Theater

Das Nachurteil

Filmer Thomas Koerfer hat den Ruf, zu reich zu sein, um wirklich gute Kunst zu machen. Jetzt, da er am Zürcher Schauspielhaus Robert Walser inszeniert, kann man sich vom Gegenteil überzeugen.

Von Thomas Widmer

Der Regisseur Thomas Koerfer ist im Dezember doppelt aktuell: Zum einen inszeniert er im Zürcher Schauspielhaus Robert Walser, zum anderen erscheinen dieser Tage seine acht wichtigsten Spielfilme in einer DVD-Box. Gute Gelegenheit, an seiner Person ein Vorurteil zu überprüfen. Es lautet: Wenn reiche Leute Kunst machen, setzen sie die Salonmöblierung im öffentlichen Raum fort. Eine solche Kunst oder Kultur fällt elitär-verquast aus, weil der Reiche im Luxusréduit die Interessenlage des Breitenpublikums nicht kennt. Das kann ihm egal sein, da er von seiner Arbeit nicht leben muss.

Und Koerfer, 62, aufgewachsen mit sieben Geschwistern auf dem Landsitz Rothaus in Bolligen, zu Hause in einer Rüschliker Villa mit Blick auf den Zürichsee, ist reich. Nachdem sein Vater Jacques, Zigarettenfabrikant, BMW-Teilhaber, Financier und Sammler von Kunst der klassischen Moderne, 1990 verstorben war, erbrachte die Versteigerung all der Mondrians, Manets, Van Goghs bei Christie’s 158 Millionen Dollar. Vor wenigen Jahren rangierte die Wirtschaftszeitung Bilanz Koerfer, der mittlerweile eine eigene prestigiöse Sammlung mit Schwerpunkt Gegenwartskunst und Gegenwartsfotografie von Araki über Hirst und Kippenberger bis Stieglitz aufgebaut hat, unter die Schweizer mit einem Vermögen zwischen 100 und 200 Millionen Franken.

Lust gezeigt
Gute Bedingungen für die Karriere eines Filmregisseurs – die meist dornenvoll ist und nicht in jedem Fall viel einbringt. Koerfers grösstes Unterfangen, die Acht-Millionen-Franken-Kinoproduktion «Der Grüne Heinrich», befremdete 1993 durch brünstige Sexszenen und papierene Dialoge. Die Kritiker stürzten sich auf die sehr eigenwillige Gottfried-Keller-Verfilmung wie Hyänen auf ein eben verendetes Gnu: «schlechte Parodie», «Gefühlsschwulst», «keine der Figuren hat eine aus der Geschichte nachvollziehbare psychologische Plausibilität». Die Weltwoche schrieb, Koerfers «Grüner Heinrich» werde in der Branche als «Basic Henry» verspöttelt.

Ein Regisseur aus dem Grossbürgertum einerseits, miserable Kritiken für dessen ambitioniertestes Werk andererseits: In dieser simplen Zwei-Komponenten-Nährlösung ist das Koerfer-Vorurteil gediehen. Und dann trifft man den Mann in den Schauspielhaus-Proberäumen, kriegt Ausschnitte aus der Regiearbeit «Liebestraum» mit – und wird berührt. Findet das Gezeigte brillant. Lebensnah, direkt, witzig. Gegen das Koerfer-Klischee. Robert Walser pflegte einen Teil seiner dichterischen Schrullen in kryptischer Winzigschrift aufzuzeichnen und zu verwahren. Die «Mikrogramme» wurden erst nach seinem Tod 1956 entziffert. Koerfer hat ihnen ein Dutzend dramatische Szenen entnommen und mit Lust und Fantasie visualisiert. Zum Beispiel eine Verführungsszene. Grossartig: das erregte Dahertrippeln der schönen jungen Nonne (Cathérine Seifert), deren komplizierte Ordensmontur der gereifte Casanova (Alexander Seibt) mit geübter Hand Stück für Stück zu demontieren beginnt, während er seifige Sätze drechselt.

So soll’s sein
Der Zuschauer in der Probe schmunzelt anerkennend. Koerfer bleibt konzentriert, will einen Teil der Auszieh-Sequenz ein zweites und dann ein drittes Mal sehen, gibt Detailanweisungen und bleibt dabei höflich, geduldig, ein Gentleman. Gross und schlank ist er, hat graue, kragenlange Haare, trägt die Brille weit unten auf der markanten Nase. Bewegt sich mit seinen sechs Lebensjahrzehnten in den Knochen so flink und feinkoordiniert und jungenhaft, dass man unwillkürlich denkt: Da hat sicher seine Frau gewirkt. Janine Weill, die 1973 im Erstling «Der Tod des Flohzirkusdirektors» – den Koerfer übrigens mit einer Erbschaft finanzierte – die weibliche Hauptrolle spielte und ihren Regisseur geheiratet hat, arbeitet heute als Feldenkrais-Therapeutin und weiss also, wie man sich gut hält und bewegt.

