Pop

Der erste Schrei

Hierzulande kennt die Band aus Erschwil SO fast niemand. Dabei kräht und lärmt Navel so laut, dass man sie sogar in Berlin hört.

Von Albert Kuhn

Es ist Mitte September 2006, es ist heiss, eine Newcomer-Band sitzt in einer Basler Beiz und wird interviewt. Der Sänger blinzelt in die Sonne und nuschelt Antworten ins Mikrofon, die das Minidisc-Gerät auch auf hoher Empfindlichkeitsstufe nicht empfangen kann. Seine Band steht im Niemandsland zwischen «nahezu unbekannt» und «total berühmt». Man erfährt, dass sie aus dem baselnahen Erschwil SO stammen, auch Arschwil genannt, dass sie sich vor gut zwei Jahren an einem Konzert getroffen, vor einem Jahr einen Wechsel am Bass gehabt hätten, seither sei die Besetzung perfekt, man hätte schon in Berlin gespielt, am Samstag dann in Solothurn.

Vier Tage später steht derselbe Sänger dort auf einer Bühne und schreit die Farbe von der Wand. Schreit, bis den Leuten die Brillen anlaufen, das Bier gefriert, der Boden wankt, taut und weich wird vor Schock und Schreck. Und sich das Publikum fragt: Was ist das? Es ist offensichtlich eine Rockband – aber vor allem ist das ein Monstrum.

Es zerreisst die Vorstellung von einem lässigen Abend in lächerliche Stücke und bietet statt Unterhaltung etwas völlig anderes. Der unschuldig und gesund aussehende Drummer drischt mit so kompromissloser Wucht auf die Trommeln ein, dass man das Schlagzeug schon nach fünf Minuten als verloren abbucht. Die Bassistin schickt Donner und Blitze in den Raum, den Donner vom rabiaten Bass, die Blitze via Blicke, die es einmal pro Minute zufällig durch die langen schwarzen Haare schaffen. Dazu nimmt sie minütlich eine andere Stellung ein, in der sie dann triumphierend verharrt. Der Sänger und Gitarrist zappelt, schrammt und kräht, an den Fäden eines unbekannten Gottes hängend, von denen er weiss, dass sie jederzeit durchschnitten werden können, also: um sein Leben.

Navel heisst die Band. Nabel auf Deutsch. Eine andere Mitte des Körpers, sie reicht bis ins Embryohafte, bis runter ins Stammhirn womöglich, und irgendwie pikant zu wissen, dass das weltweit gültige Vorbild für Mädchen, die Barbiepuppe, erst kürzlich einen Nabel bekommen hat. Nabelzeigen ist vielleicht nicht nur Mode, sondern noch ungedeutete Zeiterscheinung. Der Mensch, das zugeknöpfte Wesen. Haben denn Navel vor, unsern Knopf zu öffnen?

Es waren vielleicht zehn Solothurner, die Navel kannten. Sechs Tage danach, in Berlin Mitte, waren es 200 Menschen, die sich im Punkklub Schokoladen pressten, davon die Hälfte Navel-Bekannte. Es war schliesslich schon das sechste Konzert in Berlin, der zweiten Heimat der Band. Ein paar Stunden vor dem Auftritt haben Navel aus Erschwil SO einen Vertrag unterschrieben mit Louisville, einem der allerfeinsten Indielabels Deutschlands. Fünf Bands erst, Navel ist die sechste.

Menschliche Trafos

Ein kurzes Aufheulen von Gitarre und Bass und Navel – und der Klub sind on. Als hätte jemand die ganz grossen Schleusen geöffnet, die ganz dicken Kabel angeschlossen, den zentralen Knopf am Körper gedrückt. Was da in einer halben Stunde an Dröhnen, Schreien und Stöhnen den kleinen Konzertraum durchzieht, ist und bleibt unbeschreibbar, ausser man benütze das Wort Energieübertragung. Die einzige Gemeinsamkeit, die diese Band wirklich mit Nirvana hat, beschrieb Joe Carducci, Autor des legendären «Rock and the Pop Narcotic», mit zwei Sätzen: «Sie laden eine schwere Psycholast ab. Und sie tun es mit bemerkenswerter Leichtigkeit.»

