Weihnachten

Ewige Werte

Weltwoche-Redaktoren empfehlen Bücher, DVDs und Musikalben, die sie in letzter Zeit besonders beeindruckt haben.

Von red

Scott Walker

Das beste Album des Jahres 2006 muss an allerlei vorbeiziehen: An Vitaminspendern wie The Arctic Monkeys, herzlichen Rockern wie Albert Hammond, eleganten Apokalyptikern wie Bob Dylan, Aufrührern wie Muse und weltfremd Entrückten wie The Guillemots. Von einem Album des Jahres würden wir erwarten, dass uns nur schon die Tatsache seiner Existenz zu schaffen gibt. «The Drift» von Scott Walker traut man sich kaum aufzulegen, so erschreckend gut ist es. Walker kombiniert grösste Langsamkeit und Stille mit runtergestimmten, kratzenden Gitarren, atonal wolkigen Streichern sowie einer hysterischen Kopfstimme, die abstrakte Wortspiele über die Düsterkeit der Lage kassandriert. Aber ja doch: Nur noch ein radikaler, absolut beunruhigender Sound wie «The Drift» kann mit der täglich nervöser drehenden Welt auf Augenhöhe sein. Und mit einer zunehmend berlusconischen Mediensphäre, welche Rekordzynismen versprüht wie: das Problem der Umwelt seien die Grünen, Pinochet hätte super Autobahnen gebaut und Krieg dürfe als Wohltätigkeit von der Steuer abgesetzt werden. Dazu passt einzig: Donner und Hundegeheul. (Albert Kuhn)

Scott Walker: The Drift.
Musikvertrieb. Fr. 28.50



Robert Byron

Was hat die Kritik nicht alles über dieses Buch geschrieben? «Ein heiliger Text», «der ‹Ulysses› der Reiseliteratur». Von solchen Superlativen sollte man sich nicht abschrecken lassen. Wer weiss schon, wo Oxiana liegt? Lange bevor von Taliban und Bin Laden die Rede war, machte sich ein Nachkomme Lord Byrons auf den Weg dorthin. Weder Ruhr noch Diebe und Hexen konnten ihn aufhalten. Von solchen Reisen kann die Gegenwart nur noch träumen. Ein Buch voll politischer Hellsicht und sardonischem Witz. (Urs Gehriger)

Robert Byron: Der Weg nach Oxiana.
Eichborn. 432 S., Fr. 56.–



Richard Yates

«Ganz am Ende nannten ihn seine Studenten die ‹Bombe auf Rädern›. Richard Yates, lebenslang ein fanatischer Kettenraucher, konnte sich sein Laster auch angesichts des drohenden Erstickungstodes nicht abgewöhnen, und so kurvte er mit einem schäbigen Mazda über den Campus von Tuscaloosa/Alabama, wo er damals unterrichtete, in der einen Hand die unvermeidliche Zigarette, in der anderen einen Schlauch, aus dem er nach jedem Zug Sauerstoff aus einem Tank inhalierte. Den Mazda lenkte er mit dem Knie. Die Schelte seiner Tochter Monica, dass man in der Nähe von Sauerstoffflaschen nicht rauchen dürfe, wies er mit zwei trockenen Worten von sich: Media Hype.» So schreibt Eva Menasse in ihrem brillanten Nachwort zum Roman «Zeiten des Aufruhrs» von Richard Yates, der 1992 gestorben ist, einsam und erfolglos. Er ist der Schriftsteller, von dem sie alle gelernt haben, die berühmten amerikanischen Erzähler der Gegenwart, und den doch fast niemand kennt. Dabei hat dieser grosse Versager im Leben wohl einen der besten Romane des letzten Jahrhunderts geschrieben. Er erzählt die Geschichte einer amerikanischen Ehe, die sich langsam auflöst, weil beide einem anderen Traum hinterherrennen, weil sie sich beide nach etwas sehnen, ohne zu sehen, was sie haben. Ein Buch, das einem nie mehr aus dem Hirn geht. (Peer Teuwsen)

Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs.
Manesse. 569 S., Fr. 40.20



«24»

«24» hat viele Erfolgsgeheimnisse. Erstens die Abweichung vom Standard amerikanischer Unterhaltungsmoralität: Agent Jack Bauer (Kiefer Sutherland) exekutiert auf Befehl des Präsidenten, der einer Terroristenforderung nachgibt, seinen Vorgesetzten, einen unschuldigen Menschen. Zweitens: Siehe erstens, die Fernsehserie bringt der MTV-Jugend die antike Kategorie der Tragik näher, während das Kino in Seichtaction (Autoklaufilme) und Sequelitis («Men in Black II») verkommt. Drittens: Das grandiose Tempo der Real-Time-Handlung entspricht der Beschleunigung in der Globalisierung, das ist Kunst auf der Höhe ihrer Zeit. Viertens: Der Zuschauer wird, während Jack Bauer Verschwörungen zerschlägt, selber zum Verschwörungstheoretiker; immer neue Rätsel absorbieren ihn. Fünftens: Lang ist besser als kurz. 1080 Minuten dauert die neue, fünfte Staffel. Das motiviert zum Happening – wieso nicht die Am-Stück-Visionierung mit Freunden aufwerten, indem man die eigene Wohnung stilecht zur Counter-Terrorist-Unit-Zentrale umdekoriert? (Thomas Widmer)

