Herr Sheikh, Sie sind als Chefredaktor von Al-Dschasira einer der wichtigsten Meinungsmacher im arabischen Raum. Wie bezeichnen Sie Selbstmordattentäter?
Für das Geschehen in Palästina verwenden wir den Ausdruck Selbstmordattentat nie.
Wie nennen Sie es?
Auf Englisch würde ich es als «bombings» bezeichnen.
Und auf Arabisch?
Wörtlich übersetzt sprechen wir von Kommandoangriffen. In unserer Kultur ist es eben nicht Selbstmord.
Sondern eine Aktion, die lobenswert ist?
Wenn das Land besetzt ist und das Volk vom Feind getötet wird, muss jeder zur Tat schreiten, sogar wenn er sich dabei opfert.
Auch wenn er dabei unschuldige Zivilisten umbringt?
Das Problem liegt nicht bei den Palästinensern, sondern bei den Israelis.
Sie weichen aus.
Durchaus nicht. Wenn Israels Armee angreift, tötet sie Zivilisten. Eine Armee sollte in der Lage sein, zwischen militärischen und zivilen Zielen zu unterscheiden. Aber wie viele unschuldige Menschen hat sie in Beit Hanun umgebracht? Und dann begründet sie dies damit, dass es sich bei der Granate um eine Art Irrläufer gehandelt habe, dass ein technischer Fehler aufgetreten sei oder so was. Doch wer glaubt ihr das?
Es gibt einen Unterschied zwischen «palästinensischen Kommandoaktionen» und israelischen Militäroperationen. Bei den einen sollen möglichst viele Zivilisten umgebracht werden, bei den anderen geht es ausschliesslich um militärische Ziele.
Nun wirklich! Wenn den Israelis so ein Fehler ein oder zwei Mal im Jahr unterliefe, würde ich Ihnen zustimmen und sagen: Das geschah nicht mit Absicht. Aber solche Fehler passieren jede Woche. Dafür gibt es drei Erklärungen: Entweder ist die militärische Ausrüstung nicht auf dem neusten Stand, oder die Soldaten sind schlecht ausgebildet und benützen die Waffen unsachgemäss, oder sie tun es mit Absicht. Nun wissen wir, dass die Israelis das Beste aus dem amerikanischen Waffenarsenal erhalten, dass die Soldaten gut ausgebildet sind. Und das lässt dann eben nur einen Schluss zu: dass sie es mit Absicht tun.
Sie stammen ursprünglich aus Nablus, einer Stadt, die 1967 von Israel besetzt wurde. 1968 verliessen Sie Ihre Heimat, um in Jordanien zu studieren. Spricht nun der Palästinenser in Ihnen, der Israel als Feind betrachtet, oder der Journalist, der sich um die Wahrheit bemüht?
Der Journalist.
Ihr persönlicher Hintergrund hat also keinen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Wenn ich im Nachrichtenraum bin, vergesse ich meinen persönlichen Hintergrund. Dann lege ich meine politischen Überzeugungen ab. Die Newsstory ist für mich heilig. Man darf sie nicht verändern, muss sie so ausstrahlen, wie sie ist. Unverfälscht.
Es fällt mir indessen schwer zu glauben, dass Sie Ihre persönliche Geschichte bei der Beurteilung einer Story aussen vor lassen.
Sie haben recht. Man kann sich bei der Arbeit nicht immer völlig vom persönlichen Hintergrund abkoppeln. Eines Abends bekam ich zum Beispiel im Newsroom die Bilder von diesem armen Mädchen zu sehen, dessen Eltern am Strand von Gaza getötet worden waren und das herzergreifend schrie. Ich ging in mein Büro, schloss die Tür und weinte. Dann beschloss ich, die Bilder vom schreienden Mädchen auszustrahlen, allerdings ohne Kommentar. Nun können Sie mir natürlich sagen, da habe sich der Palästinenser in mir gemeldet. Aber ich glaube eben doch, dass man sich vom persönlichen Hintergrund abkoppeln kann, wenn man nur hart genug daran arbeitet. Im Newsroom muss ein Redaktor die persönlichen Gefühle ablegen, sonst geht die Glaubwürdigkeit verloren.
