Castingshows

Leider nein

Mark van Huisseling war Juror bei «Superstar», einem Schweizer TV-Wettsingen, und hat ein paar Dinge gelernt. Hier korrigiert er sechs populäre Irrtümer über Castingshows.

Von Mark van Huisseling

Irrtum Nummer 1 - Ziel einer Castingshow ist es, einen Star zu finden oder zu machen.

Falsch, Ziel einer Castingshow ist es, eine Castingshow zu machen. Denn Castingshows haben gute Zuschauerzahlen. Die zweite Sendung von «Music Star», das zurzeit im Schweizer Fernsehen läuft, erreichte am vergangenen Sonntag 641000 Zuschauer; die Schweizer Filme, die sonst am Sonntagabend laufen, haben zwischen 450000 und 500000 Zuschauer. Vor allem aber sind Castingshows verhältnismässig billig. Die Verantwortlichen des Schweizer Privatsenders 3+ budgetierten für ihre Castingshow «Superstar», die im Herbst vergangenen Jahres lief und bei der ich in der Jury sass, einen Minutenpreis von unter 2000 Franken. Man darf annehmen, dass die Kosten für «Music Star» etwas höher sind, aber immer noch niedriger als für andere selbstproduzierte Sendungen, bei denen eine Minute gegen 5000 Franken kostet. «Finanzzahlen zu einzelnen Sendungen geben wir grundsätzlich nicht bekannt», sagt Urs Durrer vom Schweizer Fernsehen, obwohl man als Konzessionszahler eigentlich gerne erfahren möchte, wohin das eigene Geld fliesst.

Irrtum Nummer 2 - Der Sieger einer Castingshow ist der Kandidat, der am besten gesungen hat.

Stimmt nicht. Sieger ist der Kandidat, der am meisten Stimmen bekommen hat. Das hat wenig mit seiner Stimme zu tun. Aber einiges damit, wie viele Fans er hat beziehungsweise dazu bewegen kann, für ihn zu voten. Kandidaten, die zu Randgruppen gehören, haben besonders gute Chancen – Secondos, Muslime oder Walliser beispielsweise. Eine Jury, falls sie aus Leuten zusammengesetzt ist, die musikalische Kompetenz haben, würde den Kandidaten bevorzugen, der richtig gut singen kann und sich zudem als Popstar auf den Markt bringen liesse. Solche Kriterien kann das Publikum weniger beurteilen, und sie sind ihm auch egal. Es wählt den Kandidaten, der zur eigenen Randgruppe gehört oder dessen Fan man aus sonst einem Grund ist.

Der Kandidat beispielsweise, der bei «Superstar» auf 3+ gewann, war in einer Freikirche, und das dürfte Teil der Erklärung sein, woher er seine treue Fanbasis hatte. Denn als ältester Teilnehmer, zudem verheiratet, Vater einer kleinen Tochter und religiös, fehlte ihm eigentlich kein Merkmal auf der Checkliste «How not to be a star». Natürlich stört es die Verantwortlichen eines Senders nicht, dass das Publikum und nicht die Jury den «Star» wählt – an jedem Anruf oder jeder Textbotschaft bei «Music Star» verdient das Schweizer Fernsehen 70 Rappen. Das erklärt dann auch, warum die erfolgreichsten Musiker aus Castingshows – Baschi, «Kandlbauer», Christina Stürmer, Bill Kaulitz (Tokio Hotel) – seinerzeit nicht gewannen. Und warum man sich an die, die auf Platz eins waren, nicht mehr erinnern kann.

Irrtum Nummer 3 - Die jungen, wohlmeinenden und ahnungslosen Kandidaten werden brutal verheizt.

Jung sind die Kandidaten meistens, aber leichtgläubig und ahnungslos deswegen noch lange nicht. Bei den «Superstar»-Castings – an denen vor der Sendung in vier Städten rund tausend Leute teilnahmen – liessen sich die Bewerber in drei Gruppen einteilen: Mitglieder der «Generation Casting», «Casting-Profis» und «Musiker, die zurzeit in Call-Centers arbeiten».

