Das Jahr geht zu Ende, Hellsehen hat Hochsaison. Eröffnet wurde der jahreszeitliche Prognosereigen vom Wissenschaftsmagazin New Scientist, das britische Geistesgrössen in die Zukunft blicken liess.
Für die nächsten fünfzig Jahre sagten die Forscher unter anderem grosse Fortschritte in der Transplantationsmedizin voraus. Man wird Organe aus menschlichen Zellen heranzüchten und sie in Tieren zwischenlagern. Fragt sich nur, ob die Schweine dann freiwillig Leber oder Herz spenden oder Widerspruch einlegen. Denn – so ein anderer Wissenschaftler – wir werden mit Tieren kommunizieren können. Und es deshalb nicht mehr übers Herz bringen, sie zu töten. Eines ist also sicher: Den Ethikkommissionen geht die Arbeit nicht aus. Oder braucht man womöglich gar keine Organbankschweine mehr, weil die Herzen in Laborgefässen heranwachsen? «Vorhersagen sind immer schwierig», wusste schon der Physiker Niels Bohr, «vor allem über die Zukunft.»
Bohrs Bonmot hat kaum einen Propheten Bescheidenheit gelehrt. Seit die alten Griechen das Orakel von Delphi befragten, wird von Berufenen und Unberufenen munter prognostiziert – selten jedoch mit Erfolg. Die zwei wichtigsten Ereignisse der jüngsten Vergangenheit kamen so überraschend, dass selbst am Tag davor noch niemand damit rechnete: der Fall der Berliner Mauer und die Attentate vom 11. September 2001.
Gerhard Schröder, der später Kanzler des wiedervereinigten Deutschland wurde, sagte im Juni 1989: «Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht.» Am 10. Juli 2001 stand in der New York Times: «Die Amerikaner [...] scheinen zu glauben, dass der Terrorismus [...] sich ausbreiten wird und tödlicher wird [...]. Keine dieser Annahmen basiert auf Fakten.»
Von Ahnung bis Zahlenakrobatik
Nachher ist man immer klüger. Die Geschichte steckt voller verpasster Chancen – weil niemand ahnte, was kommen wird. Kriege, Wirtschaftskrisen und die Karrieren von Diktatoren hätten verhindert werden können, gäbe es einen «Goldenen Hahn», wie er in dem Märchen von Alexander Puschkin vorkommt. Der Wundervogel, das Geschenk eines Astrologen an den Zaren, sollte immer dann krähen, wenn Russland in Gefahr sei, und dann in die Richtung zeigen, aus der die Bedrohung kommt. Leider taugte der Hahn nichts und stürzte den Zaren ins Unglück.
Die wahrhaft grossen Revolutionen wurden von fast niemandem vorhergesehen, weil sie ohne Sturm auf die Bastille oder aufs Winterpalais stattfanden. Oft begannen sie kaum bemerkt in aller Stille. Nach und nach veränderten sie jedoch die Welt. Drei Erfindungen, Automobil, Verhütungspille und Computer, prägten das 20. Jahrhundert. Kein Parteitag hat sie je beschlossen, keine Regierung verordnet. Und niemand sah voraus, was sie bewirken. Die ungeheure Macht der Pille hat wohl Papst Paul VI. noch am ehesten erkannt, der sie prompt verboten hat (eines der erfolglosesten Verbote der Geschichte). Den Siegeszug des Automobils ahnten nicht einmal seine Erfinder. «Es werden höchstens 5000 Fahrzeuge gebaut werden», sprach Gottlieb Daimler, «denn es gibt nicht mehr Chauffeure, um sie zu steuern.» Und auch der Computer überforderte die Vorstellungskraft seiner Entwickler. «Die Computer der Zukunft werden vielleicht nur noch 1,5 Tonnen wiegen», spekulierte die amerikanische Zeitschrift Popular Mechanics 1949. Der damalige IBM-Chef prognostizierte: «Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf von vielleicht fünf Computern.» «640 K», davon war Bill Gates noch 1981 überzeugt, «sind genug für jeden.» Und im Jahr 2001 schrieb die deutsche Tageszeitung Die Welt: «Das Internet wird kein Massenmedium, weil es in seiner Seele keines ist.» Es kommt nicht drauf an, wie unsicher eine Prognose ist, es kommt darauf an, wie man sie verkauft.