Wie haben Sie denn über Beit Hanun berichtet, wo 19 Palästinenser getötet wurden?
Wir interviewten Leute vor Ort, sprachen sogar mit den Israelis, wollten von ihnen wissen, ob sie das mit Absicht getan hatten, was sie natürlich verneinten. Wir mussten sie das fragen. Als professionelle Journalisten können wir es uns nicht leisten, bloss mit Palästinensern zu sprechen. Selbst wenn einer die Israelis hassen sollte, bedeutet das nicht, dass er nicht mit ihnen sprechen soll. Denn sie sind Partner im Konflikt.
Zeigten Sie alle Bilder aus Beit Hanun, oder zensurierten Sie besonders blutig-grausame Szenen?
Was zu brutal war, zeigten wir nicht aus der Nähe. Wir wollen das Leben der Zuschauer nicht in einen Alptraum verwandeln.
Bei der Berichterstattung über den Irak gelten für Sie offenbar andere Massstäbe. Wiederholt haben Sie gezeigt, wie westliche Geiseln geköpft wurden. In den USA wirft man Ihnen vor, auf Ihrem Sender Al-Dschasira die irakische Bevölkerung regelrecht gegen die US-Truppen aufzuhetzen.
Die USA besetzen ein Land, und man muss nicht nur erwarten, sondern auch akzeptieren, dass sich die Menschen dort wehren. Sehen Sie: Am Ende musste US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zurücktreten. Denn jeder im Weissen Haus und in Washington begriff, dass dieser Mann eine Katastrophe war. Eigentlich bedauere ich seinen Rücktritt. (Lacht.) Denn er war mit seinen Ausfällen gegen uns ein sehr guter Promotor von Al-Dschasira. Doch im Ernst: Nun hat ja auch Tony Blair am vergangenen Samstag in einem Gespräch mit Al-Dschasira zugegeben, dass der Krieg im Irak ein Desaster sei. Heute behaupten die Briten zwar, dies sei ein Versprecher gewesen, Blair habe es nicht so gemeint. Doch ich frage Sie: Kann man die amerikanische Politik und die amerikanischen Taten im Irak verteidigen, kann man sie rechtfertigen? Meine Meinung ist klar. Die Amerikaner sollten uns nicht länger vorwerfen, mit unseren Berichten das Leben ihrer Soldaten im Irak zu gefährden.
Strahlen Sie deshalb immer wieder die Bänder von Osama Bin Laden aus, die Ihrem Sender zugespielt werden?
Sie sind Journalist und müssten eigentlich wissen: Wenn Ihnen jemand ein Band oder ein Interview mit Bin Laden anbietet, zögert man nicht, die Offerte anzunehmen, sogar wenn es Sie nach Guantánamo führen würde.
Es fällt freilich auf, dass Al-Dschasira ein Quasimonopol auf Informationen aus dem Dunstkreis Bin Ladens hat. Offenbar stehen Sie ihm sehr nahe. Auf konservativen Blogs wird Ihr Sender auch als «Osama TV» betitelt.
Weil die Amerikaner im Irak in einer sehr schwierigen Situation sind, suchen sie halt nach Sündenböcken und finden Al-Dschasira. In den vergangenen fünf oder sechs Jahren haben wir vielleicht zwei oder drei Bänder pro Jahr erhalten. Das sind News, die wir dem Publikum nicht vorenthalten dürfen. Wir sind im Übrigen nicht die Einzigen, die gelegentlich Post von Bin Laden erhalten. Früher war auch CNN auf dem Verteiler, zudem erhalten Nachrichtenagenturen wie AP oder der Fernsehsender Al-Arabia Botschaften von al-Qaida. Richtig ist allerdings, dass wir solche Bänder öfters erhalten als die anderen. Wir stellen die Informationen dann in einen nachrichtlichen Zusammenhang. Wenn Bin Laden zum Beispiel einen Waffenstillstand von neunzig Tagen anbietet oder wenn er zugibt, für die Bomben in Madrid verantwortlich zu sein, müssen wir doch darüber berichten. Das sind News.
