«Dieser Film muss einfach gemacht werden!», sagt Ernst Fritschi, «denn nicht ich habe das Thema gefunden, sondern es fand mich.» Es fand ihn in Form von Edwina, einer grossen Blonden, die Ernst auf dem Gemüsemarkt traf, nicht etwa zufällig, denn «Zufälle gibt es nicht, es gibt nur Entscheidungen, die sich kreuzen», wie Edwina ihm beim späteren Ingwertee sagte.
Edwina hatte ihm vorhin am Marktstand die beiden Kohlrabi aus der Hand gerissen, die er kaufen wollte. Sie seien mit Schadstoffen verseucht, wie sie sehen könne. Fritschi sah keine Schadstoffe, sondern nur eine blonde Frau mit zwei grossen Kohlrabi, aber Edwina versicherte ihm, über einen Sinn zu verfügen, «der anders ist als das normale Sehen. Es ist vielmehr ein Draht, der zwischen mir und den Dingen gespannt ist und zu schwingen anfängt.» Und bei den Kohlrabi habe der Draht mehr gewummert als geschwungen. «Gewummert?», fragte Fritschi. «Ja», sagte Edwina und nahm einen grossen Schluck Ingwertee, «bei kranken Dingen schwingt der Draht unregelmässig. Bei toten ist er ganz stumm. Du wummerst übrigens auch ein bisschen». Das erstaunte Ernst, und um den Draht etwas anzuspannen, machte er ihr schnell ein paar Komplimente.
«Es gab eine Zeit, wo wir alle über diesen besonderen Sinn verfügten», sagte Edwina, «aber die Zivilisation hat ihn verschüttet. Die ganze kranke Gesellschaft, die Männer, die Politiker und McDonald’s. Dieser Sinn, der uns vor dem warnt, was uns nicht gut tut, bedroht die Politiker. Deshalb machen sie ihn absichtlich kaputt.» – «Zusammen mit McDonald’s», fügte Ernst an. Edwina sagte, dass sie eine moderne Hexe sei, die diesen Sinn wiederbeleben wolle. Sie treffe sich einmal im Monat mit anderen Hexen nächtens im Wald, um «gemeinsam zu singen, nackt zu tanzen und die jahrhundertealten Weisheiten auszutauschen, die die Politik, die Zivilisation und die Männlichkeit in Frage stellen». Ernst sagte, dass auch er die Männlichkeit in Frage stelle und sich für Vergewaltiger und Politiker schäme. Ja, im Grunde sei er selber so etwas wie eine Hexe, weshalb er mitgehen wolle an diese Treffen. Männer seien da nicht zugelassen, sagte Edwina, «weil sich in Männern mehr Schadstoffe ansammeln als in Frauen. Das bringt nicht nur unsere Energien durcheinander, sondern auch die des Waldes».
Trotz mehrtägiger Kuren mit Brennnesseltee wurde Ernst seine Schadstoffe nicht los und bedrohte weiter die Wälder. Gut, Heidi und ich füllten ihn dazwischen mehrmals mit Whisky ab, um zu gucken, ob Edwina das sehen würde. Sie konnte es riechen, und vermutlich schwingen die Drähte von Verkaterten sehr unregelmässig. Jedenfalls war Edwina unzufrieden, und Fritschi wurde ungeduldig. Schliesslich schlug er ihr vor, sie und ihre Hexen zu filmen. Er wolle einen Dokumentarfilm über die verschütteten Sinne machen, «von mir aus auch über den kaputten Wald». Edwina schien auf einmal interessierter. Das Wummern habe sich gerade verringert, sagte sie, und sie wolle mal die anderen fragen und sehen, was sich machen liesse. «Was willst du hässliche, nackte Frauen abfilmen, die im Wald rumrennen?», fragt Heidi, und ich füge an: «Von einem Hexenporno habe ich noch nie etwas gehört.» Aber Ernst sagt: «Ich habe schon den Titel des Filmes: ‹Der mit den Hexen wummert›.»
Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Regisseurin.
Mehr von Güzin Kar auf www.guzinkar.com sowie auf www.weltwoche.ch/weblogs













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