Erinnerungen an Harald Schmidt. Wie er sagte, er fände Frauenparkplätze wirklich gut – immerhin wisse der Vergewaltiger jetzt endlich, wo genau er warten müsse.
Wie er die Einrichtung einer Nazishow forderte in Anlehnung an die unsäglichen DDR-Fernsehshows, die nach der Wende aufkamen, schliesslich habe man auch in der DDR Menschen erschossen, die anders waren.
Wie er die grosse Samstagabendkiste «Verstehen Sie Spass?» mutwillig in den Quotenkeller moderierte. Wie er sich dort ans Klavier setzte, jedoch nicht spielte, sondern einfach einem Metronom zuhörte und schliesslich in die verständnislose Stille hinein sagte: «Ist das nicht unglaublich? Jeder Schlag kostet die ARD gerade 15000 Mark.» Die Kameraschwenks ins Publikum, das angesichts der schmidtschen Scherze keinen Mundwinkel verzog, sind in die Geschichte der deutschen Fernsehunterhaltung eingegangen.
Eine Auswahl seiner besten Sätze würde etwa so lauten: «Henry Maske erotischster Mann des Jahres – ich habe es immer gewusst: Frauen wollen geschlagen werden.» – «Weihnachten – zwei Tage nach dem Heiligen Abend in Deutschland ist dann Bescherung in Polen.» – «Holländische Polizisten schiessen zu viel – was sollen sie auch machen? Mit einem Wohnwagen am Polizeiauto ist eine Verfolgungsjagd praktisch zwecklos.»
Harald Schmidt war gut, wirklich gut. Er traf oft ins Schwarze, kannte keine Grenzen, vor allem nicht des Geschmacks. Sogar die Frauenzeitschrift Brigitte, die eigentlich seine natürliche Feindin sein müsste, jubelte: «Die neunziger Jahre gehören Harald Schmidt.» Er wurde mit Preisen überhäuft, er wurde Kult, die Bild-Zeitung druckte täglich seine besten Sprüche. Er spielte diese Begabung aus, die er sich selbst zu Recht attestiert: «Ich merke sehr schnell, was jemanden echt verletzt. Das kann ich, das ist ja auch mein Beruf.»
Dann kam Ende 2003 der Ausstieg bei Sat 1, genau zum richtigen Zeitpunkt, nämlich auf dem Höhepunkt. Das sah man allein am grossen Jammern der Feuilletons, sie nannten ihn «Gott», als sei der Letzte gestorben, der diesem Land noch Leben einhauchte. Es folgte eine Weltreise mit der Familie. Aber natürlich konnte er nicht ohne Fernsehen sein. Also Comeback bei der ARD mit dem Bart und der langen Mähne des Aussteigers. Das war sein grösster Fehler, wenn man denn bei ihm, dem grossen Gleichgültigen, in solchen Kategorien reden kann. Er machte einfach dort weiter, wo er aufgehört hatte. Früher hatte sich Harald Schmidt immer wieder neu erfunden, war unberechenbar – und seit er nichts mehr Neues zu bieten hat, spricht er Sätze wie den: «Ich habe für die deutsche Fernsehunterhaltung die gleiche Bedeutung wie Bertolt Brecht für das Theater.» Und das frei von jener Selbstironie, die er so gerne für sich gepachtet haben will. Allerdings weiss auch er, dass es nicht mehr richtig läuft, und viele wissen heute gar nicht mehr, dass er noch auf Sendung ist.
Die Schlaumeier in den Kulturredaktionen aber, sie sehen in allem, was er tut, immer noch ein Konzept, eine Taktik, eine Schlaumeierei eben. Da müsse doch was sein, der wolle etwas. Sie alle täuschen sich, denn sie bürden ihm ihre Sehnsüchte nach dem Spass-Führer auf. Aber da ist nichts, kein Geheimnis. Harald Schmidt ist wie Claudia Schiffer, aussen Licht, innen nicht. Seine Bewunderer übersehen, dass er eine Bildschirmfigur ist, also flach, aber dazu erfunden, überhöht zu werden. Alle machen sein Spiel mit, was ihn diebisch freut. Er aber ist nur noch der massentaugliche Hofnarr.
Nur noch ein trauriger Grüssaugust
Es ist ein Unding mit diesem Schmidt, er hat alles, was man Schlechtes oder auch Gutes über ihn denken oder gar schreiben könnte, immer schon längst gedacht und gesagt. Wer ihn angreift, dem gibt er bereitwillig recht. Er ist ein Teflonmensch. Einige, auch er selbst, nennen das Selbstschutz. Vielleicht sollte man nicht so viel rätseln und einfach mal davon ausgehen, dass der Kaiser nackt ist: «What You See Is What You Get».