Nicht nur in Washington, auch im arabischen Raum haben Sie bei den Mächtigen nur wenig Freunde.
Wir wollen keine Regime absetzen. In unserem Ehrenkodex ist aber festgehalten, dass wir das Recht der Menschen auf freie Meinungsäusserung hochhalten. Wir liefern Informationen, mehr nicht. Wir verstehen uns als pluralistisches Forum, das der Wahrheitssuche verpflichtet ist. Wenn wir dabei helfen, Reformen durchzusetzen, freut uns das natürlich.
Nun sendet Al-Dschasira seit zehn Jahren – aber von Demokratie oder Reformen ist im arabischen Raum herzlich wenig zu spüren?
Wir sagen den Ägyptern nicht: «Setzt das Regime ab», das ist nicht unsere Aufgabe. Aber wenn das Volk Hosni Mubarak eines Tages an der Wahlurne absetzen sollte, werden wir selbstverständlich darüber berichten. Wir decken immer wieder Korruptionsfälle auf, wie kürzlich in Ägypten. Wenn man solche Informationen verbreitet, muss das über kurz oder lang einen Effekt haben. Die Leute beginnen, sich Fragen zu stellen.
Sie nehmen nicht nur das ägyptische Regime ins Visier, sondern praktisch alle arabischen Regierungen der Region. Deshalb werden die Redaktionsbüros Ihres Senders immer wieder geschlossen. In welchen Ländern stehen Sie derzeit auf der schwarzen Liste?
Saudi-Arabien hat uns nie erlaubt zu arbeiten. Nur einmal durften wir über den Haj berichten, und ich ging hin, um einen Film zu drehen. Tunesien und Algerien haben uns gestoppt, der Irak hat uns vorübergehend gesperrt, vorübergehend waren unsere Reporter auch in Syrien, Jordanien oder Kuwait nicht zugelassen. Probleme haben wir auch im Sudan, weil wir über die Scheusslichkeiten in Darfur berichten, wo unschuldige Menschen getötet werden. Man sah es in Khartoum nicht gerne, dass wir darüber eine Reportage ausstrahlten, und warf uns hinaus. Später besannen sich die Sudanesen allerdings eines Besseren und liessen uns wieder arbeiten. Wir gehen nie Kompromisse ein, weil wir unsere Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wollen. Auch die Iraner schlossen zeitweise unsere Büros, nachdem wir Reportagen über die unterdrückte arabische Minderheit im Iran ausgestrahlt hatten. Die Reportage löste im Iran Demonstrationen aus, und die iranische Regierung machte uns dafür verantwortlich. Wir wollen nicht das Sprachrohr der Mächtigen sein, so wie das leider viele unserer Konkurrenten tun.
Sie bezeichnen sich als unabhängig. Da das Werbevolumen auf Al-Dschasira bescheiden ist, fragt es sich schon, wer Ihnen den kostspieligen Nachrichtensender finanziert.
Die Regierung Katars bezahlt 75 Prozent unserer Ausgaben, die restlichen 25 Prozent spielen wir mit kommerziellen Aktivitäten selber ein. Aber wir nehmen von der Regierung Katars keine Anweisungen entgegen.
Man hört freilich, dass Ihre Unabhängigkeit dort aufhört, wo die Kritik an der Herrscherfamilie Katars, die Sie finanziert, beginnen sollte.
Ach was! Wer das sagt, verfolgt unsere Sendungen nicht sehr aufmerksam. Wir kritisieren die katarische Regierung sehr wohl.
Zum Beispiel?
