Wie viele andere meiner Generation verfiel ich in den achtziger Jahren an der Universität «den Franzosen». Es begann mit Lévi-Strauss und Foucault, aber schon bald stieg ich auf härteren Stoff um: Lacan, Lyotard, Baudrillard, um schliesslich bei Jacques Derrida zu enden. Ein bekannter Zürcher Intellektueller schrieb mir damals, wie schade es sei, dass ich auf diese schiefe Ebene geraten sei, beschwor die «Abenddämmerung der Aufklärung» herauf und wünschte mir baldige Ausnüchterung. Mit dem Einstieg ins Berufsleben rückten dann die poststrukturalistischen Begriffsspaltereien in den Hintergrund, und seit einigen Jahren ist sowieso in allen Sparten eine pragmatische Wende eingetreten: Statt für Diskurse und Konstruktionen interessiert man sich wieder vermehrt für Fakten, Geschichte, Realpolitik, Machtverhältnisse und Dokumentarisches. Es ist nicht so, dass die «French Theory» verschwunden wäre; wie so oft hält sie mit einer gewissen Verspätung an den (deutschsprachigen) Universitäten zu einem Zeitpunkt Einzug, da der Rest der Welt bereits woanders ist. Gewiss sind viele dieser Werke immer noch intellektuelle Feuerwerke, aber sie haben inzwischen etwas Autistisches: Sie lassen sich kaum anwenden auf die Probleme, die die Öffentlichkeit beispielsweise im Anschluss an die Ereignisse vom 11. September 2001 beschäftigen.
Umso bemerkenswerter ist das letzte Werk, das von Jacques Derrida nun postum auf Deutsch erschien: «Woraus wird Morgen gemacht sein?» Ein Dialog mit der Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco, der 2001 im Original erschien.
Am 8. Oktober 2004 starb Derrida. Er ist der einflussreichste französische Philosoph der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vielleicht sogar der wichtigste Philosoph der Gegenwart überhaupt, sofern sich Relevanz nach den hinterlassenen «Spuren» (eines seiner Schlüsselwörter) bemisst. Dieser Befund bleibt, auch wenn Kritiker diese allgegenwärtigen Spuren eher mit der Bahn eines zerstörerischen Taifuns oder einer Borkenkäfer-Invasion vergleichen würden. Viele seiner Werke waren selbst für Hardcore-Philosophen an der Grenze zur Unverständlichkeit angesiedelt. Das hatte auch damit zu tun, dass sie unendliche Vorarbeit verlangten, da sie oft mindestens Tertiärliteratur waren. Sein Werk «Der Facteur der Wahrheit» beispielsweise ist die minuziöse Lektüre eines Texts von Jacques Lacan, der sich wiederum mit der Erzählung «Der entwendete Brief» von Edgar Allan Poe beschäftigt. Von solchen Insider-Analysen dann einen Bogen zu spannen zu politischen oder sozialen Problemen, schien nicht einfach. Und genau dies macht Derridas letztes Werk nun zu einer Art «missing link». Hier geht es nämlich nicht um dekonstruktive Textanalysen, sondern um so konkrete Themen wie die Todesstrafe, Gewalt gegen Tiere, internationales Recht, Antisemitismus, Klonen, die Veränderungen der Familie. Und plötzlich wird klar, dass es Derrida, hinter den ins Werk gesetzten, hochkomplizierten Enttarnungen des Metaphysischen, eigentlich immer um nichts anderes ging als einen sachgemässen Blick auf Fragestellungen jenseits von Dogmen, Doktrinen und Programmen. Sein Lebenswerk war eine Art grossangelegte philosophische Entrümpelungsaktion, ein gigantischer Umweg, um den Blick freigestellt zu bekommen. Kurz: Es gibt meines Wissens keinen anderen Denker, der sich den wesentlichen Fragen der Gegenwart zugleich so unideologisch und trotzdem auf so hohem reflexivem Niveau nähert wie Derrida hier und sich dabei als militanter Vertreter der Demokratie zeigt – als der Staatsform des bewussten «noch nicht alles wissen», des unaufhörlichen Prozesses. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht zufällig, dass Derrida einer der wenigen Philosophen war, die auch in den sechziger und siebziger Jahren Abstand zu den grossen Denkblöcken hielten, zum Strukturalismus, aber insbesondere zum Marxismus und zur Psychoanalyse, was ihm viele Zeitgenossen übelnahmen, die ihn später einen Obskurantisten schimpften.