Der Mathematiker John von Neumann war ein ausgesprochen guter Verkäufer. Er war massgeblich an der Entwicklung des Computers beteiligt. Und, genauso wichtig: Er erfand eine geniale Art, seine Forschung zu finanzieren. Anfang der sechziger Jahre versprach der Kalte Krieg warmen Dollarregen. Deshalb marschierte von Neumann ins Pentagon. Dort erzählte er den Generälen eine Geschichte, von der sie schon lange geträumt hatten. Von Neumann glaubte – und dies ganz im Ernst –, bestimmte Vorgänge in der Zukunft liessen sich mit Hilfe von Formeln exakt berechnen. Beispielsweise das Wetter des nächsten Monats. Um die Rechenzeit herabzusetzen, fehlte ihm lediglich ein grösserer Computer. Die Militärs begriffen sofort. So könnten sie für jeden Waffengang den günstigsten Termin ermitteln. Von Neumann bekam sein Geld und fing an zu rechnen. Er strandete dabei so kläglich wie die Invasion in der Schweinebucht.
Der Sammelbegriff «Futurologie» wurde 1943 von dem Politologen Ossip K. Flechtheim in Umlauf gebracht. Unter dem gemeinsamen Dach versammeln sich Wissenschaftler sämtlicher Fachrichtungen, aber auch Philosophen, Schriftsteller oder Künstler. Drei Wege und deren Kombination sollen zur Erkenntnis führen. Erstens: das frei schwebende, intuitive Vorausahnen ohne rechnerische Hilfsmittel. Hierzu zählen auch Meinungsumfragen, die Ahnungen vieler wiedergeben. Zweitens: der vergleichende Blick nach vorne, besonders auf politische und soziale Entwicklungen, für welche es historische Parallelen gibt. Drittens: das Weiterdenken oder -rechnen bereits bestehender oder sich deutlich abzeichnender Trends.
In den sechziger Jahren kam es zu einer grossen Prognose-Euphorie, selbst nüchterne Wissenschaftler waren total zukunftshigh. Die Konkurrenz um möglichst spektakuläre Voraussagen (und die daraus erhofften Forschungsgelder) führte zu verwegenen Sandkastenspielen und einer gnadenlosen Überschätzung der Möglichkeiten. Während John von Neumann am militärischen Wetterbericht strickte, machte der Aachener Physikprofessor Wilhelm Fucks mit dem Bestseller «Formeln zur Macht» Furore. Fucks versprach, mit mathematischen Modellen die Entwicklung politischer Macht simulieren zu können. Dies war für Politiker aller Parteien eine entzückende Vorstellung, stellte sich aber zu deren Leidwesen als Irrtum heraus. Auch der damalige Star-Futurologe Herman Kahn vom Hudson Institute rechnete die Zukunft eifrig hoch und sah eine «postindustrielle Gesellschaft» mit grenzenloser Freizeit voraus. Was ja immerhin teilweise eingetroffen ist.
Virtuelle Dramaturgie
Damals wurden mehr Prognosen gewagt als zuvor, aber die Trefferquote erhöhte sich nicht. «Bei den meisten Menschen fördert das Rauchen die Gesundheit», zitierte 1963 Newsweek einen prominenten Chirurgen, und der britische Astronom Sir Harold Spencer erklärte: «Ich bin der Meinung, dass es Generationen dauern wird, bis der Mensch auf dem Mond landet, und falls es gelingt, das zu tun, würde es wenig Hoffnung geben, erfolgreich von dort zurückzukehren.»
In den Köpfen spukten immer noch Reste jenes fossilen Weltbildes herum, in dem der Kosmos funktioniert wie ein Uhrwerk und folglich berechenbar ist. Es gab aber auch kritische Geister, die nach Methoden suchten, wie man allzu blindes Stochern im Nebel vermeiden könnte. Dabei kam die Delphi-Methode heraus, eine systematische Expertenbefragung in mehreren Stufen. Jeder Teilnehmer wird wiederholt mit den bereits gewonnenen Zwischenergebnissen konfrontiert und muss erneut Stellung nehmen, bis sich so etwas wie ein fundiertes Meinungsbild herauskristallisiert. Von den in der Delphi-Befragung von 1964 vorausgesagten Entwicklungen, die bis zum Jahr 2000 eintreten sollten, wurden nicht einmal zwanzig Prozent Wirklichkeit: ein Debakel von Delphi. Dennoch grub die deutsche Bundesregierung in den neunziger Jahren diese Methode wieder aus.
