Bevor Alex Kapranos als Sänger der Gitarrenband Franz Ferdinand berühmt wurde, war er Auslieferer bei einem Curry-Take-away, Weinkellner, Koch. Zu seinen Erinnerungen ans Gastrogewerbe gehört, wie es in der fensterlosen Küche eines Glasgower Restaurants so heiss war, dass man die Doppelschicht von neun Uhr morgens bis ein Uhr nachts nur überstand, wenn man sich mit Kochbrandy betäubte: «Das klaustrophobische Tourbus-Leben, wie wir es heute führen, ist das reinste Kinderspiel dagegen.»
Über das Kochen und das Essen hat Kapranos, 35, Zeitungskolumnen geschrieben, in zwei, drei Wochen kommen sie als Buch heraus, und es ist eine bemerkenswerte Lektüre. Weniger der frivolen Anekdoten wegen, die Kapranos erzählt: In Finnland probiert er Fischhirnbrot, in Buenos Aires Stierhoden, in Tokio einen Seeigel. Das ist mal widerlich, mal amüsant und präsentiert uns den Star von einer neuen, schrillen Seite. Was das Buch aber über die Aperçu-Ebene erhebt, ist, in welchem Mass für seinen Autor Essen das Medium der Realität darstellt: Kindheit, Sexualität, Kunst, seine ganze Existenz fasst Kapranos in kulinarische Erlebnisse. Zu seinem 13. Geburtstag bereitet seine Mutter ein Essen, anlässlich dessen sie seine angeekelten Freunde mit der Olive bekannt macht; im Schottland des Jahres 1985 muss man schon griechischstämmig sein, um Oliven zu kennen. Den ersten Sex hat der 18-Jährige auf dem Fussboden der Garderobe eines Restaurants in Fort William, wo er als Hilfskoch arbeitet. Weswegen für ihn Sex und Markknochen, die er mit der Säge zerkleinern muss, auf ewig verbunden bleiben. Und als ihm auf einer Tournee ein Hotelmanager in Singapur verbietet, in der Lobby Fastfood zu essen, kommt er nach dem Konzert mit Hunderten Fans zurück, die genau das tun. Alex Kapranos ist einer, für den Essen der direktestmögliche Zugriff auf das Leben ist – und auf dieses hat er gewaltigen Appetit. «Sound Bites» (Kiepenheuer & Witsch, 160 S., Fr. 14.70): Muss man lesen.
Im Unterschied zu Franz Ferdinand unbekannt – und die Entdeckung wert: Puts Marie aus Biel, die ihren Sound massgeblich auf einer Parforcetour durch Europa als Strassenmusiker entwarfen. Diese Band muss man, sagt Popkritiker Albert Kuhn, hören.
Und dann der Fragebogen des Schriftstellers Rolf Dobelli. Es ist das Wesen dieser Fragen, dass wir sie nur beantworten können, wenn wir innehalten, uns selber zu ergründen. Der Vorabdruck zum Buch ist also Gelegenheit für Erkenntnis in eigener Sache.
14.02.2007, Ausgabe 07/07
Kultur
Sinnieren mit Alex Kapranos
Alex Kapranos von Franz Ferdinand schrieb Zeitungskolumnen über Kochen und Essen, die nun als Buch herauskommen – Puts Marie: unbekannt und die Entdeckung wert – Fragebogen von Rolf Dobelli
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