Wir kritisieren die starke Präsenz der amerikanischen Luftwaffe in diesem Land. Wir kritisieren auch, dass die Israelis hier in Doha eine diplomatische Vertretung haben dürfen. Im Übrigen muss ich Sie aber schon fragen: Was passiert denn in Doha, das berichtenswert wäre? Katar ist ein kleines Land. Abgesehen von diesen Hochhäusern, die wie Pilze aus dem Boden schiessen und von denen niemand weiss, wozu sie benötigt werden, passiert hier absolut nichts. Sie können Katar unmöglich mit Saudi-Arabien und dessen sozialer Unruhe vergleichen, mit dem Iran oder mit Irak. In Katar passiert nichts. Unsere Lage bei Al-Dschasira lässt sich mit derjenigen von BBC vergleichen. Auch dieser angesehene Sender wird von der Regierung finanziert. Wenn BBC unabhängig ist – und niemand zweifelt daran –, weshalb traut man das Gleiche nicht auch uns zu?
Bisher konnte man Al-Dschasira bloss auf Arabisch hören. Seit Mitte November gehört auch ein englischsprachiger Nachrichtensender zu Ihrer Gruppe. Bedeutet das Konkurrenz für Sie?
Ganz und gar nicht. Unser neuer Sender ergänzt uns bestens.
Machen wir den Test, und nehmen wir an, dass Ihre Redaktion einen Korruptionsskandal aufdeckt. Wer berichtet nun zuerst darüber und erntet die Lorbeeren für investigativen Journalismus: Sie oder die Kollegen beim englischsprachigen Sender?
Es wäre destruktiv, eine Konkurrenzsituation innerhalb unserer Al-Dschasira-Gruppe zu schaffen. Wir würden die Enthüllung deshalb gleichzeitig in die Schlagzeilen rücken, auf Arabisch und auf Englisch. Wir gehören ja zu ein und derselben Organisation, arbeiten harmonisch zusammen. Wenn wir zwei Reporter ausschicken und unser Mann am Ende eine schlechtere Geschichte nach Hause bringt als der Kollege beim englischsprachigen Sender, würde ich ihn aber ohrfeigen. Das könnte ich nicht akzeptieren.
Akzeptieren müssen Sie aber womöglich, dass Ihr Budget durch den neuen Sender beeinträchtigt werden könnte, da es sich um dieselben Investoren handelt.
Ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird. Ich glaube kaum, dass die Geldgeber Abstriche beim arabischen Sender zulassen werden. Ich bin deshalb überzeugt, dass er der wichtigste Teil der Organisation bleiben wird.
Was macht Sie so sicher?
Der Einfluss des arabischen Senders in der arabischen Welt ist enorm. Gehen Sie nach Amman oder Jerusalem oder Kairo oder Casablanca: Im arabischen Raum sind wir mit rund fünfzig Millionen Zuschauern die wichtigste Informationsquelle und der wichtigste Meinungsmacher. In Palästina zum Beispiel werden wir von 76 Prozent der Bevölkerung gesehen.
Was versprechen Sie sich jetzt vom englischsprachigen Sender?
Wir hoffen, damit einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen zu leisten. Vor allem in Krisenzeiten ist es wichtig, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, um Konflikte zu entschärfen.
Oft heizen Sie Konflikte freilich an – bei den Mohammed-Karikaturen zum Beispiel.
Diesen Vorwurf kann ich nicht gelten lassen. So haben wir den Redaktor der dänischen Zeitung interviewt, die die Cartoons als erste publiziert hatte. Damit halfen wir, Spannungen abzubauen.
Viele behaupten freilich, Sie hätten den Konflikt regelrecht inszeniert.