Einige der in den Delphi-Studien von 1993 und 1998 gewonnenen Vorhersagen müssten inzwischen Realität sein – und tatsächlich ist manches eingetroffen: Internet-TV beispielsweise und der Siegeszug der Digitalkamera. Anderes jedoch nicht: etwa die «Pille danach» als gängige Verhütungsmethode oder Smart Cards, mit denen man alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen kann.
Gegenwärtig heisst die Allzweckwaffe der Zukunftssucher «Szenario». Das Szenario – und das macht es sympathisch – ist eine demütige Form der Prognose. Endgültige Voraussagen werden gar nicht erst angestrebt. Stattdessen denkt sich der Forscher wie ein Dramaturg im Theater eine bestimmte Szene aus. Danach versucht er mit Hilfe von Rechenmodellen herauszufinden, in welche Richtung sich die Handlung selbst weiterorganisiert. Die Zahl der möglichen Handlungsketten explodiert rasch. Kurzfristig können die Computer zwar den Überblick bewahren und zum Beispiel das Wetter vom nächsten Tag mit grosser Annäherung vorhersagen. Langfristig geben uns die Modelle aber keinerlei Gewissheit, sondern lehren uns nur: Schon winzige Umbesetzungen in der Ausgangsszene können in eine völlig unerwartete Richtung umkippen.
Die intensivste Zukunftsforschung der Geschichte mit der breitesten Datengrundlage betrieb das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Denn das Unangenehme an der absoluten Macht ist, dass man nie genau weiss, wie lange man sie noch besitzt. Erich Mielke glaubte, mit Hilfe von vielen zehntausend Bediensteten das Land fest im Griff zu haben. Doch alle Abwehr westlicher Einflüsse half ihm nicht. Die Gefahr kam aus dem Osten. Die einstigen Verbündeten waren eines Tages an Mielke und den Seinen nicht mehr interessiert. Als strammer Stalinist hatte er wohl nie Karl Popper gelesen. Schlecht für Mielke, denn der Philosoph der offenen Gesellschaft erklärte das Dilemma in einem Satz: «Über die Zukunft können wir nichts wissen, denn sonst wüssten wir es ja.»
Die Daten, die sich die Stasi und andere totalitäre Geheimdienste durch Wanzen besorgten und immer noch besorgen, erhofft man in offenen Gesellschaften durch Umfragen einzufangen. Damit Zukunftsentscheidungen auf der Basis demokratischer Willensbildung stattfinden. Doch wie Mielke von der Qualität seiner Spitzel abhängig war, so sind es die Meinungsforscher von der Formulierung ihrer Fragen – oder den Wünschen ihrer Auftraggeber. Und so kommt es, dass das Volk sich unentwegt selbst widerspricht. Ein sehr schönes Beispiel hierfür lieferten verschiedene Befragungen der Deutschen zum Thema Atomenergie. Eine davon führte das Institut Emnid im Jahr 2005 im Auftrag von Greenpeace durch. Ergebnis: Siebzig Prozent wollten am Atomausstieg festhalten, nur zehn Prozent sprachen sich dafür aus, das Abschalten hinauszuzögern. Doch ein knappes Jahr zuvor hatte Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner noch ein vollkommen anderes Bild gezeichnet: 52 Prozent der Deutschen – also die Mehrheit – empfahlen der Bundesregierung, den Energiebedarf durch einen Mix von Technologien sicherzustellen, die Kernkraft ausdrücklich eingeschlossen. Was sich wiederum mit einer Allensbach-Umfrage aus 2005 deckt: 53 Prozent glauben demnach nicht, dass man langfristig auf den Einsatz der Atomreaktoren verzichten kann. Die grösste Kernkrafttoleranz ermittelte das Institut für praxisorientierte Sozialforschung im Jahr 2001. Bei den Mannheimer Demoskopen waren es sogar 71 Prozent, die für eine Weiternutzung der Kernkraftwerke plädierten. Wie kommt so etwas zustande? Vermutlich ging es bei jeder dieser Umfragen hoch seriöser Institute mit rechten Dingen zu. Andererseits ändern sich derartige Grundeinstellungen normalerweise nicht in Monats- oder Jahreszeiträumen. Deshalb bleibt nur eine Erklärung: Das Ergebnis hängt in hohem Masse davon ab, wie gefragt wurde. Die politische Entscheidung, ob die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden sollen oder nicht, können die Demoskopen der Regierung jedenfalls nicht abnehmen.