Die Generation Casting besteht aus Mädchen zwischen 17 und 22, die mehrheitlich talentfrei sind. Sie kamen oft mit einer hübschen Freundin, die ihnen wahrscheinlich weismachte: «Du siehst vielleicht nicht so gut aus, aber du kannst super singen.» Die Mädchen meinten zudem, das Showgeschäft sei grundsätzlich keine Meritokratie und fusse nicht darauf, dass man etwas können muss und bereit sein sollte, hart zu arbeiten, sondern dass es reicht, die richtigen Leute zu kennen und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu erscheinen. «Irgendjemanden müssen sie ja zum Star machen – warum nicht mich?», war ihre Leitidee. Die «Leider-Nein» kommen mehrheitlich aus der Generation Casting.

Die Casting-Profis sind eine zahlenmässig kleinere Gruppe, die schon viele Castings hinter sich hat, aber noch nie für irgendetwas gecastet wurde. Sie sind etwas älter, haben Sandwiches und Wasser dabei und sagen zur Begrüssung: «Ich glaube, das ist das letzte Mal, dass ich an ein Casting gehe.» Bevor ich in der «Superstar»-Jury sass, war ich Juror beim Moderatoren-Casting von 3+. Einige Bewerber, die zuerst Moderatoren werden wollten, wollten einige Wochen später Superstar werden, darunter eine Frau, die in der 32. Woche schwanger war.

Die Musiker schliesslich, die zurzeit in Call-Centers arbeiten, haben in den vergangenen Jahren in drei, vier Bands gespielt und es langsam satt, auf den Durchbruch zu warten. Sie wissen, dass Bandkollegen und die paar Freunde, die an ihre Auftritte gingen, es zwar sehr uncool finden, bei Castingshows mitzumachen. Aber sie wissen auch, dass sie seit einiger Zeit im Last-Chance-Saloon sitzen und es vielleicht doch mal so versuchen sollten. An Castings singen sie Eigenkompositionen; bei «Music Star» auf SF 1 sind sie schwach vertreten, weil man dort dank Detlef «D!» Soost auch noch tanzen muss.

Aber sie alle haben eine recht genaue Vorstellung davon, worauf sie sich einlassen, und wären auch gerne bereit dazu, falls sie denn gecastet würden. Und dann würden sie professionell betreut und gebrieft, bekämen also etwa Gesangsstunden und Medientraining. Und vielleicht, vielleicht ein wenig von der anvisierten Kurzzeitberühmtheit als Nichtleistungsprominenter, was dann offenbar für alles entschädigt.

Irrtum Nummer 4 - Es interessiert die Zuschauer, was die Kandidaten unter der Woche treiben, und natürlich am meisten, wer rausfliegt.

Das meinen die Journalisten und berichten darüber. Aber wahrscheinlich berichten sie darüber nicht nur, weil sie so bekümmert sind um die Interessen der Leser, Hörer und Seher, sondern auch weil es einfach ist, Kandidaten einer Castingshow für Interviews und Porträts zu bekommen. Piero Esteriore konnte man anrufen, und dann kam er auf die Redaktion – bei Robbie Williams ist das schon schwieriger, sogar bei Büne Huber oder Mike Müller.

Die Zahlen von «Superstar» auf 3+ zeigten, dass ein Drittel der Zuschauer beim sogenannten Reality-Teil – also wenn man die Kandidaten im Fitnesszentrum, im Hotelzimmer oder beim Fondue-Essen sah – wegzappte. Und auch der Showteil «Die Entscheidung», wenn der Zuschauer also vernahm, wer nicht mehr dabei ist beim nächsten Mal, holte das Publikum nicht zurück. Bei «Music Star», sagt Urs Durrer, verliere man eigentlich nie Publikum, die Unterschiede zwischen Gesangsdarbietung und dem Rest seien marginal, «die Show fasziniert als solche».

So kann man das auch sehen. Wenn man aber berücksichtigt, dass es in all den Berichten meistens nicht darum geht, wer wie singt, sondern welche Kandidaten Krach haben oder – macht die Titelseite frei! – miteinander schlafen, kommt man zum Schluss: Das alles ist dem Zuschauer so gleichgültig. Er will einfach Mädchen und junge Männer singen hören und tanzen sehen.

