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Der Letzte

Unser Kolumnist hat in viereinhalb Jahren 220 mehr oder weniger berühmte Leute interviewt. Fehlt eigentlich nur noch einer.

Von Mark van Huisseling

«Du interviewst dich selber, ist das nicht schon fast traurig?» – «Ist das deine erste Frage? Ich meinte, es werde ein wohlmeinendes Interview.» – «Darf ich trotzdem eine Antwort haben?» – «Ich glaube, meine Antworten sind mindestens so lustig wie die von vielen Leuten, die ich schon befragt habe. Und die Fallaci hat sich auch mal selber interviewt.» – «Vergleichst du dich mit ihr?» – «Nein, eigentlich nicht. Aber der wirkliche Grund ist unoriginell: Der Redaktor, der für die Interviewausgabe von kommender Woche verantwortlich ist, sagte, er möchte ein Gespräch von mir mit mir selber da drin haben. Und dann wurde entschieden, dass in der Interviewausgabe nur Frauen vorkommen. Darum bringe ich das Interview mit mir schon in dieser Nummer.» – «Man hat dich also gezwungen sozusagen?» – «Ja, mit Geld.»

Ich bin in meinem Büro in Zürich, es liegt zwei Stockwerke über meiner Wohnung. «Alles Klassiker von Charles Eames oder Eileen Gray, man geht kein Risiko ein und demonstriert dennoch Wohnkultur», sagte Jasmin Grego, eine Innenarchitektin. Und «merkwürdig, wie dieses elegant sein wollende Understatement sich dem Besucher aufdrängt», sagte Berthold Rothschild, ein Psychologe. («Der Bewohner ist beruflich sehr engagiert – im Dienstbereich des Psychosozialen», vermutete er weiter.) Der Psychologe und die Innenarchitektin kommentierten Fotos von meinem Büro und meiner Wohnung für eine Geschichte im NZZ Folio in der Rubrik «Wer wohnt denn da?». (Die Geschichte kam dann aber nie, weil eine Homestory über meine Frau, unseren Hund und mich in der Schweizer Illustrierten erschien, schliesslich lesen die gleichen Leute Folio und SI.) Ich habe einen marineblauen Pullover an von Martin Margiela über einem türkisfarbenen T-Shirt und Jeans von Paper Denim & Cloth. Wenn ich ausgehe, trage ich dazu schwarze Halbschuhe und ein schwarzes Jackett von Helmut Lang. (Ich bin also ähnlich gekleidet wie Tausende andere Männer um die vierzig, die auch alle meinen, sie seien recht eigen gekleidet.)

«Bist du jetzt eigentlich selber ein Star?» – «Warum sollte ich einer sein?» – «Weil du dieses Buch geschrieben hast, ‹How to Be a Star›.» (Wenn Journalisten mich interviewen, ist das immer die Einstiegsfrage. Denken alle grossen Geister gleich, oder schreiben sie voneinander ab?) – «Ich bin ein bisschen berühmt in der Branche.» – «Aber du wärst gern richtig berühmt, oder?» – «Ich muss nicht erkannt werden beim Bäcker, und für einen guten Tisch im Restaurant reicht es jetzt schon. [Im Kaufleuten zum Beispiel immer am Fenster.] Und für ein wenig höhere Honorare auch.» – «Kannst du eigentlich von dieser Kolumne leben?» – «In diesem Heft Schweizer Journalist stand, ich sei der zweitbestbezahlte Kolumnist, hinter Martin Suter. Aber es reicht trotzdem nicht, deshalb schreibe ich noch Artikel für die Weltwoche und deutsche Zeitschriften.»

«Für mein Image war es toll»

«Dann warst du in der Jury der Castingshow ‹Superstar› auf 3+ [einem Schweizer Privatsender], hast du das nötig?» – «Das hat Dieter Meier auch gefragt.» – «Und?» – «Ich habe mitgemacht, weil ich sehen wollte, wie eine Fernsehshow gemacht wird. Und weil ich mit dem Senderchef bekannt bin.» – «Und dann hat man dich rausgeworfen, weil du zu hart warst. Wie hat dein Chef bei der Weltwoche darauf reagiert?» (Ich habe nur die Noten 1, 5 und 10 vergeben. Die Kandidaten drohten dann, nicht mehr aufzutreten.) – «Gar nicht. Und für mein Image war es toll, glaube ich, sogar im Stern kam was darüber. Ich meine, ich bin zu hart fürs Fernsehen, wer kann das sonst schon sagen ausser Rocco Siffredi?» – «Dieses Namedropping, meinst du, das sei sympathisch?» – «Ich bin kein Namedropper. Und Arthur Cohn ist auch keiner, hat er mir selber gesagt.» – «Hast du eigentlich ein Problem mit Arthur Cohn, Jürg Marquard und Roger Schawinski?» – «Herr Cohn, finde ich, täuscht nicht vorhandene gute Eigenschaften vor, Herr Marquard stellt für mich schlechten Lebensstil dar, und Herrn Schawinski kann ich eigentlich gut leiden, ich mag nur nicht, dass er mir nie ein Interview gibt.»

«Ein Journalist der Schweizer Illustrierten hat die gleiche Interview-Wiedergabetechnik wie du, mit Sich-Einbringen und Kommentaren in Klammern, stört dich das?» – «Er ist erfolgreicher als ich, er trägt den Titel ‹Leitung Wirtschaft›. Und Coco Chanel hat mal gesagt, Nachahmung sei das ehrlichste Kompliment.» – «Das ist deine letzte Kolumne in dieser Form, was wirst du als Nächstes tun?» – «Ich habe mal Helmut Newton gefragt, was er als Nächstes tun werde.» – «Und was hat er gesagt?» – «Pinkeln gehen.»


Mark van Huisselings Lieblingsrestaurant:
Napoli (Tisch 1), Sandstrasse 7, Zürich, Telefon 044 462 07 64

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