Oder sind es – nun erwacht der Sozialneider im Porträtisten – die gut zwei Monate, die Koerfers pro Jahr im eigenen Haus auf der griechischen Insel Paros zubringen, die die Easiness in den Körper bringen? Ist die Leichtigkeit des Seins eine Leichtigkeit des (Geld-)Scheins? Das ist natürlich nur ein Kalauer. Man stellt Thomas Koerfer daher eine andere Frage: Stimmt es, was über Sie geschrieben wurde: dass Sie als Knabe, wenn Sie am Morgen die Augen öffneten, als Erstes einen Picasso erblickten? «Nicht exakt. Die wirklich teuren Bilder waren im ersten Stock. Und wir Kinder waren im Parterre.» Sein Vater sei ein sehr verschlossener Mann gewesen, erzählt der Regisseur: «Wenn er aber Künstler oder Kunsthändler zu Besuch hatte und es um seine Gemälde ging, dann taute er auf, dann wurde er persönlich. Vielleicht haben mich darum Bilder immer fasziniert.» ›››

Nach dem Studienabschluss begibt sich Koerfer in die Lehre bei dem linken deutschen Intellektuellenfilmer Alexander Kluge. Dessen avantgardistischer Anspruch, das Kino Werk für Werk neu erfinden zu wollen, prägt den erwähnten, aus heutiger Sicht recht bizarren Film «Der Tod des Flohzirkusdirektors» in den frühen siebziger Jahren. Doch Koerfer entwickelt sich weiter, Richtung Publikumsfilmer. 1983 – zehn Jahre vor dem «Grünen Heinrich»-Flop – präsentiert er die Prestigeproduktion «Glut» mit Stars wie Matthias Habich, Armin Mueller-Stahl, Sigfrit Steiner, Katharina Thalbach. Die Story spielt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Prachtresidenz des Schweizer Waffenherstellers Korb, dessen Tun – er beliefert auch die Nazis – aus den kindlichen Augen seines Sohnes Andres gezeigt wird. «Glut» ist politisches Schweizer Kino in konventionellem Erzählduktus, ist eine in eine süffige Story verpackte Anklage und Selbstanklage. Überraschend ist nicht der Protest von rechts, sondern die Reaktion aus den eigenen Reihen. Friendly Fire von links: Starjournalistenpolteri Niklaus Meienberg ortet ein Realitätsdefizit, spricht von einem «Konstrukt» und mäkelt an der Figur der Gattin Korb herum, deren dekadente Geilheit ihm unschweizerisch vorkommt: «Das Erschütternde an unsern Industriellen ist ja eben, dass es keine viscontischen Götter [...] sind.»

Im Rückblick ist es grotesk: Der Kleinbürger wirft dem Grossbürger vor, der kenne sein Milieu nicht. Damals aber hat man die Ästhetik-Fatwa ernst genommen – fortan gilt Koerfer als Exempel eines an der Wirklichkeit vorbeidrehenden Filmers. Wie sehr hat ihn Meienbergs Vorwurf des fehlenden Realismus getroffen? Koerfer antwortet mit Gelassenheit: «‹Spielfilm› kommt nun einmal von ‹Spielen› und bedeutet auch Künstlichkeit. Es ist ebenso interessant wie traurig, dass die Schweizer dafür kein Sensorium haben. Dass sie eigentlich nur den Dokumentarfilm schätzen, der sich auf die Realität bezieht. Den Schweizern geht die Lust am Drehen und Wenden eines Gegenstandes oder Themas total ab.»

Neu gesehen
Wenn man Thomas Koerfer dreht und wendet, kommt man zum Schluss: Es gibt mehrere Koerfer. Da ist der Präsident des Stiftungsrats des Fotomuseums Winterthur – eine Kunstkapazität, die zu Hause laut der Wirtschaftszeitung Cash ein Francesco-Clemente-Foto hängen hat, das einen sich selber in den Penis schneidenden Mann zeigt; so etwas ist nicht gerade volkstümlich und könnte einem durchschnittlich veranlagten Einbrecher die Lust am Klau vermiesen. Da ist andererseits der Geschäftsmann, der in Bern die Kinokette «Quinnie» betreibt und den Filmverleih Frenetic gegründet hat – und sich mit beiden Unternehmungen gutprotestantischen Geistes in den Dienst des gehobenen Films stellt. Und dann ist da der facettenreiche Regisseur: Sehgewohnheiten-Aufbrecher, Schweizer-Geschichte-Problematisierer, Literatur-fürs-Volk-Aufbereiter.

Man kann mit jeder dieser Rollen und den daraus entstandenen Werken seine Mühe haben oder auch nicht. Robert Walsers Roman «Der Gehülfe» aber hat der Mann 1976 auf eine so souveräne und beherrschte, stilvolle und kluge Art zu Kino gemacht, dass man – wenn man den Film 30 Jahre später entdeckt – nur eines empfindet: grossen Respekt.


Liebestraum – Uraufführungen und selten Gespieltes aus dem «Bleistiftgebiet» von Robert Walser. Schauspielhaus Zürich/Pfauen. Regie Thomas Koerfer. Premiere: Samstag, 16. Dezember.

Thomas Koerfer Edition. Acht DVDs mit den wichtigsten Filmen in einer Collection-Box. Fr. 167.–

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