«Woraus wird Morgen gemacht sein?» ist in diesem Sinne auch eine Rettungsaktion der French Theory. Sie wird aus der hermetisch-abstrakten Sackgasse, in der sie schliesslich landete, ins 21. Jahrhundert hinübergerettet, indem sie anschlussfähig gemacht wird für die brennenden Gegenwartsfragen; und auf einmal hat man Lust, zahlreiche Werke nochmals aus dem Misthaufen der Geschichte, auf den man sie schon geworfen hatte, hervorzuklauben und unter diesem neopragmatischen Gesichtspunkt wieder zu lesen.
Unvorhersehbar
Ironischerweise war Derrida der Philosoph des Aufschubs: Einen endgültigen Sinn gab es für ihn nicht, immer nur Verweise auf Verweise. Die Denkarbeit ist nie zu Ende, Verständnis nur nachträglich möglich. Die Gegenwart bleibt notwendig überraschend und rätselhaft. Aber ein letztes Buch ist ein Testament, und auf letzte Worte kann man nicht mehr zurückkommen. So ist «De quoi demain...», wie es im Original heisst, ein Widerspruch in sich selbst: Für den Denker des Anderen, des Späteren, des auf ewig Zukünftigen gab es keinen Aufschub mehr, kein Morgen. Er musste, was er immer gehasst hatte, sich festlegen beziehungsweise: wurde festgelegt. Das bekommt dem Leser gut. Während Derridas meiste Werke ufer- und grundlos sind, er nie etwas auf den Punkt bringt, muss er hier, schon wegen der Gesprächsform, na ja, nicht gerade Tacheles reden, aber für seine Verhältnisse extrem «banalisieren». Dieser «Klartext» ist zwar immer noch voller Vorbehalte, Einräumungen, Klammerbemerkungen und Fragezeichen, aber immerhin. Derrida äussert sich beispielsweise bemerkenswert gelassen über das Klonen: «Bevor man an monströse Erzeugungen bis an die Zähne bewaffneter Klone denkt, die bereit sind, Europa zu überschwemmen, werden bekanntlich bestimmte Formen therapeutischen Klonens rasch beherrschbar und nützlich werden [...]. Man wird immer wieder Mittel erfinden, um die unerhörtesten, offensichtlich nicht assimilierbaren und monströsen Effekte dieser neuen technisch-genetischen Mächte zu ‹normalisieren›.» Derrida ist ebenso weit entfernt von Fundamental-Gesellschaftskritik, Zivilisationspessimismus und Technikfeindlichkeit wie von einer gleichgültigen, «postmodernen» Laisser-faire-Haltung (auf 40 Seiten erläutert er, warum er aus philosophischen Gründen gegen die Todesstrafe ist). Diese Art, nicht von einem fixen System aus zu argumentieren, sondern sich von Fall zu Fall auf eine spezifische Situation einzulassen, macht sein Denken unvorhersehbar und spannend.
Willkür in jeder Entscheidung
Die Reflexion, die jedes Mal von neuem versucht, ihrem Gegenstand gerecht zu werden, nennt er ein «gerechtes» Denken: «Das von da aus, von dieser Einzigartigkeit ohne Norm und ohne Begriff aus, sich an so etwas wie einer Gerechtigkeit versucht. Eine Gerechtigkeit, die zu erfinden ist.» Diese Vorsicht führt aber, zumindest in diesem Alterswerk, nicht zu einem endlosen und nihilistischen Skeptizismus, sondern im Gegenteil zu erfrischend praxisnaher Offenheit und ungewohnten Positionen. Partei zu ergreifen, steht für Derrida nämlich in einem engen Zusammenhang mit (bewusstem) Nicht- wissen: Entscheidung und Verantwortung, die dieses Namens würdig wären, schreibt er, gebe es allein im Aushalten von widersprüchlichen Anforderungen: «Da, wo man nicht im Vornherein weiss, wenn kein vorgängiges Wissen auf kontinuierliche Weise ohne irgendeinen Sprung die Wahl zwischen zwei in gleichem Masse gebieterischen und legitimen Geboten gewährleistet oder programmiert. [...] Niemand wird jemals wissen können, jemals versichert sein, in einem theoretischen und bestimmenden Urteil, dass es eine verantwortliche Entscheidung gegeben hat und dass sie die beste gewesen sein wird.» Das heisst, in jeder Entscheidung liegt letztlich etwas Willkürliches, das nicht durch gesichertes Wissen gedeckt ist. Gerade dadurch kann aber auch Neues entstehen: «Man muss wissen, man braucht das Wissen, aber man muss auch wissen, dass ohne irgendein Nicht-Wissen nichts geschieht, das den Namen ‹Ereignis› verdient.»