Die Wahrheit ist diese: Jetzt sieht man ihn am Bildschirm, und man gluckst schon innerlich, die Hoffnung stirbt zuletzt, und er sagt was, und es regt sich in einem – nichts. Die Leere. Schmidt ist lebendigen Leibes gestorben und macht trotzdem weiter. Er praktiziert die Kunst des postumen Moderierens.
Aber man soll das Schmidt nicht anlasten. Er trägt sich munter zu Grabe und weiss das selbst am besten: «Ich gehe den Weg aller deutschen Showgrössen, nämlich abwärts.»
Man lebt halt schon lange mit Schmidt, und das nimmt man ihm übel. Er ist immer noch da und man selbst auch. Man nimmt ihm übel, was man an sich selbst so hasst, dass man älter wird – und der mittlerweile 49-Jährige zeigt einem das auch noch. Er moderiert alles weg, was die ARD so zu bieten hat, Oper, Olympia, Fussball-Weltmeisterschaften, immer taucht in einer Ecke noch der Schmidt auf und enttäuscht unsere überhöhten Erwartungen. Er macht nur noch Kompromisse – wie man selbst auch.
Er ist zu der Figur geworden, die er früher selbstironisch spielte, wenn er etwa Sätze sagte wie: «Ich habe in der Werbepause ja noch kurz die Weihnachtsshow von Nutella moderiert.»
Und deshalb nehmen sie Harald Schmidt auch übel, dass er letzten Donnerstag die Bambi-Verleihung moderierte, den deutschen Oscar. So schlimm, schreien sie in Deutschland, eine «Übelnachricht» nannte dies die Süddeutsche Zeitung. Er aber wusste natürlich, was auf ihn zukommt, weil Schmidt die Rituale der Unterhaltungsindustrie akribisch studiert hatte, wo sich immer nur die üblichen zehn Verdächtigen feiern: «Nennst du mich Goethe, nenn ich dich Schiller, nächste Woche ist es umgekehrt.» Und er hatte recht. Es roch nach Moder wie immer bei solchen deutschen Preisverleihungen, es war so langweilig wie immer, und Schmidt gab den traurigen Grüssaugust, der der Kälte verzweifelt ein bisschen warmen Witz einblasen wollte, das Kaminfeuer in der Leichenhalle. Den besten Satz flüsterte ihm Karl Lagerfeld zu: «Sie erwecken hier den Eindruck, als gehörten Sie überhaupt nicht dazu.» Das gefiel Schmidt so gut, dass er ihn sogleich in die Welt hinausposaunte. So will er gesehen werden, dabei ist er natürlich längst Teil des Ganzen – was er wiederum längst weiss: «Ich bin jemand, der sich problemlos in ein System einreiht.»
Man nimmt ihm auch übel, dass er beim «Traumschiff» an Bord geht, dieser Endlosserie, wo jede Entwicklung so schön voraussehbar ist, dass man bequem vor dem Fernseher einnicken kann. Schmidt wird dort einen Frauenversteher spielen. Auch das soll man nicht überbewerten, er nimmt die Rollen, die man ihm gibt. Das ertragen die moralistisch veranlagten Deutschen ganz schlecht, dass da einer öffentlich amoralisch ist, dass einer nicht mehr richtig will und dies auch noch zeigen darf. Aber es fasziniert sie so, dass sie nicht abschalten. Der Bekanntheitsgrad von Harald Schmidt in Deutschland liegt bei 95 Prozent (Frank-Walter Steinmeier, deutscher Aussenminister, ist 23 Prozent der Deutschen unbekannt).
Damit hat Harald Schmidt kein Problem. Er hat höchstens ein Problem, weil er keinen Gegner mehr hat, an dem er wachsen könnte. Der einzige, Stefan Raab, ist ganz anders positioniert als er, ein Metzgerssohn, der auch so redet. Das deutsche Feuilleton aber, es hat ein Problem. Es will aus einem, der einfach seinen Job macht, einen machen, der das Land retten soll. Der Lachdoktor darf nicht sterben.
06.12.2006, Ausgabe 49/06
Harald Schmidt
Postumes Moderieren
Selbst bei grösstem Verdruss brachte er uns zum Lachen. Nun moderiert er die Bambi-Verleihung und geht beim «Traumschiff» an Bord. Hat Harald Schmidt die innere Kündigung eingereicht?
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