Schlechte Prognosen sind gute Prognosen
Angela Merkel schlüge sich mit einer Sorge weniger herum, wenn sich die Vorhersage des britischen Kernphysikers Ernest Rutherford bestätigt hätte. «Die Atomforschung», sagte er voraus, «wird nie zur Nutzung von Kernenergie führen.» Eine Einschätzung, die auch Einstein teilte: «Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass Atomenergie jemals nutzbar sein wird.»
Selbst so grosse Geister wie Einstein konnten die Zukunft der Technik nicht voraussehen. Denn sie «beruht auf Entdeckungen und Erfindungen, die noch nicht gemacht sind», wie die amerikanische Denkfabrik Rand Corporation – die Erfinder der Delphi-Methode – einmal formulierte. Das leuchtet ein, hielt aber in den siebziger Jahren eine neue Generation Propheten nicht davon ab, die Menschheit mit Untergangsprognosen aller Art zu traktieren. Nach den Technik-Utopisten kamen die Öko-Pessimisten. Es war ein amerikanisches Hiobs-Trio, das den Ton für das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts setzte: Paul Ehrlich («Die Bevölkerungsbombe»), Norman Myers («Die sinkende Arche») und Dennis Meadows («Die Grenzen des Wachstums»).
Der Club of Rome und seine Anhänger läuteten der Erde von nun an die Totenglocken. «Mehr als dreieinhalb Milliarden Menschen bevölkern bereits unseren sterbenden Planeten – und etwa die Hälfte von ihnen wird verhungern», prophezeite Ehrlich, und die Weltöffentlichkeit nahm es für bare Münze. «Es wird dann in den zuerst betroffenen Regionen wie etwa Indien zu Milliarden Toten kommen», behauptete Meadows. Myers prognostizierte, dass bis zur Jahrtausendwende viele tausend Tierarten aussterben würden. Das besagte auch die Studie «Global 2000», die im Auftrag des US-Präsidenten Jimmy Carter erstellt wurde. Darin war die Rede vom «Verlust von annähernd einem Fünftel aller biologischen Arten unseres Planeten (das sind grob geschätzt mindestens 500000 Pflanzen- und Tierarten)». Stattdessen verschwanden einige Dutzend der bekannten Spezies. Und um die Frage, wie hoch der Verlust an unbekannten Kleinlebewesen anzusetzen sei – also solche, die verschwinden, bevor man sie entdeckt –, streiten sich bis heute die Experten.
Die Öko-Apokalyptik lieferte den Treibstoff für einen Alarm-Journalismus, der bis heute die Medien prägt. Nicht Tatsachen interessieren, sondern Prognosen und Szenarien. Wer die Welt am düstersten malt, erhält die meiste Aufmerksamkeit. Schicht um Schicht türmen sich die Untergangsprognosen. Dass sie zumeist von der Realität widerlegt werden, kümmert kaum – solange genügend Nachschub vorhanden ist. In den achtziger Jahren schwoll das mediale Donnergrollen gewaltig an. Nach und nach eroberte es den gesamten Kulturbetrieb und die Politik. In den deutschsprachigen Ländern wurde Waldsterben zum alles beherrschenden Thema. «Es ist nicht fünf vor zwölf», erklärte der SP-Nationalrat Moritz Leuenberger 1984, «sondern es ist längst zwölf Uhr gewesen. Die Sturzfahrt ist in den freien Fall übergegangen.» «Wir stehen am Rande eines Abgrunds, einer Katastrophe», sekundierte Verena Grendelmeier von der LdU/EVP, und der deutsche Naturschutzfunktionär Hubert Weinzierl behauptete: «Das Sterben der Wälder wird unsere Länder stärker verändern als der Zweite Weltkrieg.»
Es ist diese Unmässigkeit, dieser Verlust aller Massstäbe, der bis heute die Öko-Prognosen auszeichnet. Immer steht der Weltuntergang bevor, es geht nie eine Nummer kleiner. Auf dem Gipfel der BSE-Hysterie war von 250000 Menschen die Rede, die durch infiziertes Rindfleisch sterben würden. Bis heute sind in England und in Kontinentaleuropa weniger als 0,1 Prozent davon an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben. Während der Klimakonferenz in Nairobi überboten sich die Zeitungen mit wildesten Vorhersagen. Wie einst beim Waldsterben werden nur die Experten interviewt, die das Schlimmste verkünden. Düstere Prognosen zahlen sich durch Medienaufmerksamkeit und staatliche Forschung aus. Kaum jemand traut sich zu fragen, ob es wirklich seriös ist, das Weltklima für fünfzig oder hundert Jahre vorherzusagen. Schliesslich gelingt dies nicht einmal für die nationale Wirtschaftsentwicklung des nächsten Jahres – obwohl man es dabei mit viel weniger Unbekannten zu tun hat.
