Welsche Zeitungen nennen den Vorgang «sodomisieren». Stress, Lausanner Rapper mit Glam-Faktor und liiert mit Wunschschwiegertochter Melanie Winiger, führt in seinem neuen Video «Mais où» aus, was er schon vor zwei Jahren mit den Kollegen Bligg und Greis skandierte: «Fuck Blocher». Das Album mit dem Beschimpfungssong verkaufte sich 35 000-mal, ein Spitzenwert im Schweizer Hip-Hop. Stress hat Wirtschaft studiert und dabei vor allem eins gelernt: die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Im aktuellen Video brüstet er sich mit dem Erfolg der Verbalaggression, um gleich noch einen draufzusetzen: «Double disque d’or. Notre musique doit bien parler à quelqu’un. 30000 majeurs en l’air, une horde criant ‹fuck Blocher›. La droite peut plus nous ignorer, j’crois que c’est clair. Puis l’UDC me demande des excuses publiques. Messieurs les voilà: bande de fachos sucez ma bite.»
Noch schärfer schiesst der Churer Rapper Gimma: «1, 2 hol dr an politiker 3, 4 gibam as paar tritt und denn 5, 6 lohn an as bitzli liida und wenn er di no wiiter nervt bring na zum schwiiga», lautet der Refrain eines Stücks, das Gimma als «soundtrack zum mord ama politiker» bezeichnet. Auch darin geht es gegen Blocher, und am Ende steht der Aufruf: «packend all und machend us em rütli es massegrab!» Soll man solche Texte ernst nehmen? Erschütternder als die intelligenzfreie Rohheit der Verse ist die Qualität ihrer Sprache. Wenn die Maulhelden politisch werden, dichten sie mit der Eleganz eines Mähdreschers. An «Christopher» adressiert, holpert der Zürcher Bligg: «Ich läb i dem Land und fühl mich sehr betroffe. Bin weder SVP- no Wehrpflicht-Opfer. Mich chasch weder mit Poster no mit Redä locke. Ich bin ideal. Mängisch illegal. Oh ja dini Meinig isch mir piep-egal. Ich mach Politik in Form vo Rap. Pronto pronto. Red d’Sprach vo de Schwizerjugend und Secondos. Rassismus? Stop. Faschismus? Stop.»
Provokation steigert den Marktwert
Die Rapper und die SVP – da scheinen zwei unversöhnliche Kulturen aufeinanderzuprallen. Der Streit hat sich zugespitzt, nachdem die Zürcher Sektion der Partei Inserate gegen «Gewalt durch ausländische Jugendliche» geschaltet hatte. Die Bilder zeigen einmal einen weissen, einmal einen schwarzen Jugendlichen mit einer Kapuzenjacke im Hip-Hop-Stil. Die Kampagne hat Gimma veranlasst, den längst aufgenommenen Politikersong bereits vor der Lancierung seines neuen Albums zu veröffentlichen. Auch Gimma weiss: Die politische Auseinandersetzung vervielfacht seine Publicity. Ironie der Geschichte: Aufgebracht über die Unterstellung, Rapper seien gewalttätig, reagieren die Rapper mit der Androhung von Gewalt. Verantwortung wollen sie nicht übernehmen. Stress sagt in «Mais où»: «On nous met la violence sur le dos, c’est la controverse. Mais la musique résulte des problèmes sociaux et non l’inverse.» In einem Online-Chat liess Gimma verlauten, er finde die SVP «wesentlich gefährlicher für die Jugend» als seine Provokationen. «Ich glorifiziere in keinster Weise Gewalt an Dritten», sagt er gegenüber der Weltwoche. Der Song, den er als «Soundtrack» zu einem Politikermord verkauft, sei eine «metaphorische Ausnahme». (Stress übrigens hatte – nomen est omen? – keine Zeit für ein Interview.)
Die Rapper und die SVP – vielleicht sind sie sich doch nicht so fern. Beide wissen, dass Provokationen den Marktwert steigern. Für Nationalrat Toni Brunner ist Stress so etwas wie der Blocher des Rap: «Als Überflieger der Szene und Vorkämpfer gegen Maulkörbe hat Blocher mehr mit Stress gemein, als diesem lieb ist.» Parteipräsident Ueli Maurer will sich an der Auseinandersetzung nicht beteiligen: «Wir sind manchmal hart am Wind, aber auf diesem Niveau argumentieren wir nicht.» Die alten Hasen nehmen die Attacken gelassener als Thomas Fuchs, Ehrenmitglied der Jungen SVP. Der Berner Grossrat möchte, dass ein Staatsanwalt im Fall Gimma aktiv wird. Mit dem Provokateur, sagt Fuchs, könne er zwar reden. Schlimmer aber seien dessen Fans. Das Online-Gästebuch von Fuchs verzeichnet über 500 Einträge, manche davon mit Morddrohungen. Spass an der Auseinandersetzung hat Oskar Freysinger. Der Nationalrat und Hobbydichter zahlt die Beschimpfungen mit gleicher Münze heim. Im Westschweizer Radio hat er als MC Oskar einen Gegenrap zelebriert, der das Niveau von Stress womöglich noch unterschreitet. Eine beachtliche Leistung. O-Ton Oskar: «Tu fais pipi sur le tapis de la patrie, tu montres ton zizi à mon parti.»
In Freysingers Zerrspiegel schrumpft das hochtönende «politische Engagement» der Szene zum Gag. Kutti MC, der Dichter und Denker unter den Rappern, hält die «Fuck Blocher»-Rufe für lächerlich – und damit die Meinung der Medien, hier wachse eine Jugend heran, die wieder politisch werde: «Da steckt wenig wirkliches Engagement dahinter. Wenn ein Künstler explizit politisch sein will, sollte er nicht bloss etwas bestätigen, was das Publikum ohnehin denkt. Er müsste zum Nachdenken anregen.» Gerade ein Gimma hätte, falls er nicht gerade politisches Marketing für seine neue Platte betreibt, durchaus etwas zu sagen. Sein «Wiagaliad» für ein abgetriebenes Baby geht einem zu Herzen. Und der Track «Iisziit», der den Tod einer drogensüchtigen Freundin beschreibt, besticht durch präzise Details. Bei Stress ist inhaltlich weniger zu holen. Musikalisch aber hat es der Glamourboy drauf. «Fuck Blocher» hat Soul.













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