Sie war ein Kind, als sie von ihrer Mutter aus dem Fenster gehalten wurde: «Wenn du nicht aufhörst zu schreien, lasse ich dich fallen.» Sie muss dieses Rigide von ihrer Mutter, Tochter eines Metzgers, gelernt haben. Und vom Vater, einem russischen Militärattaché, der in London strandete und seine Familie als Taxifahrer ernährte, hat sie wohl diese leise Verzweiflung, die ihre Charaktere so glaubhaft macht. Was uns die 61-jährige britische Schauspielerin Helen Mirren zeigt, sind Menschen, die mit aller Kraft ihre bröckelnde Fassade bewahren wollen. Sie macht das besser als jeder andere, sie ist eine, zu der wir wirklich hochblicken können, die unnahbar ist und uns nicht am nächsten Morgen in den Klatschspalten das Grausen lehrt. Manche mögen sie mit dem Wort «Charakterdarstellerin» in einer passenden Schublade entsorgen wollen, das kümmert diese Frau wenig. Wer sie als Elisabeth I. oder als Elisabeth II. erlebt, wer sie als Detektivin Jane Tennison in der enorm erfolgreichen Krimiserie «Heisser Verdacht» gesehen, wer sie als totalitär denkende Philosophin Ayn Rand verabscheut hat, der weiss, dass diese Frau schon längst den Oscar verdient hätte.
Sie soll ihn nun für ihre Darstellung der englischen Königin in «The Queen» von Stephen Frears bekommen. Es wäre höchste Zeit. Denn wie sie in diesem Film eine Königin gibt, die einsehen muss, dass ihre Werte nicht mehr mit denjenigen des Volkes übereinstimmen, das macht ihr keine nach. Aber eigentlich müsste sie den Oscar allein für den Satz bekommen, den sie im Film zu ihrem Mann sagt, der auch in grössten Krisenzeiten auf die Jagd gehen will: «Keine Gewehre, Philip. Es ist Sonntag.» Wir werden diese Sonntagnacht aufbleiben und aufpassen, dass die da drüben sich nur mal nicht irren.
Die Oscars verteilen wir schon mal in einer anderen Kunst, deren Bedeutung reziprok zu ihrer Beachtung in den Feuilletons steht. In wohl keinem anderen Metier wird heute so intensiv über die Verfassung des heutigen Menschen nachgedacht wie in Kriminalromanen. Thomas Widmer, ein, man muss es sagen, manischer Leser, hat sich durch die Neuerscheinungen gekämpft – um die Werke auszuzeichnen, die es verdienen.
Und unser Filmkritiker Wolfram Knorr, auch er ein Bessessener seines Fachs, hat sich «The Good Shepherd» von Robert De Niro angeschaut, der erste Versuch Hollywoods, den Machtapparat CIA zu durchleuchten. Wohl war es Knorr dabei nicht.
21.02.2007, Ausgabe 08/07
Kultur
Die Königin
Die 61-jährige britische Schauspielerin Helen Mirren zeigt uns Menschen, die mit aller Kraft ihre bröckelnde Fassade bewahren wollen. Sie soll nun für ihre Darstellung der englischen Königin in «The Queen» von Stephen Frears den Oscar bekommen – Krimis, gelesen und bewertet von Thomas Widmer – Wolfram Knorr über «The Good Shepherd» von Robert De Niro
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