not least ist da ein Phantom: jener russische Matrose, dessen Schiff zu Stalins Zeiten vor Red Hook strandete, worauf er schwimmend die Freiheit gewählt haben und dann im Hafenviertel untergetaucht sein soll. Ulrich Schmids Roman «Der Zar von Brooklyn», in einem ganz ähnlichen Russen-Habitat angesiedelt, war in ähnlicher Weise farbig. Aber das ist sieben Jahre her.

Bestes Lebenswerk

Sara Paretsky: Feuereifer – Die taffe Detektivin treffen wir heute in jedem zweiten Krimi, sie ist sozial engagiert, ist Raubein und Gefühlsfrau zugleich und hat einen drögen Softie-Freund, der dann glücklicherweise erschossen wird. Sara Paretsky hat den Typus, wenn nicht allein erfunden, so doch mitkreiert. Ihre Ermittlerin Vic Warshawski muss wieder einmal in South Chicago eintauchen; es gilt herauszufinden, wer eine Fabrik samt dem Besitzer in die Luft gejagt hat. Und dazu soll sie im Getto noch eine Mädchen-Basketballmannschaft trainieren. Der Roman ist bis zum Schluss ein Reisser, Paretsky erweist sich als Könnerin in der Kunst, diverse Handlungsfäden zu einem intelligenten Geschichtennetz zu verweben, und ihre Warshawski ist frischer als das Gros ihrer Kopien. Der Autorin, die im Sommer sechzig wird, gebührt angesichts des neuen Buches ein Lifetime-Award für die konstanteste Langzeitleistung.

Bester nordischer Krimi

Leif GW Persson: Mörderische Idylle – Die Liste der Krimis schreibenden Wollpulloverträger ist lang. Seit Wallander-Erfinder Henning Mankell sich auf langweilig pädagogisierende Afrika-Soli-Romane verlegt hat, muss man als Spitzenleute aus dem Norden nennen: Arne Dahl, Schweden. Karin Fossum, Norwegen. Arnaldur Indridason, Island. Und seit wenigen Saisons: Leif GW Persson. Er liefert stets – das gilt also auch für seinen neuen Krimi – sarkastisch angehauchte, bösartig spannende Wälzer, die auf eine Meta-Ebene gestellt sind: Es geht nicht um Polizeiarbeit, sondern um die Bedingungen der Möglichkeit von Polizeiarbeit. Und zwar in Anbetracht der Tatsache, dass die Hälfte der Beamten in einem gegebenen Korps Vollidioten oder korrupte Widerlinge sind. Das Beste dabei ist, dass Persson nie ganz in die Satire rutscht, was der Spannung abträglich wäre. Sein neuster Kotzbrocken heisst Bäckström und vergeigt die Ermittlung um eine erwürgte Polizeiaspirantin radikal.

Bester Serienkillerthriller

Gillian Flynn: Cry Baby – Dieser Thriller funktioniert als realistische Erzählung, doch ist alles auf ein Fundament von Märchenmotiven gebaut. In der Kleinstadt Wind Gap werden zwei Mädchen ermordet, der Täter hat ihnen alle Zähne gezogen, und die Chicagoer Journalistin Camille wird zur Vor-Ort-Recherche verdonnert, weil sie aus Wind Gap stammt. Ihre Mutter ist eine Art Hexe, ihre Halbschwester halb Kind und halb Sexvamp, ihr Elternhaus eine Alptraumvilla: In diesem Roman haben alle Figuren mythisches Gewicht. Das macht ihn so stark. Der Serienkillerthriller scheint trotz der Tendenz zu immer noch mehr Banalschrecken pro Buch eine Zukunft zu haben. «Cry Baby»: ein Konzentrat, die Essenz der Gattung.