Unsinn. Wir haben die Cartoons ja nie gezeigt. Nicht wir, sondern eine Nachrichtenagentur berichtete als Erste über die Cartoon-News. Das war eine gute Story, eine sehr wichtige Meldung. Sie hatte Folgen, es kam zu Demonstrationen, es wurde darüber debattiert, es war ein Thema, und wir mussten natürlich über all das berichten. Es liegt ja nicht in der Verantwortung einer Nachrichtenorganisation zu entscheiden, ein bestimmtes Thema hochzuspielen oder abzukühlen. Das ist nicht unser Auftrag. Wir müssen berichten, und zwar möglichst unparteiisch. Wenn sich die Situation nicht beruhigt, ist das nicht meine Schuld. Ich muss bloss sicherstellen, dass meine Quellen verlässlich, glaubwürdig und genau sind.
Daran hielten Sie sich auch bei der Berichterstattung über die Papst-Rede?
Als der Papst in aller Öffentlichkeit behauptete, der Islam und der Prophet Mohammed benützten bloss das Schwert, als er Muslimen vorwarf, Ignoranten zu sein, da begriff unser Redaktor zunächst die Bedeutung dieses Textes nicht so recht. Bis ich ihm erklärte, dass es sich dabei um eine sehr wichtige Rede handle, dass er sie deshalb als Schlagzeile mitnehmen müsse.
War es richtig und nötig, diese Rede, die der Papst im Rahmen einer akademischen Feier hielt, so stark zu gewichten?
Selbstverständlich. Wir müssen doch zeigen, was der oberste Kirchenführer über Mohammed und den Islam denkt.
Wobei der Papst bloss einen Gelehrten aus dem Mittelalter zitiert hat.
Doch weshalb hat er dies getan? Mit Zitaten versucht man in der Regel, seinen eigenen Standpunkt zu untermauern.
Sie sind mittlerweile einer der wichtigsten Meinungsmacher im arabischen Raum, und bei den internationalen Medien spielen Sie in der ersten Liga. Wie lautet Ihr journalistisches Credo?
Ich bin kein grosser Anhänger des CNN-Mottos, mit News unbedingt der Erste sein zu müssen. Scoops auf Kosten der Wahrheit und Genauigkeit halte ich für gefährlich. Ich ziehe es vor, wenn die Konkurrenz in zehn Fällen schneller ist als ich, um auch nur einen einzigen Fehler zu vermeiden. Denn ein Fehler kostet uns die Glaubwürdigkeit. Selbstverständlich bemühen wir uns trotzdem um Schnelligkeit. Wir haben stets einen Koffer, gefüllt mit 150000 Dollar, bereitstehen, in Cash. Wenn immer wir einen Reporter in ein Krisengebiet schicken wollen, drücken wir ihm den Koffer in die Hand, damit er unterwegs unbürokratisch die Ausgaben bezahlen kann. Das gibt uns Flexibilität.
Herr Sheikh, als junger Mann haben Sie Ihre Heimat verlassen. Wie hat das Ihre Persönlichkeit geformt?
Wäre ich in Nablus geblieben, hätte ich mich wahrscheinlich anders entwickelt. Aber tief in dir steckt etwas, das sich nie verändert, und das ist der prägende Einfluss der Kindheit. Wir bleiben immer Kinder. Falls das Kind in dir abstirbt, dann ist es fertig. Es ist deshalb ein Segen für die Menschheit, wenn das Kind in dir erhalten bleibt.
Woran erinnern Sie sich zum Beispiel?
Ich weiss noch gut, wie die Israelis im Juni 1967 in unsere Stadt einmarschierten. Wir erwarteten sie von Westen, aber sie griffen von Osten an. Weil ich studieren wollte, ging ich dann nach Jordanien. Das war natürlich für meine spätere Entwicklung wichtig. Wäre ich nämlich in Palästina geblieben, würde ich jeden Tag das Töten und die Schwierigkeiten sehen, müsste beobachten, wie palästinensisches Land konfisziert wird, müsste es über mich ergehen lassen, sogar an den Strassensperren mit dem Feind sprechen zu müssen, müsste die täglichen Erniedrigungen der Besatzungsmacht über mich ergehen lassen, aber mir auch ansehen, wie Israelis durch sogenannte Selbstmordattentäter umgebracht werden.