Navel im Dezember 2006 gleichzeitig in einem Mixer und einem Lift, zwischen Erschwil und Europatour. Wie fühlt sich das an? Bassistin Eve: «Ich checkte das erst, als wir ins Studio gingen, in Berlin. Dass es ernst wird, dass Navel offenbar grösser wird. Ich war recht nervös, man muss da hineinfinden. Spielen ist immer super, nur das Drumherum ist anstrengend. Wir haben bloss einen Kombi für den Transport, da gehen weder Drums noch Boxen rein. Als wir in Berlin spielten, drei Konzerte hintereinander, sind wir dauernd in der Stadt rumgedüst und suchten Verstärker und Schlagzeug zusammen, teils nur für einen Abend. Ich wünsche mir, dass uns jemand einen kleinen Bus sponsert und wir mit den eigenen Sachen durch Europa fahren können. Navel? Hey, Jugendbewegung findet immer statt! Bloss – manchmal kann ich nicht alle Namen behalten.»

Andi Steiner ist nicht der stille Schlagzeuger, der wartet, bis die an den Saiten so weit sind: «Jammen im Übungsraum ist bei uns Spass, das ist offenbar nicht bei allen Bands so. Wenn’s um Detailarbeit geht, wird’s anstrengend, aber das ist auch kein Problem. Weil wir noch nicht viel Studioerfahrung haben, ist die Studioarbeit am anstrengendsten, man ist nervös, zweifelt an sich selbst. Das Gegenteil ist die Bühne, da wollen wir alle hin und wissen es voneinander. Es ist das Geilste von allem.»

Sänger und Gitarrist Jari Altermatt, nachdenklich: «Ich würde gern lesen, worum’s uns überhaupt geht bei unserm Sound. Live, Energie, Musik, unser Geschrei, die Jugend, die Verzweiflung, die Gefühle, die man erlebt. Gefühle rüberzubringen, das ist wohl der Job eines Musikers. Wir sind im Luftschutzraum und schreien so laut, dass es die ganze Welt hört. Super ist, dass wir nun viele Leute treffen, die sich intensiv mit Musik beschäftigen. Hände schütteln an jedem Ort, wo wir aus dem Auto steigen, cool. An einem Tisch sitzen, Pizza essen und über die Musikwelt schwatzen – da erfährt man Dinge, die man sich nie vorgestellt hätte. Für mich wird immer klarer, was ich im Leben will. Die ganze, unbewusste Vorarbeit seit den Blockflötenzeiten – und plötzlich kommt jemand und sagt: Hey, du bist erwählt zum Musikmachen. Navel? Es muss noch viel mehr passieren.»

Chrigel Fisch, früher im Musikbüro der Kaserne Basel, ist der Manager, sie nennen ihn Personal Jesus: «Meine Definition von Navel heisst: Sie beziehen Stellung gegen das Perfekte. Die Welt ist oberflächlich zu perfekt geworden, mit den ganzen reibungslosen Abläufen der Marktwirtschaft. Wenn da nun einfach jemand hinsteht und sagt, das interessiert uns nicht, wir schreien und spielen, so lang und so laut wir wollen, dann ist das für mich eine Haltung und eine Aussage. Navel ist eine laute, sexy Chefohrfeige.»

Patrick Wagner und Yvonne Franken gründeten das Berliner Plattenlabel Louisville, ein kleines Haus mit ausgesuchten Spezialitäten wie Naked Lunch oder Jeans Team. «Navel sind unsere erste Rockband. Wir haben sie gehört, dann gesehen, und das war nun kein Gezappel, sondern ein wwoaah! Wie wenn man den Kopf langsam nach hinten neigt und dann mit fliegend nassen Haaren nach vorne schleudert. Navel sind völlig abgekoppelt von den modischen The-Bands mit ihrem gockelig nach vorne gemischten, nervösen Gesang. Und im Song ‹Forsaken Speech› ist Jari sekundenlang ein Hohepriester des Rock, der die Menschheit verführt, ohne Worte, mit seinem Schrei.»

Was wünscht sich Navel? Jari: «Spielerisch vorankommen. Aber so unperfekt, dass es grad geil ist.» Andi: «Zum ersten Mal an ein Konzert fliegen, nächste Woche.» Eve: «Ich freu mich auch, mit dieser Band durch schwierige und coole Situationen zu steuern.» Andi sagt: «Ich hoff, dass es so gut weitergeht. Der Anfang war schon mal sehr gut.» Und Jari murmelt: «Findsch?»


Navel: Forsaken Speech (7 inch).
Louisville/Little Jig (www.louisville-records.de)

Live: 8. Dezember, Böröm Pöm Pöm, Oberentfelden, 5. Januar, Bad Bonn, Düdingen

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