Weltuntergang ohne Ende
Bei jedem Vorhersage-Hype gab es immer auch skeptische Experten, deren Prognosen vorsichtiger und besser begründet waren. Doch sie wurden kaum gehört. Und das Verrückte ist: Die Untergangspropheten blieben die Stars, auch nachdem sich ihre Prophezeiungen als falsch herausstellten. Und die Realisten blieben stets die Aschenputtel. «Man verzeiht dem falschen Propheten», bemerkte der deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard einmal, «wenn’s besser kommt als vorausgesagt.» Dennis Meadows, Paul Ehrlich und andere, die sich bis auf die Knochen blamierten, sind bis heute als Experten hochangesehen, werden auf Podien und in Talk-Runden gefeiert. Aber wer kann sich noch an Julian Simon erinnern? Der amerikanische Ökonom hatte den Öko-Katastrophisten und Kulturpessimisten stets widersprochen und lag mit seinen Voraussagen zumeist richtig. 1980 hatte er Ehrlich zu einem zehnjährigen Wettvertrag überredet. Es ging um fünf Edelmetalle, von denen Ehrlich – wie auch Meadows und der Club of Rome – behauptet hatte, sie würden immer knapper und teurer. 1990 waren die Preise inflationsbereinigt um rund die Hälfte gesunken. Ehrlich musste zahlen – und Simon offerierte ihm eine neue Wette. Er bot dem Untergangspropheten an, sich eine beliebige Bevölkerungsgruppe zu wählen, eine Region, ein Land oder sogar die ganze Welt. Ausserdem durfte sich Ehrlich einen Indikator für menschliches Wohlergehen aussuchen: Pro-Kopf-Einkommen, Bildung, Lebenserwartung – was immer er wollte. Zusätzlich hätte er einen beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft festlegen dürfen. Simon bot an, um ein Monatsgehalt zu wetten, dass in dieser Zeitspanne auf dem ausgewählten Gebiet eine Verbesserung eintritt. Doch Ehrlich schlug aus.
Andere hatten weniger Angst, sich zu blamieren. Je kolossaler die Prognosen, desto ungenierter werden sie kundgetan. Nichts wurde so oft vorhergesagt wie der Weltuntergang. Martin Luther kündigte ihn zu Lebzeiten gleich dreimal an, für 1532, 1538 und 1541. Als sich die Welt hartnäckig weigerte unterzugehen, vermied er weitere Datumsangaben. Das Umbuchen vorausgesagter Apokalypsen ist bei den Zeugen Jehovas fast schon Routine. 1874 sollte nach den Weissagungen des Gründers Charles Taze Russell die Welt zum ersten Mal untergehen. Seither wurde der Termin immer wieder verlegt. Wie der späte Luther hält sich die Führung der Zeugen Jehovas inzwischen mit genauen Datumsangaben zurück. Viel geschadet haben ihnen diese Blamagen nicht, die Königreichsäle der Sekte sind voller als viele Kirchen.
Dass Katholiken und Protestanten von der Apokalyptik abgekommen sind, war unter Marketinggesichtspunkten vielleicht falsch, Ökologismus und Esoterik haben die Lücke erfolgreich gefüllt.
Allerorten tummeln sich Hobby-Propheten wie der Modeschöpfer Paco Rabanne. Ihm zufolge hätte bei der Sonnenfinsternis am 11. August 1999 die Raumstation MIR herabstürzen und Paris in ein Flammenmeer verwandeln sollen. Danach kündigte er an, er werde nie mehr eine Prophezeiung abgeben. Auch das trat nicht ein. Schon ein paar Wochen später prophezeite er, die MIR werde doch noch die Welt zerstören – diesmal ohne Datum.
13.12.2006, Ausgabe 50/06
Zukunft
Das Debakel von Delphi
Prognosen prägen den Zeitgeist ganzer Epochen. Obwohl sie sich fast immer als falsch erweisen, ernten Zukunftsdeuter aller Art nach wie vor viel Aufmerksamkeit – zumeist mit düsteren Warnungen.
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