24. Season Five.
7 DVDs, wovon eine mit Special Features. Nur Englisch.
Fr. 125.50 bei Amazon.de



W. Somerset Maugham

Er wurde oft unterschätzt. Seine Geschichten kommen im Plauderton daher, aber jede steigt in einen Abgrund hinab. Er galt als weltläufiger Gentleman, aber seine Biografie ist voller Risse. Geboren wurde er in Paris, aber als Sohn eines Botschaftsangestellten war er Brite. Nach dem Tod seiner Eltern kam er mit zehn Jahren nach Kent zu einem bigotten Onkel. Seine Kameraden machten sich über sein Gemisch aus Englisch und Französisch lustig. Er studierte Medizin, übte den Beruf aber nie aus. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er für den britischen Geheimdienst in Russland und der Schweiz. Er war verheiratet und hatte eine Tochter; erst nach der Scheidung lebte er seine Homosexualität aus. Mit 91 starb er in Südfrankreich. «Ich akzeptierte jede Erfahrung, die ich unterwegs machte», sagte der unermüdliche Reisende. Seine Erzählungen geben Mut, ebenso durchs Leben zu gehen. (David Signer)

W. Somerset Maugham: Gesammelte Erzählungen.
Diogenes. 2 Bände. 2048 S., Fr. 86.90



John Dickie

Wer die Geschichte der sizilianischen Mafia erzählt, scheint auf verlorenem Posten zu stehen. Wie soll man gegen Filme wie «Der Pate» ankommen? John Dickie, englischer Historiker und Journalist, schafft das Kunststück: Sein Buch über die Cosa Nostra liest sich spannend wie ein Krimi. Es räumt mit der sozialromantischen Vorstellung auf, dass die Mafia aus Armut geboren wurde. Das Gegenteil ist der Fall: Sie entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Schutzgelderpressungen in den florierenden Zitrusplantagen um Palermo. Dickie zeigt die engen Verflechtungen der Gangster mit dem italienischen Staat auf, und er legt überzeugend dar, dass die Mafia keine rückständige Organisation ist: Stets geschäftete sie auf der Höhe der Zeit, ob beim Bauboom in den 1960er Jahren oder beim Drogenhandel in den Jahrzehnten danach. Die Geschichte der Mafia ist die Geschichte einer modernen Gewaltindustrie. Sie handelt vom Aufstieg und rasanten Fall von Clans. Und dem Mut Einzelner, die das Angstsystem aufzubrechen wagen. (Philipp Gut)

John Dickie: Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia.
S. Fischer. 557 S., Fr. 34.90



Richard Hofstadter

«Anti-Intellectualism in American Life» von Richard Hofstadter ist ein Klassiker der amerikanischen Geistesgeschichte. Erschienen im Jahr 1963, ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis für Non-Fiction, hat das Buch bis heute nichts von seiner Relevanz verloren. Besonders für Europäer, die glauben, Bushs Amerika nicht mehr zu verstehen, ist Hofstadter Pflichtlektüre. Was den gegenwärtigen Präsidenten antreibt – eine in europäischen Augen irritierend auffällige, schwärmerische Religiosität –, ist kein neues Phänomen. Im Gegenteil, evangelikale Erweckungsbewegungen gründen tief in der amerikanischen Geschichte. Seit dem 18. Jahrhundert sind immer wieder charismatische Prediger aufgetreten, die ihre Kirche verliessen, um eine neue, noch radikalere Sekte ins Leben zu rufen. Dies gelang ihnen nur durch eine lebensnahe Sprache und eine emotionale Spiritualität. Alles, was Amerikas Öffentlichkeit auszeichnet – anti-elitäre Haltungen, volksnahe Sprache, ein Hang ins Populistische und Sentimentale –, stützt sich auf diesen religiösen Untergrund. Hofstadter, ein Historiker, der von der Linken kam und als Rechter starb, hielt diesen Anti-Intellektualismus für problematisch. Tatsächlich ist die Sache ambivalenter: Dass die Amerikaner demokratischer und religiöser sind als die Europäer, verdanken sie dieser einzigartigen Tradition. (Markus Somm)

Richard Hofstadter: Anti-Intellectualism in American Life.
Random House. 464 S., Fr. 31.70



Emily Dickinson

Ein für heute typisches Gedicht (von Sandra Trojan) saftet wie folgt: «Selbsthilfe liegt im Untergeschoss. / Die Frau sieht hoch.» Das ist keine Poesie aus dem Selbstverlag, sondern aus dem vielbeachteten «Jahrbuch der Lyrik» (2007), made in Germany. Von der grössten amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson (1830–1886) dagegen fehlte bisher eine ihrem Rang angemessene Werkausgabe im deutschen Raum. Gunhild Kübler hat nun endlich eine repräsentative Auswahl der Gedichte übersetzt und in chronologischer Ordnung versammelt. So lassen sich Entwicklungen herauslesen, die das Klischee widerlegen, Emily Dickinson sei eine «statische» Autorin gewesen. Ihrer Zeit war sie freilich weit voraus, und neben ihr verblasst auch das meiste, was heute so lyrisch ausgedrückt wird. Bei ihr lesen wir noch atemberaubende Strophen wie diese: «Ich höre kaum das Wort ‹Entrinnen› / Da wallt mir schon das Blut, / Sogleich fühl ich Erwartung – / Nehm Haltung an zum Flug!» (Julian Schütt)

Emily Dickinson: Gedichte. Neu übersetzt von Gunhild Kübler.
Hanser. 559 S., Fr. 77.–

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