Zu Fuss

Unter uns gesagt

Vom Bahnhof Wil zur Autobahnraststätte «Thurau» und retour.

Von Thomas Widmer

Ich stehe am Bahnhof des Städtchens Wil, wo Hürzi samt Familie und dem unvergleichlichen Hund Emil lebt, und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm nicht erzählt habe, dass ich in seinem Habitat wandern werde. Aber erstens habe ich erst am Vorabend aus dem Führer «Wanderparadies Toggenburg», einer Neuerscheinung, die Idee herausgepickt, von Wil aus zur Autobahnraststätte «Thurau» zu laufen. Und zweitens bezweifle ich, ob Hürzi dem prosaisch klingenden Unterfangen etwas abgewinnen könnte.

So hat der eine Wanderfreund ein Wandergeheimnis vor dem anderen. Unterwegs zu meinem ersten Zwischenziel, dem Stadtweiher, gerate ich – nachdem ich belustigt eine Buchhandlung mit dem feurigen Namen Vulkan zur Kenntnis genommen habe –, in eine enorm breite und lange, dabei angenehm ruhige Ladenstrasse. Und dann kommt, leicht erhöht, die Altstadt in Sicht mit einem historischen Gemäuer zuoberst und so vielen Beizen rundherum, dass man sich wochenlang jeden Abend in einem neuen Lokal Rotwein trinkend aus der Gegenwart klinken könnte. Die Riegelbauten-Akropolis zeugt davon, dass in Wil mehr als 500 Jahre lang die St. Galler Fürstäbte residierten. Das nach ihnen benannte Fürstenland erblicke ich unter mir, nachdem ich via Stadtweiher den Nieselberg erreicht habe: eindrücklich die Aussicht von hier oben. Und der Waldpfad ist auch schön, bereits bin ich vollauf zufrieden mit meiner Route. Nach kurzem Abstieg erreiche ich in Züberwangen die Ebene, passiere die riesige Gärtnerei der Firma Rutishauser («Die Blumenfamilie»), lange in Weieren an und vollziehe eine Spitzkehre; jetzt geht es, unweit der Autobahn und parallel zu ihr, retour. Und bald ist in der «Thurau» Gelegenheit zu einer Rast, wie sie sich beim Wandern selten ergibt: Muskelpower trifft am Rand der Autobahn auf Motorkraft.

Zum Schluss gehe ich in Wil ein zweites Mal in die Altstadt; das Ambiente wirkt so stressfrei, dass ich mir vornehme, zum Weihnachts-Shopping wiederzukommen. Warum bloss hat Hürzi mir nie erzählt, wie malerisch sein Städtchen ist? Und wie toll man in dessen Umgebung laufen kann? So hat letztlich auch er ein Wandergeheimnis vor mir.


Höhendifferenz: auf- und abwärts je 150 Meter

Wanderführer: «Wanderparadies Toggenburg» von Marcel Steiner und Hanspeter Steidle. Toggenburger Verlag, 2006. 255 S., Fr. 38.–

Karte: Wanderkarte als PDF

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