Irrtum Nummer 5 - Die Jury ist dazu da, die Kandidaten vor laufender Kamera abzuschlachten.

Die Jury ist dazu da, dass im Blick, in 20 Minuten und Heute über sie geschrieben wird, für den anzunehmenden Fall, dass es über die Kandidaten rasch nichts mehr zu verbreiten gibt, weil sie langweilig und austauschbar sind.

In Castingshows im Ausland gibt es vereinzelt sehr strenge Juroren wie Simon Cowell bei «American Idol» oder sehr unappetitliche wie Dieter Bohlen bei «Deutschland sucht den Superstar». In der Schweiz beschränken sich die Mitglieder der Jury auf «konstruktive Kritik». Als hart gilt es, wenn ein Juror einem Kandidaten sagt: «Ich glaube, du hast dich heute nicht wohlgefühlt auf der Bühne, und du hast das auch selber gemerkt.» Viel häufiger hört man den Satz: «Du hast mir sehr gut gefallen, und deine Fortschritte seit dem letzten Mal sind grossartig.»

Die Jury, in der ich sass, wurde im Blick als «knallhart» beschrieben. Diese Einschätzung kam wohl auch daher, dass mein Jurykollege Chris von Rohr auf Reklameplakaten des Senders mit einer Gesichtsmaske, wie sie Dr. Hannibal Lecter im «Schweigen der Lämmer» trug, abgebildet war. Als Juror war er aber differenziert, massvoll bis soft. Was sich vor allem in den Punktewertungen ausdrückte. Er vergab in der Regel die Noten 6, 7 oder 8 auf der Skala von 1 bis 10. Also genau wie Roman Kilchsperger und Detlef «D!» Soost.

Ich wählte ein anderes Notensystem: 1, 5 oder 10. Dieses System erzeugte so viele Medienberichte, dass die Zeitschrift Persönlich später zusammenfasste: «Nun liegt es an [3+-Chef Dominik] Kaiser, ein Programm zu kreieren, das nicht nur wegen Mark van Huisseling für Schlagzeilen sorgt.» Die Kandidaten reagierten auf mein Punktesystem übrigens mit einer Boykottdrohung – «wenn 3+ will, dass es mit uns noch eine Sendung gibt, dann ist Mark draussen».

Irrtum Nummer 6 - Die Jury ist wichtig, sie hat es in der Hand, wer gewinnt und ein Star wird.

Die Jury hat wenig bis keinen Einfluss. Bei «Music Star» zum Beispiel hat sie null Stimmenanteil. Das Gerede der drei Mitglieder nach einer Gesangsdarbietung ist so matchentscheidend wie die «Interviews» der Moderatoren mit den Eltern der Kandidaten. Entscheidend sind die Anrufe und Textbotschaften der Zuschauer, denn damit verdient das Fernsehen Geld. (Bei der ersten «Music Star»-Staffel vor drei Jahren gingen in der Finalsendung innerhalb von 15 Minuten rund 4 Millionen Votings ein, das entspricht etwa 2,8 Millionen Franken.) Da das Castingshow-Format mittlerweile ein wenig abgenutzt ist, rufen weniger Leute an, eigentlich nur noch Fans. Und die voten für ihren Star, ganz gleich, ob er gut oder schlecht gesungen hat und ob Roman K. oder Detlef «D!» ihn gut oder schlecht findet.

Bei «Superstar» auf 3+ zählten die Noten der Jury immerhin 50 Prozent. Das setzte der Verantwortliche der mitproduzierenden Plattenfirma durch, damit er einigermassen davon ausgehen konnte, dass der «Superstar», mit dem er ein Album aufnehmen muss, nicht nur der mit der treusten Fanbasis ist, sondern auch ein bisschen talentiert.

Und was mich beziehungsweise mein 1/5/10-Punktesystem betraf: Der Senderchef entschied nach der Boykottdrohung der Kandidaten, mich aus der Jury zu entlassen. Denn ohne Juror kann man eine Castingshow machen, ohne Kandidaten nicht.

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