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21.02.2007, Ausgabe 08/07

Film

Der Hirte ist ein wenig blass

Hollywood wagt sich in den innersten Zirkel der CIA vor: «The Good Shepherd» von Robert De Niro versucht, die geheime Schutzmacht zu enttarnen. Und enttarnt vor allem sich selbst.

Von Wolfram Knorr

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Das Haar glatt wie eine Asphaltstrecke, der Scheitel akkurat, der dunkle Anzug von der Stange, die Schuhe schwarz. Unauffällig geht Edward Wilson (Matt Damon) seinem beruflichen Leben nach und verschlossen wie ein Tresor seinem privaten. Wilson ist ein von einem Sicherheitswahn besessener Geheimagent, der jedem misstraut, auch Frau (Angelina Jolie) und Sohn (Eddie Redmayne). Er ist zuerst Patriot, dann Familienmensch. Er weiss, worauf es ankommt: nicht auf Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern einzig und allein auf die Verteidigung und Wahrung amerikanischer Werte, mit welchen Mitteln auch immer. Schon als Student der Yale-Universität bespitzelte er kritische Professoren und fiel der Skull-&-Bones-Studentenverbindung auf. Als er Mitglied des einflussreichen Geheimzirkels wurde, stand seiner Karriere nichts mehr im Weg.

«The Good Shepherd» («Der gute Hirte») erzählt anhand der Person Edward Wilsons amerikanische Geheimdienstgeschichte von den Anfängen des Office of Strategic Services (OSS) bis zur CIA, die aus dem OSS hervorging und ihre erste Pleite im kubanischen Schweinebucht-Drama (1961) hinnehmen musste. Wilson, der sich zur Führungsfigur mendelt, ist kein 007-Agent, auch kein düsterer Schlapphut-Dämon, sondern ein Beamter, dessen auffälligste Eigenschaft die Unauffälligkeit ist. Schon John le Carrés MI6-Held George Smiley war das krasse Gegenteil eines Actionhelden; aber Smiley besass Gefühle, Ironie, Liebesfähigkeit. Wilson kann man nicht einmal das nachsagen; er schweigt. Fassade oder Ausdruck eines Selbst, das nicht existiert? Der Historiker und Philosoph Theodor Lessing schrieb in seiner Autobiografie, auf seine verkorkste Kindheit bezogen: «Ich wurde völlig in mich hineingeprügelt.» Damit lässt sich Wilson bestens charakterisieren. Das Produkt männerbündlerischer Unterwerfung ist – je nachdem – ein jämmerlicher Wicht oder ein gefährliches Reptil. Hirte und Hitman zugleich.

Beiderseits betretenes Schweigen
«The Good Shepherd», die zweite Regie-Arbeit Robert De Niros, des Schauspiel-Zauberers unendlicher Verwandlungen («A Bronx Tale», 1993), versucht fast drei Stunden lang das Publikum an einen «Helden» zu binden, der nicht einmal als Schreibtischtäter anschaulich wird. Eine reichlich kühne Gratwanderung. Norman Mailer nannte sein pompöses CIA-Epos «Harlot’s Ghost» und liess die Gespenster sehr real werden. Drehbuchautor Eric Roth («Insider») und De Niro gingen (fast) den umgekehrten Weg. Matt Damon, den dumpfen Brüter und muffligen Sonderling gebend, macht nicht nur verbal und emotional die Schotten dicht, auch biologisch: Er altert nicht und sieht als Chef in Langley noch wie der Student aus Yale aus.

Trotzdem lässt «The Good Shepherd» aufhorchen. Immerhin ist es der erste Versuch Hollywoods, den Machtapparat CIA thematisch aufzugreifen. Klingt absurd angesichts zahlloser Filme, in denen es von CIA-Agenten nur so wimmelt (von «Three Days of the Condor» bis «Missing»). Doch meist verkörpern sie, auffällig adrett und alert und stets wie aus dem Ei gepellt, in ihrer Trabantenfunktion die physische Bedrohung, die von einem undurchsichtigen Staat ausgeht, in dem anonyme Drahtzieher agieren.

TV-Serien geben ihren Geheimdiensten – von «The Man from U.N.C.L.E.» bis zur CTU aus «24» – lieber fiktive Namen. Unvergesslich der Dialog zwischen dem mampfenden Walter Matthau und Audrey Hepburn in der Agentenkomödie «Charade» (1963):

«Mrs Lampert, wissen Sie, was die CIA ist?»
«Eine Fluglinie oder so was?»
«Central Intelligence Agency. CIA.»
«Sie meinen Spione und so ’n Zeug?»

Wagemut, der zu weit geht

Als Folge zunehmender Enthüllungen und heftiger Kritik an der unrühmlichen Rolle der CIA in der Terrorismusbekämpfung und im Vorfeld des Irakkriegs kann und will die Filmindustrie nicht tatenlos zusehen, wie der Buchmarkt sich eine goldene Nase verdient; sie wagt sich selbst an Vorlagen, die auf kommerzielle Gesichtspunkte verzichten («Syriana») und den gusseisernen Branchenimperativ über Bord werfen, wonach politische Filme nur als Thriller funktionieren. Da kann, wenn man auf die Attraktivität des Stoffes vertraut, der Wagemut zu weit gehen. Eine erste Warnung kam von Francis Ford Coppola, dem als Erster das Roth-Skript «The Good Shepherd» angeboten wurde. Er lehnte ab, weil er keinen emotionalen Zugang zu Edward Wilson fand.

Das könnte auch manch einem Zuschauer so gehen. Statt die von Matt Damon verkörperte Auster aufzubrechen, deutet De Niro wenigstens in der engen Kumpanei von Skull & Bones und Geheimdienst («Erst kommen die Bones und dann Gott») die Ursache der katatonischen Paranoia Wilsons an: die Kungeleien verschwiemelter Männer als Patriotismus getarntes Posten- und Pfründen-Geschacher, Lug und Trug als Gruppenkitt. Drei Präsidenten (darunter Bush senior und junior) und viele CIAler waren bei Skull & Bones, was Verschwörungsgläubige komplett high werden liess.

De Niro umgeht die Verschwörungsfalle und umstellt den knochentrockenen Matt Damon dafür mit den wunderbaren Schauspielern William Hurt, Alec Baldwin, John Turturro und anderen, die dann doch noch Leben in die «Gespensterbude» bringen.


The Good Shepherd läuft ab heute im Kino.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 08/07
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