Deutlich wird Derridas doppelte, differenzierte Denkbewegung (jenseits eines einfachen Pro oder Kontra) bei der Behandlung der Psychoanalyse. Dabei geht es vor allem um die Frage nach dem Souverän («Wer kann Souveränität für sich beanspruchen?»), wie übrigens auch im Kapitel über die Todesstrafe, wo die erstaunliche Feststellung gemacht wird, dass sich kein Philosoph jemals gegen die Todesstrafe ausgesprochen hat; vielleicht weil das Phantasma der Souveränität ureigenst zur Philosophie gehört.
Die Psychoanalyse, die einerseits von einem einzigen Mann erfunden wurde, der bis heute ihr Übervater geblieben ist, charakterisiert sich andererseits wesentlich durch ihre Infragestellung der Totalität, der Autonomie, der Selbsttransparenz. Von daher ist es wohl kein Zufall, dass sich diese «antiautoritäre» Psychoanalyse praktisch nur in demokratischen Rechtsstaaten etablieren konnte; verblüfft jedoch die «archaische» Hierarchisierung der psychoanalytischen Institutionen, die über die Reinheit der Lehre und die Linientreue ihrer Mitglieder wachen.
In Derridas Augen zählt der Schwung des freudschen Anstosses, der geholfen habe, Dinge in Frage zu stellen, insbesondere die Vorstellung des sich selbst bewussten Subjekts, das souverän für sich selbst bürge. Aber er stört sich daran, wie aus dieser Dekonstruktion dann neue grandiose, sakrosankte Begriffsmaschinen konstruiert wurden, die man darüber hinaus noch tel quel in ganz anders geartete Gesellschaften verfrachtete.
Zeitgemässe Rationalität
Diese doppelte Tendenz von Verflüssigung und Verfestigung sieht er auf vielen Ebenen am Werk: So verbreitet der «aufklärerische» Westen bestimmte Werte, zugleich jedoch das Werkzeug, sie in Frage zu stellen. Er erwähnt als Beispiel Nelson Mandela, der die weisse Macht mit ihren eigenen Prinzipien konfrontierte und schlug. «Was exportiert wird, in einer europäischen Sprache, sieht sich sogleich im Namen dessen, was in diesem europäischen Erbe selbst potentiell am Werk war [...], in Frage gestellt. [...] Infolgedessen ist das europäische Erbe nicht eine Gesamtheit von Werten, von geistigen Gütern, ein Erbe beweglicher oder unbeweglicher Reichtümer. Vielmehr wäre es ein unerschöpfliches Potential von Krise und Dekonstruktion.» Sogar der «Anti-Eurozentrismus» ist noch ein Kind des europäischen Denkens.
Nachdem Derrida in jahrzehntelanger Kleinarbeit nachgewiesen hat, wie sehr unsere vermeintliche Rationalität irrational grundiert beziehungsweise «grundlos» ist, zeichnet sich hier eine neue, zeitgemässe, über sich selbst aufgeklärte, «ernüchterte» Rationalität ab.
Jacques Derrida/Elisabeth Roudinesco: Woraus wird Morgen gemacht sein?
Ein Dialog. Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek.
Klett-Cotta. 383 S., Fr. 52.20













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