Bester Agentenroman

William Boyd: Ruhelos – Seit der Kalte Krieg vorbei ist, ist es ruhig um das Spionagegenre geworden, Doyen John le Carré schlägt sich mit Plots um böse Pharmafirmen in Afrika u.ä. redlich. Noch länger her ist der Zweite Weltkrieg. Doch wer verböte einem das Schreiben einer Retro-Geschichte, die beide Bildwelten von einst kombiniert, diese unerschöpflichen Schreckensreservoire? In England, 1976, bemerkt Ruth Gilmartin die Unruhe ihrer Mutter, die aus ihrem Cottage ständig in den Wald späht. Die Mutter scheint Angst zu haben und gibt schliesslich ihre verheimlichte Biografie preis: Sie war im Krieg Agentin des britischen Geheimdienstes und fand heraus, dass jemand in ihrer Organisation für eine fremde Macht arbeitete. Und nach wie vor fürchtet dieser Verräter, man könnte ihn enttarnen. Eine unheimlich ruhige Geschichte um einen – wie altmodisch das klingt – Maulwurf.

Bester Ermittler

Petros Markaris: Der Grossaktionär – Petros Markaris hatte die Frechheit, einen rechten Helden zu lancieren. Einen Polizeioffizier, der die Diktatur im Staatsapparat mitmachte. Das Gegenteil eines Widerstandshelden: ein Mitläufer in Uniform. Auch um diese nahe griechische Vergangenheit geht es im neuen Buch um den Kommissar Kostas Charitos. Seine Tochter Katerina, die eben ihre Rechtsdissertation abgeschlossen hat, gerät auf einem Kreuzfahrtschiff in die Gewalt von Terroristen. Ausserdem ist in Athen ein männliches Model ermordet worden. Charitos pendelt zwischen den zwei Fällen. Und gibt bald Entscheidendes über seine Jahre während der Diktatur preis. Man gebe Markaris eine Chance, es kann unter den Krimifahndern nun einmal nicht nur sozialliberale Korrektlinge à la Donna Leons faden Commissario Brunetti geben. Und vor allem schreibt Markaris ganz eigenwillige Geschichten. Das überraschend zärtliche Väterchen Charitos, dieser ständig im Stau steckende Grossstadt-Sisyphos: charismatischster Ermittler in diesem Frühling.

Bester Jugendkrimi

Peter Abrahams: Was geschah in Echo Falls? – Ingrid ist 13, und es passieren ihr Dinge. Zum Beispiel ruft sie ihr Schulkamerad Joey an und druckst herum, dass er sie gern einladen würde, bei ihm sein neues Videospiel auszuprobieren. Mitten in den subtil beschriebenen Pubertätsauftakt platzt der Mord an «Müll-Katie», einer allein lebenden Aussenseiterin, die Ingrid kurz zuvor kennengelernt hat. Wie das tapfere Mädchen, dessen Idol Sherlock Holmes ist, dem Mörder auf die Schliche kommt, das ist Suspense vom Schlausten – überhaupt folgt man ihr gern: Autor Abrahams hat das Teenagersensorium. Wenn Stephen King von «meinem absoluten Lieblingsbuch» spricht, ist das eine verdiente Reklame. Eine Klasse für sich ist im Übrigen Ingrids Opa, der zum Dynamit greift, als man ihm sein Land abschwatzen will.



Hansjörg Schneider: Hunkeler und der Fall Livius
Ammann. 267 S., Fr. 33.40. Erscheint dieser Tage.

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde.
Kiepenheuer & Witsch. 432 S., Fr. 34.90. Erscheint dieser Tage.

Sebastian Junger: Tod in Belmont.
Blessing. 320 S., Fr. 35.–. Erscheint am 23. März.

Peter Temple: Kalter August.
Bertelsmann. 448 S., Fr. 35.–. Erscheint dieser Tage.

Reggie Nadelson: Rote Wasser.
Piper, 2006. 380 S., Fr. 24.90

Sara Paretsky: Feuereifer.
Goldmann. 446 S., Fr. 35.–

Leif GW Persson: Mörderische Idylle.
BtB. 520 S., Fr. 35.–. Erscheint dieser Tage.

Gillian Flynn: Cry Baby.
Scherz. 320 S., Fr. 30.–. Erscheint dieser Tage.

William Boyd: Ruhelos.
Berlin. 367 S., Fr. 38.–

Petros Markaris: Der Grossaktionär.
Diogenes. 480 S., Fr. 37.90. Erscheint Anfang April.

Peter Abrahams: Was geschah in Echo Falls?
Bloomsbury. 350 S., Fr. 30.10


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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 08/07
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