Wie sehen Sie die Zukunft dieser Region, in der Nachrichten über Kriege, Diktaturen und Elend dominieren?
Die Zukunft hier ist sehr trostlos.
Können Sie das bitte erläutern?
Mit «trostlos» meine ich so viel wie «dunkel». Ich rate meinem dreissigjährigen Sohn, der in Jordanien lebt, die Region zu verlassen. Gerade heute Morgen habe ich mit ihm darüber gesprochen. Er hat einen Sohn, und wir unterhielten uns über dessen Erziehung. Ich möchte, dass mein Enkel auf eine dreisprachige private Schule geht – die staatlichen sind schlecht. Er soll Englisch, Deutsch, Französisch lernen, auch Spanisch wäre sehr wichtig. Doch diese Privatschulen sind sehr teuer. Deshalb empfehle ich meinem Sohn, meinem Enkel zuliebe in den Westen auszuwandern.
Sie klingen verbittert.
Ja, das bin ich.
Gegen wen richtet sich Ihr Zorn?
Sorgen macht mir nicht nur das Fehlen der Demokratie in dieser Region. Ich begreife nicht, weshalb wir uns nicht so schnell und dynamisch entwickeln wie der Rest der Welt. Wir müssen uns den Herausforderungen stellen und sagen: Genug ist genug! Wenn ein Präsident wie in Ägypten während 25 Jahren an der Macht ist und nicht in der Lage ist, Reformen durchzuführen, haben wir ein Problem. Der Mann muss sich verändern, oder er muss abgelöst werden. Doch die Gesellschaft ist nicht dynamisch genug, um diesen Wechsel auf eine friedliche und konstruktive Weise herbeizuführen.
Woran liegt das?
In vielen arabischen Staaten verschwindet die Mittelklasse, die Reichen werden reicher, und die Armen noch ärmer. Sehen Sie sich Schulen in Jordanien, Ägypten oder Marokko an: Dort sitzen bis zu siebzig junge Menschen zusammengepfercht in einem Klassenzimmer. Wie kann ein Lehrer da seinen Job tun? Auch die staatlichen Spitäler sind bei uns in einem hoffnungslosen Zustand. Dies sind bloss Beispiele, die zeigen, wie hoffnungslos die Lage bei uns im Nahen Osten ist.
Wer ist dafür verantwortlich?
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist einer der wichtigsten Gründe für das Weiterköcheln all dieser Krisen und Probleme. Der Tag, an dem Israel gegründet wurde, legte das Fundament für unsere Probleme. Der Westen sollte das endlich verstehen. Es wäre viel ruhiger, wenn die Palästinenser zu ihrem Recht kämen.
Wollen Sie damit sagen, dass es ohne Israel plötzlich Demokratie in Ägypten gäbe, dass die Erziehung in Marokko besser wäre, dass die staatlichen Kliniken in Jordanien effizienter wären?
Ich glaube schon.
Erklären Sie mir doch bitte, was diese Probleme mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun haben.
Die palästinensische Sache ist zentral für das arabische Denken.
Geht es am Ende etwa um Selbstwertgefühle?
Genau. Es geht darum, dass wir stets gegen Israel verlieren. Die Leute im Nahen Osten wurmt es, dass ein so kleines Land wie Israel mit rund 7 Millionen Einwohnern die arabische Nation mit 350 Millionen Bürgern besiegen kann. Das schadet unserem kollektiven Ego. Das palästinensische Problem ist in den Genen eines jeden Arabers. Und das Problem des Westens ist es, dass er dies nicht versteht.
22.11.2006, Ausgabe 47/06
Ahmed Sheikh
«Sie klingen verbittert» – «Das bin ich»
Ahmed Sheikh, Chefredaktor des TV-Senders Al-Dschasira, hält die Lage im Nahen Osten für hoffnungslos. Daran – und an den dauernden Niederlagen gegen Israel – werde sich nichts ändern, solange die Araber bei ihren Regimen keine Reformen durchsetzen

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